Predigten Januar - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Januar

Predigten > 2016
    
Predigt über Sprüche 4, 23; Sexagesimae; 31.01.2016  

 
Liebe Gemeinde, ich hab‘ eine Matroschka mitgebracht, so’ne russische Puppe – wenn man sie öffnet, dann kommt noch eine zum Vorschein, und wenn man die aufmacht, dann kommt wieder eine usw. Daran will ich etwas zeigen. Wir alle haben sozusagen eine Außenhülle. Einen Körper, mit dem sitzen wir gerade hier.  Manchmal sieht man schon von weitem am Gang oder an der Körperhaltung, wer da steht. Manchmal können wir am Körper auch sehen, wie’s jemandem geht. Wenn einer verheulte Augen hat, dann ahnen wir, dass es ihm nicht so gut geht. Und manchmal sieht man am Gesicht schon was, was noch keiner wissen soll. Ich hab mal einer Frau zu ihrer Schwangerschaft gratuliert. Und die hat mich mit ganz großen Augen angekuckt und hat sich total gewundert, woher ich das weiß, es sei ja noch ganz am Anfang. Ich wusste das ja nicht wirklich, aber vom Gesicht her kam sie mir anders vor als sonst, irgendwie weicher, und das war bei Ulrike auch immer so. Irgendwie hab ich da wohl ’nen Blick für. Vielleicht kann ich nachher beim Kaffee noch für die eine oder andere Überraschung sorgen ;-)  

 
Aber wir bestehen nicht nur aus dem, was man von außen an uns sehen kann, sondern das ist fast so wie bei so einer Matroschka: wir haben verschiedene Schichten, die uns ausmachen. Wir haben auch eine Innenwelt, unsere Gedanken und Gefühle usw.
Beides gehört zu uns: unser Äußeres und das, was in uns ist.  Und beides muss im Gleichgewicht sein. Oft vergessen wir das aber. Weil wir oft vor allem außen-orientiert leben.  Unser Leben wird ganz oft von dem bestimmt, was von außen auf uns zukommt. Zum Beispiel von dem, was andere von uns erwarten. Auf der Arbeit und in der Schule. Oder auch in der Familie. Und ich glaube, da können jetzt vor allem viele Frauen unter uns ein Lied von singen: dass sie pausenlos gefragt und gefordert sind.

 
Von außen gesteuert leben, das ist oft ein Leben mit ganz viel gutem Willen.  Und das gibt es nicht nur auf der Arbeit oder in der Familie, das kommt auch oft in der Gemeinde vor. Dass wir möglichst viel geben und leisten wollen. Weil wir gefragt werden: Kannst du das wohl noch eem machen?  oder: Kannst du da noch eem aushelfen? Und weil man das auch wichtig findet und weil man die Fähigkeiten auch wohl hat, macht man es dann. Aber irgendwann wundert man sich, wenn’s nicht mehr geht. Und dann passiert das manchmal, dass ein Mensch dann entweder zusammenklappt oder auf einmal ausrastet. Richtig aggressiv wird – und alle wundern sich: „Wat hett de dann tomaol?!“  Oder plötzlich resigniert einer vor den kleinsten Herausforderungen. Und man wundert sich: er hat doch sonst immer alles geschafft. Oft passiert das dann, wenn wir zu lange außenorientiert gelebt und zu wenig auf unsere Innenwelt geachtet haben. In diesem Zusammenhang bin ich auf einen Bibelvers gestoßen, den ich so noch nie im Blick gehabt habe. Er steht im Buch der Sprüche: „Mehr als alles andere hüte dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus.“

 
Wenn die Bibel von „Herz“ spricht, dann meint sie nicht das faustgroße Organ, das das Blut durch unsere Adern pumpt und uns mit Sauerstoff versorgt. Sondern in der Bibel ist der Begriff „Herz“ eine Beschreibung für unsere innere Welt.  „Herz“, das ist der Sitz der Persönlichkeit. Zum Herz des Menschen gehören zum Beispiel seine Gefühle. Die Ängste, die Freude, unser Temperament. Zum „Herz“ im biblischen Sprachgebrauch gehört auch unser Verlangen und Begehren. Alle rationalen und intellektuellen Fähigkeiten. Auch unser Gewissen. Unsere Fähigkeit zu planen, zu entscheiden. „Mehr als alles andere hüte dein Herz“ – das bedeutet dann also: Wir sollen unsere Gefühle und unseren Verstand behüten, unseren Willen, unser Empfinden, unser Wissen, unser Begehren.  Und hier merken wir schon, wie tief dieser Vers heute in unser Leben hineingreift. Kein Bereich bleibt davon ausgespart. Die Frage ist: achten wir auf unser Innenleben, oder achten wir vor allem darauf, dass äußerlich alles stimmt?  Dass wir nach außen hin einen guten Eindruck machen, das ist uns normalerweise ganz wichtig. Dafür stehen wir morgens schon stundenlang im Badezimmer, jedenfalls die Frauen, wir Männer können das etwas schneller. Und dass wir für unser Äußeres viel tun, das ist ja in Ordnung so. Aber genauso wichtig ist es, dass wir für unseren inneren Menschen, für unser Herz, sorgen. Dass wir wissen, nach welchen Maß-
stäben wir leben sollen. Damit unser Innenwelt nicht durcheinander kommt. Aber was
heißt es denn jetzt, unser Herz zu behüten? Zwei Bereiche sind da ganz wichtig.

