Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn


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Predigten




Predigt vom 02. April 2010 (Karfreitag)


Johannes 19, 16b-30; 02.04.2010; Karfreitag

Liebe Gemeinde, ein hochgewachsener Mann ist wegen eines Bandscheibenschadens beim Physiotherapeuten zur Behandlung. Der gibt ihm den Rat: "Schreiben Sie auf einen Zettel das Wort: "Aufrecht!" und heften Sie ihn gegenüber Ihrem Schreibtisch an die Wand. Jedes Mal, wenn Sie diesen Zettel sehen, richten Sie sich auf. Denn einen Fixpunkt muss der Mensch haben, sonst sackt er in sich zusammen."

"Einen Fixpunkt muss der Mensch haben!" Dieser Satz ist wichtig. Und das nicht nur, was die Wirbelsäule angeht.
Einen Fixpunkt, einen festen Punkt müssen wir haben in unserem Leben und in unserem Glauben. Und wir haben ihn, diesen Fixpunkt, liebe Gemeinde. Einen Fixpunkt, an dem wir uns aufrichten können. Unser Fixpunkt ist das Kreuz, oder besser: der Gekreuzigte. Der Blick auf das Kreuz richtet uns auf. Denn an diesem Kreuz ist etwas geschehen, das für unser Leben und für die ganze Welt von fundamentaler, entscheidender Bedeutung ist. Der Evangelist Johannes weist in seinem Bericht über die Kreuzigung Jesu darauf hin. Als letzte Worte Jesu überliefert er, dass Jesus ausruft: "Es ist vollbracht!" "Es ist vollbracht!" In diesen Worten ist das Heil der ganzen Welt und unsere ewige Errettung beschlossen. Dieses Wort, dieses Kreuz, an dem Jesus Christus festgenagelt hängt - das ist der Fixpunkt, an dem wir uns heute, am Karfreitag, aufrichten wollen und auf den wir unser Leben ausrichten sollen. Und der Bibelabschnitt, den Fritz vorhin gelesen hat, spricht drei Bereiche an.

I. Durch Jesu Sterben gewinnen wir aufrechtes Leben
Um zu begreifen, was damit gemeint ist, müssen wir uns klar machen, welches Ziel Gott mit uns Menschen hat.
Er hat unser Leben so angelegt, dass wir in einer guten, intensiven Beziehung zu ihm leben. Die Möglichkeiten nutzen, die er uns für unser Leben gibt. Aber auch die Grenzen beachten, die er setzt. Und wo der Mensch so lebt, da wird er aufblühen und wird sich entfalten. Er wird sich selbst akzeptieren und annehmen können, weil er weiß, dass Gott ihn wunderbar geschaffen hat. Und er wird mit anderen Menschen so umgehen, dass es ein gutes Miteinander ist. Und ganz am Anfang der Bibel, da wird das erzählt, dass das alles so gewesen ist. In diesem blühenden Garten. In Eden. Die Beziehung zwischen Gott und seinen Menschen war noch in Ordnung. Und die zwischen den Menschen auch. Adam und Eva konnten unbefangen und voller Vertrauen miteinander umgehen. Aber dann erzählt die Bibel, wie sich das Misstrauen in ihnen hochschlängelt: sollte Gott es wirklich gut mit uns meinen? Und dann kann der Mensch sich nicht beherrschen, greift nach der verbotenen Frucht - und in diesem Moment ist das, was bisher so vollkommen und schön war, zerbrochen und kaputt gegangen. Es tut sich ein breiter, tiefer Graben zwischen Gott und seinen Menschen auf. Eine große Kluft. Der Mensch versteckt sich vor Gott und Adam und Eva verbergen sich voreinander. Und wir wissen, wie es dann weitergeht: sie werden aus dem Garten vertrieben, und auf allem, was dann passiert, liegt der Schatten des Scheiterns und des Versagens: Neid und Missgunst selbst zwischen Geschwistern - und am Ende erschlägt Kain den Abel. Und so geht es weiter in der Menschheitsgeschichte
.
Das Lebensmodell, das Gott für seine Menschen entworfen hatte, ist zerbrochen. Die Beziehung zu Gott - kaputt gegangen. Ganz breiter, tiefer Graben zwischen Ihm und uns! Und die Folge davon ist, dass der Mensch nicht mehr in einer spannungslosen Beziehung zu anderen Menschen leben kann. Und auch zu sich selbst kann er nicht mehr "Ja" sagen. Das, was Gott so schön angelegt hatte, funktioniert nicht mehr. Martin Luther sagt es so: der Mensch ist verkrümmt in sich selbst! Es ist, als würden wir in einer Zwangsjacke stecken. So, dass wir uns nicht mehr richtig aufrichten und entfalten können. Und darum brauchen wir den, der uns diese Zwangsjacke auszieht und abnimmt. Und das tut Jesus am Kreuz! Sein Kreuz ist sozusagen die Brücke, die jetzt über diesen breiten, tiefen Graben gelegt wird, der zwischen Gott und uns klafft. Und wer über diese Brücke geht, für den ist die Beziehung zwischen ihm und Gott wieder geheilt. Die Bibel nennt das in ihrer Sprache "Vergebung der Sünde". Wenn wir davon sprechen, dass Jesus für unsere Sünde gestorben ist, dann ist das gemeint: dass er mit seinem Kreuz diese Brücke gebaut hat zwischen Gott und uns. Und wer über diese Brücke geht, dem hilft Jesus, dass er sich wieder aufrichten kann. Bei ihm lernen wir nach und nach, aufrecht zu gehen und aufrecht zu leben. Und darum hat Jesus seine Arme am Kreuz weit ausgebreitet - damit er uns damit umfangen und helfen kann, dass wir uns aufrichten.

