Predigten November 2015 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

Direkt zum Seiteninhalt

Predigten November 2015

Predigten > 2015
Predigt über „MS Albatros vor Schleuse Brunsbüttel“ und Johannes 8, 12;
Adventsingen; 29.11.2015

Liebe Gemeinde, ich habe ein Bild mitgebracht – ich habe es gemacht in der Nacht vom 29. zum 30. August bei meiner Reise als Bordseelsorger auf der MS Albatros durch die Ostsee.
Ungefähr um Mitternacht liegen wir vor der Schleuse Brunsbüttel und warten darauf, dass wir in den Nord-Ostsee Kanal einfahren können.

Ich finde: ein faszinierendes Bild ist das – dieser Gegensatz von hell und dunkel. So deutlich habe ich dieses Nebeneinander von hell und dunkel kaum einmal erlebt.  Dazu der Mond,
der sich spiegelt - irgendwie romantisch, so wie man sich eine Seefahrt vorstellt – und ich
muss sagen: davon hat es auch ganz viel!

Dieses Bild ist, wenn man so will, ein Abbild unserer Wirklichkeit: in unserem Leben gibt es
oft auch einen krassen Gegensatz von Hell und Dunkel – und manchmal empfinden wir das
dann gar nicht mehr nur als faszinierend oder romantisch, sondern da schwingt auch noch
was anderes mit. Das ging mir übrigens auch so, als ich auf der Albatros dieses Foto
gemacht habe: auf der einen Seite war dieser starke Gegensatz von Hell und Dunkel
faszinierend – aber gleichzeitig tat das schon fast meinen Augen weh. Eine Wohltat war da
der Mond. Gar nicht so strahlend hell, aber er war da! Sein Licht spiegelte sich auf dem Was-
ser – und so entstand eine ruhige Atmosphäre und dieser krasse Gegensatz von hell und dunkel wurde für meine Augen erträglich.

Das Foto – ein Abbild unserer Wirklichkeit.  Hier: unterwegs unter dem Kommando von Kapitän Morten Hanssen mit der MS Albatros über die Ostsee – in unserem Leben sind wir unterwegs auf dem Meer der Zeit. Und in manchem geht es uns sozusagen ganz ähnlich wie den Menschen auf dem Schiff: mit der Albatros kamen wir langsam aber sicher voran – im Normalbetrieb ungefähr 25-30 km/h. So ging es von Hafen zu Hafen. In unserem Leben ist es so ähnlich – da kommen wir auch voran: von einer Lebensphase zur anderen: kaum haben unsere Kinder ihr erstes Kindergartenjahr hinter sich, fangen sie an zu quengeln: wann komm ich endlich zur Schule?!  Kaum sind sie dann in der Schule, geht es weiter: die ‚große‘ Schule lockt, es geht weiter!  Dann bei den meisten: die Konfirmation! Und: hoffentlich werd‘ ich bald 16!  Wenn man 16 ist: hoffentlich bin ich bald 17 – damit ich den „Führerschein mit 17“ machen kann! Wenn man dann 17 ist – hoffentlich bin ich bald 18! Endlich alleine Auto fahren ohne Mama oder Papa daneben.
Man kann die Stufen nennen, wie man will: Schule, Ausbildung/Studium, Arbeit; oder auch: Verliebt, verlobt, verheiratet, Familie gründen.   Oder: Grundstück kaufen, bauen, einziehen.  Egal, was und wann es ist: in jeder Phase unseres Lebens sind wir unterwegs, haben immer etwas vor uns und bewegen uns darauf zu. Und ich sage ausdrücklich: Gott sei Dank ist das so! Was wäre ein Leben, in dem man nichts mehr vor sich hätte!  Wie eine Kreuzfahrt ohne Ziel!

