Hauptmenü
Predigten
Predigt vom 28. Februar 2010
Predigt über Römer 5, 1-5; Reminiscere; 28.02.2010
Liebe Gemeinde, aus diesem ziemlich komplizierten Predigttext will ich einen Gedanken heraus greifen: "Nun haben wir Frieden mit Gott." Das ist das erste, was hier steht. Und das ist dem, der es geschrieben hat, besonders wichtig: dass Menschen Frieden mit Gott haben.
Aber ich glaube, dass das für die meisten Menschen heute kaum ein Thema ist. „Friede mit Gott“ – das ist für viele wie so ein Aufsatz, wo drunter steht: „Thema verfehlt!“ Wir haben andere Themen, die uns wichtig sind: ob wir mit dem Geld zurecht kommen; ob wir unsere Arbeit behalten; ob wir gesund bleiben. Und wenn der „Friede“ schon unser Thema ist, dann in ganz anderen Zusammenhängen: wir möchten, dass Friede bleibt in unserem Land - und dass woanders Friede wird. „Frieden in Afghanistan“ – das wäre doch mal’ne Schlagzeile! Oder auch Frieden untereinander ist ein Thema – Frieden in Ehen, in Familien, in Nachbarschaften. Und auch der Friede mit uns selbst. Das erschüttert mich in der Seelsorge immer wieder, wie viele Menschen im Unfrieden mit sich selbst leben. Weil sie sich und ihr Leben nicht so annehmen können, wie es ist. Immer wieder denken sie über das nach, was sie für Gelegenheiten verpasst und was sie versäumt und was sie falsch gemacht haben und sie kommen einfach nicht zur Ruhe. Und wenn im Predigttext stehen würde: "Nun habe ich Frieden mit mir selbst gefunden!" - dann würden viele hellwach zuhören und fragen: "Ja, wie denn? Wie hast du Frieden mit dir selbst gefunden?" In diesen ganzen Zusammenhängen kommt das Wort, kommt der "Frieden" bei uns vor - aber „Frieden mit Gott“, das ist normalerweise kein Thema. Und ich glaube, das ist so, weil viele Menschen denken: Frieden mit Gott, überhaupt der ganze Glaubenskram – das hat doch mit meinem Leben nicht wirklich was zu tun!
Aber der, der diese Worte heute aufgeschrieben hat, er und überhaupt die ganze Bibel, sind felsenfest überzeugt: das hat durchaus miteinander zu tun! Wenn wir unser Leben bewältigen wollen, dann hat das ganz viel damit zu tun, ob wir Frieden mit Gott haben. Und darum will der kurze Bibelabschnitt heute ein Beitrag zur Lebensbewältigung sein. Gerade dann, wenn unser Leben in Krisen kommt. Wenn da etwas bewältigt werden muss, womit wir nur schlecht zurecht kommen.
Das, womit wir nur schlecht zurechtkommen und was uns zu schaffen macht, das fasst Paulus zusammen mit dem Wort "Bedrängnis". Bedrängnisse gibt es viele. Etwas, das uns bedrängt und das Leben schwer macht. Das uns einengt in unseren Möglichkeiten. Was uns einen dicken Kloß im Hals macht und die Luft abschnürt. Vielleicht die Situation auf der Arbeit. Dass da so viel Druck ist. Für andere ist vielleicht eine Krankheit eine große Bedrängnis. Oder dass bei den Kindern oder Enkelkindern gründlich was schief läuft.
Bei jedem ist das unterschiedlich – aber es gibt kaum ein Leben ohne Bedrängnis. Ohne etwas, was das Leben schwer macht. Und längst nicht alles von solchen Bedrängnissen ist in den Griff zu kriegen. Natürlich wollen wir das gerne, dass wir aus so einer Bedrängnis wieder rauskommen! Darum gehen wir bei einer Krankheit zum Arzt oder nehmen bei anderen Sachen andere Hilfe in Anspruch. Und wenn das Gott sei Dank auch oft gelingt - es gibt trotz allem eben auch Bedrängnisse, aus denen kommen wir nicht raus! Bei aller Mühe - die Not bleibt!
