Predigten Dezember 2015 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Dezember 2015

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Sonntag nach Weihnachten, 27.12.2015

Ein Kind verändert die Welt. Das weiß jeder, der Kinder hat. Solange man noch zu zweit ist, geht das Leben seinen mehr oder weniger ruhigen Gang. Man kann tun und lassen, was man will. Abends eem Essen gehen! Freunde besuchen! Party machen oder sich Feierabends gemütlich aufm Sofa lümmeln.   Aber wenn dann ein Kind da ist, dann ist es mit der trauten Zweisamkeit erstmal vorbei. Ausschlafen? Das war einmal! Oder: Im „Tatort“ steigt die Spannung auf den Siedepunkt. Aber unsere Nase meldet: die Windeln sind voll!   Oder wir sehnen uns danach, dass wir einfach mal wieder durchschlafen können -  aber das Baby will gestillt werden, weil es Hunger hat oder es will beruhigt werden, weil Koliken plagen. Und unsere Termine werden durcheinandergewirbelt – meistens durch Arztbesuche, weil das Kind wieder einmal starken Schnupfen oder Fieber hat.  

Ein Kind verändert die Welt. Aber was auf der einen Seite Verzicht und Einschränkung mit sich bringt, ist auf der anderen Seite ja ein großes Glück! Es ist wunderbar - das Leben von zwei Menschen bekommt einen neuen Zauber!  Gott vertraut uns ein kleines Kind an. Das ist total auf uns angewiesen. Es ist uns jede Mühe wert.  Und wie schön ist es dann, wenn man sehen kann, wie unser Kind größer wird und nach und nach lernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Dafür lässt man dann auch gerne sein Leben auf den Kopf stellen und nimmt so manche Einschränkung und Unruhe in Kauf.

Ein Kind verändert die Welt. Das hat sicher auch der Mönch empfunden, der im 6. Jahr-
hundert unsere jetzige Zeitrechnung ‚erfunden‘ hat. Er hat gespürt: was mit der Geburt von Jesus angefangen hat, das wendet die Zeit. Die Zeit vor ihm ist eine andere als die nach seinem Kommen. Und so ist es für uns ganz selbstverständlich geworden, dass wir alles, was auf der Welt passiert ist, fein säuberlich geordnet haben: haben sie sich vor oder nach Christi Geburt zugetragen?   In der ehemaligen DDR war das anders. Mit Jesus wollten die Machthaber dort nichts zu tun haben. Und darum war es auch unüblich, „vor oder nach Christi Geburt“ zu sagen. Offiziell hieß es: ‚Vor‘ bzw. ‚nach der Zeitenwende‘.   Vor oder nach der Zeitenwende – das sollte neutral klingen – und unbewusst haben die damit den Nagel auf den Kopf getroffen: damit ist ja genau das gemeint: die Geburt von Jesus verändert die Welt. Dass Jesus geboren wird, läutet eine große Wende ein, es gibt eine Zeit davor und eine danach. Was sich mit Jesus ereignet hat, ist eine Wende ohnegleichen.  Und warum das so ist, sehen wir an dem schlichten Satz, den der Engel den überraschten Hirten ausrichtet: „Euch ist heute der Heiland geboren.“   Engel singen und bringen die frohe Nachricht zu den Hirten, die mit ihrer ganz normalen Arbeit beschäftigt sind. Sie kriegen das als Erste zu hören. Seitdem geht die Botschaft rund um die Welt. Und es ist eine gute und zutiefst erfreuliche Nachricht: ‚Euch ist heute der Heiland geboren.‘

Das Wort „Heiland“ klingt für unsere Ohren ein bisschen fremd. Aber da steckt „heil“ drin; „heilen“, „heil machen“.  Etwas heil machen, das ist was Gutes: wenn eine Vase, die uns aus der Hand gefallen ist, fachmännisch geklebt wird, sieht man kaum noch was vom Malheur. Oder wenn ihr Kind hingefallen ist, tröstet die Mutter es mit einem bunten Pflaster. Und dann dauert es meist gar nicht lange, bis alles wieder heil ist. Nicht nur Kinder brauchen das, das wieder etwas heil gemacht wird. Auch bei uns Großen kommt das vor – aber dann sind es meistens größere Dinge, und da ist es nicht mit ein bisschen Geschick und ein paar guten Worten getan. Da brauchen wir dann einen Heiland, einen Heil-macher.  Und genau den haben wir in Jesus.  Der bringt unser Leben ins Lot, denn er bringt uns wieder mit Gott zusammen. Denn zwischen Gott und uns ist etwas zerbrochen. Da stimmt's nicht, und es ist nicht mehr so, wie es sein sollte.  Ich merke das auch bei mir:  wenn ich etwas Wichtiges zu entscheiden habe, schießen mir alle möglichen Argumente durch den Kopf. Aber nicht unbedingt, was Gott wohl dazu sagen würde und wie Jesus sich jetzt verhalten würde. Wenn nachts so bestimmte Gedanken kommen, dann ist es manchmal mit dem Schlafen vorbei. Ich mache mir dann Sorgen, wie es wird – so als würde Gott sich gar nicht um mich kümmern.   Und manchmal verhalte ich mich so, als wäre Gott gar nicht da und hätte mir nichts zu sagen. Ich will dann mit dem Kopf durch die Wand und will das tun, was ich nun gerade gut und richtig finde – und wie Gott drüber denkt, ist mir in dem Moment ziemlich egal.  Und ich glaube, dass das nicht nur Hermann Reimer persönlich so geht. Das ist ein generelles Problem. Unsere ganze Gesellschaft leidet darunter, dass es irgendwann einmal einen heftigen Bruch in der Beziehung zwischen Gott und uns Menschen gegeben hat: die Gier der Finanzmärkte; dass Menschen über Facebook oder auch anders gemobbt und öffentlich gedemütigt werden;  die zunehmende Hilflosigkeit bei vielen jungen Menschen, die mit ihrem Leben nicht mehr zurecht kommen, die erschreckende Respektlosigkeit gegenüber Polizeibeamten und anderen Einsatzkräften.  Ich sehe darin auch Zeichen der Zerbrochenheit. Da ist etwas kaputt gegangen und ist nicht mehr heil. Und auch in diesem Jahr will Weihnachten uns daran erinnern: In Bethlehem baut Gott uns eine Brücke. Es soll anders werden bei uns. Wieder heil.  Diese Brücke von Seiner Welt in unsere Welt schlägt Gott in dem Moment, als Jesus auf die Welt kommt. Und er ist ja nicht dieses kleine Kind geblieben, sondern ist erwachsen geworden. Und da haben viele Menschen es gespürt, dass er wirklich der Heiland ist. Menschen, die gemobbt wurden, hat er in Schutz genommen. Andere, die seelisch fertig waren, hat er aufgerichtet. Welchen, die so einiges definitiv falsch gemacht hatten in ihrem Leben, hat er geholfen, dass sie wieder auf die Beine kommen und noch mal einen neuen Anfang finden.  Und als Jesus sich dann irgendwann wieder von der Erde verabschiedet hat, da hat er dafür gesorgt, dass seine Leute immer noch diese
Brücke haben. Und nun will ich mal sozusagen ’n paar Brückenpfeiler nennen. Dinge, die wir haben, damit wir in Verbindung zum Heiland kommen und bleiben können:

- Wir dürfen auf Gott hören. Im Wort der Bibel tritt er auf uns zu. In den Angeboten der Ge-meinde spricht er uns an. Damit wir merken: Gott hat ein Wort für uns. Er hat uns Wichti-
ges zu sagen.  

- Wir können mit Gott reden. Was uns Kummer macht, dürfen wir im Gebet vor ihm ausbreiten. Dabei wird uns leichter ums Herz.   

- Wir sollen mit Gott rechnen. Wir sind uns nicht selber überlassen. Gott hat versprochen, für jeden von uns zu sorgen. Und viele, die diese Brücke für sich nutzen, die haben es festgestellt: mein Leben wurde dadurch verändert! Zum Guten! Und ich staune immer wieder darüber, dass das oft den Menschen so geht, die nun bestimmt nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Denen es be...scheiden geht.  Und ich könnte euch aus unserer Gemeinde so einige Namen nennen. Von Menschen, bei denen es menschlich gesprochen trübe und manchmal aussichtslos zugeht – und wie trotzdem irgendwie etwas von den Glanz aufstrahlt, der von Jesus ausgeht. Und der ein Leben reich und froh machen kann – auch wenn sich der Wunsch nach Gesundheit oder auch andere Dinge nicht erfüllen.  Es ist offenbar eine ganz starke Kraft, die damals bei dem Kind in der Krippe anfing und bis heute Menschen erreicht und verändert.  Das alles war damals in Bethlehem nicht zu erkennen. Äußerlich betrachtet waren es doch ganz ärmliche Umstände. Und am Ende – da war Jesus ein hingerichteter Märtyrer.  Man könnte sagen: gescheitert auf der ganzen Linie!  Aber mit den Augen des Glaubens sieht man mehr: nicht nur das kleine Kind im Stall und später den Prediger und Heiler in Palästina. Jesus ist mehr. Wo wir uns für seine Botschaft öffnen, erfahren wir, wie Gott durch ein Kind in unser Leben eingreift und die Welt verändert. Wir erleben in Jesus den Heiland für alle, den Retter unseres Lebens, den Friedensbringer für die gesamte Welt. Bei dem, was damals in Bethlehem geschah, da steckt mehr dahinter, als man beim ersten Augenschein sieht. So etwas kennen wir ja auch aus anderen Zusammenhängen: wenn wir Männer unseren Frauen gelegentlich eine Rose mitbringen, dann überreichen wir ja nicht nur irgendein stachliges botanisches Gewächs, zufällig in Farbe Rot, sondern wir drücken darin unsere Liebe aus, unsere Zuneigung. Eigentlich schenken wir nur eine Blume – aber man erkennt darin unsere Liebe. Und darum freuen sich unsere Frauen dann auch meistens. Und so ähnlich ist das auch mit Bethlehem: nach außen nichts Besonderes. Aber die, die dort mit dem neugeborenen Jesus in Berührung kommen, die sehen mehr als die bescheidenen Umstände. Ihnen gehen die Augen auf. Das Kind verändert ihr Leben. So ergeht‘s z.B. den Hirten. Nachdem die Engelchöre gejubelt und sie über das Weihnachtsgeschehen informiert haben, finden sie sich bei der Krippe ein. Hinterher preisen sie Gott und kriegen sich vor Freude kaum ein.  Ein paar Tage später ergeht's den Weisen aus dem Morgenland genauso, Menschen mit einer komplett anderen Weltanschauung im Hintergrund.  Sie erkennen, dass da etwas Weltbewegendes passiert ist.    Jahre später blicken die Jünger auf den Weg zurück, den sie mit Jesus gegangen sind. Und sie können nur sagen: „Wir sahen seine Herrlichkeit.“   Anders gesagt: dort, wo wir uns auf Jesus einlassen, da tritt Gott selbst in unser Leben! Und seitdem haben es Millionen von Menschen so erlebt, dass ihr Leben dadurch eine gute Wendung bekommen hat.  Auch hier bei uns – denn sonst würde es diese Gemeinde nicht geben!  

