Predigten Januar 2015 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Januar 2015

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Predigt über Matthäus 17, 1-9; Letzter Sonntag nach Epiphanias; 25.01.2015

Liebe Gemeinde, manchmal tut es gut, wenn man sich etwas gönnt, was über das Norma-
le hinausgeht. Vielleicht sich mal nicht zu Hause das Brötchen selber schmieren, sondern mal lecker in einem Café frühstücken gehen, oder im Urlaub mal die Seele baumeln lassen und mal nichts tun müssen.  Ulrike und ich freuen uns schon auf ein Konzert Ende Februar, für das ich Ulrike zu Weihnachten Karten schenken wollte. Im vergangenen Mai hatte ich die Karten schon bestellt – der frühe Vogel fängt den Wurm ;-)  Heiligabend wollte ich sie schön einpacken und so – und dann merke ich: die Karten sind weg! Sind nicht mehr in dem Umschlag, wo sie hingehören... Wat nu?!  Grübel, grübel – und dann fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren: die Tickets habe ich ihr schon vor einem halben Jahr zum Geburtstag geschenkt. So kann’s gehen – aber auf jeden Fall haben wir nun die Karten und freuen uns auf einen schönen Abend.  Aber es muss nicht unbedingt ein Konzert sein oder irgendwas anderes außer Haus. Manchmal genügt es schon, sich mal so richtig im Garten austoben zu können, um auf andere Gedanken zu kommen. Andere genießen es, in Ruhe ein gutes Buch zu lesen. Egal wie: dass wir von Zeit zu Zeit etwas erleben, was über das Normale hinausgeht, das tut gut. Gerade dann, wenn man in der Zeit vorher ziemlich beansprucht war. Dass man eem wieder ins Gleichgewicht kommt. Daran musste ich denken, als ich den Bibelabschnitt las, der für heute zur Predigt empfohlen ist. Ich lese uns aus Mt. 17, 1-9:

Sechs Tage später nahm Jesus die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder von Jakobus, mit sich und führte sie auf einen hohen Berg. Sonst war niemand bei ihnen.  Vor den Augen der Jünger ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich: Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden strahlend weiß.  Und dann sahen sie auf einmal Mose und Elija bei Jesus stehen und mit ihm reden.  Da sagte Petrus zu Jesus: „Wie gut, dass wir hier sind, Herr! Wenn du willst, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elija."  Während er noch redete, erschien eine leuchtende Wolke über ihnen, und eine Stimme aus der Wolke sagte: „Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt. Auf ihn sollt ihr hören!"

Das, was Petrus, Jakobus und Johannes hier erleben, das ist etwas, was über das Normale weit hinausgeht. Jesus hat die drei aus der ganzen Gruppe seiner Jünger ausgewählt und dann nimmt er sie mit auf einen hohen Berg. Und allein dadurch steigt die Spannung bei Petrus, Jakobus und Johannes.  Sie wissen: schon oft haben sich bedeutende Ereignisse in ihrem Volk Israel auf Bergen ereignet: Als die Sintflut zu Ende war, setzt Noah mit seiner Arche auf einem Berggipfel auf; Mose empfing auf dem Berg Sinai die zehn Gebote; Elia erlebte bei einem Wettkampf auf dem Berg Karmel eindrucksvoll, wie mächtig Gott ist und wie viel Kraft er hat.  Immer wieder war es so gewesen, dass wichtige Ereignisse zwischen Gott und seinem Volk Israel sich auf einem Berg vollzogen. Und darum sind Jakobus und Petrus und Johannes jetzt sicher auch unheimlich gespannt darauf, was sie da oben nun wohl erwartet. Petrus ist besonders gespannt. Denn es ist jetzt sechs Tage her, seitdem er etwas mit Jesus erlebt hat, woran er immer noch zu knabbern hat. Es war alles gut angefangen: Jesus hatte ihn und seine Jünger gefragt: Sagt mal – für wen halten mich die Leute eigentlich? Und dann hatte er nachgehakt: Und für wen haltet ihr mich? Was denkt ihr von mir?  Und Petrus hatte für sie alle geantwortet:  „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!" Total überzeugt kam das raus – und Jesus klopfte ihm sozusagen auf die Schulter und sagte etwas zu ihm, was Petrus gar nicht fassen konnte: „Du, Petrus, bist der Fels! Stark genug, damit ich meine Gemeinde auf dir baue!" Wie gut fühlte Petrus sich!
Wie gut fühlen wir uns, wenn uns jemand sagt, dass er uns etwas Wichtiges zutraut! Wenn jemand sagt: du kannst das!  Und natürlich war Petrus jetzt gut drauf – sozusagen belobigt vor allen anderen. Und er freute sich jetzt noch mehr auf die Zeit, die er und die anderen mit Jesus zusammensein würden. Und ausgerechnet jetzt fing Jesus an, dass er sagte: „Ich werde nicht mehr lange bei euch sein! Ich werde verraten und gefoltert werden, ich werde wahnsinnig leiden müssen und ich werde sterben und ihr müsst ohne mich auskommen!" Das war für die Jünger wie eine kalte Dusche und darum nahm Petrus  Jesus beiseite und sagte zu ihm: „Das soll nicht so kommen, so etwas schlimmes soll nicht mit dir passieren!"
Und da hatte Jesus sich umgedreht und ihm ganz schroff ins Gesicht gesagt: „Geh weg
von  mir, Satan! Ich ärgere mich über dich! Du hast nicht das im Sinn, was Gott möchte, sondern du willst mich daran hindern, meinen Auftrag zu erfüllen!"  Das war nun wie eine kalte Dusche für Petrus  – erst zeichnete Jesus ihn aus und dann stieß er ihn von sich und fand so böse Worte für ihn. Und nun hatte Petrus Angst, dass er es mit Jesus verdorben hätte.  Und darum freut er sich jetzt umso mehr, dass er zu den drei Jüngern gehört, die Jesus mit auf diesen Berg nimmt. Was mag hier passieren?!?  

