Predigten Mai - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Mai

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Predigt über 1. Petr 5, 7, 1. Sonntag nach Trinitatis ; 29.05.2016

 
Liebe Gemeinde, es gibt nicht viele Menschen, die mich wirklich aufregen. Aber eine Sorte von Menschen kriegt das regelmäßig hin: das sind die, die in allen möglichen Situationen einen frommen Spruch und kluge Ratschläge auf Lager haben.  Bibelworte, die aus dem Zusammenhang gerissen und dann anderen Menschen um die Ohren gehauen werden. Nicht dass wir uns falsch verstehen:  Worte aus der Bibel, aus dem Wort Gottes, sind etwas unglaublich wertvolles!  Aber wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen und oberflächlich benutzt werden – dann ist das nicht sachgemäß  und das kann ich nicht gut ab.  Als ich letztes Jahr krank war, bekam ich eine Karte, da stand drauf: „Lerne leiden, ohne zu klagen.“  Toll – davon wurde mein Bein auch nicht besser!   Jemand anders wollte mich mit einem abgewandelten Wort aus dem Buch des Predigers aufbauen und ließ mich wissen: ‚Alles hat seine Zeit: lachen hat seine Zeit und krank sein hat seine Zeit.‘  Das fand’ ich OK. Und auch, was derjenige mir dann noch empfohlen hat: Wenn du wieder fit bist, dann musst du mit deiner Zeit besser umgehen. Du musst auch mal Arbeit liegen lassen und ‚Nein!‘ sagen. Das klang gut! Aber: als ich einige Zeit später mal  ‚Nein!‘ gesagt habe, und derjenige davon betroffen war, da hat gerade der sich tüchtig über mich beschwert. Und ich habe begriffen: das, was er mir als guten Rat gesagt hatte, das war nur heiße Luft und es steckte nichts dahinter.  Fromme Sprüche und wohlgemeinte Ratschläge – die kann man meistens nicht gebrauchen, wenn man gerade was Belastendes erlebt. Und wenn sie trotzdem kommen, empfindet man sie manchmal als Schläge. Rat-schläge können Schläge sein! Sogar Bibelworte, die doch eigentlich aufbauen und stärken und Mut machen wollen, können zu Schlägen werden.  Und nun geht‘s heute um einen Satz aus der Bibel, der auch so klingt wie so’n frommer Spruch: ‚Alle eure Sorge werft auf ihn: denn er sorgt für euch!‘

 
Letztes Jahr stand es in allen Zeitungen, dass eine bestimmte Sorte von Gewehren, die die Bundeswehr hat, nicht richtig funktionieren. Wenn sie nur wenig benutzt werden, ist alles OK.
Aber wenn’s brenzlig wird, funktionieren sie nicht mehr. Sie taugen nichts für den Ernstfall.
Alle eure Sorge werft auf ihn!“ Dieser Satz will aber gerade im Ernstfall des Lebens eine Hilfe sein. Aber dazu ist es nötig, dass wir ihn nicht oberflächlich benutzen. Denn dann wird auch dieser tolle Satz problematisch. Alle eure Sorge werft auf ihn!  Sag das mal einem Menschen, der vor‘n paar Jahren ein kleines Häuschen gebaut hat und der nun um seinen Arbeitsplatz bangt, mit Hartz IV im Nacken.  Alle eure Sorge werft auf ihn!   Sag das mal einer Mutter, die am Bett ihres schwerkranken Kindes sitzt und bangt, ob das Fieber runtergeht, oder den kritischen Wert übersteigt. Das kannst du noch und noch vor dir hin sagen: Alle eure Sorge werft auf ihn…, wenn du vor dem Arzt sitzt und es schon an seinem Gesicht siehst, dass er dir nichts Gutes zu sagen hat.  
Ich denke, dass vielleicht jeder von uns solche Situationen kennt, in denen gut gemeinte  Worte einfach an den Sorgen abprallen, die einen gerade im Griff haben. Und darum müssen wir aufpassen, dass dieses kostbare Wort Gottes, dass wir unsere Sorge auf Ihn werfen sollen, dass wir damit nicht oberflächlich umgehen und dass wir kucken, wie wir aus dem Würgegriff der Sorge rauskommen.

 
Zuerst einmal: Sorgen gehören zu unserem Leben einfach dazu! Plötzlich sind sie da. Sie sind unvermeidbar. Wie Müll. Der fällt einfach an. Aber er muss entsorgt werden, sonst werden wir davon krank.  Müll, der sich wochenlang in Häusern und Straßen stapelt, vergiftet die Umwelt und zieht Seuchen nach sich.  Genauso ist es mit den Sorgen. Wenn ich sie nicht in den Griff kriege, kriegen sie mich in den Griff und machen mich krank.  
Aber was hilft mir, wenn ich Sorgen habe? Was kann mich entlasten von den Gedanken, die immerzu um das eine kreisen, das mir Sorgen macht?  Erstmal hilft es, wenn jemand da ist, dem ich von meinen Sorgen erzählen kann. Es ist wichtig, dass mir jemand zuhört. Entweder jemand, der mir vertraut ist: Der Partner, eine gute Freundin, ein Nachbar, ein Seelsorger. Oder jemand, den ich gar nicht kenne, bei dem ich anonym meine Sorgen abladen kann, etwa bei der Telefonseelsorge.  Die Menschen, denen ich von meinen Sorgen erzähle, können oft meine Probleme nicht lösen.  Aber sie hören mir zu. Sie fühlen mit. Sie suchen mit mir zusammen nach Lösungen. Das tröstet.   Es tut gut, wenn ich jemandem mein Herz ausschütten konnte.