Aber eine Frage bleibt: warum sieht es heute auf unserem Globus nicht besser aus, liebe-
voller, gerechter, wo doch die Jesusbotschaft seit zwei Jahrtausenden um die Welt geht?   Ich glaube, dass das viele Ursachen hat, Aber es hängt unter anderem auch damit zusammen: der Glaube lässt sich nicht vererben! Dass Menschen Jesus vertrauen und ihm folgen, dass können wir niemandem anerziehen oder einimpfen. Dass unsere Vorfahren mit Gott gerechnet und sich bemüht haben, in seinem Sinn zu leben, das macht uns heute nicht gläubiger. Jesus fängt mit jeder Generation neu an. Wenn Glaube und christliche Tradition nicht ständig neu belebt werden, dann verlöschen sie. Das geht automatisch. Die Gottlosigkeit in unserem Land ist ein großes Problem, aus dem sich viele andere Probleme ergeben. Und darum sind wir heute dringend eingeladen, uns neu auf Jesus zu besinnen, ihm zu vertrauen und daraus Konsequenzen zu ziehen: im persönlichen Leben, aber auch
dort, wo wir Einfluss ausüben. Ich danke Gott, dass es Weihnachten geworden ist und dass es Jesus gibt. Tatsächlich: Ein Kind verändert die Welt. Amen.


Am zweiten Weihnachtstag hielten Meike Olchers und Angela Schütte die Predigt in Form eines Anspiels – eine schriftliche Version liegt leider nicht vor.

    
1. Johannes. 3,1; 1. Weihnachtstag, 25.12.2015  

 
Liebe Gemeinde, für heute habe ich einen ganz kurzen Vers aus der Bibel gewählt. Wenn man ihn das erste Mal hört, denkt man vielleicht: das hat ja gar nichts mit Weihnachten zu tun. Ich lese aus dem Ersten Brief des Johannes, Kapitel 3, Vers 1: Seht doch, wie sehr uns der Vater geliebt hat! Seine Liebe ist so groß, dass er uns seine Kinder nennt. Und wir sind es wirklich: Gottes Kinder!

 
Auch wenn es nicht die vertrauten Worte sind - im Kern geht es doch haargenau darum, warum wir Menschen Weihnachten so nötig haben. Wozu Weihnachten gut ist. Damit wir das etwas besser verstehen können, will ich folgende Begebenheit erzählen:

 
Im Atelier eines Bildhauers steht ein großer Marmorblock. Jemand hat ihn jämmerlich zugerichtet. Keine Kante ist mehr so richtig gerade und an manchen Stellen ist der kostbare Stein richtig zerschlagen.  Trotzdem hat ihn der Bildhauer gekauft und geht nun mit Hammer und Meißel an die Arbeit. Ein kleiner Junge schaut ihm dabei zu. Große und kleine Steinsplitter fliegen zur Seite.  Bald wird es dem Jungen langweilig, und er läuft hinaus zum Spielen.   Nach längerer Zeit kommt der Junge wieder einmal ins Atelier und sieht dort, wo der kaputte Marmorblock stand, einen wunderbaren Löwen aus Marmor. Aufgeregt rennt er zum Künstler und sagt: "Meister, woher wusstet du, dass in dem Stein ein Löwe wohnt?"  Der Bildhauer antwortet: "Ich sah ihn in meinem Herzen."

 
"Ich sah ihn in meinem Herzen." Der Künstler sieht etwas, was noch gar nicht da ist. Von außen sieht man nur den kalten Marmorblock. Das edelste und kostbarste Gestein – sicher. Aber doch ein jämmerlicher Anblick. Was ist aus dem schönen Steinblock geworden - zerschlagen ist er und verschandelt. Von seiner Kostbarkeit sieht man nicht mehr viel. Und so ist es mit den Menschen im Grunde genommen nicht anders. Das edelste und kostbarste Geschöpf sind wir - die Krone der Schöpfung. Mit dem Menschen hat Gott sich besondere Mühe gemacht. Zu seinem Ebenbild hat er ihn  erschaffen. Doch was ist daraus geworden?
Da gibt es Menschen, die zerschlagen und verschandelt sind. Durch das, was das Leben ihnen zumutet. Durch Krankheit vielleicht.  Durch schlimme Erfahrungen und entmutigende Umstände.  Der Mensch - die Krone der Schöpfung - und doch gleicht er vielfach einer verschandelten und zerschlagenen Kreatur.  Das sind Menschen, die einander Leid zufügen. Menschen, deren Würde mit Füßen getreten wird - und Menschen, die keinen Skrupel davor haben, das Leben anderer kaputt zu machen. Wohin man blickt in dieser Welt, sieht man mit Erschrecken, was aus dem edelsten und kostbarsten Geschöpf Gottes geworden ist.  Und man braucht dabei gar nicht so weit zu kucken.  Schon der Blick in den Spiegel genügt ja oft. Auch wenn wir uns selber sehen, müssen wir doch oft feststellen: wir sind nicht mehr so, wie wir sein sollen. Wie Gott sich uns gedacht hat. Wie oft habe ich wohl guten Willen - und tue doch das Verkehrte. Wie oft sage ich ein Wort, wo es besser gewesen wäre, nichts zu sagen.  Wie oft sage ich ein böses und verletzendes Wort, wo es besser gewesen wäre, ruhig und gelassen zu bleiben. Wie oft bin ich hartherzig und ungerecht, wo ich doch eigentlich allen Grund hätte, freundlich und zuvorkommend zu sein.

 
Marmor ist kostbar - aber wir Menschen sind noch viel kostbarer. Der Künstler hat sich nicht damit abgefunden, diesen einen, zerschlagenen Marmorblock da einfach stehen zu lassen. Und Gott findet sich auch nicht mit dem ab, was aus seinem besten, gelungensten
Schöpfungswerk geworden ist. Gott will sich nicht damit abfinden, dass der Mensch jetzt vielfach so anders dasteht, als er ihn gedacht und geschaffen hat. So zerschlagen, so zerschunden, so kaputt gemacht.  Der Künstler kauft den zerschlagenen Marmorblock. So wie er ist. Aber er lässt ihn nicht, wie er ist. In seinem Herzen hat er eine Vorstellung davon, was er aus diesem Stein noch alles machen kann. Er sieht es schon vor Augen. Ein hartes Stück Arbeit hat er vor sich - aber es gelingt ihm. Und so wie der Künstler den Marmorblock, so hat Gott den zerschlagenen, zerschundenen, entstellten Menschen gekauft. Weil es in seinem Herzen vor Liebe brannte für diesen Menschen. Gott sieht den entstellten, den zerschlagenen Menschen - aber das Äußere hält ihn nicht davon ab, tiefer zu sehen. Hält ihn nicht davon ab, an seinem Vorhaben festzuhalten – dass er für diesen Menschen das Heil will. Und darum hat er diesen Menschen erworben. "Ihr seid teuer erkauft", schreibt Paulus. Alles hat Gott für uns Menschen dahingegeben. Und dass es Weihnachten geworden ist, ist ein starkes Zeichen dafür. Da hat es Gott nicht im Himmel gehalten, sondern er ist Mensch geworden. Hat in Jesus all das ausgehalten, was auf uns Menschen zukommen kann. Einsamkeit und Verlassensein, tiefste Traurigkeit über den Tod geliebter Menschen; Enttäuschung, weil Menschen ihr Wort nicht gehalten haben - bis hin zur bitteren Todesnot, in der er Blut und Wasser geschwitzt hat.   "Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater gezeigt, dass wir Gottes Kinder heißen sollen!" Gott sieht in uns  -immer noch und trotz allem!- seine geliebten Kinder und er setzt Himmel und Erde in Bewegung, dass er unser Herz für sich zurückgewinnen kann. Damit er anfangen kann, uns zu heilen.  

 
Wenn wir Gott fragen könnten: "Herr, woher weißt du, dass in uns angeschlagenen Men-schenkindern noch lebendige Gotteskinder wohnen?" - dann würde er wohl antworten: "Ich sehe es in meinem Herzen!"  Noch sehen wir mit unseren Augen oft nur wenig davon - aber Gott sieht tiefer. Er hat noch Großes mit uns vor. Amen.



