05.05.2019 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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05.05.2019

Predigten > 2019 > Mai 2019
 
Johannes 10, 11-16; Misericordias Domini; 05.05.2019

Liebe Gemeinde, der Abschnitt aus der Bibel, der für heute zur Predigt empfohlen ist, steht im Johannesevangelium im 10. Kapitel. Dort spricht Jesus:  „Ich bin der gute Hirte.
Ein guter Hirte ist bereit, für seine Schafe zu sterben. Wer die Schafe nur gegen Lohn hütet, läuft davon; denn die Schafe sind ihm gleich-gültig. Er ist kein richtiger Hirt. Darum lässt er sie im Stich, wenn er den Wolf kommen sieht, und läuft davon. Dann stürzt sich der Wolf auf die Schafe und jagt die Herde auseinander. Ich bin der gute Hirte. Ich kenne meine Schafe, und sie kennen mich ... Ich bin bereit, für sie zu sterben.“

 
Jesus – der Hirte,  und  wir – die Schafe! Es klingt vielleicht nicht besonders schmeichelhaft, mit einem Schaf verglichen zu werden – schließlich gibt es andere Tiere, mit denen man normalerweise lieber verglichen werden möchte. Wenn er zu ihr sagt: „Mein Täubchen“, dann klingt das ja nun mal irgendwie netter als wenn Er zu seiner Liebsten sagt: „Du Schaf“.   Aber bei Jesus hat das einen besonderen Grund, warum er oft  von Schafen spricht oder auch andere Beispiele aus der Landwirtschaft nimmt: Jesus hat ja in einer Gegend gelebt, die ganz stark von der Landwirtschaft geprägt war. Und wenn er Menschen etwas von Gott deutlich machen wollte, hat er oft Bilder und Vergleiche aus der  Landwirtschaft genommen, weil seine Zuhörer damit auf Anhieb etwas anfangen konnten. Und wenn Jesus nun davon spricht, dass er ein guter Hirte ist und wir seine Schafe, dann fiel seinen Zuhörern damals dazu sofort einiges ein, zum Beispiel dies: Schafe brauchen einen Hirten!  
  
Wir hatten früher zuhause Schweine, Kühe und Schafe. Von den Schweinen weiß ich nicht mehr viel mehr, als dass sie wahnsinnig futterneidisch herumdrängelten, wenn Oma ihnen was in den Futtertrog gekippt hatte.  Und dass sie sehr lecker waren, wenn sie dann als Sniertjebraten auf dem Tisch landeten. Von den Kühen weiß ich, dass sie ihren Stall immer selber gut wiedergefunden haben, wenn sie nach der Saison wieder nach drinnen mussten. Das klappte ganz gut mit der Orientierung bei ihnen. Bei den Schafen war das ganz anders: die irrten umher und wenn Oma nicht immer laut gerufen hätte und vorangegangen wäre, dann hätten sie den Stall wahrscheinlich von selber nicht gefunden.

 
Schafe brauchen jemanden, an dem sie sich orientieren können, von selber können sie das nicht. Die fressen einfach vor sich hin und haben keinen Schimmer davon, wo sie hinmüssen. Wenn sich nicht jemand darum kümmern würde, dann würden sie sich pausenlos verlaufen und letztlich zugrunde gehen. Besonders in der Gegend, wo Jesus lebte. Das war ja eine Wüstengegend und es gab nur wenige Stellen, wo es genügend saftiges Gras gab und es gab auch nur ganz wenige Wasserstellen. Und wenn dort Schafe keinen Hirten haben, der seinen Job gut macht, dann dauert es nicht lange, bis sie jämmerlich umkommen. Weil sie weder was zu fressen noch zu saufen finden und weil sie nachts selber gefressen würden von wilden Tieren, die auf Beutejagd sind.

