Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn


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predigt-10-05-09

Predigten




Predigt vom 09. Mai 2010


Predigt über 1 Timotheus 2, 1 - 6; Rogate; 09.05.2010

Liebe Gemeinde, stellt euch bitte eben folgendes vor, also nur in Gedanken, ich mach das nicht wirklich. Also: ich geh jetzt mal rum und frag euch, was ihr für das Leben in unserer Gemeinde für besonders wichtig haltet.
So richtige Anweisungen. Was ihr meint, was unsere Gemeinde braucht. Damit sie lebendig bleibt.

Ich bin sicher: da würden ganz interessante Antworten kommen. Vielleicht, dass jemand sagt: wir müssen noch mehr für die Jugendlichen machen! Oder: wir brauchen einen Besuchsdienst speziell für die, die neu in unsere Gemeinde ziehen und uns noch gar nicht kennen. Oder: zum Kaffee nach dem Gottesdienst müsst ihr auch mal Kuchen anbieten. Vielleicht würde auch jemand schreiben: ihr müsst mal am Gottesdienst was verändern. Vielleicht eine andere Uhrzeit oder dass noch mehr daran beteiligt werden. Dass die Konfirmanden die Lesungen übernehmen und jemand vom Kirchenvorstand die Abkündigungen. Oder auch genau umgekehrt: ihr müsst mehr „normale“ Gottesdienste machen, so mit ohne Chor und ohne Kaffee und ohne, dass es immer bis viertel nach elf geht. Und vielleicht würde auch jemand schreiben: ihr müsst sehen, dass ihr irgendwie mehr Geld an Land zieht, damit wir nicht so viel ehrenamtlich machen müssen und mehr Leute fest anstellen können. Oder: wir müssen sehen, dass wir noch mehr Menschen aktiv ins Gemeindeleben einbinden. Dass wir noch mehr Aufgaben auf noch mehr Schultern verteilen.

Ich hab keine Ahnung, was da alles kommen würde. Aber auf jeden Fall wäre es hochinteressant.
Und genau um diese Frage geht es in dem Bibelabschnitt, der für heute zur Predigt empfohlen ist.
Da geht es um solche Anweisungen für das Leben der Gemeinde. Der Apostel Paulus gibt eine ganze Reihe davon. Wie er zur Mitarbeit in der Gemeinde steht und wie es da ist bei der Aufgabenverteilung zwischen Frauen und Männern. Und dann sagt er was dazu, wie überhaupt die Arbeit in einer Gemeinde, die einzelnen Auf- gaben, bewältigt werden soll – nämlich im Team. Wisst ihr, was das Wort „Team“ bedeutet? Ich übersetz’ euch das mal:
T e a m - also:
Toll, einer allein macht’s!

Ihr ahnt schon: genau so sieht Paulus das
nicht! Er sagt: es geht nur im Miteinander! Und dann gibt er Tipps dafür, wie man die Arbeit sinnvoll aufteilen kann und welche Begabungen und welche Charaktereigenschaften Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für bestimmte Tätigkeiten haben müssen. Das und noch eine ganze Menge mehr steht drin in diesem Ersten Timotheusbrief. Aber bevor Paulus in die Details geht, sagt er ganz am Anfang, was das allerwichtigste ist. Die allerwichtigste Anweisung für das Leben der Gemeinde. Er schreibt:

Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde aufrufe, ist das Gebet, und zwar für alle Menschen. Bringt Bitten und Fürbitten und Dank für sie alle vor Gott! Betet für die Regierenden und für alle, die (Macht) haben, damit wir in Ruhe und Frieden leben können, in Ehrfurcht vor Gott und in Rechtschaffenheit. So ist es gut und gefällt Gott, unserem Retter. Er will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden. Denn dies ist ja unser Bekenntnis: Einer ist Gott, und einer ist der Vermittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Jesus Christus. Er gab sein Leben, um die ganze Menschheit von ihrer Schuld loszukaufen. Das gilt es zu bezeugen in dieser von Gott vorherbestimmten Zeit.