Lukas 2, 8-11; Heiligabend 2015, 18.00 Uhr

Liebe Gemeinde, gerade haben wir wieder die vertrauten Worte gehört: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde...“  Diese Worte rufen viele Erinnerungen wach, an längst vergangene Kindertage, an ‚früher‘.  Aber diese Worte der Weihnachtsgeschichte sind nicht für’s Museum gedacht, nicht nur für Erinnerungen an früher. Sie haben uns nach wie vor Entscheidendes zu sagen. Und darum will ich diesen Worten noch einmal nachgehen. Ich will anfangen mit den Hirten. Von ihnen heißt es „sie hüteten des Nachts ihre Herde“. Mit anderen Worten: sie gehen ihrer ganz normalen Arbeit nach. So wie ein Verkäufer bei Möbel Buss oder im Kaufhaus Behrends oder woanders den ganzen Tag auf den Beinen ist, Kunden berät, einpackt, Aufträge schreibt.   Oder wie eine Hausfrau und Mutter den ganzen Tag über auf den Beinen ist, da-mit sie alles in den Griff kriegt: ein Kind zur Schule, das andere in den Kindergarten, dann die eigene Arbeit -entweder zu Hause oder irgendwo in einer Firma, einer Schule, einer Praxis-, dann: einkaufen, waschen, bügeln, kochen, zum Arzt, zur Apotheke, und und und.   Oft genug wissen wir gar nicht, wie wir alles unter einen Hut kriegen sollen - aber irgendwie funktionieren wir dann doch und es klappt so einigermaßen.  So sieht unser Leben eben aus und so sind wir gefordert. Jeder an seiner Stelle. Und so war es bei den Hirten damals auch. Und dann heißt es: „Und der Engel des Herrn trat zu ihnen...“ ‚Engel des Herrn‘ – Besuch aus einer anderen Welt. Dieser Engel sagt uns: Es gibt noch etwas anderes! Nicht nur unseren Alltag mit den täglichen Herausforderungen. Es gibt noch einen anderen Bereich. Etwas, was unsere Alltäglichkeit unterbricht. Wie so ein Lichtstrahl aus Gottes Welt. Jemand er-zählte mir, was für ihn so ein Engel-Moment war: als er sein Kind gleich nach der Geburt auf dem Arm halten konnte. Wie ein Gruß aus Gottes Welt!    Vor einigen Tagen schickte mir jemand aus unserer Gemeinde eine Mail – Betreff: der Engel mit der vollen Blase. Und diejenige schrieb: „Mir ging es nicht so gut und ich bin in unsere Kirche gegangen, um etwas zu Ruhe zu kommen. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn ich mit jemandem hätte reden können. Aber wer sollte schon da sein, so mitten in der Woche?!“ Und dann schreibt sie weiter, wie plötzlich zwei Leute in unsere Kirche gekommen sind – ein Urlauberpaar. Die Frau musste dringend zum Klo – und weil sie gehofft hatte, dass wir hier ein Klo haben, ist sie reingekommen. Und ist mit der Frau ins Gespräch gekommen, die sich in dem Moment nichts dringender gewünscht hatte, als mit jemandem reden zu können.  Und so wurde die Frau mit der vollen Blase ein Engel.  Manchmal sind solche Engel-Momente auch ein paar Nummern kleiner. Von etlichen Menschen weiß ich, dass sie jeden Tag, wenn sie mit dem Auto zur Arbeit fahren, die Morgen-andacht im Radio hören und dass ihnen das hilft, für einen Moment inne zu halten und sich kurz zu besinnen. Und ein Mann sagte mir: dieser kleine Kalender, wo für jeden Tag ein kurzer Bibelvers und meistens ’ne kleine Geschichte oder so drauf ist, der gibt mir ganz viel! Ich schaffe es nicht, ihn jeden Tag zu lesen – aber immer wenn ich es hinkriege, hilft mir das, dass ich eem ’n Moment zur Ruhe komme.
Vielleicht ist das alles nicht viel - aber ich weiß von manchen, die sagen: wenn ich das nicht hätte, dann würde ich  meinen normalen Alltag nicht geregelt kriegen! Ich brauch das, dass der normale Trott unterbrochen wird - und sei es nur für wenige Momente. Damit ich eben auftanken kann. Damit ich eben einen anderen Gedanken fassen kann. Damit ich wieder merke: ich bin nicht nur da, damit ich funktioniere, sondern es gibt auch noch andere Dinge im Leben.  Und das ist für mich an Weihnachten wichtig:  dass Gott dafür sorgt, dass Seine Welt und meine Welt zueinander kommen! Dass ich erfahre: Gott will mein Leben teilen, so wie es nun eben ist.  Mit diesem Neugeborenen Jesus betritt Gott selbst den Boden dieser Welt - auch meiner eigenen, persönlichen Welt! Und weil wir von uns aus oft gar nicht daran denken, sucht er immer wieder nach Möglichkeiten, dass wir uns auf ihn besinnen. Und Er ist da sehr erfinderisch – manchmal muss eben eine Urlauberin ausgerechnet vor unserer Kirche nötig Pipi machen, damit es jemandem anders besser geht.  
Momente der Begegnung zwischen Gottes Welt und unserer Welt. Heute wie damals. Die Hirten waren bei ihrer normalen, alltäglichen Arbeit. Ganz auf diese Welt bezogen, auf das, was sie Tag für Tag umgibt. Bis es hieß ‚... der Engel des Herrn trat zu ihnen...‘ – bis sie merkten: es gibt auch noch was anderes!  Und dann geschah noch etwas: ‚die Klarheit des Herrn umleuchtete sie.‘  Wo Gott sich neben uns stellt, da wird es immer wieder geschehen, dass einem manche Dinge plötzlich klar werden. Wie Schuppen fällt es einem von den Augen und man weiß, was man zu tun hat. Und ich will von Menschen erzählen, denen es so gegangen ist.  Da ist jemand, der einen hochspezialisierten Beruf hat. Dort ist er ein Meister seines Fachs. Hat viel Erfahrung gesammelt und jahrelang in einem Betrieb verantwortlich gearbeitet. Nun ist dieser Betrieb in wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen - und diesem Mann wird klar: woanders komme ich in meinem Alter nicht mehr unter.  Und wenn, dann müsste ich woanders hingehen und ich müsste alles aufgeben, was ich mir hier auf dem Fehn aufgebaut habe - das Haus, die Nachbarschaft, meinen Verein. Und nach manchem Gespräch und nach vielem Beten wird ihm klar: ich habe nur noch eine Chance: ich muss mich selbständig machen!    Bei einer Familie wurde es im Frühjahr klar: das jüngste Kind hat Probleme in der Schule. Die beiden Großen – da läuft alles super, bei-de auf dem Gymnasium, keine Sorgen. Aber das Nesthäkchen, das wird überfordert sein, wenn es zur Realschule oder zum Gymnasium kommt. Diese Klarheit bekommen die Eltern nach einigen Gesprächen mit dem Lehrer – und im Grunde genommen reicht auch der eigene Blick ins Halbjahreszeugnis dafür.  „Die Klarheit Gottes umleuchtete sie“ - nicht irgendwelche fernen Hirten aus einer vergangenen Zeit, sondern Menschen aus unserer Nähe.
Von den Hirten heißt es dann: ‚..und sie fürchteten sich sehr.‘  Es ist ein Segen, wenn wir Klarheit bekommen über bestimmte Fragen unseres Lebens! Damit wir die Chance bekommen, das Ruder noch einmal herum zu reißen. Damit wir nicht endlose Zeiten und Kräfte unseres Lebens in eine verkehrte Sache investieren. Damit wir unser Leben anpacken und gestalten können und vielleicht neuen Grund unter die Füße kriegen. Damit Neues, Besseres wachsen und gedeihen kann.  Ja, es ist ein Segen, durch die Begegnung mit Gott Klarheit zu gewinnen. Dass die Augen aufgetan werden und man erkennt, was man tun muss. Was man vielleicht anders anpacken muss. Was man nicht so weiterlaufen lassen kann. Und trotzdem stellt sich dann oft  Furcht neben diese Klarheit. Du weißt, was du tun sollst - und gleichzeitig hast du Angst davor! Weil du die Folgen nicht absehen kannst, weil du niemandem wehtun möchtest, weil noch nicht klar ist, ob sich aller Einsatz auch wirklich lohnt.  Da weißt du ganz genau, was du zu tun hast - und doch fällt es schwer, das dann auch wirklich umzusetzen.   Da ist die Sorge: Wenn ich alles Geld, was ich mühsam gespart habe, einsetze und mich wirklich selbständig mache - werden wir mit unserer Firma dann auch Aufträge bekommen? Werden wir uns am Markt behaupten können? Und wenn nicht: was dann?!  Oder bei der Entscheidung: folgen wir der Empfehlung für die Hauptschule? Da ist auf der einen Seite der verletzte Elternstolz. Die Frage: haben wir was falsch gemacht? Und: wo kann jemand mit einem Hauptschulabschluss heute noch was vernünftiges werden?!  Das sind Fragen, bei denen man es sich nicht leicht macht. Und oft wird es so sein, dass es uns dabei geht wie den Hirten: „...und sie fürchteten sich sehr.“
Auf der einen Seite die Klarheit – und auf der anderen Seite die Furcht. Eine quälende Spannung ist das.  Und die Frage ist ja: wie können wir mit dieser Spannung umgehen?
Ich meine: das Schlimmste wäre, gar nichts zu tun! So zu tun, als sei einem gar nichts klar geworden. Das unter den Teppich zu kehren, was eigentlich jetzt obenauf liegt. Dann hätte Gott es sich auch sparen können, uns Klarheit zu schenken!  Die Klarheit, die Gott uns ermöglicht, die fordert uns heraus, dass wir dann auch wirklich Schritte gehen! Dass wir das beherzt anpacken, was uns klar geworden ist.  Natürlich - ohne Risiko wird es nicht sein! Natürlich - es kann schief gehen! Natürlich - auf dem Weg mögen uns die Bedenken wieder einholen und wir kriegen Angst vor der eigenen Courage! Alles möglich - aber alles noch immer besser, als im Unklaren zu bleiben! Denn dann kann sich nichts bessern!
Und wenn der Mut fehlt?! Dann musst du dir die Frage gefallen lassen: setzt du damit nicht aufs Spiel, was Gott in dein Leben für Möglichkeiten hineingegeben hat?! Bleibst du nicht hinter dem zurück, was er dir in aller Klarheit gezeigt hat?! - Ist es wirklich nur eine Frage von deinem Mut - oder nicht eher eine Frage von Deinem Vertrauen?! Von deinem Vertrauen auf Gott! Dass Er das Risiko mit dir trägt! Dass er es dich durchhalten lässt! Dass er aus deinem Kind auch mit Hauptschulabschluss eine tolle Persönlichkeit und auch einen erfolgreichen Menschen machen kann. Dass Er auch dann Mittel und Wege weiß, dass du aufgefangen und gehalten wirst, wenn es schiefgehen sollte – und es kann schief gehen!  Keiner hat die Garantie, dass es so läuft wie geplant und erwartet. Aber wir haben die Garantie, dass Gott auch dann einen Weg für uns weiß.
Von den Hirten können wir es abkucken: sie haben es riskiert, sich dieser Spannung auszusetzen.  Sie können das, weil sie vom Engel gesagt bekommen: „Fürchtet euch nicht!“ Bleib nicht bei dem stehen, was an Befürchtungen da ist! Bleib nicht bei dem stehen, was dir den Mut nehmen will. Gottes Kraft ist stärker als deine Mutlosigkeit und als deine Befürchtun-gen! Lass das Licht der Klarheit Gottes in die dunklen Ecken deiner Angst und Mutlosigkeit hineinleuchten - und du wirst erleben, dass Gott dich nicht hängen lässt!  Bei den Hirten war es so, dass die Begegnung mit dem Kind in der Krippe sie froh gemacht hat. Ihre Furcht wurde überwunden. Sie sahen eine neue, eine andere Perspektive und konnten mit neuer Freude ihr Leben wieder anpacken. Und bei den Menschen, von denen ich erzählt habe, ist es in dieser Sache bis jetzt auch gut gegangen: die neue Firma trägt sich inzwischen. Das Kind ist auf der Hauptschule gut zufrieden und hat ein Super-Zeugnis.  Von manchem weiß ich, dass sich ein gangbarer Weg zeigte. Oder er zeichnet sich am Horizont ab. Bis es so weit war, hatten diese Menschen es nicht leicht! Das Nebeneinander von „Klarheit“ und „Furcht“ hat ihnen tüchtig zu schaffen gemacht! Aber sie haben nicht auf den eigenen Mut gebaut, sondern darauf, dass Christus, der Heiland, mit ihnen, mit ihrem Leben Großes vorhat. Mit ihnen – und mit Dir auch! In diesem Sinne: Frohe Weihnachten! Amen!