Ihre Erwartungen werden nicht enttäuscht. Was sie da oben auf dem Berg erleben, das hatte es noch nie gegeben: Jesus verklärt sich. Wörtlich steht an der Stelle: Jesus wird umgestaltet. Sieht jetzt so aus, wie er aussehen wird, wenn er als der Weltenrichter wieder-
kommen wird. Das, was die drei Jünger zu sehen bekommen, ist also schon für einen Moment ein Blick auf das, was erst noch kommt. So als würde Gott für einen Augenblick den Vorhang lüften, der unsere Welt von seiner Welt trennt.  Die drei Jünger haben jetzt schon für einen Moment das gesehen, was wir erst sehen werden, wenn wir bei Jesus im Himmel sind. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne, seine Kleider strahlen in dem hellsten Weiß, das man sich denken kann.  Und sie sehen, wie plötzlich Mose und Elia bei Jesus stehen und mit ihm reden. Und sie erkennen daran: all das, was das Alte Testament über Gott sagt, das ist in Jesus jetzt da! Und er ist herrlich, ganz licht und ohne jede Finsternis.

Liebe Gemeinde, die Art und Weise, wie diese drei Jünger das erlebt haben, die ist unvergleichlich. Aber dass Menschen erlebt haben, dass Gott ihnen ganz nahe schien, das haben schon manche erlebt. Momente, in denen die Größe Gottes aus dem Verborgenen heraustritt und in denen wir uns fühlen wie auf so einem Berggipfel.  Jemand sagte mir, dass er das so empfunden habe, als er sein Neugeborenes auf dem Arm hatte.  Jemand anders erzählt, dass sie so empfunden hat, als es ihr klar geworden ist, was sich in der zweiten Lebenshälfte verändern soll. Lange hatte sie darüber nachgedacht – und nun war ihr klar geworden, dass sie sich beruflich nochmal verändern wollte. Jetzt endlich das zu machen, wozu früher die Möglichkeit nicht da war.  Und ein dritter empfand die Nähe Gottes besonders in dem Augenblick, in dem er eine lange, schwierige Operation überstanden hatte und der Arzt sagte: Es ist alles gut gegangen!  Herausgehoben aus dem normalen Alltag, Gott irgendwie spüren – vielleicht in einem besonders schönen Gottesdienst oder bei einem ergreifenden Konzert wie vergangenen Sonntag, als „Brass to date" hier war.  Momente sind das, in denen wir uns so fühlen wie auf einem Berggipfel und in denen Gott uns plötzlich ganz nahe ist. Begegnungen, die einen Glanz auf unseren Alltag legen. Die sich abheben von unserem normalen Leben. Momente, in denen wir Gottes Größe und seine Nähe deutlicher spüren als sonst, und solche Momente möchten wir am liebsten festhalten.  So geht es den drei Jüngern dort oben auf dem Berg auch. Und darum schlägt Petrus vor: Lasst uns hier bleiben! Lasst uns doch’n paar Zelte aufschlagen: eines für Mose, eines für Elia, eines für Jesus.  Petrus möchte das, was er und die anderen hier jetzt erleben, festhalten. Aber er hat noch gar nicht ausgeredet, da passiert schon etwas Neues: Während er noch redet, „erschien eine leuchtende Wolke über ihnen, und eine Stimme aus der Wolke sagte: „Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt. Auf ihn sollt ihr hören!"  
Als die Jünger diese Worte hörten, warfen sie sich voller Angst nieder, das Gesicht zur Erde."