Das ist so wie damals, als wir selbst oder unsere Kinder noch klein waren und laufen gelernt haben. Wisst ihr noch, wie das war? Als es so einigermaßen klappte, den einen vor den andern Fuß zu stellen, da hat Mama oder Papa sich hingestellt, gegenüber vom Kind. Und dann haben wir die Arme ausgebreitet und dem Kind zugerufen: "Wer kommt in meine Arme?" Und dann hat das Kind sich aufgerichtet, und ist losgelaufen - uns in die Arme und wir haben es erwartet und in den Arm genommen und geknuddelt. So haben wir gelernt, zu laufen. Sicher, zwischendrin sind wir immer mal wieder auf die Nase gefallen. Aber wir haben auch gelernt, dass wir wieder aufstehen müssen. Es wieder probieren. Schließlich wartete da jemand und rief: "Wer kommt in meine Arme?"
Jesus breitet seine Arme am Kreuz aus. Und er ruft "Wer kommt in meine Arme?" und er bettelt: "Lasst euch versöhnen mit Gott!" Und denen, die das tun, denen hilft er, dass sie sich aufrichten können. Dass sie laufen lernen. Dass sie den Weg durch ihr Leben gehen können. Sicher, sie werden immer mal wieder fallen. Aber Jesus wird ihnen Mut machen, dass sie wieder aufstehen. Und immer wieder breitet er seine Arme für uns aus. Und einmal, da wird er seine Arme um uns legen, uns drücken und liebkosen und uns nie wieder loslassen. Dann, wenn wir ganz bei ihm sind. Den Lauf unseres Lebens vollendet haben.
"Einen Fixpunkt muss der Mensch haben, sonst sackt er in sich zusammen." Dass Jesus an diesem Kreuz gestorben ist, das ist der Fixpunkt. Das Kreuz Jesu - das ist die Stelle, an der wir uns aufrichten können.


II. Durch Jesu Sterben entsteht neue Gemeinschaft
Fast beiläufig erzählt Johannes, wie der am Kreuz leidende Jesus seine Mutter und seinen Jünger aneinander weist: "Siehe, das ist dein Sohn. . . , siehe, das ist deine Mutter!" Hier wird die Versöhnung, die Gottes Sohn vollbracht hat, auch auf unsere menschlichen Beziehungen ausgedehnt, die ja so häufig gestörte und versehrte Beziehungen sind.