Das also ist das allerwichtigste für eine christliche Gemeinde: das Gebet. Dass sie mit Gott im Gespräch ist.
Und da wird sicher jeder gleich zustimmen: Na klar, das ist doch logisch, dass wir als Christen beten!
Aber Paulus weiß ja von sich selber ganz genau, dass das, was eigentlich ganz normal ist, oft auf der Strecke bleibt. Weil andere Dinge oft viel wichtiger erscheinen. Ich kann mich an eine KV-Sitzung erinnern, das ist schon etwas länger her. Da hatten wir eine gewaltig lange Tagesordnung. Es würde spät werden! Normalerweise fangen wir immer mit einer Andacht an und nehmen uns auch Zeit fürs Gebet – am Anfang und am Ende. Aber damals, bei dieser langen Sitzung, habe ich gedacht: die Zeit sparen wir uns heute! Ich lese nur kurz die Losung und das war’s. So hab ich’s denn auch gemacht. Das war keine gute Entscheidung. Was hatten wir denn wirklich gewonnen? Vielleicht zehn Minuten. Aber die hätten den Kohl auch nicht mehr fett gemacht. - Aber was haben wir verloren, was haben wir dafür eingesetzt? Wir haben darauf verzichtet, dass wir ganz bewusst Gott in diese Sitzung mit einbezogen haben! Ihn ganz bewusst und ausdrücklich zum mit-denken und mit-raten gebeten haben.

Und weil Paulus weiß, dass wir in dieser Gefahr stehen, legt er so großen Wert darauf, dass er sagt: das Gebet ist das Erste und Wichtigste! Und dann sagt er auch gleich,
wofür wir beten sollen. Und das mag wohl etwas überraschen. Er sagt nicht, dass wir als erstes um mehr Geld für die Gemeinde beten sollen oder um mehr Mitarbeiter, um eine vollere Kirche oder um eine bessere Jugendarbeit. Paulus sagt: Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde aufrufe, ist das Gebet, und zwar für alle Menschen. Bringt Bitten und Fürbitten und Dank für sie alle vor Gott!

Für
alle Menschen. Wir sollen also nicht bloß für die beten, die uns am nächsten stehen. Also für uns selbst, für unsere Familie und für unsere Freunde und Nachbarn. Das heißt ja nicht, dass wir für die nicht beten sollen! Das ist ja klar. Aber Paulus meint das so: für die beten wir sowieso. Ich jedenfalls mach das so, wenn ich bete. Da haben meine Frau und unsere Kinder, unsere Eltern und Angehörigen und Freunde ganz von selbst ihren Platz. Das geht gar nicht anders und das soll auch so bleiben. Aber darüber sollen wir nicht andere vergessen! Die, die nicht zu unserer Familie gehören.
Für
alle beten. Auch für die, die nichts mit mir zu tun haben. Sogar für die, die ich gar nicht ausstehen kann. Der fiese Kollege, die rachsüchtige Nachbarin, der Typ, der mich immer so komisch anstarrt und der Kunde,
der mich regelmäßig auf die Palme bringt. Für den sollst du beten, sagt Paulus.
Auch für die, die mit dem Glauben gar nichts am Hut haben. Die nicht zur Kirche gehen und die während der Kirchzeit boßeln oder beim Frühschoppen tüchtig einen heben. Über die sollst du nicht die Nase rümpfen und auch keine abfälligen Bemerkungen machen, sondern für die, für den sollst du beten. Wenn Paulus sagt, dass wir für alle beten sollen, dann will er uns damit Mut machen, das wir im Gebet sozusagen das Netz weit auswerfen. Dass auch Menschen berücksichtigt werden, an die ich normalerweise gar nicht denke, weil ich nichts mit ihnen zu tun habe.

„Für alle“, das klingt natürlich auch sehr unkonkret. Wer ist denn „alle“? Darum eine Hilfe dazu: wir können diese „alle“ beim beten sozusagen etwas aufteilen. Dass wir also zum Beispiel beten für „alle, die krank sind“, oder „alle, die es schwer in ihrer Beziehung haben“, oder „alle, die jetzt schon Angst haben vor den Zeugnissen“, oder „alle, die dort leben, wo jetzt gerade Krieg und Terror ist oder Naturkatastrophen ausgebrochen sind“. Dadurch wird das „alle“ etwas übersichtlicher und wir beten trotzdem für die, an die wir sonst vielleicht gar nicht denken würden. Auch für Menschen, die wir persönlich gar nicht kennen und von denen wir gar nicht viel wissen. Nicht mehr, als dass sie unser Gebet wohl gebrauchen können. Dass wir für sie bitten, für die Lage, in der sie sind. Dass sie das bekommen, was nötig ist. Paulus fasst es zusammen:
Bringt Bitten und Fürbitten und Dank für sie alle vor Gott!

