17.03.2019 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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17.03.2019

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Römer 5, 1-5; Reminiscere; 17.03.2019

 
Liebe Gemeinde, ich lese den Predigttext, Rö 5, 1-5:  Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir  Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,  Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.  

 
Aus diesem Abschnitt will ich einen Gedanken herausgreifen: ‚Nun haben wir Frieden mit Gott.‘   Das ist das erste, was hier steht. Und das ist dem, der es geschrieben hat, besonders wichtig: dass Menschen Frieden mit Gott haben. Aber ich glaube, dass das für viele heute kein Thema ist. Wir haben andere Themen, die uns wichtig sind: ob wir mit dem Geld zurechtkommen; ob wir gesund bleiben, und wie es weitergeht, wenn wir nicht mehr für uns selbst sorgen können und womöglich pflegebedürftig werden.  Und wenn der „Friede“ schon unser Thema ist, dann in ganz anderen Zusammenhängen: wir möchten, dass Friede bleibt in unserem Land - und dass woanders Friede wird, in Syrien zum Beispiel. Auch der Frieden untereinander ist ein Thema – Frieden in Ehen, in Familien, in Nachbarschaften,  und auch der Friede mit uns selbst. Das erschüttert mich in der Seelsorge immer wieder, wie viele Menschen im Unfrieden mit sich selbst leben. Weil sie sich und ihr Leben nicht so annehmen können, wie es ist. Immer wieder denken sie über das nach, was sie für Gelegenheiten verpasst und was sie versäumt und was sie falsch gemacht haben und sie finden einfach keinen Frieden darüber. Und wenn im Predigttext stehen würde: "Nun habe ich Frieden mit mir selbst gefunden!" - dann würden viele hellwach sein und fragen: ‚Ja, wie denn? Wie hast du Frieden mit dir selbst gefunden?‘   

 
In diesen Zusammenhängen kommt  "Frieden" bei uns vor – aber „Frieden mit Gott“, das ist eher kein Thema. Und ich glaube das liegt daran, dass viele denken: Kirche, Gott, überhaupt der ganze Glaubenskram – das hat doch mit meinem Leben nicht wirklich was zu tun!  Aber der, der diese Worte für heute aufgeschrieben hat, ist überzeugt: das hat durchaus miteinander zu tun!  Wenn wir unser Leben bewältigen wollen, dann hat das viel damit zu tun, ob wir Frieden mit Gott haben. Und darum will der Text heute ein Beitrag zur Lebensbewältigung sein. Wenn da etwas bewältigt werden muss, womit wir nur schwer zurechtkommen. Das, womit wir nur schlecht zurechtkommen und was uns zu schaffen macht, das fasst Paulus zusammen mit dem Wort "Bedrängnis". Davon gibt es viele. Etwas, das uns bedrängt und das Leben schwer macht. Das uns einengt in unsern Möglichkeiten. Was uns einen dicken Kloß im Hals macht und die Luft abschnürt. Vielleicht die Situation auf der Arbeit. Dass da so viel Druck ist.  Für andere ist vielleicht eine Krankheit eine große Bedrängnis. Oder dass bei den Kindern oder Enkelkindern gründlich was schief läuft.  Bei jedem ist das unterschiedlich – aber es gibt kaum ein Leben ohne Bedrängnis. Und längst nicht alles davon ist in den Griff zu kriegen.  Natürlich wollen wir das gerne, dass wir aus so einer Bedrängnis wieder rauskommen! Darum gehen wir bei einer Krankheit zum Arzt oder nehmen bei anderen Sachen Beratung in Anspruch. Aber wenn das auch oft gelingt - es gibt trotz allem eben auch Bedrängnisse, aus denen kommen wir nicht raus!  Mein Vater z.B. hat seit etlichen Jahren einen Tinnitus. Er sagt: Das ist wie so’ne Kreissäge, mal etwas leiser, dann wieder etwas lauter. Am lautesten nachts, und darum kann er kaum schlafen. Er ist
von einem Arzt zum andern gegangen und hat es mit schweren Medikamenten probiert - aber der Tinnitus ist immer noch da. Und die Ärzte sagen: ‚Damit müssen Sie leben!‘  