Wie oft kommen Menschen zu mir, wenn Beziehungen angespannt oder vielleicht schon zerrissen sind.
Wenn Geschwister nicht mehr miteinander können. Wenn es zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern knirscht. Wenn Freundschaften zerbrechen und Lebenspartnerschaften auseinander gehen. Immer wieder sehe ich: Beziehungen unter Menschen sind anfällig und gefährdet. Und während ich von anderen um Rat gefragt werde, merke ich gleichzeitig, wie ich selbst Mühe in Beziehungen habe: ich bin ja auch nur ein bestenfalls durchschnittlicher Ehemann, bleibe meinen Kindern viel an Präsenz schuldig, komme viel zu selten zu meinen Eltern und merke, wie oft ich empfindlich bin und damit Beziehungen auch belaste. Und wenn das schon im kleinen Maßstab unseres Lebens so ist, wie dann erst zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, zwischen Völkern, zwischen arm und reich.

Jesus weiß, wie schwer es oft ist, in einer guten Beziehung zu anderen zu leben. Er hat es ja selbst so erlebt mit seinen Jüngern. Zwischen denen gab es alles, was es zwischen uns auch gibt: Sympathie und Antipathie, Enttäuschung und Eifersucht, Verletzlichkeit, Rechthaberei.
Ja, Jesus weiß, wie schwer wir Menschen es oft miteinander haben. Aber er will sich damit nicht abfinden. Darum geht bis heute von ihm eine Kraft aus, die in der Lage ist, dass Beziehungen wieder heilen. Dass Geschwister, Nachbarn wieder miteinander reden. Dass Menschen wieder aufeinander zugehen. Dass Ehen wieder heil werden. Aber nicht immer gelingt das! Manchmal ist der Graben zu tief, die Entfremdung zu groß. Aber selbst dort gibt es viele Beispiele dafür, dass die Kraft, die von Jesus ausgeht, geholfen hat, dass Menschen in Würde sich trennen konnten. Dass sie eine Brücke fanden, auf der sie sich begegnen konnten um das, was anlag, vernünftig zu regeln.

Jesus weiß, wie schwer es oft ist, in einer guten Beziehung zu anderen zu leben. Aber er weiß auch: alleine zu sein, das ist noch viel schwerer! Nur mit sich allein zu sein, das ist noch mühsamer! Und darum werden unter dem Kreuz Jesu zwei Menschen aneinander gewiesen und füreinander verantwortlich gemacht, die überhaupt nicht miteinander verwandt sind. Seine letzten Lebensmomente nutzt Jesus dazu, diese beiden miteinander zu verbinden.

Jesus sorgt für eine neue Gemeinschaft. Und dadurch will er uns davor bewahren, dass wir uns nur um uns selbst drehen. Dass wir nicht im Egoismus stecken bleiben, sondern einen Blick bekommen für die, die mit uns leben.
Aber er will uns auch davor bewahren, dass wir vereinsamen. Und auch darum gibt es die Gemeinde. Dass Menschen einen Ort haben, wo sie anderen begegnen können. Nicht nur oberflächlich, wie beim Einkaufen. Sondern so, dass man spüren kann: irgendwie gehören wir zusammen, auch wenn wir gar nicht verwandt sind.
In einem unserer Frauenkreise habe ich es miterlebt: eine Frau, die ihren Mann verloren hatte und die große Mühe damit hatte, die hat sich überwunden, dorthin zu gehen. Am Anfang war es schwer, und einmal saß sie an ihrem Platz und weinte. Aber das konnte sie auch, ohne dass jemand sie komisch ankuckte. Im Gegenteil: eine andere Frau nahm wortlos ihre Hand und drückte sie. Und seitdem kommt diese Frau so oft sie kann. Und sie hat mir erzählt: dass ich diese Gruppe habe, dass ich da hingehen kann - das ist das beste, was mir in den letzten Jahren passiert ist! Jesus will Menschen zusammen führen und beieinander halten.