Nun spricht Gott selbst und die drei spüren: wir haben vor Gott gar keinen Bestand! Wo Gott uns in den Weg tritt, da können wir das gar nicht aushalten. Seiner Größe sind wir gar nicht gewachsen! Die Klarheit, die von ihm ausgeht, diese Klarheit können wir gar nicht verkraften – dafür gibt es viel zu viel Unklarheit in unserem Leben. Der Kraft, die von Gott ausgeht, können wir uns gar nicht entgegenstellen, weil wir viel zu schwach sind. Weil Petrus und Jakobus und Johannes das in diesem Augenblick blitzartig klar wird, werfen sie sich zu Boden. Und das ist letztlich die angemessene Reaktion, wenn ein Mensch Gott begegnet. Sie zeigt den großen Abstand, der letztlich zwischen Gott und uns ist. Der Abstand, den wir von uns aus nicht überbrücken können. In allen Religionen geht es darum, dass Menschen einen Weg finden möchten, diesen Abstand zwischen sich und Gott zu überwinden. Aber hier, wo Jesus dabei ist, da passiert etwas ganz anderes: hier kommt Jesus auf die drei Jünger zu und wir lesen: „Jesus trat zu ihnen, berührte sie und sagte: ‚Steht auf, habt keine Angst!‘"

Es kann unwahrscheinlich gut tun, wenn wir zwischendrin mal solche Augenblicke erleben, die sich von unserem normalen Alltagsleben abheben. Wo es uns vorkommt, als würde der Auferstandene uns persönlich die Hand auf die Schulter legen. So wie dort auf dem Berg. Aber das ist nicht für immer gedacht. „Steht auf", sagt Jesus, und dann: „Habt keine Angst!"  „Habt keine Angst!" - diese Worte, die begleiten nicht nur die drei Jünger, als sie wieder in ihren Alltag gehen. Diese Worte, die gelten auch für uns. Wenn wir wieder in unseren Alltag gehen. Und der Alltag wird wieder ganz normal sein. Die überragenden Gottes-Begegnungen, die haben wir nicht jeden Tag. Solche Momente auf dem Gipfel, die sind etwas außergewöhnliches. Wir können sie nicht festhalten. Wir werden nicht immer auf den Höhepunkten unseres Glaubens sein. Bei den drei Jüngern war es ganz drastisch. Hier wurden sie von Jesus ausgewählt, mit ihm auf den Berg zu gehen und hier sahen sie etwas, was kein anderer gesehen hat. Nicht allzu lange danach wählt Jesus genau diese drei wieder aus. Als er im Garten Gethsemane Blut und Wasser schwitzt. Weil er Angst hat vor dem, was kommt. Und in diesem Garten, da bittet Jesus genau diese drei, dass sie mit ihm wachen sollen, damit er in seiner Angst nicht so alleine ist. Und sie schaffen es nicht. Ihnen fallen die Augen zu, während Jesus um sein Leben ringt. Von diesem Höhepunkt auf dem Berggipfel sind sie ganz tief gesunken auf den absoluten Tiefpunkt im Garten Gethsemane.  Jesus hat das gewusst, dass es so kommen würde. Er kennt seine Pappenheimer durch und durch – damals wie heute. Und trotzdem „trat (er) zu ihnen, berührte sie und sagte: ‚Steht auf, habt keine Angst!‘"

Dass wir aufstehen und ohne Angst weitergehen, dazu will Jesus uns bringen. Von Zeit zu Zeit werden wir Momente erleben, wo Gott aus der Verborgenheit hervortritt und wo
wir von dem Glanz angestrahlt werden, der von dem Auferstandenen Jesus ausgeht. Und solche Momente, die werden uns gut tun. So gut, dass wir sie am liebsten festhalten würden. Aber das geht nicht. Aber der Auferstandene, der wird dafür sorgen, dass wir dann auch die Wege gehen können, die dann wieder vor uns liegen. Heute sagt er zu dir: Steh auf, geh deinen Weg, hab keine Angst! Amen.         

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Predigt über Apostelgeschichte 12, 1-11; 18.01.2015;  Abschluss der Allianz-Gebetswoche

Anspiel „Das besondere Vater unser“ durch Ivonne und Julia; Ton:  Jan / Jan Lukas

Vielen Dank für dieses besondere Vaterunser!  Da hat man mal deutlich gemerkt: Beten ist nicht irgendwie „in die Luft reden“! Beten ist auch kein Selbstgespräch! Beten ist: mit Gott reden! Und dazu gehört auch: damit rechnen, dass Gott antwortet! Vielleicht anders, als ich mir das vorstelle und wünsche – aber er antwortet!