 
1.: Schütze dein Herz vor äußeren Einflüssen, die es verletzen oder verschmutzen.
Es gibt eine ganz starke Verschmutzung unserer Innenwelt durch Dinge, die von außen in mich eindringen. Bilder, die ich in mich aufnehme, Dinge, mit denen ich mich beschäftige, Einflüsse, denen ich mich aussetze, beeinflussen mein Denken, Fühlen und Wollen. Es ist nicht egal, was ich mir im Fernsehen anschaue und welche Seiten ich im Internet aufrufe. Es ist nicht egal, welche Computerspiele unsere Kinder beeinflussen. Die Sachen, denen ich mich aussetze, die prägen mich. Ab und zu kommt es vor, dass Frauen mich fragen: ‚Wie soll ich damit umgehen? Mein Mann sieht mich kaum noch an und er fasst mich kaum noch
an – aber ich hab rausgekriegt, dass er abends oft Pornoseiten im Internet aufruft. Und ich habe Angst, dass unsere Liebe dadurch kaputt geht.’  Und wer sich mit Genuss reinzieht, wie in bestimmten Fernsehshows Menschen runtergemacht und bloßgestellt werden, der wird über kurz oder lang von einem solchen Müll geprägt. An vielen Stellen in unserer Gesellschaft wird Müll in unsere Innenwelt, in unser Herz, entsorgt. Darum sollten wir immer mal wieder überprüfen und uns fragen: Was prägt mich, wovon lasse ich mich prägen? Ganz bewusst und willentlich. Denn ich entscheide ja, jedenfalls in vielen Bereichen, was ich in mir aufnehme.  

 
Es können aber auch Menschen sein, die mich prägen. Ihre Worte, die einen Einfluss haben auf meine Innenwelt. Wir leben ja in einer Welt, in der wir ganz oft suggeriert bekommen, dass wir so, wie wir sind, nicht gut genug sind. Dass wir nicht genügen, dass wir nicht ausreichen. Wir müssen immer noch besser werden. Und wenn dann jemand abschätzig über uns sagt: „Ach, der...“, dann vergiftet und lähmt das unser Herz. Das hat Auswirkungen, wenn wir Kindern sagen: „Ach, du kannst das nicht!“ Das wird ihr Herz prägen und sie werden ihr Verhalten danach ausrichten.  Manchmal kann es nur ein Wort sein, was in unsere Seele fällt, das uns verletzt und dass wir uns dann zurückgesetzt fühlen und das ist oft nicht leicht, dass wir das wieder loswerden. Und darum ist es wichtig, dass wir möglichst achtsam mit unseren Worten umgehen und nicht immer gleich alles raushauen, was wir gerade auf der Zunge haben. Und ihr könnt mir glauben – ich weiß, wovon ich rede!    

 
Manchmal ist es auch dran, sich von Menschen zu distanzieren und zu sagen: die tun mir nicht gut, das verletzt mich, das vergiftet mich, das macht mich innerlich kaputt. Und dann ist es wichtig, auf Distanz zu gehen. Und als Gegenmittel zu all dem, was unser Herz belastet, als Gegenmittel ist es wichtig, dass wir immer wieder Gottes Wort in unser Herz fallen lassen. Und Gott sagt: Du bist liebenswert! Du bist mein Sohn, du bist meine Tochter! Und manchmal brauchen wir das richtig, dass wir zu Gott gehen und zu ihm sagen: ‚Gott, ich brauch das, dass du mir das noch mal sagst und dass ich das noch mal spüren kann, dass
du mich lieb hast – denn ich kann das gerade nicht glauben, es ist nicht mehr in meinem Herzen. Ich möchte, dass du das wieder zu mir sagst.’  „Hüte dein Herz.“ Achte auf das, was an Einflüssen von außen auf dich zukommt.

 
(2.:) Jetzt komme ich sozusagen zum Vorsorgebereich – zur Entwicklung und Stärkung unseres Herzens. Wenn unser Herz, und jetzt meine ich die „Pumpe“, wenn unser Herz gestärkt werden muss, dann gehen wir vielleicht in die Muckibude oder joggen, manche nehmen auch ‚Doppelherz‘ oder andere Sachen. Egal wie – viele haben die Erfahrung gemacht: wenn mein Herzmuskel trainiert wird, dann hat das positive Auswirkungen auf mein ganzes Leben: ich habe mehr Ausdauer, bin nicht so schnell aus der Puste, fühle mich besser. Und wenn wir unser „inneres Herz“ trainieren, dann wird sich ein ähnlicher Effekt einstellen: wir werden uns dem, was von außen auf uns zukommt, besser entgegen stellen können. Besser beurteilen können, was gut für uns ist oder was wir kritisch sehen sollten.

