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Predigten
Predigt vom 04. Juli 2010
Predigt über 1. Mose 12, 1-4 (5a); 5. Sonntag nach Trinitatis; 04.07.2010
Es war sein 75. Geburtstag. Morgens gegen zehn ging ich hin. Ich klingelte, es dauerte 'n bisschen, der Mann kam an die Tür - er stutzte einen Moment, dann erkannte er mich, und dann sagte er: "Oha! Nu kummt Pestor! Nu bün ick olt!"
Der 75. Geburtstag - ist das die Schwelle zum Alter? Wenn dann der Pastor vor der Tür steht oder wie seit zwei Jahren eine Einladung für die Senioren-Geburtstagsrunde kommt- ist das das Zeichen dafür, dass nun nicht mehr viel kommt?
Nein - so kann man das sicher nicht sagen. Aber sicher ist man in diesem Alter in einer Lebensphase, in der 2 Dinge oft eher möglich sind als in den Jahren vorher: 1.: Man hat mehr Zeit zur Ruhe. Weil man im Normalfall nicht mehr zur Arbeit muss. Klar, wir wissen: manche haben im Herbst ihres Lebens mehr Stress als vorher - aber das ist nun selbstgemachter Stress. Man "muss" ja nicht mehr. Man kann auf jeden Fall freier über seine Zeit verfügen als in den früheren Jahren. Damit hängt das zweite zusammen: dass wir das, was wir uns erarbeitet haben, in Anspruch nehmen und genießen. Uns so gut es geht, Dinge gönnen, für die sonst keine Zeit war: Mitnanner up Visiet gaohn, mit Freunden kegeln, andere schöne Dinge tun, die sonst nicht gingen.
"75" - das ist für viele die Möglichkeit, dass sie mit mehr Ruhe als sonst ihr Leben angehen können.
Ich will noch von einem 75Jährigen erzählen. Wie es ihm mit diesem Alter ergangen ist. Er heißt Abram, und ganz am Anfang der Bibel, 1. Mose 12, wird von ihm erzählt - und das ist der Predigtabschnitt für heute:
Da sagte der HERR zu Abram: "Verlass deine Heimat, deine Sippe und die Familie deines Vaters, und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich will dich segnen und dich zum Stammvater eines mächtigen Volkes machen. Dein Name soll in aller Welt berühmt sein. An dir soll sichtbar werden, was es bedeutet, wenn ich jemand segne. ... Abram folgte dem Befehl des HERRN und brach auf, und Lot ging mit ihm. Abram war 75 Jahre alt, als er seine Heimatstadt Haran verließ. Seine Frau Sara und Lot, der Sohn seines Bruders, begleiteten ihn.
Abraham - hier, an dieser Stelle der Bibel, begegnet er uns das erste Mal. Wir erfahren nicht viel über die früheren Jahre seines Lebens - nur so viel: Sein Vater war Terach. Im hohen Alter war er gestorben. Terach stammte aus Ur in Chaldäa. Heute liegt das im Süden des Irak. Von dort war mit seinen Ziegen und Schafen, seinem Sohn Abraham, dessen Frau und seinem Enkel Lot bis nach Haran gezogen im Süden der heutigen Türkei. Nach fast 1000 Kilometern Wanderschaft war die kleinen Familie zur Ruhe gekommen. Man hatte ein Gehöft gebaut, Freundschaft mit den Nachbarn geschlossen und war sesshaft geworden. Jetzt war Terach gestorben, und auch im Leben von Abraham war es Herbst geworden. Ruhe und Besinnung war angesagt.
In diese Ruhe hinein spricht Gott zu Abram: "Verlass deine Heimat, deine Sippe und die Familie deines Vaters, und zieh in ein Land, dass ich dir zeigen will." Und nun war es vorbei mit der Ruhe: "Abraham folgte dem Befehl des Herrn und brach auf." Weil Gott es ihm sagt. Gott spricht und Abraham geht los.