"Es ist vollbracht!" Was könnte es für unser Zusammenleben bedeuten, wenn dieses letzte Wort Jesu am Kreuz für uns zu einem neuen Fixpunkt würde. Wenn wir diesen Fixpunkt, den Gekreuzigten ins Herz fassen, können wir einander annehmen, wie er uns angenommen hat. So kann auch heute durch Jesu Sterben neue Gemeinschaft entstehen.


III. Durch Jesu Sterben - neue Zukunft
Das Sterben Jesu hat einen weiten Horizont. Das, was damit verbunden ist, geht weit über unsere irdische Zeit hinaus. Der, der hier scheinbar am Kreuz gescheitert ist, der gibt seinen Anspruch auf die Welt nicht auf. Weil Gott die Welt, den ganzen Kosmos liebt, wie das Johannesevangelium sagt, hat er seinen eingeborenen Sohn dahingegeben, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Gott hat es also mit der Welt und ihrer Zukunft zu tun. Das zeigt das INRI-Schild, das Pilatus auf das Kreuz geschrieben hat. Damit ist das Sterben Jesu sozusagen in die Weltöffentlichkeit gekommen. Und das mag wohl das beste gewesen sein, was dieser Pilatus jemals getan hat - dass er dieses Schild am Kreuz hat anbringen lassen: "Jesus aus Nazareth - König der Juden". Die Gegner von Jesus wollten das verhindern, aber damit sind sie nicht durchgekommen. Ob Pilatus geahnt hat, welche Kraft wirklich von Jesus ausgeht?

Dass mitten in seinem qualvollen Sterben etwas aufleuchtet von seiner Allmacht.
Das Osterereignis, das Auferwecktwerden aus dem Tod, wirft hier seinen hellen Schein voraus.
Dadurch, dass Jesus an diesem Kreuz gestorben ist, wird Hoffnung auf Zukunft geboren.
Er selbst ist das Weizenkorn, von dem das Evangelium redet, das Gott zum Sterben in diese Erde gelegt hat. Sein Sterben hat tausendfältige Früchte gebracht: Menschen, die durch den Fixpunkt des Kreuzes Jesu zu einem neuen Leben gefunden haben, hier bei uns und in allen Teilen der Welt, wo wir Christen begegnen.

Liebe Gemeinde, wir leben in einer Zeit, die von zahlreichen Krisen geschüttelt ist. Das Vertrauen in das, was wir Menschen können, schwindet immer mehr. Dass wir Mächten und Systemen ausgeliefert sind, die wir nur noch zu einem kleinen Teil selbst beherrschen, ist mit Händen zu greifen.
Was kann in der Zukunft unser Leben tragen? Wo sind wir geborgen? Woran können wir uns aufrichten und halten? Ich meine, das Geschehen an Jesu Kreuz wäre eine Antwort auf diese Frage. Und so lautet diese Antwort: Egal, was kommt: Wir sind gehalten, wenn wir uns von den Armen des Gekreuzigten halten lassen. Auch das, was uns Mühe macht, wird von ihm mitgehalten. Und nicht das, was wir vollbringen, sondern das, was ER vollbracht hat, lässt uns mit Hoffnung leben und dann einmal auch im Frieden sterben.

"Einen Fixpunkt muss der Mensch haben, sonst sackt er in sich zusammen" - so der Physiotherapeut zu seinem Patienten. Einen Fixpunkt. Unser Fixpunkt ist Jesus Christus, der Gekreuzigte. Sein Sterben für uns ist der Anfang unseres Heils. Wer über die Brücke geht, die er mit seinem Kreuz gelegt hat, kann sich aufrichten und lernt, den Weg durchs Leben aufrecht zu gehen. Und er wird in eine Gemeinschaft hineingestellt, die ihm gut tut und bekommt eine Perspektive über dieses Leben weit hinaus. Amen.


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