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Predigten
Predigt vom 17. Januar 2010
Predigt über Philipper 2, 5-11; 2. Sonntag nach Epiphanias, 17. 01.2010 – Abschluss der Internationalen Gebetswoche
Liebe Gemeinde, an jedem Tag der Gebetswoche ging es jeweils um einen kurzen Abschnitt aus der Apostelgeschichte. Immer ging es darum, dass Menschen, die an Jesus Christus glauben, zum Zeugen für ihn werden. Zeugen sind ja Menschen, die etwas gesehen oder gehört haben. Vielleicht sind einige von euch schon einmal Zeuge gewesen und mussten bei der Polizei oder vor Gericht aussagen. Erzählen, was sie vielleicht bei einem Unfall gesehen und gehört haben.
Im Glauben an Jesus Christus gibt es auch etwas zu sehen und zu hören. Dass Menschen in einer Beziehung zu Jesus leben, das ist etwas ganz praktisches. Das ist etwas, wovon man etwas sehen und weitersagen kann. Und darum ging es in dieser ganzen Woche – um das, was wir von unserem Glauben weitersagen können. Und was dabei heraus kommt. Dass andere auch in die Begegnung mit Jesus hereinkommen und dabei etwas ganz wichtiges für ihr Leben gewinnen: dass sie froh werden, dass sie Orientierung bekommen, dass ihr Glaube wächst und sich bewährt. Das sind nur drei Beispiele, die im Laufe der Woche angesprochen wurden.
Heute geht es nun darum, dass Gott geehrt wird.
Den Bibelabschnitt dazu, den hat Käti Eschen uns vorhin schon gelesen. Und wenn man die Verse davor mitliest, dann erfährt man: die Menschen, denen Paulus und Barnabas in der kleinen Stadt Lystra von ihrem Glauben an Jesus Christus berichtet haben, die sind total begeistert. Die sind richtig aus dem Häuschen – aber nun nicht, weil sie Jesus so toll finden, sondern: sie sind von Paulus und Barnabas begeistert!
Sie sind fasziniert von dem, was Paulus und Barnabas erzählen und vor allem davon, wie sie das tun. Dass sie dabei Kranke gesund machen und Menschen aus belastenden Bindungen befreien.
Davon sind die Menschen in Lystra fasziniert und sie sind überzeugt: Paulus und Barnabas sind keine Menschen – sie sind Götter! Wer so überzeugend auftritt, wer Kranke heilt und Menschen in die Freiheit führt, der kann nur ein Gott sein. Und darum wollen sie Paulus und Barnabas vor Begeisterung greifen und auf ein Podest stellen und dann sollen ihnen zu ehren Opfertiere geschlachtet werden und die Menschen sollen sie anbeten und ihnen die Ehre geben.
Und wir haben gehört, wie Paulus und Barnabas dann ganz heftig dazwischen gehen und sie zur Vernunft bringen wollen: „Wir sind auch nur sterbliche Menschen!“ Wir sind keine Götter! Wir sind ganz normale Menschen wie jeder andere auch. Auch mit Fehlern und Schwächen. Uns braucht ihr nicht ehren, sondern ihr sollt den ehren, von dem wir euch erzählt und berichtet haben: Gott!
Gott ehren! Dass Gott geehrt wird – darauf kommt es Paulus und Barnabas an und das soll uns heute zum Abschluss der Gebetswoche noch einmal eingeschärft werden. Und dazu ist ein zweiter Bibelabschnitt angegeben und in ihm wird uns so was wie eine Gebrauchsanweisung gegeben, wie das geht: Gott ehren! Anders gesagt: wie wir unser Leben im Sinne Gottes gestalten können. Damit wir nicht nur fromme Worte machen, sondern auch so leben, wie es unserem Glauben entspricht. Ich lese uns aus Philipper 2, 5-11:
Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat: Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt. Vor Jesus müssen alle auf die Knie fallen - alle, die im Himmel sind, auf der Erde und unter der Erde; alle müssen feierlich bekennen: »Jesus Christus ist der Herr!« Und so wird Gott, der Vater, geehrt.