Kurzpredigt Heiligabend 2015, 15.00 Uhr, Krippenspiel

Wat’n Stress!  Wat’n Stress mit Weihnachten! Wat’n Stress mit Weihnachten hatten die beiden Bäcker   und der Postbote   und die Hausfrau! Sie hatten so wahnsinnig viel zu tun!

Wat’n Stress mit Weihnachten!  So’n Stress haben aber nicht nur die Bäcker und der Postbote und die Hausfrau im Krippenspiel! So’n Stress haben viele von uns auch:
Die Verkäuferin im Kaufhaus,  der Berater im Möbelladen,  der Mann vom Paketdienst,
die Leute, die auf’m Weihnachtsmarkt arbeiten und in den Restaurants,   und sogar ihr, die ihr zur Schule geht: bis zum letzten Tag vor den Ferien noch Arbeiten schreiben und üben und kucken, wie man alles unter einen Hut kriegt.

Wat’n Stress mit Weihnachten! Da könnte man ja glatt denken: das funktioniert überhaupt nicht!  Weihnachten muss es doch ruhig und besinnlich sein!  Da muss man doch zur Ruhe kommen! Schön gemütlich mit ’ner Kerze an  Tee oder heißen Kakao trinken, mit lecker selbstgebackenen Plätzchen   und nebenbei kuckt man zum 73. Mal „Drei Nüsse für Aschenbrödel“,   und dann geht’s so gaanz langsam und gemütlich auf Weihnachten
zu und alle freuen sich und sind relaxt und gut drauf. Pustekuchen! So kriegen das nur die wenigsten hin! Und wir anderen?! Muss bei uns   Weihnachten ausfallen?!   Sozusagen „Weihnachten wegen Weihnachtsstress ausgefallen“?

Gott sei Dank nicht! Gott sei Dank war das damals auch schon anders! Damals, beim ersten Weihnachten!  Als Jesus in  echt  geboren wurde! Da war auch ziemlich viel Stress: Leute hetzten durch die Stadt. Beamte kriegten es nicht wirklich gut hin, die Massen von Menschen zu registrieren, die unterwegs waren. Die Besitzer von Herbergen und Häusern stöhnten: „Wo sollen wir bloß hin mit den ganzen Leuten?!“ Die „Normalbürger“ machten sich Sorgen, dass nach der Volkszählung die Steuern steigen und man es noch schwerer haben würde, auf ‘nen grünen Zweig zu kommen.   Und die Hirten mussten zusehen, dass sie die ganze Nacht wachbleiben, damit keine Räuber oder wilden Tiere über die Schafe herfallen. Holzauge, sei wachsam!

Stress pur. Heute und damals. Und viele Leute hatten keinen Schimmer von Gott! Klar, es gab Kirchen, Synagogen. Einige gingen da auch hin. Aber die meisten dachten:  ob man da hingeht oder ob in China ’n Sack Reis umfällt. Das, was dort gelabert wird, hat ja mit’m richtigen Leben nichts zu tun! Hilft nicht, wenn‘s drauf ankommt. Und das ist heute auch so! Viele Leute haben keinen Schimmer von Gott. Denken: ob man zur Kirche geht ober ob in China ’n Sack mit Reis umfällt – egal! Das hat ja mit meinem Leben nichts zu tun! Hilft nicht, wenn’s drauf ankommt.

Gott sei Dank, dass Gott es anders sieht! Gott sei Dank, dass Gott sich nicht davon abhalten lässt, zu uns Menschen zu kommen. Nicht durch unseren Stress, und auch nicht dadurch,
dass er uns oft nicht interessiert. Gott sei Dank, dass da dieses Kind geboren wurde. Jesus! Und dort, wo Er ist, da ist Gott!  Die Hirten haben’s als erste gemerkt – durch einen Gruß vom Himmel! Sie wussten plötzlich: Eh, es gibt ja noch was anderes als Stress und Hektik!
Ihnen wurde klar: dass da dieses Kind geboren ist – das ist die beste Nachricht, die es für uns gibt! Weil wir nun wissen:  Gott interessiert sich für uns!   
Und dann, später, als Jesus groß geworden und erwachsen war, da haben es viele Leute gespürt: Gott ist für mich! Und es interessiert ihn absolut, wie es mir geht! Und er setzt viele
Hebel in Bewegung, um mich in meinem Leben zu unterstützen. Bis heute merken Menschen das. Auch bei uns! Warum sonst wäre hier immer ziemlich viel los in der Kirche?!
Doch wohl darum, weil Menschen merken: auch wenn ich Gott oft nicht auf’m Schirm habe – Er hat mich auf jeden Fall auf’m Schirm! Und will mir auch helfen, dass der Stress mich nicht auffrisst. Gerade im Moment fängt er schon damit an – hier in der Kirche. Eine gute Entscheidung, dass du dir diese Zeit gönnst! In diesem Sinne: frohe Weihnachten!   
Predigt über Philipper 4,4;  4. Sonntag im Advent;  20.12.2015  

Liebe Gemeinde, der Bibelabschnitt für heute besteht aus einem einzigen Vers: "Freut euch zu jeder Zeit. Und noch einmal sage ich: freut euch! Denn der Herr ist nahe!"  Wenn man das so hört, könnte man ja denken: Das geht doch gar nicht - man kann sich doch nicht ständig freuen! ‚Freut euch zu jeder Zeit!‘ - der das schreibt, der weiß ja wohl gar nichts vom Leben. Der weiß doch wohl nichts davon, was Menschen aushalten und tragen müssen und dass ihnen der Sinn überhaupt nicht nach Freude steht.  Aber diese Worte schreibt keiner, der gerade im Urlaub in der Hängematte liegt und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lässt und dem es rundum gut geht. Diese Worte hat der Apostel Paulus geschrieben. In einem Brief, den er seiner Gemeinde aus dem Gefängnis schreibt. Er sitzt in der Todeszelle - weil er sich zu Jesus Christus bekennt. Er weiß selber, dass das Leben oft schwer ist - aber gerade darum will er dazu beitragen, dass Menschen trotz allem auch wieder Freude empfinden und zur Freude zurückfinden können.  "Freut euch zu jeder Zeit mit der Freude, die vom Herrn kommt!"  Von diesem Vers her will ich einige Spuren zur Freude legen - damit es praktisch wird und wir öfter auch im Alltag zur Freude finden.

1.: Woran kann ich mich trotz allem noch freuen?
Nach meiner Beobachtung neigen wir Menschen leicht dazu, dass wir unsere Stimmung prägen lassen von negativen Dingen, die nun im Moment gerade dran sind. Und davon gibt es ja eine ganze Menge.  Aber ich weiß auch: wenn wir nur noch oder wenn wir ganz überwiegend auf diese Dinge kucken, dann ziehen sie uns sehr stark runter. Und darum kann es eine Hilfe sein, dass wir auch ganz bewusst auf die Dinge schauen, an denen wir uns trotz allem auch noch freuen können. Nimm dir doch mal ¼ Stunde Zeit und überlege: was hat mir in der vergangenen Woche, im vergangenen Monat, was hat mir im Laufe des Jahres 2015 Freude gemacht?  Wahrscheinlich brauchen wir dazu etwas Zeit -  denn ganz oben liegen ja meist die Dinge, die belasten, die uns die Freude nehmen. Aber es lohnt sich, diese Zeit zu investieren und genau hinzukucken. Gerade weil wir oft so viel Schlechtes erleben, brauchen wir es, dass wir das Gute in den Blick nehmen. Eigentlich sollte man es jeden Abend so machen, dass man bewusst hinschaut: über was habe ich mich heute gefreut? Jeden Abend schaffe ich das nicht – aber ich merke: wenn ich mir zwischendrin mal die Zeit dafür nehme, dann tut mir das gut!  Eine zweite Spur zur Freude:

Freude durch neue Ziele  
„Vorfreude ist die schönste Freude“ sagt das Sprichwort.  Ich weiß nicht, ob es wirklich schon die schönste Freude ist - aber ich weiß: wenn ich mich auf etwas freuen kann, dann kann mir das helfen, anstrengende Dinge und Zeiten besser auszuhalten und damit klar zu kommen. Wenn man ein Haus baut, dann ist das eine schwere, anstrengende Zeit. Aber wenn man dann denkt: Weihnachten - dann wollen wir einziehen! - dann hilft einem die Vorfreude, dass man den ganzen Baustress aushalten kann.   Um das zu erfahren, muss man aber nicht gleich ein Haus bauen - das kann man auch in anderen Zusammenhängen erleben:  
die vergangenen Wochen hatten es in sich, nicht nur, was den Wasserschaden angeht, das ist nur die Spitze vom Eisberg. Aber – in der Schublade liegen Tickets für ein Konzert im Januar! Und wenn ich daran denke, dass es bald soweit ist, dann freu ich mich in dem Moment schon darauf und ich fühle mich etwas besser.  
Gott will nicht, dass alles nur eine Last für uns ist. ‚Jeder Tag hat seine eigene Plage‘, sagt Jesus einmal. Und darum gönnt er uns auch die kleinen und größeren Freuden so zwischendrin. Damit die Last nicht die Oberhand bekommt oder behält. Und darum ist es wichtig, dass wir Dinge haben, auf die wir uns freuen können. Dass wir uns Ziele setzen, auf die wir gerne zugehen. Für den einen ist das ein gemütliches Essen, für einen andern  'n paar freie Tage oder dass er in Ruhe einen guten Film sehen kann oder ausgiebig shoppen kann. Wie dem auch sei - es kann uns gut tun, dass wir uns Ziele setzen, dass wir Dinge haben, auf die wir uns freuen!  Ganz eng damit zusammen hängt die nächste Spur zur Freu-
de:

Tägliche Freuden suchen!
Es ist gut, wenn wir uns auf etwas freuen können, was noch vor uns liegt. Aber wir sollen Freude nicht nur immer erst in der Zukunft haben, sondern heute schon! Ich glaube, wir alle kennen Menschen, die die längste Zeit ihres Lebens die Freude sozusagen aufgeschoben haben: ‚Wenn ich auf Rente bin, dann...!‘ Und wie viele haben erfahren müssen, dass diese Freude dann nicht mehr kam.  Beides gehört darum eng zusammen: Freude, freudige Anlässe für die Zukunft sich vorzunehmen - aber auch, darüber nicht die Freude heute zu vergessen!   Und da gibt uns die Bibel auch eine Menge Hinweise, z.B. im Buch der Prediger. Da geht es ganz praktisch zu:  "So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dieses ... hat Gott schon längst gefallen. Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln.  Genieße das Leben mit deiner Frau, die du lieb hast, solange du das Leben hast, das dir Gott ... gegeben hat."  

Da ist für alle was dabei: "Geh hin und iss dein Brot mit Freuden und trink deinen Wein mit gutem Mut" - wir sollen unser Essen nicht nur zu uns nehmen, weil wir ohne eben nicht leben können und wir sollen's auch nicht einfach nur so in uns reinschlingen.  Essen ist mehr als Kohlehydrate und Kalorien - Essen und Trinken "hält Leib und Seele zusammen" sagt der Volksmund und die Bibel gibt dem Recht. Essen baut auf, verbindet untereinander, Essen macht Spaß. Soll's jedenfalls. Immer kriegt man das ja nicht hin. Wenn die Kinder alle unterschiedlich aus der Schule kommen, dann wird es oft nichts mit dem gemeinsamen Essen. Aber wenn man es nicht jeden Tag hinkriegt, dann vielleicht doch an einem Tag am Wochenende.  

‚Lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln‘ - ich denke, das ist vor allem für die Frauen geschrieben. Dass sie sich auch 'n bisschen schön machen - nicht nur für uns Männer, sondern auch um ihrer selbst willen. Um das eigene Wohlbefinden zu stärken.  Also: wenn der Tag besonders stressig war und die Kinder genervt haben und soviel Arbeit nicht geschafft wurde - dann gönn' dir eine Stunde für dich ganz alleine in der Badewanne mit einem schönen entspannenden Kräuterbad!   Und der nächste Rat ist besonders für die, die verheiratet sind: ‚Genieße das Leben mit deiner Frau, die du liebhast, solange du das Leben hast, das dir Gott ... gegeben hat‘ - und umgekehrt gilt das natürlich genauso! Gestaltet Eure Zweisamkeit - so, dass ihr euch aufeinander freuen könnt. Regelt und erledigt nicht nur die Dinge, die eben getan werden müssen - sondern schenkt einander auch Zärtlichkeit und schafft dafür auch Gelegenheiten! Denn das Leben ist zu kurz, als dass wir uns an dieser Stelle große Versäumnisse erlauben könnten!

Der Apostel Paulus ruft nicht nur zur Freude auf, so nach dem Motto: ‚Freu dich doch mal!‘  Wenn er das so meinen würde, könnte man das getrost vergessen. Es gibt an uns nun mal keinen Knopf, den wir auf ‚an‘ stellen können und rumms ist Freude da. Darum weist Paulus auf den hin, der in diese Welt gekommen ist, um Freude zu bringen. Jedenfalls heißt das
Buch, durch das er uns begegnet, Evangelium. Und dieses Wort bedeutet nichts anderes als: Frohe Botschaft, Botschaft von der Freude. Jesus Christus ist der, den Gott in diese Welt geschickt hat, damit Menschen wieder zur Freude finden! Und Jesus hat ja gesagt: dort, wo ihr euch in meinem Namen trefft, da bin ich! Und dort, wo Er ist, sorgt er dafür, dass das Schwere in unserem Leben nicht die Oberhand behält. Heute treffen wir uns wieder in Seinem Namen – jetzt gerade, hier im Gottesdienst. Und sonst auch – wenn z.B. die Spetzer Saitenklänge sich treffen und üben. Oder andere Gruppen in der Gemeinde.  Egal wo – das erlebe ich immer wieder, dass unsere Gemeinde die Stelle ist, an der viel Freude zu spüren ist. Wenn ich mal an viele Veranstaltungen denke, die wir hier erleben: wo sonst wird so oft fröhlich gelacht?!  Wo sonst können so viele Menschen ihren Alltag mal hinter sich lassen als hier. Wo die Seele sozusagen mal richtig durchatmen kann.  Wenn wir Freude für unser Leben haben möchten, dann kommen wir an Jesus Christus nicht vorbei. Aus der regelmäßigen Verbindung mit ihm wächst uns die Freude entgegen. Und dabei bin ich bei der letzten Spur zur Freude:  

Freude durch Hoffnung!  
Die Freude, die Jesus Christus gibt, die ist im letzten nicht abhängig davon, wie es uns gerade geht. Dann müssten wir nämlich oft ohne Freude bleiben - denn wir erleben genug von dem, was uns die Freude nimmt. Die Freude, die Jesus uns gibt, die will unsere Haltung verändern, die will unsere Haltung dem Leben gegenüber verändern. Die will uns zu der Hoffnung führen, die daran festhält, dass bei Gott nichts unmöglich ist. Freude, die von Jesus kommt, die sagt uns: Gott hat alles in der Hand! Er hat auch die Dinge in der Hand, die uns die Freude kaputt machen. Die uns fertig machen. Und er kann das schaffen, dass sie uns bei allem Elend im letzten nicht unterkriegen. Und so geht diese Freude noch weit über unser Leben hinaus - sie reicht hinein in die Ewigkeit. Die Freude, die hier aus der Verbindung mit Jesus kommt, die ist die Anzahlung für die große Freude, die im Himmel auf uns wartet. Und die hört dann nie mehr auf!  "Freut euch zu jeder Zeit mit der Freude, die vom Herrn
kommt!" Jesus Christus gebe Dir diese Freude! Amen.

        


    
Predigt über 1. Korinther 4, 1-7; 3. Sonntag im Advent; 13.12.2015
Ihr seht also, wie ihr von uns denken müsst: Wir sind Menschen, die im Dienst von Christus stehen und Gottes Geheimnisse zu verwalten haben. Von [ihnen] wird verlangt, dass sie zuverlässig sind. ... Für mich zählt dabei nicht, wie ich von euch oder von irgendeinem menschlichen Gericht beurteilt werde. Auch ich selbst maße mir kein Urteil an. ...  Brüder und Schwestern, ich habe von Apollos und mir gesprochen. ... Niemand soll sich wichtig machen und den von ihm bevorzugten Lehrer gegen den eines anderen ausspielen. Wer gibt dir denn das Recht, dir etwas einzubilden? Kommt nicht alles, was du hast, von Gott? Wie kannst du dann damit angeben, als hättest du es von dir selbst?“