Mein Vater z.B. hat seit etlichen Jahren einen Tinnitus, diese ewigen Ohrgeräusche. Er sagt: Das ist wie so’ne Kreissäge, mal etwas leiser, dann wieder etwas lauter. Am lautesten nachts, und natürlich kann er darum kaum noch schlafen. Er ist von einem Arzt zum andern und von einem Heilpraktiker zum nächsten gegangen; er hat es mit schweren Nervenmitteln probiert und hat sich mit modernsten Geräten untersuchen lassen - aber der Tinnitus ist immer noch da. Und die Ärzte sagen: "Damit müssen Sie leben!"
"Damit musst du leben!" - vier Worte sind das bloß. Aber wenn dir das gesagt wird: mit deinem Ohrgeräusch musst du leben; oder damit, dass die kaputte Beziehung zu deinen Kindern nicht wieder in Ordnung kommt, oder: dass deine Kinder, deine Enkel ihr Leben nicht in den Griff kriegen, damit musst du leben - wenn dir das gesagt wird, dann werden diese vier Worte zur unwahrscheinlich schweren Last. Und bei manchen führt das dazu, dass sie überhaupt nicht mehr nach vorne kucken können. Sich nicht mehr vorstellen können, wie es weitergehen soll. Und auch wenn wir Christen sind, werden uns solche Bedrängnisse nicht erspart. Und sie gehen auch nicht einfach spurlos an uns vorbei. Oft genug ist es so, dass die Bedrängnis bleibt, und dass alle Versuche, die Not zu wenden, scheitern.
Und genau das ist so eine Lage, die Paulus mit dem Predigttext heute vor Augen hat. Das bringt er in Beziehung zueinander: auf der einen Seite die Bedrängnis, aus der wir nicht rauskönnen – und auf der anderen Seite das, was hier "Friede mit Gott" genannt wird. Und er meint: wenn wir Frieden mit Gott haben, dann nimmt uns das nicht unbedingt aus einer Bedrängnis raus. Wenn wir Frieden mit Gott haben, dann geht es uns dadurch erst mal nicht besser als anderen Menschen. Aber wer in einer lebendigen Beziehung zu Gott lebt, dem ermöglicht Gott es, sich dem Leben zu stellen. Wo Friede mit Gott ist, da wird es auch möglich, dass Menschen Frieden machen können mit der Lage, in der sie sind. Der Glaube an Jesus Christus hilft, das anzunehmen, dass eine bestimmte Bedrängnis vielleicht nicht geheilt werden kann, sondern bleibend zu unserem Leben dazugehört. Nicht so, dass wir von vornherein sagen: dass soll nun so sein, dass ich Ohrgeräusche habe - und ich gehe gar nicht erst zum
Arzt, oder: mit meinen Kindern kann ich sowieso nicht reden, das brauch’ ich gar nicht erst probieren! So ist das nicht gemeint. Gemeint ist: obwohl ich mich um Hilfe bemüht habe, gibt es sie nicht - und dann mit dieser Lage fertig zu werden, das aushalten zu können, darum geht es. Paulus nennt das so: "Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt..." - und mit dem Wort "Geduld" ist gemeint: dass wir den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern dass wir der Lage standhalten. Wo im Deutschen „Geduld“ steht, da heißt es in der ursprünglichen Version: „drunter bleiben“. Also: da, wo ich aus einer Bedrängnis nicht rauskomme, drunter zu bleiben. Sich dem zu stellen und lernen, damit zu leben.