Das ist in der Bibel ganz oft so - dass die Geschichten Gottes mit seinen Menschen Aufbruchgeschichten sind. Da, wo Gott in das Leben kommt, da brechen Menschen auf, und kommen in Bewegung. Jesus hatte fast 30 Jahre ein unauffälliges Leben als Zimmermann in Nazareth geführt. Dann erreicht ihn der Ruf Gottes und er bricht auf und geht zum Jordan, um sich taufen zu lassen. Und dann geht er seinen Weg - und er nimmt seine Jünger mit. Da war ein Petrus. Abends hatte er sich wie jeden Abend von seiner Frau verabschiedet und war zur gewohnten Arbeit gegangen., um Fische zu fangen Am Morgen begegnet es Jesus. Der sagt zu ihm: "Folge mir nach. Geh mit mir. Werde Menschenfischer!" Und Petrus lässt Boot und Familie zurück, bricht auf und folgt Jesus. Und so machten es alle anderen Jünger auch. Matthäus bricht vom Zoll auf. Nathanael lag so schön faul unter einem Baum, hört von Jesus und steht auf, um ihm zu folgen. Paulus war fest verwurzelt in der Tradition seiner Religion. Dann begegnet ihm Jesus und Paulus lässt alles hinter sich und bricht in ein neues Leben auf.
Ein Martin Luther verlässt das alte Denken und bricht auf in eine neue Glaubenszuversicht.
Eine Mutter Teresa verlässt die Sicherheit des Klosters und bricht auf zu den Ärmsten der Armen.
Eine Käti Eschen spürt im Laufe von Jahren, wie Gott sie auf verschiedene Weise immer wieder anspricht - und bricht auf und setzt einen ordentlichen Teil ihrer freien Zeit nun im Kirchenvorstand ein. Nur wenige Beispiele - und jeder von uns könnte seins hinzufügen! Jeder von uns hätte was davon zu erzählen, an welcher Stelle Gott ihn gerufen und gesagt hat: Brich auf, geh los! Das ist unweigerlich so: wer dem lebendigen Gott begegnet, der bleibt nicht da, wo er ist. Wo er sich ein-gerichtet hat. Wo alles seinen gewohnten Gang geht.
An Jesus glauben, das heißt immer wieder aufbrechen, in Bewegung geraten, und in Bewegung bleiben. Glaube ist kein Standpunkt, sondern ein Ausgangspunkt. Glaube geht. Dazu gehören drei Phasen. Erstens:
Glaube geht weg. Glaube verlässt etwas.
Abraham musste Heimat und die Groß-Familie verlassen. Anders gesagt: er musste das loslassen, was ihm bisher Geborgenheit und Sicherheit gegeben hatte. Was er sich aufgebaut hatte. Woran er sich gewöhnt hatte. Ulrike, unsere Kinder und ich, wir sind nun über 21 Jahre hier. Haben uns hier hineingefunden. Haben Freunde gefunden. Ein Haus gekauft. Und wenn wir hier von heute auf morgen weggehen sollten - das würde uns mindestens sehr schwer fallen. Weil das, was bisher das Leben bestimmt hat, nicht mehr gegeben wäre. So ist das bei Abraham auch - und trotzdem wagt er's! Geht los! Lässt alles hinter sich, was bisher wichtig für sein Leben war. Da kann ich nur sagen: Hut ab, Respekt!
Glaube geht weg. Nicht immer wird es so sein, dass wir dafür Sack und Pack schnappen und wirklich weg gehen müssen. Glaube geht weg - für manche kann das auch bedeuten: du musst bestimmte Erfahrungen mit bestimmten Menschen loslassen. Da hast du vielleicht Streit in deiner Familie. Gehst dem Bruder oder der Schwester seit langem aus dem Weg. Dieser Satz von früher, der tut immer noch weh. Das, was sie dir an den Kopf geworfen hat, dieser Vorwurf - der sitzt tief. Und du hast immer gesagt: Das kann ich ihr, das kann ich ihm nicht verzeihen! Gott ruft! Und das kann bedeuten: mach dich frei von diesem inneren Schwur. Mach dich frei von diesem Satz: Das kann ich ihm nie verzeihen! Wage es, diesen Satz innerlich los zu lassen.
Vielleicht musst jemand bestimmte Vorstellungen loslassen: wir haben doch das tolle Grundstück am Kanal. Da soll unser Junge mal bauen! Und dann können wir zwischen seinem und unserm Haus so 'nen schönen Weg hinterlangs machen und dann können wir oft zusammen sein. Und es kann sein, dass Gott heute ruft und sagt: lass diese Vorstellung los! Überleg, ob was wirklich gut ist für euer Miteinander, dass ihr so dicht an dicht wohnt!
Vielleicht ist jemand unter uns, dem klar wird, dass er sein Kind innerlich und äußerlich mehr freigeben muss.