 
Liebe Gemeinde, vorhin haben wir ja den Predigttext schon gehört und in seiner ori-
ginalen Sprache steht da ein ganz entscheidendes Wort drin: ‚Wir sind Menschen, die als Ruderknechte im Dienst von Christus stehen...‘.   Der Apostel Paulus hat diese Worte geschrieben – und er nimmt ein Bild, das damals jeder verstehen konnte: jeder in Korinth kannte ja die Schiffe, die dort im Hafen ein- und ausliefen. Meistens waren es Schiffe, die mit vielen Rudern angetrieben wurden – auf jeder Seite gab es viele Ruderstangen, die von Ruderern bewegt wurden.  Paulus vergleicht nun die Gemeinde, die er in Korinth gegründet hat, mit einem solchen großen Ruderboot - ein Schiff, das sich Gemeinde nennt. Und dieses Schiff macht ihm große Sorgen: es geht alles drunter und drüber, weil jeder macht, was er will. Keiner achtet mehr auf den anderen und jeder hält sich selbst für am wichtigsten im Boot. Paulus erfährt davon und als Antwort auf diese Krise schreibt er den 1. Korintherbrief, damit das Gemeindeboot wieder auf Kurs kommt. Er erinnert an einige grundlegende Dinge.  Und die können auch für uns wichtig werden, denn unsere Gemeinde hier in Spetz ist ja auch so ein ‚Gemeindeboot‘.
Jürgen, mein Vetter, hat sich gerne mal Drachenbootrennen angekuckt. Und dann hat ihn mal jemand gefragt: Jürgen, willst du nicht bei unserer Drachenboot-Mannschaft mitmachen? Das war für ihn der Anstoß, da drüber nachzudenken – und dann ist er mal hingegangen und hat mitgemacht und seit-dem ist er begeisterter Drachenbootfahrer und fährt mit seiner Mannschaft in der Bundesliga auf dem 2. Platz.  Und so brauchen Menschen auch einen Anstoß, den Schritt ins Gemeinde-Boot zu wagen.  Manchmal stehen Menschen sozusagen am Ufer und schauen interessiert auf das Gemeindeboot. Ich merke oft: wenn Menschen einen Anstoß bekommen, dann fällt es ihnen leichter, an Bord zu kommen. Manchmal ist eine Einladung so ein Anstoß: ‚Komm doch mit zur Senioren-Adventfeier!‘ Oder beim „Lebendigen Advents-kalender“ sind manchmal welche dabei, die bisher keinen Kontakt zu unserer Gemeinde hatten – weil sie eingeladen wurden!  Oder da kommt der Sohn, die Tochter ins Alter, dass der Konfirmandenunterricht dran ist. Und da ist jemand, der sein Kind dann nicht sonntags mit dem Auto zur Kirche bringt und selbst dann wieder nach Hause fährt, sondern der mitgeht zur Kirche und merkt: diese gute Stunde gehört mir und tut mir gut!   Oder da ist jemand, der kann etwas besonders gut. Der kann gut mit dem Computer umgehen oder der kann gut mit Menschen zurechtkommen oder der hat ein echtes Händchen dafür, Räumlichkeiten schön sauber zu halten. Und derjenige wird gefragt, ob er das, was er gut kann, nicht auch für unsere Gemeinde machen will – als Webmaster und Tontechniker, als Gastgeberin von „Kirche in der Nachbarschaft“ oder in unserem Raumpflegeteam. Und die- oder derjenige sagt zu und macht mit und sitzt von jetzt an mit im Boot.
Es ist ganz unterschiedlich, auf welche Art und Weise das so kommt – aber wir erleben
es in unserer Gemeinde oft, dass Menschen plötzlich mit im Boot der Gemeinde sitzen und helfen, dass das Boot vorankommt.  Unsere Gemeinde ist wie so ein Ruderboot. Einige sind neu dazugekommen und rudern begeistert mit.   Andere Ruder sind im Boot, die freuen sich, dass sie mit so vielen anderen gemeinsam unterwegs sein können. Dass da so viele unterschiedliche Ruderer im Boot sitzen. Da kann man echt drüber staunen, wer alles so dabei ist: der erfolgreiche Kaufmann genauso wie der, der in seiner Firma in der untersten Lohngruppe ist. Der, der über viel Geld verfügt genauso wie der, der mit 600 € Rente hinkommen muss; der sportliche junge Mann in den besten Jahren genauso wie jemand, der im besten Metall-Alter ist: Silber in den Haaren, Quecksilber in den Zahnlücken und Blei in den Knochen.  Der, der vor lauter Stress kaum noch Luft be-kommt genauso wie der, dem tagein, tagaus die Decke auf den Kopf fällt vor Langeweile. Eine wirklich bunte Vielfalt, die da im Boot sitzt und miteinander rudert. Und mancher freut sich über genau diese Vielfalt und findet es klasse, dass das so ist und dass er selbst auch dazu gehört.  Es gibt aber sicher auch welche in diesem Boot, die können sich daran nicht freuen. Weil sie sich ärgern, dass so ganz bestimmte Leute auch in diesem Boot sitzen und mitrudern. Leute, die sie nicht abkönnen. Weil da irgendwann mal was war und sie haben es nicht vergessen. Oder weil sie denken: was will der und der eigentlich in diesem Boot, der hat doch keine Ahnung vom rudern?! Oder: Wieso rudert die oder die hier eigentlich mit? Die soll man erstmal mit ihrem spitzen Mundwerk richtig umgehen lernen, und dann kann die mal ganz lieb anfragen, ob sie hier mitrudern darf! Unsere Gemeinde – wie so eine Rudermannschaft auf dem Boot, das sich Gemeinde nennt.   In Korinth kamen sie mit den ganzen Unterschieden nicht zurecht. Und darum muss Paulus die grundlegenden Dinge des Ruderns wiederholen.  Er schreibt: „Ihr seht also, wie ihr von uns denken müsst: Wir sind Menschen, die im Dienst von Christus stehen und Gottes Geheimnisse zu verwalten haben. Von (ihnen) wird verlangt, dass sie zuverlässig sind.“ Paulus stellt hier klar: Alle, die mit Jesus Christus in Verbindung stehen, sind in seinem Boot. Und jeder hat seine Aufgabe in diesem Boot.  Paulus will uns sagen: für Jesus unterwegs zu sein, in Seinem Boot zu sein, das bedeutet, dass jeder und jede ihren Platz an den Rudern einnimmt und auf den Steuermann hört. Aber fast genauso wichtig ist es, dass die Ruderer vernünftig miteinander arbeiten. Dass nicht jeder so rudert, wie es ihm gerade in den Sinn kommt.
Vor Jahren war ich einmal mit meinem Patenkind Rebekka auf einem großen Binnensee im Erzgebirge. Wir beide haben uns auch ein Ruderboot gemietet und sind für ’ne Stunde auf diesen See rausgefahren. Erst habe ich allein gerudert, ungeübt wie ich war. Aber irgendwie sind wir vorangekommen. Dann wollte Rebekka auch rudern. Und so hatte jeder von uns beiden sein Ruder in der Hand und ruderte drauf los. Leider passte das nicht so wirklich zusammen und das Boot drehte sich im Kreis und fing an zu schaukeln. Erst als wir den Bogen raus hatten und gleichmäßig im gleichen Takt miteinander ruderten, ging es wieder voran und es wurde eine schöne Tour. So ist das mit dem Boot der Gemeinde auch. Wenn auch nur einer aus dem Takt kommt, wird es schwierig und man kommt nicht mehr richtig voran und irgendwann macht sich dann auch Frust breit. Und so sitzen alle, die heute hier sind, im Boot Jesu. Jede und jeder von euch, von uns hat seinen besonderen Platz. Und es ist nicht egal, ob er sein Ruder liegen lässt oder bewegt. Und es ist nicht egal, ob er auf den anderen achtet oder ob er alles nach seinem eigenen Gutdünken macht. Das ganze Boot "Kirchengemeinde Spetz" hängt an jedem und jeder in diesem Boot.  
Nun müssen wir noch fragen: Wo soll das Boot eigentlich hin? Was ist das Ziel? Anders gesagt: Wofür hat sich jeder und jeder von uns einzusetzen? Die Antwort steht auch in der Bibel: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Anders gesagt: unser Auftrag besteht darin, dass wir hier bei uns dafür sorgen, dass alle Menschen von Jesus Christus erfahren und dass wir es ihnen so leicht wie möglich machen, mit ihm in Verbindung zu kommen. Das ist das Ziel für unser Gemeinde-Boot. Und dafür hat jeder einzelne von uns sozusagen ein Paddel in die Hand bekommen, um dem Boot Schwung zu geben und dem Ziel näher zu kommen.  Aber wir haben nicht alle die gleichen Pad-del, jedes ist verschieden. Die ‚Paddel‘, das sind die Gaben, die der Heilige Geist jedem von uns gegeben hat, für jeden von uns ganz individuell. Und mit diesen „Paddeln“ sollen wir zusammen mit den anderen rudern. Jeder mit seiner Individualität – aber doch gemein-sam.   Wie das aussieht, will ich an einem Beispiel noch einmal deutlich machen – am Gottesdienst. Zu einem attraktiven, anziehenden Gottesdienst gehören einige Sachen, die wir im KV für wichtig halten: dass die Räumlichkeiten einen sauberen, einladenden Eindruck machen. Dass die Kirche und alles, was damit zusammen hängt, nicht verlottert aussieht.  Und: wenn man dann zur Kirche kommt, wäre das super, wenn man auch eben nett begrüßt wird. Und dass man dann in der Kirche nicht mit einem dicken Winter-mantel sitzen muss, sondern dass es angenehm warm ist. Und die, die zur Kirche kommen, müssen sich auf gute, ansprechende Musik freuen können und können eine Predigt erwarten, die sie auch verstehen können.  Und die muss man auch akustisch verstehen können. Und die, die nicht mehr zur Kirche kommen können, die sollen zu Hause das Ganze wenigstens  hören können. Und damit ein Gottesdienst für Menschen interessant ist, gehört auch das dazu: dass er dort nicht alleine sitzt, sondern dass er da auch andere treffen kann.
Das Tolle ist: Jesus hat dafür gesorgt, dass in diesem Boot „Kirchengemeinde Spetz“ Leute an Bord sind, die dafür sorgen! Er hat dafür gesorgt, dass wir Menschen haben, die genau diese Fähigkeiten  haben, die dazu nötig sind. Und dass sie sie auch einbringen. Da sitzt eben heute Christian, der seine ganz individuelle Art hat, Orgel zu spielen und der damit dafür sorgt, dass unser gemeinsames Singen sich entfalten kann. Und da sitzen mit „Voices“ Menschen, die mit ihrer Musik unsere Seele anrühren. Und als ihr reingekommen seid, hat Erika oder jemand anders freundlich „Moin!“ zu euch gesagt. Und am Freitag war wieder eines von unseren Raumpflegeteams hier und hat alles ordentlich sauber gemacht. Und das, was heute musiziert und gesprochen wird, wird durch Sören, unserem ‚Techniker vom Dienst‘ vernünftig ausgesteuert und dann macht Johann CD’s davon und dann können die, die wegen Alter oder Krankheit nicht direkt hier sein können, diesen Gottesdienst nachhören. Und Karin sorgt dafür, dass man es auf unserer Internetseite zusätzlich noch nachlesen und so-gar hören kann. Und –nicht zu vergessen!- : es sind Menschen hier. Und es gibt bestimmt einen, der sich darüber freut, dass er ausgerechnet dich heute hier sieht und mit dir reden kann nachher beim Kaffee!
Das alles sind sehr unterschiedliche Menschen und es  sind sehr unterschiedliche Sachen, die sie beisteuern, aber alles zusammengenommen ergibt es was Schönes! Und es wird darum was Schönes, weil das eine mit dem anderen harmoniert. Weil einer sich nach dem anderen gibt.  Das ist das, was Paulus meint: jeder soll sich mit seiner Individualität einbringen und dabei doch im Takt sein mit den anderen, im gleichen Ruderschlag. Nur so kommt das Boot voran und nur so wird das Ziel erreicht.  Und nun stellt euch mal vor, wie das aussehen könnte, wenn wir nicht mehr im gleichen Takt rudern würden. Wenn nur einer oder zwei oder drei ihr eigenes Ding machen würden. Wenn zum Beispiel Christian denken würde: Was hat Hermann bloß für schreckliche Lieder ausgesucht?! Und er würde jetzt einfach ganz andere Lieder spielen, während wir versuchen, die angegebenen zu singen. Oder wenn die Leute von „Voices“ gedacht hätten: wir haben schon so viel Auftritte im Advent, wir bleiben einfach weg. Oder wenn das Raumpflegeteam gesagt hätte: am Freitag haben wir keine Zeit zu putzen, wir machen das Sonntag um viertel vor elf. Dann würden die jetzt ihren Staubwedel schwingen. Und wenn der Kirchenvorstand gesagt hätte: ‚Blödsinn, dass die Kirche warm sein soll! Erdgas kostet so viel Geld, da können wir gut was sparen.‘ Und er hätte dann die Heizung ausgemacht und die Kirche wäre kalt gewesen. Oder wenn ihr alle zu Hause geblieben wärt, weil es im Bett gemütlicher ist als in der Kirche.
Wenn auch nur einer oder zwei ausgeschert wären und das gemacht hätten, was sie wollten, dann würde dieser Gottesdienst empfindlich beeinträchtigt werden. Ja – jeder von uns ist enorm wichtig. Aber wenn jeder sich für die wichtigste Person halten würde und wenn jeder denken würde, seine Aufgabe sei die wichtigste, dann würde es schief laufen.  In Korinth war diese Gefahr ganz groß und einiges lief schon schief. Und darum sagt Paulus es ganz eindringlich: macht euch klar, was euer Auftrag ist, wofür ihr im Boot sitzt. Und macht euch klar, dass ihr zum Ziel kommen sollt, nämlich dass alle Menschen von Jesus Christus erfahren und zu seiner Gemeinde dazukommen sollen.
Paulus kommt noch einmal zurück auf die Ursache, warum es in Korinth schief läuft: es liegt daran, dass der eine sich für bedeutender und wichtiger hält als die anderen. Dass einer denkt: dass ich rudere, das ist viel bedeutender als dass der da vor mir sitzt, rudert. Oder: Ich hab schon viel mehr Erfahrung im rudern, und darum muss ich mich mit so einem Neuling nicht in ein Boot setzen. Oder: ich kann den, der da neben mit auf der Ruderbank sitzt, nicht ausstehen – warum soll ich dann im gleichen Takt wie er rudern?!  So geht das unter uns Menschen ja oft zu und ich glaube, dass das auch im Boot „Kirchengemeinde Spetz“ nicht immer völlig auszuschließen ist.  Paulus nimmt das in unserem Bibelabschnitt sehr deutlich in den Blick und er sagt dazu: „Wer gibt dir denn das Recht, dir etwas einzubilden? Kommt nicht alles, was du hast, von Gott? Wie kannst du dann damit angeben, als hättest du es von dir selbst?“ Also: wer im Boot sitzt und mitrudert, der kann sich darauf be-rufen, dass Jesus ihn ins Boot geholt hat und auf diesen Platz gesetzt hat.
Andere, die von außen auf dieses Boot kucken, denken vielleicht manchmal: warum ist der oder der eigentlich in der Gemeinde aktiv? Der hat doch gar nicht so viel Erfahrung. Oder der hat doch auch eine gescheiterte Beziehung hinter sich. Und seine Kinder sind auch nicht so die tollen Leuchten.  Oder: So fromm ist der doch gar nicht! Wieso mischt der eigentlich in der Kirche mit?!  Die Antwort darauf lautet: weil Jesus, weil der Steuermann sich nicht die Leute aussucht, die bisher ohne Schrammen durchs Leben gekommen sind, oder die viel Einfluss haben oder die schon viel können. Sondern er sucht sich die aus, die er gebrauchen kann. Nur Jesu Ruf, auf den wir geantwortet haben, lässt uns zu Seiner Mannschaft gehören.  Von uns aus sind wir dafür gar nicht qualifiziert. Von uns aus können wir gar nichts für Gott bewegen und voran bringen. Aber Jesus setzt sein Vertrauen ganz in uns. Er traut uns zu, dass wir sein Boot voranbringen und zum Ziel kommen. Und in diesem Sinne lasst uns fröhlich weiterrudern! Amen.  