 
Unser Predigttext gibt noch eine andere Hilfe, um mit den Sorgen fertig zu werden: „Alle eure Sorge werft auf Gott.“ Also: anstatt, dass die Sorge mich auffrisst, soll ich sie von mir wegwerfen. Hin auf Gott.  Der kann sie besser tragen als ich. Weil er stärker ist. Und er hat immer noch Möglichkeiten, auch wenn ich schon längst auf’m Schlauch stehe.
Aber dass wir das merken, dass Gott uns hilft, dass die Sorgen uns nicht in den Griff kriegen, das ist ein Wagnis, das ich eingehen muss. Theoretisch und mit logischen Argumenten kriege ich die Sorgen nicht weg. Mit positivem Denken auch nicht. Und verdrängen hilft auch nicht – irgendwann kommen sie umso stärker wieder zum Vorschein. Wenn ich Sorgen los-
werden will, dann muss ich mich darauf einlassen, dass es eine Instanz gibt, die Sorgen wirklich aus der Welt schaffen, also entsorgen kann. Und da sagt die Bibel: Probier es aus! Wage es! Lass los! Wirf deine ganz konkrete Sorge auf Gott!  

 
Da steht ‚werft‘. Das ist etwas anderes als ‚hinlegen‘.   Werfen ist anstrengend. „Alle eure Sorge werft auf Gott...“ – dabei muss ich immer an die Hammer- und Diskuswerfer in der Leichtathletik denken. Wenn die den Hammer oder die Diskusscheibe werfen, dann nehmen die erstmal einen gewaltigen Anlauf und wenn sie das Teil dann wegschmeißen, dann schreien die richtig laut. So anstrengend ist das!  Und unsere Sorgen auf Gott werfen – das ist auch anstrengend! Es ist schwer, die Sorgen los zu lassen. Und das wegwerfen von Sorgen ist darum so schwer, weil wir in dem Moment ja noch nicht wissen, wie es ausgeht. Ob wir sie wirklich loswerden. Ob wir wirklich entlastet werden. Und um es herauszukriegen, müssen wir es probieren. Kinder sind uns in diesem Punkt voraus: wenn Kinder Angst haben und unsicher sind, dann packen sie die Hand von Mama oder Papa und werden mutig.  Mir erzählte jemand, dass er mit seinen Enkelkindern im Schwimmbad gewesen ist. Das kleine Mädchen wollte die große Rutsche nicht runtersausen, sie hatte Angst. Und da hat ihr kleiner Bruder gesagt: Du, das darfst du wohl – Gott und Opa sind ja bei dir! Und da hat sie es gewagt und:  sie hat es geschafft!  Genau das meint dieser Vers aus der Bibel: “Alle eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch!“  Das kleine Mädchen im Schwimmbad ist erst dahinter gekommen, dass das stimmt, was ihr Bruder gesagt hat, als sie es ausprobiert hat. Und so ist das auch mit unseren Sorgen. Dass sie uns aus ihrem Griff lassen, und dass sie uns nicht mehr die Luft abdrücken, das werden wir erst merken, wenn wir es wirklich wagen, sie auf Gott zu werfen. Auch, wenn’s anstrengend ist.  Und es ist ja anstrengend, wenn Hartz IV droht und die Zwangsversteigerung vom Haus, diese Sorge auf Gott zu werfen.
Und es ist anstrengend, wenn dein Kind so schlimm krank ist, diese Sorge auf Gott zu werfen. Und es ist anstrengend, mit einer schlimmen Diagnose fertig zu werden.  Aber: es ist immerhin eine Chance, die wir haben, damit wir unter unseren Sorgen nicht kaputt gehen. Und damit wir die Kraft, die die Sorgen aus uns raussaugen – dass wir diese Kraft darauf verwenden können, uns gegen das Problem zu stemmen, was uns gerade Sorgen macht.
Ich bin überzeugt: wenn wir unsere Sorge auf Gott werfen, dann wird er uns das zeigen, dass auch der Rest des Satzes stimmt: ‚...denn er, Gott, sorgt für euch!‘.  Ich wünsche Euch und mir den Mut, dass wir dann, wenn’s drauf ankommt, es riskieren und uns darauf einlassen können, dass wir wirklich alle unsere Sorgen auf Gott werfen und dass wir spüren: Er sorgt für uns! Amen.

 
          

 
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