Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn


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predigt-12-02-05

Predigten




Predigt vom 05. Februar 2012


Predigt über Matthäus 9, 9-13; Septuagesimae; 05.02.2012

Liebe Gemeinde, zuerst lese ich uns aus Matthäus 9 die Verse 9 – 13:
Jesus ging weiter und sah einen Zolleinnehmer an der Zollstelle sitzen. Er hieß Matthäus. Jesus sagte zu ihm: »Komm, folge mir!« Und Matthäus stand auf und folgte ihm. Als Jesus dann zu Hause zu Tisch saß, kamen viele Zolleinnehmer und andere, die einen ebenso schlechten Ruf hatten, um mit ihm und seinen Jüngern zu essen. Die Pharisäer sahen es und fragten die Jünger: »Wie kann euer Lehrer sich mit Zolleinnehmern und ähnlichem Volk an einen Tisch setzen?« Jesus hörte es und antwortete: »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken! Überlegt doch einmal, was es bedeutet, wenn Gott sagt: 'Ich fordere von euch nicht, dass ihr mir irgendwelche Opfer bringt, sondern dass ihr barmherzig seid.' Ich bin nicht gekommen, solche Menschen in Gottes neue Welt einzuladen, bei denen alles in Ordnung ist, sondern solche, die Gott den Rücken gekehrt haben.«

Matthäus, der Zöllner. Als Verräter waren die Zöllner damals abgestempelt, weil sie mit den verhassten Römern zusammenarbeiteten. Und als Betrüger waren sie berüchtigt, weil sie meistens viel zu viel Zoll einkassiert und das meiste in die eigene Tasche gesteckt haben. Und darum wurden sie als Gottlose abgestempelt - sie durften noch nicht einmal ein Gotteshaus betreten. Da passten die Pharisäer und Schriftgelehrten tüchtig auf, dass
so ein Zöllner nicht reinkam. Und ausgerechnet auf so einen Zöllner geht Jesus jetzt zu und ruft ihn in seine Nachfolge. Die
Pharisäer hatten Matthäus abgestempelt - und Jesus geht auf ihn zu und bewegt ihn zu einem neuen Leben mit Gott. Das, was von Jesus an Zuwendung ausgeht, das bringt Matthäus in Bewegung. Das ändert sein Leben. Und wenn wir einmal genau in diesen Text hineinschauen, dann sehen wir eine dreifache Hinwendung: die Hinwendung zu Jesus; die Hinwendung zur Gemeinde; die Hinwendung zur Barmherzigkeit.

1.: Die Hinwendung zu Jesus
Wie kommt Matthäus in Kontakt zu Jesus? Schauen wir einmal genau hin: Als Jesus durch die Stadt ging, sah er "einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus." Zuallererst wird gesagt, dass Jesus einen Menschen sitzen sah, und
dann erst, dass dieser Mensch im Zollhäuschen saß. Und das ist kein Zufall, dass das hier so steht! Das ist typisch Jesus: Er sieht zuerst immer den Menschen, der einen Namen hat - und erst danach sieht er das, was dieser Mensch ist, was ihn liebenswert oder weniger liebenswert macht.
Heute mag es
so heißen: Jesus sah einen Menschen, der hat vorige Woche ein schlechtes Zeugnis bekommen und da steht drunter "Versetzung gefährdet". Und wenn das unter deinem Zeugnis stehen sollte - dann kannst du ganz sicher sein: Jesus kuckt nicht zuerst auf dein Zeugnis. Und schon gar nicht sagt er: "Versager!" zu dir! Jesus sieht zuerst dich und er kennt die Dinge, die es dir so schwer machen in der Schule.
Wenn jemand unter uns ist, der bis an die Grenzen seiner Kraft gefordert ist – durch seine Arbeit, durch seine Familie, durch die vielen Ämter, die ihm anvertraut wurden, und der unter dieser Belastung fast zusammenbricht – dann lass es dir gesagt sein: für Jesus bist du nicht ein Rädchen im Getriebe, das gut funktionieren muss. Er sieht in dir den Menschen, der neue Kraft braucht und nötig mal auftanken muss.