In der letzten Woche haben sich etliche von uns zum gemeinsamen Gebet getroffen.
Und über die ganze Woche stand als Hauptthema das „Vater unser“. Das ist ja ein ganz besonderes Gebet. Jesus selbst hat es damals seinen Jüngern gegeben. Das war ganz merkwürdig: die Jünger hatten schon viel mit Jesus erlebt. Hatten schon oft gemerkt: wenn er sich neu sortieren muss, oder wenn er neue Kraft braucht – dann betet Jesus. Dann redet er mit Gott. Aber sie selber wussten nicht so richtig, wie das geht: beten.  Und darum fragten sie ihn: Sag mal, Jesus, beten, wie geht das eigentlich?! Und Jesus hielt ihnen dann keinen Vortrag übers Beten, sondern er gab ihnen einfach ein Gebet. Ein Gebet, in dem eigentlich alles drin ist. Das ist das Vaterunser – bis heute ist es das Gebet für alle Christen. Heute nun ist der letzte Abschnitt davon vorgesehen: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Amen.“    Wenn ich sage, dass das der letzte Abschnitt ist, dann stimmt das nur halb. Denn ursprünglich gehörten diese Worte gar nicht zum Vater unser dazu. Sie sind erst später dazugekommen. Das war in der Zeit der ersten Gemeinden. Wenn die Christen damals Gottesdienst gefeiert haben, dann haben sie auch das Vater unser gebetet. Die ganzen Bitten Gott vorgetragen.   Aber sie haben sich auch daran erinnert, dass Gott auch die Kraft und die Macht hat, das auch wirklich zu tun, was sie ihn bitten! Und darum haben sie es sich angewöhnt, nach jedem Vaterunser zu bekennen: Gott, wir vertrauen fest darauf: das, was wir dich jetzt gebeten haben, das kannst du auch tun! Du hast die Kraft. Du bist der Herr über alles, dein ist das Reich. Und du wirst einmal die, die zu dir gehören, zu einem gu-
ten Ziel führen und alles neu machen – dein ist die Herrlichkeit.  Und diese ganzen Gedanken hat man dann zusammengefasst und nimmt sie seitdem als Abschluss des Vaterunsers: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit.“

Dass Gott das, was er zusagt, auch tunkann, das sollte unbedingt gesagt werden. Und darum kann man diesen Abschluss des Vaterunser eigentlich in zwei Worten zusammenfassen: Gott kann!  Und bevor ich darauf näher eingehe, will ich einen Abschnitt aus der Apostelgeschichte lesen, Kapitel 12, 1-11: König Herodes ließ verschiedene Mitglie-
der der Gemeinde von Jerusalem festnehmen und schwer misshandeln. Jakobus, den Bru-
der von Johannes, ließ er enthaupten. (Dann) ging er noch einen Schritt weiter und ließ auch Petrus gefangen nehmen. .. Petrus wurde ins Gefängnis gebracht; zu seiner Bewachung wurden vier Gruppen zu je vier Soldaten abgestellt, die einander ablösen sollten. ...  So saß Petrus also streng bewacht im Gefängnis. Die Gemeinde aber betete Tag und Nacht inständig für ihn zu Gott.  In der Nacht, bevor Herodes ihn vor Gericht stellen wollte, schlief Petrus zwischen zwei der Wachsoldaten, mit Ketten an sie gefesselt. Vor der Tür der Zelle waren die zwei anderen als Wachtposten aufgestellt. Plötzlich stand da der Engel des Herrn, und die ganze Zelle war von strahlendem Licht erfüllt. Der Engel weckte Petrus durch einen Stoß in die Seite und sagte: „Schnell, steh auf!“ Da fielen Petrus die Ketten von den Händen. Der Engel sagte: „Leg den Gürtel um und zieh die Sandalen an!“ Petrus tat es, und der Engel sagte: „Wirf dir den Mantel um und komm mit!“ Petrus folgte ihm nach draußen.  Er wusste nicht, dass es Wirklichkeit war, was er da mit dem Engel erlebte; er meinte, er hätte eine Vision. Sie kamen ungehindert am ersten der Wachtposten vorbei, ebenso am zweiten, und standen schließlich vor dem eisernen Tor, das in die Stadt führte. Das Tor öffnete sich von selbst. Sie traten hinaus und gingen die Straße entlang, doch als Petrus in die nächste einbog, war der Engel plötzlich verschwunden. ...“