Das, was wir nun gerade gehört haben, war damals, in der ersten Christenheit, ein sehr bekanntes Lied. Es sollte damals im Gottesdienst zur Anbetung und zum Lob Jesu Christi anregen. Aber jetzt geht Paulus einen Schritt weiter, er sagt: Nicht nur im Gottesdienst sollt ihr den Herrn mit diesem Lied anbeten - sondern auch in euerm praktischen Leben sollt ihr euch nach dem richten, was hier von Jesus gesagt wird. "Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat." (V 5) Paulus will uns also sozusagen eine Bedienungsanleitung geben: wie können wir in unserem praktischen Leben unseren Glauben auch leben? Und Paulus greift dabei nun nicht irgendwelche Dinge aus der Luft, sondern er zählt das auf, was wir an Jesus selbst sehen können. Wo er selbst uns also zum Vorbild geworden ist. Und Paulus ist überzeugt: das, was Jesus gelebt und getan hat, das hilft uns auch dabei, wie wir unser Leben gestalten. Um was geht es dabei aber? Drei Punkte greift Paulus im Predigttext auf.
1.: Nicht festhalten an dem, was einem zusteht
Da heißt es von Jesus: "Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht daran fest, zu sein wie Gott. Er gab es willig auf." Jesus war in allem Gott gleich - und das heißt doch: alle Ehre und Herrlichkeit, die Gott zukommen, die kommen auch Jesus zu! ER ist der Herr der Welt! Der König aller Könige! Sein Platz wäre in der Herrlichkeit Gottes, im Himmel. Und das bedeutet ja: Jesus steht es zu, dass er da ist, wo es kein Leid gibt, keine Tränen, keine Schmerzen.
Aber Jesus hat auf das verzichtet, was ihm zustand, weil er wusste: anders ist den Menschen nicht zu helfen! Die Menschen brauchen einen, der ihnen hilft, dass ihr Leben in Ordnung kommt. Die Menschen brauchen einen, der ihnen hilft, dass sie ihr Leben anpacken und bewältigen können. Die Menschen brauchen einen, der ihnen hilft, Frieden zu finden - mit sich selbst, mit anderen, und vor allem: Frieden mit Gott. Denn wenn wir den nicht haben, dann haben wir auch keinen Frieden mit uns selbst. Und wenn wir keinen Frieden mit uns selbst haben, dann haben wir auch keinen Frieden mit anderen. Das alles hat Jesus gewusst - und darum ist er nicht im Himmel geblieben - sondern ist in diese Welt gekommen. Damals - im armseligen Kuhstall in Bethlehem. Darum hat er alles am eigenen Leib kennen gelernt, was Menschen erleben und durchmachen in ihrem Leben: von großer Freude bis hin zur tiefen Enttäuschung und schmerzhaftem Leiden. Jesus hätte es so gut haben können - wäre er im Himmel geblieben. Hätte er auf seinem Recht bestanden! Aber er hat darauf verzichtet! Weil uns Menschen anders nicht zu helfen war.
Jesus konnte das, was ihm zustand, aufgeben aus Liebe zu anderen. Wie ist das eigentlich mit uns? Müssen wir eigentlich immer unbedingt an dem festhalten, was uns vielleicht mit gutem Recht zusteht? Ein fast alltägliches Beispiel macht das, was gemeint ist, vielleicht etwas deutlicher: da ist jemand ganz plötzlich gestorben - von einem Moment auf den andern. Unheimlich viele Dinge müssen jetzt geregelt werden. Die Zeitungsanzeige muss entworfen werden, und dann wird man gefragt: Braucht ihr denn auch Karten? Und wieviele? Dann muss man überlegen: Wer wohnt am weitesten weg, wer kriegt telefonisch Nachricht, wer kriegt eine Karte. Tante Agathe muss 'ne Karte haben, Großonkel Karl in Kiel, die Cousine Frieda in Stiekelkamperfehn, Onkel Enno in Duisburg, seine Tochter Else in Köln. Ja - das sind wohl alle. Und nach zwei, drei Wochen stellt sich raus: wir haben eine Cousine vergessen! Alle andern haben eine Karte ge-kriegt, aber an diese eine haben wir im Moment nicht gedacht! Eigentlich eine Kleinigkeit - und doch schon so oft Ursache geworden für schlimmen Streit.
Jesus würde uns ankucken und fragen: Ist das denn wirklich so schlimm für dich, dass du keine Karte bekommen hast? Kuck mich an, sagt Jesus, auf was ich alles verzichtet habe für dich. Willst du deinem Herzen jetzt nicht einen Ruck geben und diese Sache vergessen? Sicher, du hast menschlich gesehen vielleicht Recht, wenn du beleidigt bist - aber kannst du nicht um meinethalben auf dieses Recht verzichten?