Aber am liebsten würde er es immer an seiner Seite behalten. Und es kann sein, dass Gottes Stimme dich plötzlich anspricht und dass er sagt: fang an, deinem Kind mehr Freiheit zu lassen. Es innerlich und äußerlich nicht so zu klammern. Damit es wirklich groß und erwachsen werden kann!
Ein anderer muss vielleicht eine Gewohnheit loslassen. Da hast du nun eine schöne, günstige DSL-Flatrate.
Du kannst Tag und Nacht im Internet surfen und dir die neuesten Filme runtersaugen - und es kostet nur'n Ei und'n Appel. Die Zeit rast nur so dahin - und immer wenn du irgendwann den Kasten ausmachst, ist deine Frau schon lange im Bett und schläft. Und ihr merkt: es ist nicht mehr so schön zwischen euch. Die Liebe, die Leidenschaft - sie fehlen und dadurch ist es kühl geworden. Und vielleicht ruft Gott heute: Lass es los! Brich auf. Geh eher nach oben ins Bett zu deiner Frau!
Jemand anders muss es vielleicht loslassen, dass er sich selber ständig was vormacht: Ja, sicher, im Moment läuft es zwischen uns nicht so doll, aber das wird schon wieder... Oder: Ich weiß wohl, im Moment trink ich 'n bisschen viel, aber ich kann jederzeit aufhören, das macht mir nichts aus... Und da ruft Gott vielleicht heute und sagt: Geh weg! Geh weg von diesen Selbstberuhigungen! Mach dir nichts vor: ohne professionelle Hilfe kommst du da nicht mehr raus!
Was es auch sein mag - Heimat, Familie, Gewohnheiten, Gedanken, Erfahrungen, Festlegungen oder Menschen - Glaube geht, Glaube geht weg und lässt das Alte hinter sich.
Für viele ist das überhaupt das Schwerste. Und für uns Ostfriesen erst recht. Wir möchten so gern fest halten am Alten. Wir leiden darunter, wenn sich so viel verändert. Und je älter wir werden, desto beharrlicher halten wir oft fest. Aber der Predigttext heute mutet uns zu und sagt: willst du im Glauben lebendig sein und wachsen, dann musst du gehen, musst du los lassen. Und es geht. Abraham war 75 Jahre, als er alles hinter sich ließ und losging.
Aber wie kriegt Gott das hin, dass selbst wir Ostfriesen los lassen und gehen? Genauso wie mit Abraham: Gott lockt mit Zusagen. Gott verspricht dem Abram Segen und Vaterschaft. Abraham und Sara - den beiden wird ein Kind verheißen: Ein Kind?! Mehr noch - eine Nachkommenschaft wie Sand am Meer! Gott verspricht ihm: Wenn du los lässt und weggehst, dann wirst du Stammvater eines mächtigen Volkes.
Es sind die Zusagen, die Verheißungen Gottes, die uns helfen weg zu gehen und uns auf den Weg zu machen.
Damit sind wir bei der zweiten Phase. Glaube geht. Glaube geht los - und hat das Ziel noch nicht im Griff.
Glaube geht los - und hat erst mal nichts als Gottes Versprechen, dass Er aus diesem Aufbruch was Gutes machen will. Und manchmal trauen wir Gottes Verheißung, manchmal trauen wir seinem Versprechen gar nicht so richtig viel zu. Weil es uns so unwahrscheinlich vorkommt, dass die Lage besser werden soll. Weil es uns so unwahrscheinlich vorkommt, dass unser Loslassen wirklich zu einem guten Ende kommen soll.
Und so gesehen ist Glaube immer ein Risiko.
Wir haben schon losgelassen, was uns bisher Sicherheit gegeben hat - und das andere, was wir kriegen, was wir empfangen sollen, das haben wir noch nicht. Da raffen sich zwei Eheleute auf und gehen zur Eheberatung - aber es ist noch nicht raus, ob's was bringt. Da springt einer über seinen Schatten und reicht dem Bruder, der Schwester die Hand zur Versöhnung -aber es ist noch nicht gesagt, ob derjenige auch will oder ob ich am Ende als der Blamierte dastehe. Da geht einer zum Blauen Kreuz oder zu den Anonymen Alkoholikern - aber er weiß noch nicht, ob er es schafft!