Es ist ja eine sehr merkwürdige Begebenheit, die uns hier überliefert ist. Gut für Petrus! Er kommt frei! Aber wir mögen fragen: was ist mit den anderen?! Was bringt das an Trost und Hoffnung für die ungezählten Menschen, die zu allen Zeiten um ihres Glaubens willen im Ge-
fängnis saßen und sitzen? Die eingesperrt und gefoltert werden, weil sie Christen sind. Und es gibt ja auch andere Arten von Gefangenschaft, die genauso quälend sind und die einen Menschen genauso an den Rand des Lebens bringen können: das Gefängnis der
Depression, oder das Gefängnis einer schweren Krankheit, die allen Lebensmut nimmt.  
In unserer Gemeinde gibt es genug solche Menschen, die in diesem Sinne wie eingesperrt sind. Und da war bisher kein Engel, der sie befreite. Kein Licht, das sie umleuchtete. Keine Ketten, die von ihnen abfielen. Keine Türen, die sich öffneten. Was sollen wir dazu sagen?   Sollen wir sagen: "Dein Glaube ist nicht stark genug! Wenn du nur fest genug glaubst, dann wirst du aus deinem Gefängnis befreit!"? Sollen wir so einen Blödsinn sagen?! Oder sollen wir sagen: Das mit dieser Befreiung von Petrus aus dem Gefängnis, das ist gar nicht wörtlich zu verstehen, das ist gar nicht so passiert, wie es hier steht, sondern das haben Menschen in die Bibel hineingedichtet. Nein, liebe Gemeinde! Wir haben keinen Grund, vom Wahrheitsge-
halt dieses Bibelabschnittes abzurücken, nur weil wir uns nicht vorstellen können, wie das passiert ist.   Lukas hat das darum aufgeschrieben, weil er zeigen will: Gott hat hier, an dieser Stelle in diesem Gefängnis bei diesem Petrus ganz real in die Geschichte ein-
gegriffen. Gott kann befreien! Seine Macht kann Türen öffnen, wo wir es nicht erwarten und für möglich halten. Und das bezeugt nicht nur Lukas!  Viele Christen in allen Jahrhunderten und auf allen Kontinenten bezeugen es immer wieder: "Gott kann!"   "Gott kann!" - diese beiden Worte will uns der Abschluss des Vaterunsers einprägen, mehr nicht: Gott kann! Für Ihn gibt es keine ausweglosen Situationen. Und immer wieder setzt er solche Zeichen seines Wirkens, damit wir an ihn denken, mit ihm rechnen, auf ihn vertrauen.

So weit, so gut. Aber wenn ich das jetzt so stehenlassen würde, dann würde uns etwas Wichtiges entgehen und wir würden vielleicht den Text völlig verkehrt verstehen. Darum will ich noch zwei Details ansprechen: der erste Blick geht auf Petrus selber. Wie geht es bei seiner Befreiung zu? Was passiert da?  Es fällt auf, dass der Gefangene selber gar nichts tut. Er kann auch gar nichts tun, denn in dieser Zelle zu sitzen, das ist die absolute Hoffnungslosigkeit. Er weiß, dass am Ende dieser Zeit der Henker ihn holt.  Sechzehn Soldaten sollen ihn bewachen bis es soweit ist. Und diese schlimme Erfahrung macht so mancher auch in unserer Gemeinde: dass man selber gar nichts tun kann. Dass die Ketten so stark und das Gefängnis so ausbruchsicher ist, dass man da einfach nicht rauskommt. Da kannst du machen, was du willst: du kriegst die Diagnose nicht aus der Welt! Da kannst du machen, was du willst: du willst einem Menschen, der dir nahe steht, so gerne helfen - aber gegen sein Problem kommst du nicht an!  Wie oft geht uns das so, dass wir einfach nichts tun können! Und dieser Bibelabschnitt heute mutet uns zu, dass wir uns klar machen: Jesus Christus kann seinen Leuten auch so etwas zumuten. Dass Krankheit sie gefangen nimmt, oder die kaputte Beziehung, der Verlust eines Menschen – was es auch sein mag.  Und vielleicht ist es gut für uns,  dass wir hören und aus der Apostelgeschichte erfahren: bei der Ausbreitung des Evangeliums ging nicht alles glatt. Es gab Niederlagen, es gab hoffnungslose Situationen, es gab Not und Tod und es gab auch den Zweifel an Gottes Macht.   Aber es gab auch wunderbare Erfahrungen mit der Kraft des auferstandenen Herrn. Und in beidem kam das Evangelium voran.  