Jesus sieht immer zuerst den Menschen. Und zwar sieht er jeden Menschen von Gott her, von seiner Bestimmung her, dass Gott ihn gerne für sich gewinnen möchte. In seiner Nähe haben möchte. Damit er ein Leben bekommt, das sich wirklich lohnt! Jesus geht es immer zuerst um den Menschen mit seinen Nöten.

Wir lesen weiter - Jesus fordert Matthäus auf: "Folge mir!" Jesus spricht nur zwei Worte und das ist sicher die kürzeste missionarische Predigt, die bisher gehalten wurde. Aber er wird noch getoppt: die Antwort des Matthäus kommt ganz ohne Worte aus: ..."Und er stand auf und folgte ihm.“Matthäus erlebt von einem auf den andern Moment, dass da etwas von Jesus ausgeht, was ihn grundlegend verändert. Das ist der Unterschied zwischen dem Zöllner Matthäus und den Schriftgelehrten: sie verwickeln Jesus immer wieder in lange Streitgespräche. Sie wollen zeigen, wie gut sie die Bibel kennen und was sie alles für fromme Sprüche draufhaben. Und wenn Jesus ihnen ein Zeugnis ausstellen müsste über ihre theologischen Kenntnisse, dann müsste er zu jedem einzelnen sagen: Hat'tu fein gemacht. Bist jetzt "Doktor der Theologie"!
Matthäus hat keine Ahnung von Theologie. Der weiß noch nicht mal das, was normalerweise jeder Konfirmand draufhat, der nur einigermaßen aufgepasst hat und der weiß, dass er seinen Kopf nicht nur zum Haare schneiden hat. Matthäus hat nie eine Kirche von innen gesehen und hat mit „Glauben“ nichts am Hut. Aber er hat eine gute Menschenkenntnis, die sich nicht von Worten blenden lässt. Er spürt die Verachtung, die ihm von anderen Menschen entgegenschlägt. Das hört und sieht er alle Tage. Und Matthäus spürt auf einmal: bei Jesus ist das ganz anders! Als Matthäus diese beiden kurze Worte von Jesus hört: "Folge mir!" da weiß er: durch Jesus finde ich einen neuen Anfang. Das Leben kann noch einmal beginnen. Mit den Worten "Folge mir!" ist alles gesagt. Matthäus weiß plötzlich, dass Jesus ihm das schenkt, was er nicht kaufen kann: die verwandelnde Kraft der Liebe Gottes. Wo die Liebe Jesu einen Menschen trifft, da braucht es keine vielen Worte, da braucht es keine theologischen Diskussionen und da muss man kein "Pfarramtliches Führungszeugnis" und keine Konfirmationsurkunde vorlegen. Da passiert das einfach, dass Menschen aufstehen und Jesus folgen.

Und dass das passiert, das ist bis heute ein Wunder. Etwas, was von Gott selbst ausgeht. Das können wir nicht machen, dass Menschen Jesus folgen. Das können wir unseren Kindern nicht anerziehen, das kann ich mei-
nen Konfirmanden nicht ein-impfen, das können wir überhaupt nicht machen. Wenn es von jemandem heißt: „Er stand auf und folgte Jesus!“ – dann ist das ein göttliches Wunder. Wie bei der Auferstehung Jesu – da werden die gleichen Worte gebraucht: Er stand auf!
Matthäus erlebt, dass Jesus ihn wertachtet. Ihn wahrnimmt mit seiner ganzen Persönlichkeit. Und das ist nicht nur ein Moment – und dann ist wieder alles anders. Matthäus erlebt: Jesus verändert mein Leben nachhaltig.
Und auch das ist „typisch Jesus“: er klopft uns nicht nur einmal mutmachend auf die Schulter und lässt uns dann wieder mit unsern täglichen Sorgen zurück. Er bleibt dran! An Matthäus können wir sehen, wie es nor-
malerweise weitergeht. Wir lesen:
Als Jesus dann zu Hause zu Tisch saß, kamen viele Zolleinnehmer und andere, die einen ebenso schlechten Ruf hatten, um mit ihm und seinen Jüngern zu essen.