 
"Damit musst du leben!" - vier Worte sind das bloß. Aber wenn dir das gesagt wird: mit deinem Ohrgeräusch musst du leben; oder damit, dass die kaputte Beziehung zu deinen Kindern nicht wieder in Ordnung kommt, oder: dass deine Kinder, deine Enkel ihr Leben nicht in den Griff kriegen, damit musst du leben - wenn dir das gesagt wird, dann werden diese vier Worte zur unwahrscheinlich schweren Last. Bei manchen führt das dazu, dass sie überhaupt nicht mehr nach vorne kucken können. Sich nicht mehr vorstellen können, wie es weitergehen soll. Und auch uns als Christen werden solche Bedrängnisse nicht erspart.  Wir sind ja nicht sozusagen imprägniert dagegen, so dass nichts uns etwas anhaben kann. Und auch bei uns kann es sein, dass alle Versuche, die Not zu wenden, scheitern. Und genau das ist so eine Lage, die Paulus mit dem Predigttext heute vor Augen hat.  Das bringt er in Beziehung zueinander:  auf der einen Seite die Bedrängnis, aus der wir nicht rauskönnen – und auf der anderen Seite das, was hier ‚Friede mit Gott‘ genannt wird. Und er meint: wenn wir Frieden mit Gott haben, dann nimmt uns das nicht unbedingt aus einer Bedrängnis raus. Wenn wir Frieden mit Gott haben, dann geht es uns dadurch erstmal nicht besser als anderen Menschen.  Aber wer in einer lebendigen Beziehung zu Gott lebt, dem ermöglicht Gott es, sich dem Leben zu stellen.  Wo Friede mit Gott ist, da wird es auch möglich, dass Menschen Frieden machen können mit der Lage, in der sie sind.  Der Glaube an Jesus Christus hilft, das anzunehmen, dass eine bestimmte Bedrängnis vielleicht nicht geheilt werden kann, sondern bleibend zu unserem Leben dazugehört. Nicht so, dass wir von vornherein sagen: dass soll nun so sein, dass ich‘n Tinnitus habe - und ich gehe gar nicht erst zum Arzt, oder: mit meinen Kindern kann ich sowieso nicht reden, das brauch’ ich gar nicht erst probieren! So ist das nicht gemeint. Gemeint ist: obwohl ich mich um Hilfe bemüht habe, gibt es sie nicht - und dann mit dieser Lage fertig zu werden, das aushalten zu können, darum geht es.  Paulus nennt das so:  "Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt" -  und mit dem Wort "Geduld" ist gemeint: dass wir den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern dass wir der Lage standhalten. Das Wort ‚Geduld‘ bedeutet in der ursprünglichen Version: ‚drunter bleiben‘: da, wo ich aus einer Bedrängnis nicht rauskomme, drunter zu bleiben. Sich dem zu stellen und lernen, damit zu leben.