Wir kommen nicht daran vorbei: der Weg der Glaubenden und der Gemeinde Jesu durch diese Welt ist von zwei Eckpunkten begrenzt, und die heißen: Bedrängnis und Befreiung.  Zwischen diesen beiden Polen spielt sich unser Leben ab.  Schauen wir in den Text: Petrus wurde befreit – aber Jakobus starb! Petrus wurde den Henkern entrissen - aber Jakobus wurde der Kopf abgeschlagen. Und er war kein schlechterer Christ als Petrus! Hat nicht weniger geglaubt! Hat nicht mehr Zweifel gehabt!  Den einen Menschen führt Gott wunderbar aus den Depressionen heraus – der andere leidet dauerhaft unter ihnen. Der Eine darf Gott für seine Heilung loben - und der Andere bleibt krank.  Lukas möchte, dass wir erkennen: auch dort, wo Gott zu schweigen scheint und wo wir selber wirklich nichts tun können - auch dort bleiben wir in seiner starken Hand!  Es ist ein Segen, wenn wir Gott loben können in den Phasen, in denen es uns gut geht!  Aber ich habe das bei Menschen in unserer Gemeinde auch anders erlebt: selbst da, wo sie in der tiefsten Tiefe und am Ende der eigenen Möglichkeiten waren, da konnten sie singen und sagen: "Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl." Und gleichzeitig ganz ängstlich sein. Bange fragen, ob es auch wirklich so ist. Und genau das ist die Spannung, in der wir manchmal stecken: auf der einen Seite wollen, möchten wir Gott vertrauen und sprechen: Gott kann! Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit!  Und gleichzeitig droht uns genau diese Gewissheit zu entgleiten und wir sind alles andere als ein Glaubensheld. Zwischen Bedrängnis und Befreiung! Und es kann bis auf den Grund unseres Glaubens gehen, wenn wir in diese Spannung hineingeraten. Aber wir sollen wissen: dort, wo wir nichts oder nichts mehr machen können, da ist Gott trotzdem da!

Ich will noch auf einen zweiten Punkt eingehen und fragen: was tut Petrus zu seiner Befreiung?  Er tut nichts. Er kann nichts tun. Und als die Not am größten ist, als die Henkersknechte ihn holen wollen, da heißt es sogar: Petrus schlief!  Und gerade in diesem Moment der größten Passivität - da fängt Gott an mit dem Wunder der Befreiung. Da ist keine Mauer so dick, kein Schloss so sicher, keine Kette so fest und kein Wachtposten so munter, dass Gott dieses Hindernis nicht mühelos überwinden könnte. "Gott kann!"
Petrus tut nichts. Weil er nichts tun kann.  Aber von der Gemeinde heißt es: "Die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott!"  Die Gemeinde im Gebet - das ist ganz wichtig und ganz wesentlich dafür, dass ihre einzelnen Mitglieder in dieser Spannung zwischen Bedrängnis und Befreiung leben können!  Es ist eine ganz wichtige Aufgabe der christlichen Gemeinde, dass sie für die betet, die es im Moment besonders schwer haben. Dass sie für die betet, die vielleicht im Moment selber gar nicht beten können - denn da brauchen wir uns nichts vormachen: es kann soweit mit uns kommen, dass wir nicht mal mehr beten können!  Von Petrus wird ja auch nicht berichtet, dass er im Gefängnis gebetet hätte. Aber er hatte Menschen, die an seiner Stelle gebetet haben. Und dass andere für mich beten - das bleibt nicht ohne Auswirkungen. In einem Bild will ich das deutlicher machen: letztes Jahr war in Leer der Zirkus Charles Knie zu Gast. Wir waren auch da - und ganz schwer beeindruckt haben mich die Artisten, die am Trapez unter der Zirkuskuppel waghalsige Kunststücke zeigten. Aber bevor sie das machten, wurde tief unter ihnen ein Sicherheitsnetz gespannt. An starken Trägern wurde dieses Netz befestigt. Und wäre es passiert, dass ein Artist abgestürzt wäre, dann hätte dieses Netz an diesen starken Trägern ihn aufgefangen. Vielleicht hätte er sich böse verletzt beim Aufprall auf das harte Gewebe des Netzes - aber er wäre nicht am Boden zerschmettert!  Versteht Ihr: so ist das mit unserem Gebet füreinander auch, liebe Gemeinde. Jedes Gebet für einen anderen ist wie so ein Träger, an dem das Sicherheitsnetz befestigt wird. Jedes Gebet für einen anderen hilft tüchtig mit, dass er aufgefangen wird in seiner Not.   Es mag sein, dass er durch harte Phasen muss; es mag sein, dass er abstürzt; es mag sein, dass er sich verletzt. Aber es ist immer noch ein Netz unter ihm. Jemand aus unserer Gemeinde, der eine ganz schlimme Zeit hinter sich hat, der hat mir das erzählt, wie es ihm ergangen ist. Er sagte:  Ich habe das wirklich gespürt, dass andere für mich gebetet haben! Das war mir ganz wichtig; das war so, als wäre ein Netz unter mir gespannt.

