24.03.2019 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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24.03.2019

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Jeremia 20, 7-11a; Oculi; 24.03.2019

 
Du! Du bist schuld! Du hast mir das eingebrockt! Du hast mich da reingeritten – und ich hab mich überreden lassen!  Und nun sitz‘ ich damit und weiß nicht weiter! Ich hab die Schnauze voll  und ich will nichts mehr mit dir zu tun haben!‘  Heftige Worte sind das, liebe Gemeinde, anklagende Worte. Worte von einem, der wütend ist und sich übervorteilt fühlt.

 
Ob er diese Worte einem Geschäftspartner entgegengeschleudert? Der ihm alles Mögliche versprochen und dann nichts  gehalten hat?  Oder richten sich diese Worte an einen, der mit Schmutz und Häme über andere herzog und damit das, was an Vertrauen da war,  kaputt ge-
macht hat, als es ans Licht kam?

 
Weder  noch!  Diese harten, anklagenden Worte, die spricht der Prophet Jeremia. Und er schleudert sie keinem Geringeren entgegen als Gott selbst!  Jeremia schreit es Gott entgegen: Ich fühle mich von dir  betrogen! Hättest du mich nicht zum Propheten berufen, dann hätte ich ein schönes Leben haben können! Aber du hast mich ja richtig  überredet – obwohl ich nicht wollte, hast du mich in deinen Dienst genommen.  Und jetzt bin ich der Gelackmeierte!  Jetzt lassen mich die Leute durch die Mitte gehen, verspotten mich, lachen mich aus!  Das, was ich ihnen sage, das wollen sie nicht hören, sie pellen sich ein Ei darauf!  Was du, Gott, ihnen sagen lässt, es ist ihnen egal! Und mich verspotten sie dafür!  Ich kann nicht mehr, Gott – und ich will nicht mehr!

 
Jeremia wirft Gott alles vor die Füße – alles, was ihm bisher wichtig gewesen ist. Am liebsten würde er Gott einfach vergessen und nichts mehr mit ihm zu tun haben!  So weit ist Jeremia hingekommen, dass er solche Worte Gott entgegenschreit – und daran können wir merken, wie angeschlagen sein Gottvertrauen ist!  Und ich bin so froh, dass diese Worte in der Bibel stehen! Dass die Bibel so schonungslos ehrlich ist und nicht nur diejenigen zu Wort kommen lässt, die immer stark in ihrem Glauben sind. Dass da nicht steht, dass es immer nur schön ist, wenn wir uns an Gott halten und zur Kirche gehen und beten und uns für Gott einsetzen.

 
Ja, viele von uns wissen, was sie an ihrem Glauben haben!  Was ihnen der Gottesdienst gibt! Was sie an Trost empfangen! Dass sie sich alles von der Seele reden können, wenn sie beten! Dass sie neue Kraft tanken und mit Gottes Segen in die neue Woche starten können. Und wenn wir das nicht immer wieder erfahren würden, dann würden wir ja gar nicht hier sein! Dann würden wir die Verbindung zu Gott nicht haben und nicht halten.  Und trotzdem: wir wissen auch, dass es nicht nur schön ist, sich zu Gott und zu seiner Gemeinde zu halten! Das ist nicht immer schön und bequem und manchmal müssen wir auch damit zurechtkommen, dass Glaube etwas kostet! Unbequem ist!  Zum Beispiel, weil du dir Gedanken um Dinge machst, mit denen du sonst nichts zu tun hättest. Jeder hat sein eigenes Päckchen an Aufgaben und Herausforderungen und oft auch an Sorgen.  Aber die, die sich an Gott halten, die haben noch mehr davon: sie machen sich auch noch darüber Gedanken, was für die Gemeinde gut ist! Sie machen sich Sorgen, wenn es da Probleme gibt! Sie leiden darunter, wenn es in der Gemeinde Konflikte gibt. Sie setzen ihre Zeit ein, damit der Chor singen und der Kirchenvorstand arbeiten kann und damit drinnen und
draußen immer alles tippitoppi aussieht. Das alles hätten sie ja nicht und das alles müssten sie ja nicht bewältigen, wenn sie nicht zu Gott und zu seiner Gemeinde gehören würden!  Dann hätten sie nur ihr eigenes Leben – und das ist oft schon schwer genug.   Christen, die ihren Glauben in der Gemeinde leben, die binden sich das alles noch zusätzlich ans Bein. Und das kann echt belastend werden und dann merkt man, dass ‚Glaube‘  nicht nur schön   und nicht nur bequem ist.