Und dann nennt er noch eine zweite Personengruppe, für die wir unbedingt beten sollen:
Betet für die Regie-
renden und für alle, die (Macht) haben, damit wir in Ruhe und Frieden leben können, in Ehrfurcht vor Gott und in Rechtschaffenheit.

Das ist nun eine Anweisung, die wir wahrscheinlich noch nötiger haben als die erste. Denn das läuft bei uns ja meistens ganz anders. Wir sitzen nämlich oft über die her, die an der Regierung sind. Dass sie überhaupt keine Ahnung haben. Dass sie nur in die eigene Tasche wirtschaften. Dass sie alles falsch machen. Statt der Milliarden Euro für Griechenland sollten sie man lieber die Straßen reparieren lassen, die durch den langen Frost hinüber sind. / Und nicht nur „die da oben“ trifft es. Wenn der Stadtrat in Wiesmoor oder der Gemeinderat in Großefehn etwas beschließt, dann gibt es mit Sicherheit welche, die darüber hersitzen. „Was wollen die mit ‚Omas Teich’, was soll so’n Blödsinn? Dieser Krach und dieser Lärm und der ganze Müll! Haben die nichts Besseres zu tun als darüber ’ne Sitzung zu machen?“ Oder: „Das mit dem neuen Radweg an der Norderwieke, das ist ja wohl völliger Humbug. Da sind sie ja bei einigen Häusern schon fast mit dem Radweg im Wohnzimmer!“ Oder: „Wenn ich es zu sagen hätte, dann hätten wir nicht so viele, die auf Kosten anderer leben! Ich würd’ die alle die Gemeindestraßen fegen lassen!“

So oder ähnlich hören wir es oft, und ich will gar nicht drum herum reden: oft genug mache ich da auch mit, wenn so geredet wird. Ihr vielleicht nicht, ich wohl. Aber
richtig ist das nicht!!
Natürlich – es ist auch nicht alles richtig, was in der kleinen oder großen Politik entschieden wird. Manches ist kri-
tikwürdig, keine Frage! Aber wir als Christen, wir sollen nicht kritiklos alles in Grund und Boden reden und ober-
flächlich über die hersitzen, die mehr Verantwortung haben als wir selbst. Im Gegenteil: auch wenn uns manche Entscheidung nicht passen mag – wir können doch froh sein, dass sich immer wieder Menschen finden, die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Was können wir froh sein, dass Menschen bereit sind, sich in Orts-, Gemeinde- und Stadträte wählen zu lassen. Dafür Zeit und Nerven zu investieren. Das ist ja nicht nur angenehm. Da musst du ja auch oft den Rücken herhalten für etwas, was du gar nicht beeinflussen kannst. Und auch, was die „große Regierung“ angeht, im Land, im Bund, oder diejenigen, die beim Militär Verantwortung tragen. Sie brauchen es, dass wir für sie beten! Damit sie das, was sie können, tun, damit wir in einer stabilen Gesellschaft leben können. Dass sie das Wesentliche in den Blick nehmen können. Und Wege finden, um es dann auch umzusetzen.
Klar, mit einem Bierglas in der Hand wissen wir alle, was richtige Entscheidungen und sinnvolle Gesetze sind. Aber ich bin richtig froh, dass ich nicht „da oben“ sitze – denn dann müsste ich beweisen, was ich wirklich drauf habe. Und ob das dann ausreichen würde, um die großen Probleme unserer Gesellschaft zu lösen, da bin ich mir nicht so ganz sicher. Und so können wir dankbar sein, dass sich Menschen finden, die es versuchen, möglichst gut zu machen, auch wenn sie es nicht immer hinkriegen. Paulus ist das sonnenklar: wo nicht für die, die in politischer und gesellschaftlicher Verantwortung stehen, wenn nicht für die gebetet wird, dann geht alles bald drunter und drüber. Und damit wir „in Ruhe und Frieden leben“ können, gehört das für Paulus zu dem, was am allerwichtigsten ist, dass wir für die beten, die in Politik und Militär und Wirtschaft Verantwortung haben. Mecker nicht so viel über sie, sondern bete für sie!