Die Gemeinde im Gebet! Ein starker Träger, der das Netz hält, das uns fängt, wenn wir abstürzen im Leben. Das ist unsere Aufgabe – und wenn wir auch sonst nichts für einen anderen tun können: lasst uns für ihn beten! Und wenn wir nicht wissen, was wir beten
sollen – dann haben wir immer noch das Vaterunser. Da steckt alles drin. Und wir können uns darauf verlassen: es kommt bei Gott an! Er hört es! Und in Jesus Christus sagt dieser Gott von einem jeden, der zu ihm gehört: "Niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen".  "Gott kann!" „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit! Amen!“

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Predigt über Matthäus 2, 1-12; 1. Sonntag nach Epiphanias, 11.01.2015

Liebe Gemeinde, heute haben wir den 1. Sonntag nach Epiphanias – und am vergangenen Dienstag hatten wir Epiphanias, immer am 6. Januar. „Lüttje Wiehnachten" wurde dieser Tag früher oft genannt. In der östlichen Kirche wird an diesem Tag Weihnachten gefeiert. Und in Sachsen und Bayern und Baden-Württemberg mussten die Menschen am Dienstag nicht zur Arbeit oder zur Schule, weil Epiphanias dort ein gesetzlicher Feiertag ist. Für uns ist er meist der Tag, an dem mit Weihnachten irgendwie Schluss ist. Viele lassen den Weihnachtsbaum bis zum 6. Januar noch stehen und dann wird er abgeschmückt und rausgeworfen.  „Epiphanias" – das bedeutet „Erscheinung". Dass mit Jesus der Retter erscheint, den Gott versprochen hat. Ich glaube, viele von uns verbinden mit „Epiphanias" von den biblischen Texten her gesehen am ehesten den Besuch der Heiligen drei Könige beim neugeborenen Jesus. Und das ist auch der Predigttext, für den ich mich heute entschieden habe. Eigentlich gehört er zum Epiphaniastag selber, aber da hatten wir ja keinen Gottesdienst und damit er nicht ganz auf der Strecke bleibt, will ich ihn heute nehmen. Dazu lese ich zunächst aus Mt 2, 1-12:  Jesus wurde in Betlehem in Judäa geboren, zur Zeit, als König Herodes das Land regierte. Bald nach seiner Geburt kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: „Wo finden wir den neugeborenen König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen."  Und dann wird erzählt, wie König Herodes in Panik kommt, als er hört, dass ein neuer König geboren worden ist, der ihm den Rang ablaufen könnte. Aber das lass‘ ich jetzt weg und mache weiter mit den Männern, die sich nach dem Besuch bei Herodes wieder auf den Weg machen:  „Und der Stern, den sie schon bei seinem Aufgehen beobachtet hatten, ging ihnen voraus. Genau über der Stelle, wo das Kind war, blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, kam eine große Freude über sie. Sie gingen in das Haus und fanden das Kind mit seiner Mutter Maria.  Da warfen sie sich vor ihm zu Boden und huldigten ihm. Dann holten sie die Schätze hervor, die sie mitgebracht hatten, und legten sie vor ihm nieder: Gold, Weihrauch und Myrrhe. ..."