 
    
    
Predigt über Jakobus 5, 7-8; 2. Sonntag im Advent; 06.12.2015

 
Aus dem Jakobusbrief lese ich uns die Worte, die uns für heute als Predigttext gegeben sind. Da schreibt Jakobus: „Seid geduldig, bis der Herr kommt. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“

 
Liebe Gemeinde, diesen Werbespot kennt ihr bestimmt: da sitzt ein Kind allein in einem Raum und vor ihm liegt ein Überraschungsei. Und es weiß: nachher bekomme ich noch
ein Ü-Ei! Aber nur, wenn ich das erste noch nicht aufgemacht und gegessen habe!  Nun muss das Kind warten! So lange, bis die Zeit rum ist und es dann zwei Ü-Eier hat!  Und man sieht so richtig, wie schwer es für das Kind ist, solange zu warten: es reibt sich die Hände, legt den Kopf auf die Seite, kneift sich, springt auf und geht ein paar Schritte – alles, um sich die Zeit zu vertreiben und um sich abzulenken, damit es ja nicht gleich über das eine Ü-Ei herfällt. Und man kann gut sehen: warten ist echt schwer! Und Geduld zu haben, ist manchmal gar nicht so einfach. Vielleicht ist uns heute genau darum der Predigttext gegeben. Wir leben in der Adventszeit. Advent heißt Ankunft. Da kann man ja fragen: wer soll ankommen? Die Bibel sagt: Jesus will ankommen! Zu Seiner Zeit wird er wiederkommen – und dann nicht als Kind in der Krippe, sondern als Weltenherrscher. Der alles verwandeln und neu machen wird. Darauf warten wir Christen – nun schon ungefähr 2000 Jahre. Die ersten Christen waren überzeugt: dass Jesus wiederkommt, das werden wir noch erleben!  Aber es dauerte und dauerte und Jesus schien sich zu verspäten. Darum wurden die Menschen ungeduldig und dachten, dass da vielleicht gar nichts draus wird und dass sie darum vergeblich auf Jesus hoffen. Dass es sich gar nicht lohnt, auf ihn zu warten. Und darum muss ihnen Mut gemacht werden, damit sie die Geduld nicht verlieren. Dass sie durchhalten! Bis es soweit ist! Bis es anders wird, besser!

 
An welcher Stelle sind wir ganz ungeduldig und hoffen, dass endlich etwas passiert? Wo hoffen wir darauf, dass sich etwas verändert, zum Guten hin verändert? Wo erhoffen wir einen neuen Aufbruch? An welcher Stelle in unserem Leben sind wir vielleicht ganz hib-
belig und unruhig und warten darauf, dass die qualvolle Wartezeit endlich vorbei ist? Oder anders gefragt: Wo müssen wir Geduld aufbringen?  Ich muss an jemanden denken, der mir mehr oder weniger verzweifelt sagte: Wann schaffe ich es endlich, dass ich mich nicht immer gleich so tierisch aufrege?  Oder da ist große Geduld gefordert bei unseren Kindern. „Ich hab‘ dir das doch schon 1000 Mal erklärt. Warum begreifst du es noch immer nicht?!“   Oder die Eltern, die endlich ihr Baby haben. Wunderbar – aber: es schreit jede Nacht wie am Spieß! Seit Monaten haben sie keine Nacht mehr durchgeschlafen, und ungeduldig warten sie darauf, dass sie mal wieder eine ganze Nacht schlafen können.  Und wie mancher wartet darauf, dass er mal ein lobendes Wort hört. Dass der, um den er sich so kümmert, dass der das nicht alles für selbstverständlich nimmt und einfach mal „Danke!“ sagt. Dann würde man wieder mehr Kraft und etwas mehr Mut bekommen.   Und mir fallen etliche Menschen ein, die warten sehnsüchtig darauf, dass sie endlich mal den Menschen finden, der zu ihnen passt! Damit sie nicht mehr alleine sind!

 
Warten ist manchmal ganz schön schwer, und Geduld gar nicht so einfach. Die Ermahnung, durchzuhalten, kommt mitten in der wuseligen und hektischen Adventszeit das, was Jakobus dazu sagt, ist ziemlich einfach. Zwei Verse nur. Er sagt: „Seid geduldig, bis der Herr kommt.“
Und er illustriert es mit einem Beispiel: „Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“

 
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber bei diesen Worten musste ich gleich daran denken, wie mein Vater und ich damals Kartoffeln gepflanzt haben. „Kostbare Frucht der Erde“ – das sind für mich jetzt mal Kartoffeln und ich nehme Euch mal mit auf den Kartoffelacker. So im Schnelldurchlauf – und ich hoffe, dass ich nichts verkehrt mache. Nach dem Winter – also nächstes Frühjahr wieder – lockert man den Boden etwas auf. Dann zieht man dort, wo die Kartoffeln wachsen sollen, Reihen – fein säuberlich etwa mit 60 cm Abstand. Dann nimmt man die neuen kleinen Saatkartoffeln. Mit dem Spaten macht man ein kleines Loch  – nicht zu tief – und legt die kleine Kartoffel rein. In einem Abstand von 30-40 cm kommt das nächste Loch mit der nächsten kleinen Kartoffel die man dort hinein legt. Wenn man fertig ist, häufelt man die Reihen an – an-eern nööm’n wie dat bie uns.  So können die Kartoffeln unter dem Haufen gut wachsen. Nun muss man eigentlich fast nur warten. Mal, gerade am Anfang, muss man bewässern und die Haufen wieder hochziehen. Sonst ist fast nichts zu tun.  Nach einer Weile wächst Kartoffelkraut. Es wird größer und größer. Wir aber tun nichts. Wir warten. Die Kartoffel wächst von ganz allein. Was sollten wir auch tun? Wir müssen einfach warten – und dann, im Herbst,  wenn das Kartoffelkraut gelb wird, dann kann man de Tuffels rüden. Wenn man nun mit der Hacke immer im Abstand zwischen den gepflanzten Kartoffeln hackt, wird man dort, wo man vorher immer nur eine kleine Kartoffel in die Erde gelegt hat, einen ganzen Kartoffelhaufen finden. Aus einer kleinen Kartoffel sind viele große Kartoffeln geworden - das Warten hat sich gelohnt. Die Geduld hat sich ausgezahlt.  Jakobus nimmt uns beim Thema Geduld mit auf den Kartoffelacker. Wenn es ums Thema Geduld geht können wir dort einiges lernen etwas sehen.