Solche Dinge sind gemeint, liebe Gemeinde. Denn solche Dinge sind es, die das Zusammenleben zwischen uns Menschen manchmal vergiften. Und da kommt es mir so vor, als würde Paulus uns ganz gut kennen. Er weiß: an dieser Stelle sind wir empfindlich, gerade wir auf dem Fehn. Wie oft habe ich das schon gehört, dass jemand sagt: „Dat is mie leep toe’t Hand utfalln, dat de nich maol Moin seggt hett!“
Wir merken das schnell, wenn jemand einen Fehler macht und uns links liegen lässt. Und natürlich ist das nicht schön. Aber unser Predigttext will uns heute aufmerksam machen, dass wir überlegen: Jesus hat die Größe gehabt, auf das zu verzichten, was ihm zustand! Sollten wir dann so knickerig sein und anderen etwas nachtragen? Und Paulus will uns Mut machen, dass wir dann auch in den sauren Apfel beißen und uns überwinden und es gut sein lassen. Und wenn schon nicht um der Menschen willen, dann um Jesu willen.
Das war das erste - nun zum zweiten:
Frei werden zum Dienen
Jesus gab das, was ihm zustand, willig auf "und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen." Jesus half dort, wo Hilfe nötig war und wo er um Hilfe gefragt wurde. Er war sich nicht zu schade, seinen Jüngern die Füße zu waschen -und von denen haben bestimmt auch welche Schweißfüße und Fußpilz gehabt- , er hat Menschen, die von oben bis unten mit eitrigen Geschwüren behaftet waren, angefasst, er hat nicht Abstand gehalten von seinem Freund Lazarus, als der schon drei Tage tot war.
Jesus hat nicht friedlich im Liegestuhl weitergedöst, als er den blinden Bettler auf der Straße um Hilfe rufen hörte - sondern er ist hingegangen und hat geholfen.
Ich weiß nicht, wie Euch das damit geht, aber bei mir selber merke ich: das ist oft gar nicht so leicht, das auch so zu tun. Er hat sein ganzes Leben für mich hingegeben - und ich bin manchmal zu bequem dazu, dass ich vom Sofa aufstehe und für meine Frau aus dem Keller 'ne Dose Ananas hole! Jesus hat sich für mich umbringen lassen - und ich hab' vor Jahren, als meine Oma noch lebte und krank war, mal so getan, als würde ich gar nicht verstehen, was sie meint. Dabei hatte ich sehr gut verstanden, um was sie mich bat: Ich sollte ihr Gebiss aus dem Wasser nehmen und es ihr geben. Aber davor hab' ich mich geekelt und wenn meine Mutter nicht gekommen wäre, dann hätte Oma die Zähne sicher nicht in den Mund gekriegt.
Versteht bitte, liebe Gemeinde: Jesus erwartet gar nicht die großen, weltbewegenden Dinge von uns. Meistens sind es die kleinen Handreichungen, auf die es ankommt. Und dort, wo wir leben, da gibt es Gelegenheiten genug, im Sinne Jesu zu handeln. Da gibt es Gelegenheiten genug, zu dienen. Ein drittes nennt Paulus:
Aus Gehorsam gegen Gott sich selbst erniedrigen
Das Wort "Gehorsam" steht heute nicht mehr sehr hoch im Kurs. Und das liegt sicher auch mit daran, dass mit diesem Wort viel zu oft Schindluder getrieben worden ist. Wenn ich ältere Leute manchmal von ihrer Schul- und Konfirmandenzeit früher erzählen höre oder von der Soldatenzeit, dann wird mir klar: da wurden Menschen zu einem blinden Gehorsam gedrillt. Ihnen sollte abgewöhnt werden, sich selber Gedanken zu machen; stattdessen sollten sie ohne nachzufragen das tun, was andere für richtig hielten. Und es ist kein Wunder, wenn von daher das Wort "Gehorsam" bei manchen einen schlechten Klang bekommen hat.