20 Tage Kreuzfahrt hatte ich vor mir – ich hab‘ mich tierisch drauf gefreut! Aber ehrlich gesagt habe ich trotz aller Vorfreude auch so’n bisschen dagegen angesehen: so lange war ich noch nie von zu Hause weg!  Aber ich kann euch gar nicht sagen, wie schnell diese drei Wochen vergangen sind!  Und auch das ist in unserem Leben so ähnlich: wenn man nach vorne kuckt, denkt man oft: das dauert aber noch lange! Bis ich endlich „18“ bin, oder bis ich mein eigenes Geld verdiene, oder bis wir unser Haus fertig haben, oder bis ich auf Rente
bin...  Und dann –nullkommanix-  ist es schon soweit!  Unsere Reise auf dem Meer der Zeit geht schnell – und manchmal erschrecken wir davor, wie schnell unsere Jahre dahineilen.

Auf dem Schiff und in den Häfen habe ich viel gesehen: die Meerjungfrau in Kopenhagen, die kurische Nehrung in Litauen, die goldenen Kuppeln der Kathedralen in St. Petersburg, die traumhaften Landschaften in Finnland, Schweden und Norwegen und, und, und.  Auch auf dem Schiff selber gab es auch viel zu sehen und zu erleben: das leckere Essen und die schmackhaften Cocktails, die tollen Bordshows, oder: gemütlich hinten auf dem Außendeck sitzen und dem Plätschern der Wellen zuhören, oder im Liegestuhl vor sich hindösen. Wunderbar!  Und wie wunderbar ist es und was für ein großes Geschenk, wenn wir das in unserem Leben auch so haben können: dass wir uns an vielem freuen können! Dass nicht alles grau in grau ist! Dass wir von Zeit zu Zeit wunderbare Höhepunkte erleben können – und auch in unserem Alltag uns daran freuen können, wenn es uns gut geht. Das ist mir in diesen Tagen nochmal so bewusst geworden bei euch, liebe Trauerfamilie Bless: die 86 Lebensjahre eures Vater und Opas sind zu Ende – seine Reise auf dem Meer der Zeit ist ans Ziel gekommen und er hat im letzten Hafen festgemacht. Und als wir zurückgeblickt haben, da sind uns immer noch mehr und mehr Dinge in den Blick gekommen, von denen wir sagen: was war das schön, dass er das so erlebt hat und dass wir das miteinander so erleben konnten!

Und so ist es bei jedem von uns: unser Lebensschiff steuert von Hafen zu Hafen, von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt – und unterwegs erleben wir viele Dinge, an denen wir uns freuen können!  Und wenn das bei uns gerade so ist, dann sollen wir es annehmen und Gott dafür „Danke!“ sagen – und auch das habe ich auf dem Schiff oft erlebt: in den 11 Gottesdiensten und Andachten, die ich dort gefeiert habe und in unzähligen Gesprächen: dass es Menschen ein Bedürfnis war, bewusst auch Gott ‚Danke!‘ zu sagen für die schönen und erfüllenden Dinge der Fahrt mit ihrem Lebensschiff über‘s Meer der Zeit! Aber auch das andere war oft ein Thema – und viele Gespräche drehten sich genau um diese Erfahrung: dass nämlich Licht und Dunkel oft sehr nahe und bedrohlich nebeneinander liegen.  

Der große Kreuzfahrtliner mit all seinem Licht und seinen Annehmlichkeiten – er fährt doch über’s Meer. Tief. Kalt. Unberechenbar. Und das darf man nicht aus dem Blick verlieren – und darum findet gleich am Anfang jeder Kreuzfahrt eine Rettungsübung statt:  alle müssen sich damit vertraut machen, wo sie im Fall des Falles ihre Schwimmweste finden, wie man die anlegt, und wohin man sich flüchten kann, wenn’s drauf ankommt und wie man den Weg dorthin findet und welches Rettungsboot dann für einen vorgesehen ist.   Und auch wenn diese Übung in einem lockeren Ton gehalten wird – man spürt doch, dass das kein Spaß ist, sondern dass es im  Ernstfall ums nackte Überleben geht.  Wenn man da mit der Schwimmweste um den Hals auf dem Promenadendeck steht, einem der kalte Wind um die Ohren pfeift, wenn man die Wellen an’s Schiff klatschen hört und wenn man sich dann vorstellt, dass man da runterspringen muss oder auf einem kleinen Boot im Wasser treibt – wenn das Wirklichkeit würde, dann hätte das nichts mehr mit Romantik zu tun und das dunkle Wasser würde zum Feind und würde uns vernichten.