Loslassen, aufbrechen - das ist auch darum schwer, weil das Gute, dass dabei rauskommen soll, nicht immer gleich zu sehen ist. Wenn wir an Gott glauben und wenn wir Seinem Ruf folgen, dann haben wir nur die "Sicherheit", dass Gott hält, was er verspricht und dass er uns hält, wenn wir ins Stolpern kommen und hinfallen.
Abraham konnte sich darauf einlassen. Er vertraut sein Leben Gott an. Er glaubt: wenn er losgeht und aufbricht, dann ist das besser für ihn, als wenn er am Alten festhält. Darum geht er los. Bricht auf. Bei allem Risiko.
Glaube geht. Glaube geht los. Diese 2. Phase dauert manchmal nur kurze Zeit. Dann ist eine Zusage erfüllt. Für andere Zusagen dauert Phase zwei Wochen, Monate. Bei Abraham dauerte die Zusage eines Sohnes 25 Jahre lang. Dann erst wurde er Vater und die Zusage Gottes war erfüllt. In dieser Zeit brauchte er manche Ermutigung. Als der Zweifel so groß wurde, dass er aufgeben wollte, da erschien ihm Gott erneut und bestätigte seine Zusagen.
Gott hält den Glaubenden, bis er ankommt. Und das ist die 3. Phase: Glaube geht und kommt an.
Das Wunder geschieht. Was zugesagt war, wird Wirklichkeit. Was die Augen des Herzens sahen, sehen nun auch die Augen des Leibes.
Und hier könnte jetzt so mancher unter uns hierher nach vorne kommen und es uns anderen erzählen: wie es weiterging nach dem Aufbruch. Wie schwer der Weg war. Und wie Gott Wort gehalten hat. Zum Ziel geführt hat. Menschen aus unserer Gemeinde könnten davon berichten, dass sie frei geworden sind vom Zwang, die Nächte mit dem Internet zu teilen.
Andere könnten von der Versöhnung erzählen, die zustande kam. Andere könnten erzählen, dass sie neu zueinander gefunden haben durch die Eheberatung. Wieder andere würden erzählen, dass trotz allem ihre Ehe nicht zu retten war - aber dass sie einen Weg gefunden haben, in Würde und Achtung einen Abschluss zu machen und dann jeder einen neuen Weg zu finden. Manche aus unserer Gemeinde könnten davon erzählen, dass es ein guter Weg war, die Vorstellung los zu lassen, dass der Junge, die Tochter Haus an Haus zu den Eltern wohnt. Einige könnten berichten, wie sehr ihr Leben sich dadurch verändert hat, dass sie nicht mehr trinken müssen, dass sie trocken geworden sind. Und einige könnten davon erzählen, dass sie nach einer schlimmen Zeit der Trauer wieder Freude am Leben gefunden haben.
Noch einmal: bis man so angekommen ist, das ist immer wieder harte Arbeit. Das ist nicht leicht - die Vergangenheit hinter sich zu lassen und die Energien auf die Zukunft zu lenken. Und es bedeutet, auch die Anfechtungen durchzustehen, die Durststrecken zu über-winden, nicht müde zu werden, am Ziel festzuhalten und vor allem an Gott festzuhalten.
Bei Abraham war das auch so: viele Situationen folgten seinem Aufbruch. Immer wieder kam er an Stellen, wo er sich wieder klar machen musste, was Gott ihm verheißen hatte. Eine Sache half ihm dabei: an den Etappenzielen, da baute er Altäre. Immer, wenn er wieder ein gutes Stück weiter gekommen war, baute Abraham einen Altar. Als Erinnerungszeichen daran, dass Gott seine Verheißungen einlöst und dass er seine Leute nicht im Stich lässt. Ich frage mich, ob uns solche Altäre auf unserem Glaubensweg nicht auch helfen würden. Vielleicht ein Tagebuch oder ein Kalender, in dem wir markieren, wenn Gott zu uns gesprochen hat. Den Tag aufschreiben, an dem wir eine mut-machende Erfahrung gemacht haben. Und wenn wir dann wieder einmal auf der Durststrecke sind - dann können wir hineinschauen und uns daran erinnern und uns dadurch Mut machen lassen.
Der Glaube bleibt nicht stehen. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Glaube geht. Darum geh los, wenn du hörst, dass Gott dich ruft. Und er steht mit seinem guten Namen dafür ein: wer losgeht, der kommt an! Amen.