 
Auch in einer anderen Richtung ist das so:  Wer Jesus nachfolgt, der wird zum Beispiel nicht jeden Quatsch mitquatschen. Der wird sich Gedanken machen und sich überlegen, was er über seine Mitmenschen sagt oder wo er lieber den Mund hält.  Wer Jesus nachfolgt, der muss damit rechnen, dass sich sein Gewissen meldet, wenn er für’s Finanzamt mehr Kilometer aufschreibt, als er wirklich jeden Tag zur Arbeit und zurück fährt.  Wir denken vielleicht: „Das bisschen fällt doch gar nicht ins Gewicht. Die Großen, die richtigen Betrüger, die sollen sie mal schnappen! Aber meine paar Kilometer, die machen den Kohl doch nicht fett!“   Und unser Gewissen wird uns dann daran erinnern, dass Jesus sagt: „Gebt Gott, was Ihm gehört und gebt dem Staat, was ihm zusteht.“   Wenn wir Jesus nachfolgen, werden wir nicht mitmachen wenn andere gemobbt werden – in der Firma, auf dem Schulhof, im Verein.  Wenn wir Jesus nachfolgen, werden wir das Geld, das uns die Kassiererin im Geschäft aus Versehen zuviel wiedergegeben hat, nicht einfach einstecken und denken: „Hat ja selber schuld, wenn sie so blöd ist, dass sie nicht rechnen kann...“   Und wenn wir uns so verhalten  –anders als die Masse-  dann kann es gut sein, dass andere uns dann spüren lassen, was sie von uns halten: bekloppter Weltverbesserer!  Komische Heilige!  Und das sind Momente, in denen es schwer werden kann, am Glauben dranzubleiben!  Bequemer wäre es, von Gott gar nichts zu wissen. Sich ihm nicht verantwortlich zu fühlen. Und genauso ist es ja dem Jeremia ergangen. Er hatte ja den Auftrag, den Menschen die Augen dafür zu öffnen, dass sie nicht Gott nachfolgen können und trotzdem unkritisch alles so machen können, was ‚man‘ eben so macht! Dass bestimmte Dinge nicht gehen. Und dafür hat man ihn verspottet und ausgelacht. Und das hatte ein Ausmaß angenommen, dem er einfach nicht mehr gewachsen war.   Das Leben gegen den Strom war ihm zu anstrengend geworden – auch darum, weil er spürte: er konnte keinen mitnehmen, niemanden überzeugen - er stand allein auf weiter Flur.  Und darum fühlt er sich am Ende, und darum klagt er Gott mit so harten Worten sein Leid.  Und wenn  er  das darf, dann dürfen wir das auch, liebe Gemeinde! Und darum bin ich froh, dass dieser Predigtabschnitt in der Bibel steht!  

 
Das, was wir heute an Jeremia sehen, das geht noch tiefer.  Wenn wir Jesus nachfolgen, dann werden wir auch merken, dass wir nicht immer singen können „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“, sondern manchmal auch „Aus tiefer Not schrei ich zu dir!“  Anders gesagt: es geht darum, dass wir die Erfahrung machen, dass Gott uns zu stark wird und dass wir Ihn nicht verstehen und dass wir nicht mehr wissen, was wir von Ihm halten sollen.  ‚Nachfolge Jesu‘ kann besonders dann schwer werden, wenn wir Gottes Größe schon oft und deutlich erlebt haben! An wie vielen Stellen hat man schon gespürt, wie einem Kraft von Gott zugewachsen ist!  Dass man das anpacken konnte, was schwer war! – und dass Er neue Zuversicht gegeben hat! Und was hat man schon für schöne Gottesdienste gefeiert – mit erhebender Musik, mit Worten, die einem nach Tagen noch etwas gegeben haben, mit Begegnungen, die gut getan haben. Und man hat sich für Gott eingesetzt. Hat sich zum Chor geschleppt, obwohl die Knochen weh taten; hat auf der Orgel die Gemeinde beim Singen begleitet, obwohl die Schulter schmerzte; man hat seine Freizeit eingesetzt, um Gott zu dienen – und dann lässt ER es zu, dass das geliebte Kind schwer krank wird und nichts kann mehr helfen und dann muss man es zum Friedhof bringen. Man war treu in der Nachfolge – und  was  war der Dank?!   So haben wir es ja vielfach erlebt, liebe Gemeinde, auch in dieser Phase, in der Carmen so krank war. In der wir uns damit abfinden mussten,
dass wir sie nicht halten können. Wie schwer ist dir, liebe Hanne, das geworden!  So viel hast du in den ganzen Jahren vorher schon gewuppt mit Gott an deiner Seite – und nun mutet er dir und deiner Familie dieses Elend zu!  Und wir waren mehr als einmal nah dran, dass wir wie Jeremia gesagt haben: „Gott, am liebsten würd‘ ich gar nichts mehr mit dir zu tun haben, am liebsten würd‘ ich dich vergessen!“ Nicht mehr an Gott denken, nicht mehr mit ihm reden, nicht mehr Orgelspielen, damit Sein Name groß wird.  Und was sind das für hammerharte Zeiten, in denen wir so angepackt sind?  Bei Carmen haben wir es erlebt, bei Christa Bruns auch – und bei manchem anderen.  Menschen, die sich zum Teil von Kind an bei Gott aufgehoben fühlten und alles für ihn gegeben haben – und dann kam dieser Tiefpunkt. Das sind Phasen, die einem tüchtig zusetzen. So wie sie Jeremia zusetzen.  Von ihm heißt es, dass Gott ihn schon im Mutterleib ausgesondert hat, damit er sein Diener wird.  Er hat Gottes Größe erlebt!  Gemerkt, dass Gott ihn trägt, auch wenn andere  ihn verlassen. Und trotzdem ist er jetzt an diesem Tiefpunkt angekommen, wo er sagt: ‚Ich will nicht mehr an Gott denken!‘ Und dann hören wir, was in Vers 9 steht: „Aber wenn ich mir sage: ‚Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht mehr in seinem Auftrag reden‘, dann brennt dein Wort in meinem Innern wie ein Feuer. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen, um es zurückzuhalten – ich kann es nicht.“