 
Ein Schaf ohne Hirte ist ein Schaf ohne Orientierung und ohne günstige Lebens-Chancen. Und das ist der erste Punkt, auf den es Jesus ankommt, wenn er sich mit einem Hirten und uns mit Schafen vergleicht: wir brauchen jemanden, an dem wir uns orientieren können. Menschen, an denen wir uns orientieren können – das sind Vorbilder.  Wir leben ja in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der viele positive Werte ihre Kraft verlieren. Ehrlichkeit, Treue, Gewissenhaftigkeit – das sind nur ein ganz paar solcher Werte. Und wir merken ganz oft: unsere Gesellschaft leidet darunter, dass viele nicht mehr ehrlich sind. Wie viel Elend entsteht dadurch, dass erschreckend viele Menschen nicht mehr treu sind. Und was entstehen manchmal für menschliche Tragödien, wenn man sich auf einen anderen nicht mehr verlassen kann.  Unsere Gesellschaft leidet darunter, dass viele Werte gleich-gültig geworden sind. Und darum brauchen wir das einfach, dass wir Vorbilder haben, an denen wir uns orientieren können. Bei Kindern ist es noch am deutlichsten, dass sie jemanden brauchen, der ihnen vorangeht und ihnen die Regeln vermittelt, die sie brauchen, wenn ihr Leben gelingen soll.  Kinder brauchen es, dass ihnen jemand hilft, mit der Freiheit umzugehen, aber auch dafür, dass sie fähig werden, in guten Bindungen zu leben. Kinder brauchen es auch, dass sie bestimmte Grenzen kennen- und akzeptieren lernen.
Manche Eltern erziehen ihre Kinder ja so, dass sie alles tun können und alles dürfen. Fürs erste mag das wohl bequem sein – dann meckern die Kinder ja nicht so viel herum, wenn ihnen alles erlaubt ist. Aber aufs Ganze tun wir unseren Kindern damit überhaupt keinen Gefallen: wer nicht lernt, mit Grenzen zu leben, kann auch mit der Freiheit nicht umgehen.
Wer nicht lernt, dass es bestimmte Dinge gibt, die nun einmal nicht getan oder nicht gesagt werden dürfen, die werden es enorm schwer in ihrem Leben haben. Und einmal werden ihnen Menschen begegnen, die ihnen diese Grenzen beibringen – und oft sind das dann aber Menschen, die es nicht gut mit ihnen meinen.
Kinder, junge Erwachsene – sie brauchen dringend gute Vorbilder. Menschen, an denen sie sich orientieren können. Aber wir anderen brauchen auch Vorbilder. Überlegt doch bitte mal: wer ist für Euch ein Vorbild? Einer, nach dem Ihr Euch richtet? Vielleicht helfen Euch die folgenden Fragen dabei etwas: kennst Du einen, der in einer schwierigen Lage so viel Kraft ausstrahlte, dass Du wieder durchatmen konntest?  Kennst Du jemanden, der sich mit viel Leidenschaft für etwas einsetzt und engagiert? Wen kennst Du, von dem Du sagst: dem glaube ich, dem vertraue ich! ... ...

 
Wir Menschen brauchen Vorbilder. Andere, die uns helfen, dass wir uns zurechtfinden im Leben. Und das ist ein Grund dafür, dass Jesus sich in diesem Bibelabschnitt als der gute Hirte anbietet: in ihm begegnet uns ja Gott selber. Der, von dem wir unser Leben haben. Er kennt uns – weil er uns erschaffen hat. Er weiß, was uns glücklich macht und er weiß, was uns nervt. Er weiß, worin du richtig gut bist. Er weiß, wovor du Angst hast. Er weiß, was du dir für deine Zukunft erträumst. Er weiß, was dir peinlich ist. „Ich bin der gute Hirte“, sagt Jesus, und: “Ich kenne meine Schafe.“ Er weiß alles von dir – und trotzdem liebt dich so wie er!

 
Und er möchte, dass aus unserem Leben etwas wird. Er ist der Fachmann für ein gelingendes Leben. Und wenn wir unseren Kindern etwas gönnen wollen, was ihrem Leben dienlich ist, dann sollten wir sie mit Jesus Christus in Verbindung bringen. Wenn wir unseren Kindern eine gute Orientierung bieten wollen, dann sollten wir sie mit Jesus bekannt und vertraut machen. Zum Beispiel dadurch, dass wir ihnen von klein auf Geschichten von Jesus erzählen. Dass wir mit ihnen beten. Und dass wir für sie beten. Und je eher wir damit anfangen, desto größer ist die Chance, dass unsere Kinder Vertrauen zu Jesus Christus gewinnen, dass sie ihren himmlischen Vater lieb gewinnen.   Und für uns selber gilt das auch: wenn wir eine verlässliche Orientierung gewinnen wollen, dann kommen wir letztlich an Gott nicht vorbei!