Nun sagt Paulus aber nicht nur, für
wen wir beten sollen, sondern er sagt auch, worum wir beten sollen. Wir sollen für alle beten, weil Gott will, dass „...allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Das, was damit gemeint ist, wird noch etwas deutlicher in der Übersetzung der Guten Nachricht: „Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden.“

Um Rettung geht es hier. Rettung ist dann dran, wenn wir in einer lebensbedrohlichen Lage sind. Wenn jemand im Auto eingeklemmt ist, dann muss die Feuerwehr ran und ihn mit Schere und Spreizer da rausholen.
Wenn jemand plötzlich zusammenklappt und ohne Bewusstsein ist, dann müssen die Jungs von der Rettungswache in der Norderwieke schleunigst ins Auto springen, damit er schnell Hilfe bekommt.
Und für Paulus sind wir als Menschen grundsätzlich in einer lebensbedrohlichen Lage. Nämlich dass wir aus
Gottes Sicht hoffnungslos für das ewige Leben verloren sind, weil wir mit Gott nicht im reinen sind.
Paulus sieht das ganz klar und er macht das immer wieder zu seinem Thema: wenn der Mensch nicht im Reinen mit Gott ist, dann lebt er am eigentlichen Sinn seines Lebens vorbei. Das ist so, als wenn du einen Aufsatz schreibt mit vielleicht vielen tollen Gedanken und ausgefeilten Formulierungen. Sieht klasse aus und liest sich auch ganz flüssig. Und trotzdem hat sich schon mancher Schüler gewundert, wenn dann unter einem so tollen Aufsatz ’ne „6“ stand und dann die Bemerkung: „Thema verfehlt!“

Paulus ist überzeugt, die ganze Bibel ist überzeugt: du kannst noch so ein tolles, gefülltes Leben haben,
dein Leben kann spannend und interessant sein, es kann auch noch so lang werden – wenn du nicht mit Gott im Reinen bist, dann steht da am Ende drunter: „Thema verfehlt!“ Das ist die grundsätzliche Gefahr, in der die Bibel jeden Menschen sieht. Dass er vom eigentlichen Leben, so wie Gott sich das gedacht hat, abgeschnitten ist.

Aber wie kommen wir mit Gott ins Reine? Wie entgehen wir dieser Gefahr, das Thema unseres Lebens zu verfehlen? Indem wir „zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“, sagt Paulus. Die Erkenntnis der Wahrheit, die hier gemeint ist, damit sind nicht irgendwelche klugen Gedanken gemeint. Keine Lehrsätze, die man verstanden haben und für richtig halten muss. Für diese Erkenntnis muss man nicht Theologie studiert haben oder philosophisch interessiert oder doch religiös ansprechbar sein. Paulus verbindet diese Erkenntnis, auf die es ankommt, mit einer Person. Jesus sagt von sich: „Ich bin die Wahrheit.“ Er, Jesus Christus, ist derjenige, der dafür sorgt, dass ich mit Gott ins Reine komme. Jesus Christus zu vertrauen, das bedeutet „zur Erkennt-
nis der Wahrheit kommen“. Und auch hier steht wieder: „alle“! Gott will, dass „alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“. Nicht nur ein paar Auserwählte. Nicht nur die, die von Natur aus religiös sind. Nicht nur die, die von Haus aus wissen, worum es im Glauben geht und die sich in einer Kirche benehmen können. „Alle“ sind gemeint. „Alle“ sollen in ihrem Lebensaufsatz eine „1“ bekommen – nicht weil sie so fromme Leute sind oder so sauber leben oder möglichst oft in möglichst frommen Kreisen sind. Sondern weil sie es sich gefallen lassen, dass Jesus Christus für sie ihr Leben mit Gott ins Reine bringt. Er tut das für „alle Menschen“!

So oft haben wir bis jetzt das Wort „alle“ gehört. Und nun am Ende, da betont Paulus ein anderes Wort.
Hier nimmt er das Wort „ein“ und das stellt er dem „alle“ gegenüber: Es ist „ein“ Gott und „ein“ Vermittler zwischen Gott und den Menschen – der sich selbst gegeben hat für „alle“ zur Erlösung. Einer für alle! Damit „alle“ gerettet werden, muss dieser „eine“ sich für sie einsetzen. Damit „alle“ das Leben finden, zu dem Gott sie bestimmt hat, muss dieser „eine“ sein Leben drangeben.

Was ist das Wichtigste für unsere Gemeinde? Dass wir beten für alle Menschen! Dann wird alles andere sich finden. Amen.


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