 
Dass unser Herz gestärkt wird, das können wir beeinflussen. Dazu gehört eine bewusste Entscheidung, dass wir immer mal wieder innehalten und ehrlich werden vor Gott und sagen: „Herr, hier ist mein Herz, meine Seele. Du musst manches verändern in meinem Denken, auch manche Gefühle müssen vielleicht geheilt werden.“  Dass wir ehrlich werden vor Gott und dass wir ihm sagen, was uns zu schaffen macht, das ist darum so wichtig, weil unser Herz sozusagen immer wieder in Unordnung gerät.   König David hat ja ziemlich viel Müll in seinem Leben angesammelt, manche wissen das. Sein Leben war ja wie’ne Achterbahnfahrt. Er hatte wahnsinnig erfolgreiche Phasen – aber er ist auch entsetzlich tief gestürzt. Und in einem Psalm betet er: „Reinige mein Herz“. Mach mich rein, denn ich hab mich so in inneren Schmutz verstrickt, dass ich da nicht von alleine rauskomme.  Wichtig ist, dass wir solche Herzens-Hygiene beständig üben. Nicht im Sinne eines „muss“ – so als fromme Pflicht, damit wir Gott sozusagen einen Gefallen damit tun. Sondern viel mehr in dem Sinne, dass wir uns damit selber etwas gönnen. So wie wir uns täglich waschen und duschen vielleicht, dass wir so unser Herz auch immer wieder reinigen. Dass wir uns bewusst auch regelmäßig um unsere Seele, um unser Herz kümmern. Und dass wir dem auch eine Wichtigkeit einräumen vor anderen Dingen. Dazu gehört auch, dass wir so gut es geht den Rhythmus einhalten, den Gott für unser Leben geschaffen hat. Auch die Ruhepausen, besonders auch den Sonntag. Und darum habt ihr euch gut entschieden, dass ihr heute hierhergekommen seid! Weil gerade die Zeit in der Kirche, im Gottesdienst, so eine Phase sein kann, die den normalen Alltag durchbricht. Wo wir nichts tun müssen. Uns zurücklehnen können. Wo Gottes Wort uns angeboten wird. Wo wir uns nachher in der stillen Phase vor Gott aussprechen können. Aber auch außerhalb des Gottesdienstes ist es wichtig, dass du dir Gutes tust und auf dich achtest. Auch das gehört dazu, wenn du dein Herz behüten willst!  Und du wirst merken: dein Herz zu behüten, das wird dir tut tun! Das wird auch positive Auswirkungen auf dein äußeres Leben haben.

 
Ich will schließen mit einer Sache, die im Januar 2005 passiert ist: am 9. Januar bestiegen in Southhampton ungefähr 2000 Passagiere das Luxus-Kreuzfahrtschiff Aurora. Vor ihnen lag eine 103tägige Weltreise. Einige von ihnen hatten dafür ungefähr 60.000 Euro bezahlt. Aber dafür bekamen sie auch Luxus pur: Goldene Wasserhähne, teure Designermöbel, exclusive Kabinen, kulinarische Hochgenüsse, hochkarätige Unterhaltung. Das Schiff lag zum Auslaufen bereit. Doch dann verzögerte sich das Ablegen. Zuerst wurde eine zweistündige Verspätung angesagt, aber dann wurden daraus zwei Tage, dann fünf Tage, in denen es nicht losging.  385 Passagiere verließen wütend das Schiff.  Nach 9 Tagen lief die Aurora endlich aus. Aber die Fahrt dauerte nicht lange: am nächsten Tag erreichte die Passagiere die Hiobsbotschaft, dass die Kreuzfahrt endgültig abgebrochen werden müsse.  Was war passiert?   Das Antriebssystem der Aurora hatte gravierende Mängel. Deshalb erreichte das fast 300 Millionen Euro teure Schiff nicht die nötige Betriebsgeschwindigkeit. Anders gesagt: der Unterschied zwischen ihrer imposanten äußeren Erscheinung und ihrem inneren Zustand war der Grund dafür. Das Äußere des Schiffes war absolut glanzvoll. Vom Aussehen über den Service bis hin zu dem, was das Schiff alles zu bieten hatte.  Aber da, wo’s drauf ankam, im verborgenen Bereich der Technik, da war was kaputt gegangen – und dieser Schaden legte letztlich alles lahm. Der innere Zustand stand in keinem angemessenen Verhältnis mehr zur äußeren Ausstattung.  Das kann uns auch im Leben passieren. Wenn wir nur nach Außen orientiert sind und unser Innenleben vernachlässigen. Dann kann’s sein, dass es
irgendwann nicht mehr läuft. Und damit das nicht passiert, „hüte mehr als alles andere dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus.“  Amen.  

 

 
          

 
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