Damit bin ich beim Zweiten: die Hinwendung zur Gemeinde
Miteinander essen ist mehr als die gemeinsame Nahrungsaufnahme. Wenn wir miteinander essen und trinken, dann nicht nur, um Kalorien und Vitamine und so was alles aufzunehmen. Sondern beim gemeinsamen
Essen pflegen wir Beziehung. Wer mit seinen Kindern zusammen Mittag isst, der merkt: hier sprechen sich die Kinder oft aus. Wie blöd der Lehrer ist. Wie gemein die alte Ziege ist, die bisher meine Freundin war. Wie toll die Mathe-Arbeit ausgefallen ist. Was man sich für den Nachmittag vorgenommen hat.
Miteinander essen, miteinander trinken – das ist oft
die Stelle, wo man besonders merkt: wir gehören zusammen! Diese Zeit gehört uns! Und wenn Jesus hier jetzt mit Matthäus und den andern Zöllnern gemeinsam isst, dann zeigt er damit: mit diesen Menschen gehöre ich zusammen! Jesus schämt sich nicht für Matthäus.
Er meidet ihn nicht, weil er vom Glauben keine Ahnung hat und nicht vor dem Essen betet. Und Jesus schämt sich auch nicht für die andern, die da mit ihm am Tisch sitzen und die genauso verrufen sind wie Matthäus. Jesus freut sich über jeden, der ihm folgt. Er schämt sich nicht für den, dessen Ehe zerbrach und dessen Familienleben in Schutt liegt. Er schämt sich nicht für den, der seinen Beruf nicht mehr ausüben kann.
Jesus schämt sich nicht für den, der Pleite macht. Jesus schämt sich nicht für den, der sitzen bleibt. Er schämt sich nicht für den, der säuft. Jesus hat an seinem Tisch Platz für alle, die ahnen: in meinem Leben ist manches nicht so, wie ich es gerne hätte. In meinem Leben ist vielleicht auch manches nicht so, wie es sein sollte. Aber ich will drauf hoffen, dass Jesus für mich da ist!

Für die Pharisäer ist das eine unerträgliche Zumutung: wie kann Jesus Gemeinschaft mit solchen Menschen haben?! Sie verstehen einfach nicht, dass es die Kraft der Liebe und Barmherzigkeit Gottes ist, die sich nicht für einen Menschen schämt und die keinen abweist. "Weshalb gibt sich euer Lehrer mit solchem Gesindel ab?" empören sich die Pharisäer. Und Jesus antwortet: "Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken!"
Jesus nimmt einen Vergleich aus der Medizin, um den Pharisäern zu erklären, wie er's meint. Natürlich nimmt Jesus das ernst, was im Leben von Matthäus und anderen das Problem ist. So wie ein Arzt die Krankheit ernst
nimmt. Kein Arzt sagt bei einer tödlichen Krankheit: ist ja nicht so schlimm! Aber der Arzt begnügt sich nicht mit der Diagnose, sondern er tut alles, um die Krankheit zu heilen. Die Pharisäer machen es so, dass sie den Kranken als Todeskandidaten abschreiben und ihm den Neuanfang verweigern. Jesus aber nimmt ihn mit hinein in seine Gemeinde und fängt an, die tödliche Krankheit zu heilen. Die tödliche Krankheit, die darin besteht, abgetrennt zu sein vom Leben, abgetrennt zu sein von Gott. Die Bibel nennt diese Krankheit „Sünde“ – abgetrennt sein von Gott. Mit dieser Krankheit will Jesus sich nicht abfinden – und darum geht er auf Menschen zu, die damit infiziert sind und er holt sie in die Gemeinschaft mit Gott zurück.