 
Natürlich – auch Menschen können gute Vorbilder sein. Aber genau so klar ist auch: Menschen haben ihre Grenzen. Menschen haben auch ihre Fehler. Ich denke an jemanden, der mir lange ein Vorbild gewesen ist. Zu dem ich aufgeschaut habe. So wie er wollte ich auch gerne sein. Und dann hat der mich einmal total hintergangen und ist mir in den Rücken gefallen. Und das hat mich so enttäuscht und nun ist dieser Mensch für mich kein Vorbild mehr.  So etwas kann passieren – weil wir Menschen sind. Mit Fehlern und Macken.  
Oder etwas anderes, was mir passiert ist: ich sitze am Schreibtisch, Handy klingelt, nette sympathische Stimme dran. Eine Dame, die im Auftrag meines Telefon-Anbieters anrief.  Sie bot mir eine Änderung meines Vertrags an. So, dass ich letztlich günstiger telefoniere als bis-
her. Ich bin ja nun keiner, der blind alles glaubt. Darum habe ich nach Details gefragt. Sie hat mit viel Geduld geantwortet, ich merkte: sie hat Zahlen vor sich und weiß genau, wie oft und zu welchem Zweck ich mein Handy nutze. Sie hat mir dann geduldig alles vorgerechnet – und irgendwann hab ich zugestimmt, dass mein Vertrag geändert wird. Wer will denn nicht, dass es noch’n bisschen günstiger wird als bisher?!  Ich hab der guten Frau geglaubt – nicht nur, weil sie eine sympathische Stimme hatte, sondern weil sie sich offenbar gut mit meinem Telefonierverhalten auskannte.   Dann kam die nächste, die übernächste und die überübernächste Rechnung und mir wurde jedesmal klarer: ich zahle jetzt jeden Monat ungefähr 10 Euro mehr als vorher! Toll! Da vertraust du jemandem, der sich offensichtlich gut auskennt und dir überzeugend sagt, was gut für dich ist – und bums fällst du auf die Nase!

 
Diese Erfahrung meint Jesus, wenn er sagt: „Wer die Schafe nur gegen Lohn hütet, läuft davon; denn die Schafe sind ihm gleichgültig.“  Manche, an denen wir uns orientieren, nutzen unser Vertrauen nur, um ihr eigenes Schäfchen ins Trockene zu bringen. Sie denken nur an ihren Vorteil und nicht an mein, an unser Wohlergehen. Bei Jesus ist das anders.  Er denkt nicht an seine eigenen Interessen. Bei ihm ist es genau umgekehrt: er hat sein eigenes Interesse zurückgestellt, damit mir geholfen wird. Das sehen wir am deutlichsten daran, dass er den schlimmen Tod am Kreuz auf sich genommen hat. Das ist das deutlichste Zeichen dafür, dass es ihm, Jesus, wirklich um uns geht – um dich und um mich. Und wenn er sagt, dass er der gute Hirte für uns ist, dann bedeutet das: an ihm können wir uns orientieren, ohne dass wir damit auf die Nase fallen! An Ihm können wir uns orientieren und müssen keine Angst haben, dass er uns in den Rücken fällt. Dass er das, was er von uns weiß, gegen uns verwendet.

 
Wer ein echtes Vorbild sucht, auf das er sich verlassen kann, der sollte es sich gönnen, in eine Beziehung zu Jesus Christus zu treten. Auf seine Stimme zu hören. So wie jetzt zum Beispiel, im Gottesdienst. Oder der sollte es wagen, mit Jesus zu reden, zu beten. Und wenn wir in einer solchen Beziehung zu Jesus Christus leben, dann werden wir dadurch nicht nur selber eine gute Orientierung für unser Leben bekommen. Sondern der wird im Laufe der Zeit auch für andere zu einem guten Vor-bild werden. Darum kann ich nur sagen: wenn Jesus der Hirte ist, dann will ich gerne Schaf sein! Das ist für mich gut und das ist für andere gut! Amen.  

 

 

 
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