 
An dieser Stelle denkt Paulus noch einen Schritt weiter, er sagt: "Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung..."  Das ist kein Satz aus einem klugen Ratgeberbuch, sondern das ist eine Erfahrung, die Paulus in seinem Leben so gemacht hat. Er hat für sich erfahren: das, was ich als Bedrängnis empfunden habe, darin lag auch  eine Chance. Das, was erst so aussah, als würde es mein Leben zerstören, das hat gleichzeitig auch meinem Leben eine andere Richtung gegeben.  Und das ist ja etwas, was auch Menschen aus unserer Gemeinde erlebt haben. Ein Elternpaar erzählte mir das. Ihr Kind ist unter sehr schwierigen Umständen zur Welt gekommen. Die Schwangerschaft war schon eine Qual und bei der Entbindung hing das Leben von Mutter und Kind am seidenen Faden und die ersten Jahre waren nur von Krankheit geprägt. Das war eine ganz schwere Zeit für diese Familie. Aber heute sagen sie: dadurch haben wir einen ganz neuen Blick für unser Leben bekommen. Wir leben viel bewusster. Gehen auch anders, achtsamer miteinander um.  Das haben sie so erfahren. Dass aus dieser ersten, großen Krise ihres Lebens auch was Gutes gewachsen ist. Ihre ganz persönliche Erfahrung, die in einer langen und belastenden Zeit gewachsen ist.  Aber diese
Erfahrung, die kann man keinem Menschen ‚verordnen‘. Es wär‘ ganz daneben, würde ich beispielsweise einem Paar, das auch eine ganz schlimme Schwangerschaft durchmacht, sagen: „Ach, das übersteht ihr schon und ihr werdet sehen: danach habt ihr einen ganz anderen Blick fürs Leben!“  So etwas zu sagen, das wäre überhaupt nicht angebracht und es wäre ganz bestimmt nicht in Gottes Sinn! So geht es nicht!  Aber manchmal kommt es wie von selbst, dass Menschen merken, dass in der Krise, die sie durchgemacht haben oder in der sie jetzt drinstecken, dass da auch eine Chance drin liegt. Das können wir nicht machen und nicht verordnen, aber es passiert immer wieder, dass Menschen aus einer Krise gestärkt hervorgehen.  Und da sind wir nun wieder ganz am Anfang des Textes: "Nun haben wir aber Frieden mit Gott..."  An dieser Stelle liegt der Schlüssel dafür, wie sich auch Bedrängnisse in unser Leben so einfügen können, dass sie uns letztlich stärker machen.  Der Schlüssel dazu ist Jesus Christus selber.  Der "Friede mit Gott" wird dort möglich, wo ich mein Leben sozusagen in Gottes Gegenwart hineinhalte. Und Gott ist ja da, wo Jesus Christus ist.  Und Er hat auch Bedrängnisse durchgestanden.  Er weiß, wie wir uns dann fühlen. Er weiß, wie das ist mit diesem dicken Kloß im Hals.  Und weil Jesus nicht will, dass wir an diesem dicken Kloß ersticken, ist er seinen Weg bis zum bitteren Ende gegangen. Weil Er nicht will, dass uns die Bedrängnisse total unterkriegen, hat er seine Bedrängnisse auf sich genommen und durchgestanden. Und nun ist es so, dass er denen, die jetzt in Bedrängnis sind, sagt: komm damit zu mir! Sprich da mit mir drüber! Nimm dort, wo es nötig ist und gut für dich ist, Hilfe in Anspruch. Ärztliche Hilfe, therapeutische Hilfe, auch seelsorgliche Hilfe. Ich werde dir die Kraft geben, dass du dich deiner Bedrängnis stellen kannst. Auch wenn das schwer und ein hartes Stück Arbeit ist! Und da müssen wir uns nichts vormachen, liebe Gemeinde: auch für uns als Christen wird es Bedrängnisse geben, ganz klar! Aber wir haben den auf unserer Seite, der stärker ist als all das, was uns in Angst und Schrecken setzt. Und der kann es machen, dass auch diese Dinge nicht zu den größten Katastrophen unseres Lebens werden.  Dass wir uns in den Bedrängnissen nicht festbeißen, sondern lernen, damit um zu gehen. Nicht von heute auf morgen.   Und auch nicht so, dass dann doch irgendwie wieder alles gut wird. Manche Narbe bleibt und manches wird nie wieder gut. Aber Jesus kann es möglich machen, dass wir wieder eine Chance haben, dass unser Leben lebens- und liebenswert ist oder wieder wird. Und darum lohnt es sich, die Verbindung zu Jesus Christus zu suchen und in dieser Verbindung zu bleiben. Damit wir Hoffnung kriegen. Hoffnung, die uns nicht zuschanden werden lässt. Amen.  
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