Alle hoffen, dass dieser Ernstfall nie eintritt – und auf einer Kreuzfahrt ist das ja meistens auch so. Aber in unserem Leben ist das nicht immer so. Und wie mancher unter uns hat es schon so erlebt! Dass plötzlich dort, wo es gerade noch so schön war, sich alles ins Gegenteil verkehrte: die entmutigende Diagnose;  der schlimme Unfall; oder wenn man mit Vater und Mutter nicht mehr reden kann, weil ihr Verstand sich auflöst. Oder wenn man bei seinen Kindern miterleben muss, dass sie es schwer haben und dass man ihnen doch nicht wirklich helfen kann. Und wenn man zur Zeit in die Welt kuckt, dann kriegt man unwillkürlich Angst vor der Dunkelheit, die der Terror über Menschen und Völker bringt.

Egal, durch was: wir werden immer wieder damit konfrontiert, dass auf unserer Reise auf dem Meer der Zeit Licht und Dunkelheit ganz nah‘ beieinander liegen! Dass sich Abgründe unter uns auftun und dass Entsetzen uns packt und dass wir uns fühlen wie auf einem sinkenden Schiff, und dass wir nicht wissen, wie es ausgeht.

Und ihr glaubt gar nicht, liebe Gemeinde, wie viele Menschen ich auf dem Schiff getroffen und gesprochen habe, die genau diese Erfahrung gemacht haben – genau wie oft in unserer Gemeinde: dass das Dunkle des Lebens nach ihnen griff und alles auf den Kopf gestellt hat – und ich glaube, dass auch darum die Gottesdienste dort immer voll besetzt waren, so wie ihr alle heute Abend hier seid: dass Menschen sich danach sehnen, dass das Dunkle durchbrochen wird! Dass es sich nicht grenzenlos ausweiten kann und alles verschlingt.  Dass dem Dunklen etwas entgegengesetzt wird. Etwas, das einem hilft, dass man mit diesem krassen Gegensatz zwischen hell und dunkel leben und umgehen kann.  
Auf diesem Bild vor der Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal ist das der Mond. Ruhig und still steht er über dem Wasser. Richtet die Blicke auf sich, beruhigt das Gemüt. Sein Licht bricht sich auf den Wellen –  es scheint zum Greifen nahe.  

Danach sehnen wir uns auf der Reise auf dem Meer der Zeit: dass dem Dunklen etwas entgegengesetzt wird. Etwas, das uns hilft, dass wir mit diesem krassen Gegensatz zwischen hell und dunkel leben und umgehen können. Nicht im bodenlosen Meer versinken.  Jesus Christus spricht: „Ich bin das Licht der Welt!“  „Ich bin das Licht der Welt!“  Viel mehr als der vergängliche Schein des Mondes!  Und so wie die Wellen des Mondscheins sich ausbreiten, so breiten die Wellen dieses Lichtes sich auch aus – bis hierhin, bis heute Abend hier in diesen Raum. Jesus Christus, das Licht, ist da!  Manche haben es erlebt – dass durch Ihn ihr Gemüt beruhigt wurde. Dass die Dunkelheit nicht grenzenlos war. Sie trotz allem durchatmen konnten. Dass der krasse Gegensatz von hell und dunkel irgendwie erträglich wurde.

Machen wir uns nichts vor: dieser Gegensatz bleibt bestehen! So lange wir auf dem Dampfer unseres Lebens über das Meer der Zeit fahren – immer wieder werden wir in diesen Gegensatz zwischen hell und dunkel hineingeraten. Auf viele Fragen auch keine Antwort be-
kommen. Und trotzdem gilt das, was wir bald wieder singen werden: „Christ, der Retter ist da!“ Amen.


        

Zurück zum Seiteninhalt