Jesus sitzt mit Matthäus und den andern am Tisch. Begonnen hat es mit Matthäus – und plötzlich sind es ganz viele, die am Tisch sitzen. Weil sie Matthäus kennen. Weil sie gespürt haben, dass sich bei ihm etwas verän-
dert hat. Dadurch sind sie neugierig geworden. Und so haben sie Jesus dann selbst kennen gelernt.
Und so geht es bis heute – und das ist auch der Grund dafür, dass
wir heute hier sitzen: weil wir irgendwann auch einmal gespürt haben: bei Jesus sind wir willkommen! Vielleicht hat uns eine Freundin mitgenom-
men zur Kirche. Vielleicht haben wir beim Frauenfrühstück gemerkt, dass wir bei Jesus willkommen sind. Vielleicht war der Kindergottesdienst klasse oder es war so schön, wie Oma immer die Geschichten aus der
Bibel erzählt hat. Wie auch Immer: allermeistens hat es mit anderen Menschen zu tun, wenn Menschen Jesus kennen lernen. Menschen bringen Menschen zu Jesus.

Nun wendet Jesus sich direkt an die Schriftgelehrten.
„Ich fordere von euch nicht, dass ihr mir irgendwelche Opfer bringt, sondern dass ihr barmherzig seid. Ich bin nicht gekommen, solche Menschen in Gottes neue Welt einzuladen, bei denen alles in Ordnung ist, sondern solche, die Gott den Rücken gekehrt haben.“
Mit dieser Antwort bleibt Jesus ganz nahe bei Matthäus und den anderen. Und er will den Schriftgelehrten klar machen, dass sie selber es auch brauchen, dass Jesus sich ihnen zuwendet. Denn auch sie können bei aller Mühe Gott nicht das geben, was er beanspruchen kann. Kein Mensch kann das! Darum brauchen wir Jesus, der uns in Gottes Nähe ruft. Und das gönnt er auch den Pharisäern und Schriftgelehrten. Er gibt auch ihnen die Möglichkeit zur Veränderung. Damit sie selber auch den Weg zu Jesus finden. Damit sie sich nicht mehr länger abquälen müssen mit den ganzen Dingen, mit denen sie sich Gottes Zuwendung verdienen und erkaufen wollen. Und damit sie aufhören, anderen Menschen Druck zu machen. Das ist die Barmherzigkeit, die Jesus meint. So sollen wir mit uns und anderen umgehen. Ihnen die Möglichkeit zur Veränderung zugestehen. Sich so zu verändern, wie Jesus sie verändern möchte.

Dass wir mit uns und mit anderen barmherzig umgehen, das kriegen wir nicht immer so schnell hin. Das weiß Jesus wohl. Er verlangt nicht, dass wir das von einem Moment auf den andern hinkriegen mit der Barmherzig-
keit. Das merkt man, wenn man diesen Satz ganz wörtlich übersetzt – da heißt es dann: "...lernt hingehend ... Barmherzigkeit" - d.h. indem ihr euch zu denen aufmacht, die eurer Annahme bedürfen, lernt ihr Barmherzigkeit. „Lerning by doing“ – oder: indem du es probierst, wirst du es immer besser lernen!

Und nun?! Das ist die Frage - und ich sage: Wenn du Jesus schon folgst, dann lass dir von ihm denjenigen zeigen, der durch dich etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes erfahren soll!

Oder sitzt du noch in deinem "Zollhäuschen"? Dann rechne damit, dass Jesus zu dir kommt und sagt: "Folge mir!" - vielleicht heute schon! Und dann lass dich von ihm mitnehmen in seine Gemeinde. Da bist du willkommen! Wir freuen uns auf dich! Amen!

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