 
1.: Geduld hat eine Perspektive.
Warten ist einfacher, wenn man weiß, worauf man wartet.  Es käme ja keiner auf die Idee, im Frühjahr statt einer Kartoffel einen Stein in das Loch zu stecken. Das wäre ja dumm. Wer Kartoffeln pflanzt, der weiß aus Erfahrung: mit der Kartoffel passiert etwas, wenn ich sie in Ruhe wachsen lasse, wenn ich Geduld habe.  Und Jakobus nimmt uns mit in den Garten, weil er uns zeigt, dass der Bauer wartet, weil er aus Erfahrung weiß, da tut sich was. Und das ganze Jahr über sieht er das ja auch, sieht wie die Kartoffel wächst, wie das Kraut aus der Erde kommt und blüht. Das sind so kleine Zwischenetappen – und an ihnen sieht er: Warten lohnt sich! Geduld fällt leichter, wenn sie eine Perspektive hat und in Zwischenetappen. Und es gibt ja die kleinen Erfolgsgeschichten und Perspektiven: die erste halbe Nacht durchgeschlafen. Vier Stunden - Wahnsinn. Das gibt Kraft,  und die Hoffnung auf acht Stunden Schlaf steigt.  Oder es gab einen Lichtblick bei dem, um den ich mich so kümmere: er hat zwar noch nicht „Danke!“ gesagt, aber geknurrt: „Ick bün blied, dat ick die hebb!“ Das ist ja schon fast ein Danke. Oder der, der sich immer so schnell aufregt, hat es hingekriegt, dass er einmal ruhig geblieben ist, als der Vollpfosten vor ihm viel zu spät gebremst hat.   Kleine Lichtblicke nur – aber es ist wichtig, diese kleinen Lichtblicke wahrzunehmen.  Wo tut sich was? Wo sehen wir die kleinen Pflänzchen. Das stärkt die Perspektive, das hilft unserer Geduld. Und darum lohnt es sich, dass wir uns von Jakobus sagen lassen: behaltet das Ziel im Blick und kuckt nach den kleinen Erfolgen, die ihr schon sehen könnt! Schaut hin, wo sich etwas tut, wo übertragen gesprochen die Kartoffeln zu wachsen beginnen und das Kraut schon aus dem Häufchen ragt.

 
Aber – und das will und kann ich nicht verschweigen – es gibt auch die dunklen Erfahrungen. Die der Geduld nicht helfen. Da wird Warten unerträglich. Monate oder Jahre lebt man in geduldigem Vertrauen und es gibt definitiv keine kleinen Lichtblicke. Da tut sich
nichts. Keine Zwischenetappen. Der, für den du dich so einsetzt, dem fällt es gar nicht ein, dich mal zu loben, sondern er nutzt dich nur pausenlos aus. Oder da hast du auch auf der fünfzehnten Ü-40-Party noch keinen gefunden, mit dem es was werden könnte!  Und dann ist es Essig mit der Geduld! Die Kartoffel scheint doch ein Stein zu sein. Und was ist dann? Wenn sich kein Pflänzchen zeigt und sich nichts zum Guten verändert? Jakobus gibt keine einfache Antwort. Er hat keine Durchhalteparolen. Dass das mit der Geduld schwer werden kann, weiß er. Genau darum schreibt er ja auch. Und für diese Phasen, in denen es nichts gibt, an dem wir sehen können, dass es doch noch gut wird – für diese Phasen verweist Jakobus uns auf Jesus selbst.  Unsere Geduld mag zu Ende gehen - aber Jesus macht dir Mut und sagt zu dir: halte Dich fest, halte Dich an mich, halte aus.  Habe Geduld, denn ich, Jesus, werde kommen. Jakobus gibt weiter, was Jesus selbst sagt und was Menschen mit ihm erlebt haben. Und vielleicht hat Jakobus das vor Augen, was damals geschah, als Jesus sich seine ersten Jünger ausgesucht hat. Als er zu Petrus sagte, dass er nochmal auf den See hinausfahren soll mit seinem Boot.  Die ganze Nacht haben sie gefischt, Geduld hat-
ten sie – viel Geduld - aber nichts ist passiert. Nichts. Kein Fisch. Kein Einziger. Die Geduld ist genug geprüft worden und: nichts! Und dennoch will Jesus, dass Petrus mit seinem Boot hinaus fährt. Gegen jede Erfahrung und gegen jede Logik. Jetzt, wo alles, aber auch wirklich alles ohne Erfolgsaussichten scheint. „Auf Dein Wort hin“, „Auf DEIN Wort hin, Jesus“ sagt Petrus.  „Auf Dein Wort hin will ich es wagen, will ich hinausgehen, will ich Geduld haben.“
Jakobus möchte so gerne, dass wir davon etwas lernen für die dunklen Tage. Für die Zeiten, in denen unsere Geduld schwer geprüft wird, wo sich nichts tut, und unsere Kraft fast am Ende ist. Dass wir dann lernen, neu auf Jesus zu hören. Dass wir uns dazu durchringen, ihm zu vertrauen. Dass wir uns nicht von unserer schlechten Erfahrung runterziehen lassen, sondern uns von Ihm aufbauen lassen.   „Auf Dein Wort hin will ich an der Stelle Geduld haben, wo sich schon lange Resignation breit gemacht hat. Auf Dein Wort hin will ich warten, dass Veränderung in meinem Leben geschieht, obwohl es aussichtslos erscheint.“ „Auf Dein Wort hin will ich auf den richtigen Partner warten. Auf Dein Wort hin, Jesus.“

 
Jesus hat versprochen bei uns zu sein alle Tage. Er ist da. Er wirbt.   Und nochmal erweitert Jakobus die Perspektive. „Seid geduldig, bis zum Kommen des Herrn.“ sagt er. Bis zum Kommen? Er ist doch schon da. Ja er ist da - und doch, die Perspektive wird noch mal erweitert. Auf den Zeitpunkt hin, an dem Jesus wiederkommen wird.  Und das ist keine billige Vertröstungsstrategie in aussichtslosen Lebenssituationen und für ungeduldige Verzweifelte. Jesus, der selbst geduldig aushielt, Er weitet den Blick. Er wird wiederkommen. Und dann wird er abwischen alle Tränen. Auch von denen, die verzweifelt gewartet haben. Dann wird nicht mehr sein Tod und Geschrei und Schmerz. Dann wird Gerechtigkeit geschaffen, wo mancher so unglaublich lange gewartet hat. Dann werden sie erkennen, dass Gott der Herr ist. Dann werden wir mit einem neuen Leib bekleidet, auch die, die so lange auf Heilung warteten. Dann werden die Toten auferstehen. Und Gott wird sein alles in allem. Ein neuer Himmel und eine neue Erde.   Und bis dahin wirbt Jesus um unser Vertrauen.

 
Ein letztes: Bei allem Reden von Geduld könnte nun ja jemand auf die Idee kommen
und meinen es ginge hier darum, die Hände in den Schoss zu legen, sich passiv in sein
Schicksal zu ergeben, und die Dinge einfach laufen zu lassen.  Aber das ist nicht gemeint
wenn Jesus um Geduld wirbt, und auch Jakobus hat das nicht im Blick. „Seid geduldig und stärkt Eure Herzen“.  „Stärkt Eure Herzen.“  Damit ist gemeint, dass Geduld aktiv gestaltet werden kann und auch soll. „Seid geduldig und stärkt Eure Herzen“ bedeutet dann, dass wir nicht allein mit unserer Geduld oder Un-Geduld bleiben sollen. Lasst uns Gemeinschaft suchen uns gegenseitig stärken und zusprechen wo es schwer fällt. In der Gemeinde ist der Platz, wo wir zusammen die kleinen Pflänzchen entdecken können, die unserer Perspektive helfen. Wo wir als Christen einander und andere besuchen – da wird Hoffnung gesät und da werden Herzen gestärkt! Ich selber konnte erst zu wenigen Abenden des „Lebendigen Adventkalenders“ gehen – aber zwei Mal habe ich gehört von Menschen, von denen ich genau weiß, dass sie es mit der Geduld und dem Warten zur Zeit sehr schwer haben, dass sie gesagt haben: „Was haben mir diese Minuten gut getan!“ – Jakobus würde sagen: Der „Lebendige Adventskalender stärkt eure Herzen!“  „Stärkt Eure Herzen“ – dass wir uns auf Gott ausrichten. Auf sein Wort hören und uns von ihm etwas sagen lassen. Und umgekehrt: dass wir mit ihm reden – ihm in unserem Gebet das sagen, was uns Mühe macht.

 
Seid geduldig und stärkt Eure Herzen.“ Warten ist manchmal ganz schön schwer und Geduld gar nicht so einfach.  Da, wo wir so kleine Zwischenetappen sehen, so kleine Lichtblicke, da tut uns das gut und hilft uns, dass wir dran bleiben und Geduld behalten.  
Da, wo es diese kleinen Zwischenetappen nicht gibt und wir keine Lichtblicke sehen, da muss Gott es irgendwie hinkriegen, dass wir unser Vertrauen nicht aufgeben. Dass wir es so machen wie bei den Kartoffeln: darauf warten, dass sich die Kraft durchsetzt und aus den kleinen Pflanzkartoffeln was wird! Dass Gottes Kraft sich durchsetzt und etwas Neues und Gutes schafft! Zu seiner Zeit! Und bis dahin lasst uns dafür sorgen, dass wir unsere Herzen stärken – so wie heute! Amen.

 
          

 
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