 
Da steht ein ‚aber‘: ‚Aber wenn ich auch sage, dass ich nicht mehr an Gott denken und nicht mehr in seinem Auftrag reden will – ich kann es nicht!‘   Ich wollte ohne Gott leben, aber ich kann es nicht!  Wie könnte ich Ihn   loslassen, wo ich doch weiß, dass ER der eine Weg zum Leben ist?!   Jahrhunderte später haben die Jünger zu Jesus gesagt: „Herr, wohin sonst sollen wir gehen?“  Wohin sonst, als zu dir?! Es gibt keine wirkliche Alternative!  Und auch das haben wir gespürt – und ich bin dir dankbar, liebe Hanne, dass ich heute darüber reden darf, dass du mir grünes Licht gegeben hast!  Genau so hast du es erlebt:  Auf der einen Seite war Gott dir so fremd geworden – aber auf der anderen Seite  konntest du gar nicht anders, als bei ihm zu bleiben!  Weil Er dich gehalten hat!  Auf der einen Seite am liebsten nicht mehr mit ihm reden – und auf der anderen Seite doch von Ihm gehalten werden!  Gott hält Jeremia fest bei der Hand, als der  Gott loslassen will! „Ich hab keinen Bock mehr auf Gott!“ – und gleichzeitig die Erfahrung: Ich kann gar nicht anders! Kann mein Leben nicht  ohne IHN denken.  Wir sind eins – auch wenn wir uns jetzt so furchtbar fremd sind.   Jeremia nennt das so: ‚Gott, wenn ich dich vergessen will, ... dann brennt dein Wort in meinem Innern wie ein Feuer.‘

 
Gott selbst war es ja, der irgendwann einmal dieses Feuer entzündet hat. In Jeremia, in dir, Hanne, in Carmen, in mir – in jedem von uns. Das Feuer für Ihn! Und darum kann Er auch viel besser als wir selber dafür sorgen, dass dieses Feuer anbleibt und nicht  ausgeht. Es kann passieren, dass dieses Feuer nur noch ein kleiner Funke ist und nur noch ein bisschen vor sich hinglimmt. Aber: „Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen!“ (Jes 42, 3)
Dass der glimmende Docht meines Glaubens nicht auslöscht, das liegt nicht daran, dass ich einen starken Willen und einen unerschütterlichen Glauben habe. Das liegt auch nicht daran,
dass wir unseren Zweifel  verdrängen und nach außen so tun, als sei alles in Ordnung.
Dass der glimmende Docht des Glaubens nicht auslöscht, dazu kann ich eigentlich nur das tun, was Jeremia tut: dass er auch an diesem tiefsten Punkt seines Glaubens noch mit Gott spricht!  Heftige, anklagende Worte schleudert er Ihm entgegen – aber es sind immerhin noch Worte, die sich an Gott richten! Jeremia redet nicht über Gott, sondern mit Ihm – wenn auch hart, enttäuscht, verletzt.  Und dann spürt er, dass das Feuer immer noch da ist,
obwohl er selbst es im Moment gar nicht will.  Und dann bläst Gott seinen Wind hinein und das Feuer wird wieder stärker!   Wer einen Kaminofen hat, der weiß das: wenn das Feuer den ganzen Abend über gebrannt hat, dann ist am nächsten Morgen nur noch ganz wenig Glut da, es glimmt so ein bisschen vor sich hin. Aber wenn man dann die Luftklappe aufmacht und ein bisschen Holz oder Torf nachlegt, dann kommt das Feuer wieder zugange.  
Lassen wir doch Gott seine Luft in unser Glimmen strömen – seinen Heiligen Geist, seinen belebenden Wind. Und dann lasst uns noch ein bisschen Torf oder Holz dazutun – ihr wisst wohl, wie ich das meine: Nahrung für die Flamme!  Nahrung für die Flamme – dass ich trotz
allem die Gemeinde nicht meide! Dass ich mich Gottes Wort aussetze. So wie du es getan hast, liebe Hanne, und so, wie etliche unter euch es getan haben. Und darum ist an dir, an euch schon wahr geworden, was Jeremia ganz am Ende sagt, Vers 13: „Singt dem Herrn und lobt ihn!“ Das tun wir ja nun gerade jetzt wieder dadurch, dass wir hier sind. Gott singen und Ihn loben - weil ER den glimmenden Docht unseres Glaubens lebendig erhält! Amen.  

 
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