An dieser Stelle denkt Paulus noch einen Schritt weiter, er sagt: "Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung..." Da schlägt er ja einen großen Bogen und letztlich bedeutet das: auch wenn wir in Bedrängnissen stecken und wenn wir da drunter bleiben müssen und nicht rauskommen: es muss nicht so sein, dass das dann zur größten Katastrophe meines Lebens wird. Dass es dann kein lebens- und liebenswertes Leben für mich gibt. Und das ist kein Satz aus einem klugen Ratgeberbuch, sondern das ist eine Erfahrung, die Paulus in seinem Leben so gemacht hat. Er hat für sich erfahren: das, was ich als Bedrängnis empfunden habe, darin lag auch eine Chance. Das, was erst so aussah, als würde es mein Leben zerstören, das hat gleichzeitig auch meinem Leben eine andere Richtung gegeben. Und das ist ja etwas, das auch Menschen aus unserer Gemeinde durchaus schon erlebt haben. Ein Elternpaar erzählte mir das. Ihr Kind ist unter sehr schwierigen Umständen zur Welt gekommen. Die Schwangerschaft war schon eine Qual und bei der Entbindung hing das Leben von Mutter und Kind am seidenen Faden und die ersten Jahre waren nur von Krankheit geprägt. Das war eine ganz schwere Zeit für diese Familie. Aber heute sagen sie: dadurch haben wir einen ganz neuen Blick für unser Leben bekommen. Wir leben viel bewusster. Gehen auch anders, besser miteinander um. Das haben sie so erfahren. Dass aus dieser ersten, großen Krise ihres Lebens auch was Gutes gewachsen ist.
Aber diese Erfahrung, die kann man keinem Menschen "verordnen". Es wäre ganz daneben, würde ich beispielsweise einem Elternpaar, das auch eine ganz schlimme Schwangerschaft durchmacht, sagen: „Ach, das übersteht ihr schon und ihr werdet sehen: danach habt ihr einen ganz anderen Blick fürs Leben!“ So etwas zu sagen, das wäre überhaupt nicht angebracht und es wäre ganz bestimmt nicht in Gottes Sinn! So geht es nicht!
Aber manchmal kommt es wie von selbst, dass Menschen merken, dass in der Krise, die sie durchgemacht haben oder in der sie jetzt drinstecken, dass da auch eine Chance drin liegt. Das können wir nicht machen und nicht verordnen, aber es passiert immer wieder, dass Menschen aus einer Krise gestärkt hervor gehen.
Und da sind wir nun wieder ganz am Anfang des Textes: "Nun haben wir aber Frieden mit Gott..." An dieser Stelle
liegt der Schlüssel dafür, wie sich auch Bedrängnisse in unser Leben so einfügen können, dass sie uns letztlich stärker machen. Der Schlüssel dazu ist Jesus Christus selber. Der "Friede mit Gott" wird dort möglich, wo ich mein Leben sozusagen in Gottes Gegenwart hineinhalte. Und Gott ist ja da, wo Jesus Christus ist. ER hat auch Bedrängnisse durchgestanden. Er weiß, wie wir uns dann fühlen. Er weiß, wie das ist mit diesem dicken Kloß im Hals. Und weil Jesus nicht will, dass wir an diesem dicken Kloß ersticken, ist er seinen Weg bis zum bitteren Ende gegangen. Weil Jesus nicht will, dass uns die Bedrängnisse total unterkriegen, hat er seine Bedrängnisse auf sich genommen und durchgestanden. Und nun ist es so, dass er denen, die jetzt in Bedrängnis sind, sagt: komm damit zu mir! Sprich da mit mir drüber! Nimm Seelsorge in Anspruch! Ich werde dir die Kraft geben, dass du dich deiner Bedrängnis stellen kannst. Auch wenn das gewaltig schwer und ein hartes Stück Arbeit ist!
Und da müssen wir uns nichts vormachen, liebe Gemeinde: auch wenn wir an Gott glauben und mit Jesus leben, haben wir nicht immer einen glatten Weg vor uns. Es wird Bedrängnisse geben, ganz klar! Aber wir haben dann den auf unserer Seite, der stärker ist als all das, was uns in Angst und Schrecken setzt. Und der kann es machen, und er tut das immer wieder, dass auch diese Dinge nicht zu den größten Katastrophen unseres Lebens werden. Dass wir uns in den Bedrängnissen nicht festbeißen, sondern lernen, damit um zu gehen. Nicht von heute auf morgen. Und auch nicht so, dass dann doch irgendwie wieder alles gut wird. Manche Narbe bleibt. Und manches wird nie wieder gut. Aber Jesus kann und er wird es möglich machen, dass wir wieder eine Chance haben, dass unser Leben lebens- und liebenswert ist oder wieder wird. Und darum lohnt es sich, die Verbindung zu Jesus Christus zu suchen und in dieser Verbindung zu bleiben. Damit wir Hoffnung kriegen. Hoffnung, die uns nicht zuschanden werden lässt. Amen.