Wenn wir nun verstehen wollen, um was es mit diesem Wort hier in der Bibel geht, dann ist es gut, dass wir diesen Sinn erstmal vergessen. Denn der Bibel geht es mit Gehorsam um etwas ganz anderes. Da geht es gerade nicht darum, dass jemand etwas tut, weil es ihm befohlen wird, obwohl er es selber gar nicht einsieht. Sondern es ist genau andersherum. Von Jesus heißt es, dass er gehorsam war. Das bedeutet: er hat eingesehen, dass der Weg, den er vor sich hatte, notwendig war.
Wir wissen: das war ja ein Weg, der nun absolut nicht leicht war - und sicher hätte Jesus die Möglichkeit gehabt, zu sagen: ich will wohl alles für die Menschen tun - aber so demütigen und quälen und so schmerzhaft umbringen lasse ich mich nicht! Aber Jesus konnte einsehen, dass dieser Weg nötig war. Er konnte sagen: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe."
Der Predigttext sagt uns: Achtet darauf, dass ihr auch gehorsam seid - Gott gegenüber. Und das bedeutet, dass wir vielleicht lernen müssen, dass wir bei manchen Dingen, die vor uns liegen, uns nicht danach entscheiden können, ob uns etwas Spaß macht oder nicht. Sondern ob es nötig ist, dass ich das tue. Anders gesagt: wenn wir als Christen in der Gemeinde leben, dann ist das kein Leben wie ein Wunschkonzert. Dass ich mir selber aussuche, was mir am besten gefällt. Dass ich zum Beispiel sage: „Ich gehe dann zur Kirche, wenn ich das Bedürfnis danach habe.“ Natürlich ist das wunderschön, wenn jemand das Bedürfnis danach hat, zum Gottesdienst zu gehen. Wenn er das Bedürfnis hat, sich dort stärken zu lassen. Mit Gott und anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Aufzutanken. Das ist wunderschön und ich wünsche den Menschen unserer Gemeinde, dass sie ganz oft das Bedürfnis haben! Aber das ist nur die eine Seite. Ich bin überzeugt: heute sitzen nicht nur Menschen in unserer Kirche, die das Bedürfnis hatten, hierher zu kommen. Die haben vielleicht ein ganz anderes Bedürfnis gehabt: nach einer anstrengenden Woche mal wieder ausschlafen. In Ruhe zu frühstücken. Vielleicht anschließend noch jemanden zu besuchen. Aber sie sind trotzdem hier! Sind hierher gekommen, obwohl sie selber das Bedürfnis gar nicht so hatten. Und damit sind sie gehorsam gewesen in dem Sinn, den Paulus meint. Dass ich das Bedürfnis nach Gottesdienst habe, ist das eine. Aber auch wenn ich dieses Bedürfnis nicht habe – meine Gemeinde hat das Bedürfnis, dass ich dabei bin. Auch wenn du selbst heute vielleicht keinen anderen von denen brauchst, die heute auch hier sind: die anderen brauchen dich! Vielleicht wartet jemand drauf, mit dir nachher beim Kaffee was zu besprechen. Und auch wenn das nicht der Fall sein sollte – deine Gemeinde hat das Bedürfnis, mit dir zusammen zu sein. Weil allein geht man als Christ ein.
Gehorsam. nicht nur danach kucken, was uns selber Freude macht und was uns gefällt - dann hätte Jesus sich das Leiden auch gerne erspart. Sondern dass wir auch fragen: Was ist jetzt für unsere Gemeinde eigentlich wichtig, was ist nötig? Der Bibeltext nennt es so: Wer in diesem Sinne gehorsam ist, der erniedrigt sich selbst. Sich selber erniedrigen – das bedeutet nicht: von sich selber schlecht zu denken, oder immer nur vor anderen zu kuschen oder Minderwertigkeitskomplexe zu züchten. Sich selbst erniedrigen, das bedeutet: dann, wenn’s dran ist, die eigenen Interessen an die Seite zu stellen.
"Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat", werden wir vom Predigttext aufgefordert. Und das wäre schön, wenn wir gemerkt hätten: das ist gar nicht so kompliziert. Eigentlich ist es leicht umzusetzen: Nicht festhalten an dem, was einem zusteht. Frei werden zum Dienen. Gott gehorsam sein. Das können wir an Jesus lernen. Und wenn es uns dann manchmal nicht gelingen will, dann macht er uns keinen Strick daraus. Sondern dann macht er uns Mut, dass wir's das nächste Mal wieder probieren und dann vielleicht besser hinkriegen. So werden wir Gott, den Vater, ehren. Amen.