Geheimnisvoll sind die Gestalten, die aus dem Osten angereist kommen. Und im Laufe der Zeit hat man sich viel über sie erzählt, was in der Bibel gar nicht so drinsteht. Drei Könige sollen es gewesen sein. Aber Matthäus redet nicht von drei Personen und auch nicht von Königen, sondern von "Magiern aus dem Osten". Wahrscheinlich Sterndeuter aus Persien oder Babylonien, auf jeden Fall weise Gelehrte ihrer Zeit. Sie beobachteten den Verlauf der Sterne und zogen ihre Schlüsse daraus. Matthäus macht darüber keine abschätzigen Bemerkungen. Er stellt nur fest, dass sogar Menschen aus ganz anderen kulturellen und religiösen Hintergründen auf Jesus aufmerksam wurden und sich davon in Bewegung setzen ließen.  Matthäus will damit sagen: Gott hat viele Möglichkeiten, um Menschen auf sich hin-
zuweisen. Auch Menschen, die noch keine Ahnung von ihm haben. Und das haben wir doch in den vergangenen Jahren auch in unserer Gemeinde immer wieder erlebt: dass Menschen Zugang zur Gemeinde gefunden haben, die sonst nicht dabei waren. Auf irgendeine Art und Weise sind sie dazugestoßen und machen nun mit. Kommen zum Gottesdienst, singen in einem Chor, gehen zum Frauenkreis, sind als Mitarbeiter im Konfirmandenteam, laden als Gastgeberin ein bei „Kirche in der Nachbarschaft" usw. usw.   Manche sind darunter, die praktisch von klein auf in der Gemeinde mitmachen – aber eben auch welche, die irgendwann dazugekommen sind und die manchmal bis dahin kaum in der Gemeinde aufgetaucht sind. Wunderbar ist das!  Im Predigttext sind es nun diese Männer, die auf dem Weg sind, um Jesus kennen zu lernen und dem Stern folgen.   Aber in dem Bericht von Matthäus wird auch deutlich: der Stern allein macht's nicht. Unterwegs brauchen sie Hilfe, und die finden sie im Wort Gottes. Und als sie endlich am Ziel angekommen sind, da ist nicht mehr der Stern wichtig, sondern das Kind, zu dem er sie geführt hat. Der Stern war das, was Sterne bis heute auch in der Seefahrt sind: ein guter Wegweiser. Und so enthält die Geschichte von den Sterndeutern und dem Stern auch für uns einige Wegweiser für das neue Jahr.

1. Wegweiser: Den Aufbruch wagen
Die Reise, die die weisen Männer damals unternommen haben, war lang und gefährlich. Die konnten nicht mal eben in den Flieger steigen oder sich in den Zug setzen - die hatten eine lange, gefährliche Reise mit Kamel und Esel vor sich. Kein Wunder, wenn sie gesagt hätten: Ach, das ist uns viel zu anstrengend! Lass uns man schön zu Hause bleiben - irgendwann werden wir schon gewahr, was das da mit dem Stern auf sich hatte. Nein - die Weisen ließen sich in Bewegung setzen, sie wollten selber denjenigen sehen, den der Stern ankündigte und ihm die Ehre erweisen. Darum haben sie die beschwerliche Reise auf sich genommen und sich auch durch Rückschläge nicht entmutigen lassen. Und am Ende hat sich der Aufbruch gelohnt.  Wenn sie zu Hause geblieben wären, dann hätten sie sich manches erspart, aber sie hätten auch viel verpasst. In der Bibel ist oft davon die Rede, dass Menschen auf Neues zugehen müssen. Und der Jahresanfang ist ein guter Zeitpunkt, um darüber nachzudenken: ist in meinem Leben womöglich ein Aufbruch dran? Eine andere Richtung. Vielleicht ein Aufbruch aus Bitterkeit und inneren Verletzungen, die ich in mir trage und die mich lähmen und mich daran hindern, neue Chancen und das Schöne im Leben zu sehen.  Vielleicht ein Aufbruch auf einen anderen Menschen zu, dem ich mich entfremdet habe oder von dem mich unausgesprochener Ärger trennt.  Aber es kann auch genau umgekehrt sein: dass mir klar wird, dass ich mich von einem Menschen distanzieren muss. Weil er mir einfach nicht gut tut! Vielleicht habe ich lange an dieser Stelle viel investiert, aber es kommt nichts Gutes dabei raus. Und dann kann es sein, dass da nun ansteht, mich zu distanzieren.  Bei anderen ist es vielleicht ein Aufbruch in der Zeit der Trauer, es doch einmal zu wagen und aus dem Haus zu gehen und sich nicht in den eigenen vier Wänden zu verkriechen. Bei jemand anders ist vielleicht ein Aufbruch dran in der Suche nach neuen Perspektiven fürs Leben, einer neuen Aufgabe – vielleicht für die Zeit im Ruhestand.

2. Wegweiser: Auf Gottes Wort hören
Unterwegs haben die Weisen den Stern anscheinend aus den Augen verloren. Nun wissen sie nicht mehr wohin. Was ihnen hilft, ist der Blick in Gottes Wort. Für die Weisen damals und für uns heute gilt: die Bibel gibt Orientierung, Lebenshilfe, Antwort auf ganz wesentliche Lebensfragen. Aber sie tut das nicht im Sinne eines Rezeptbuches oder eines lückenlosen Ratgebers für jede Lebenslage. Aber wer auf Gottes Wort hört, der wird entdecken, wie lebendig dieses Buch ist, wie Gott durch diese alten Texte ganz aktuell in unser Leben spricht.  Die Weisen haben auf das Wort Gottes gehört und daraufhin den Weg gefunden. Und das erinnert mich an die Menschen, die mich fragen: „Hast du vergangenen Sonntag eigentlich extra für mich gepredigt?" Und wenn ich dann nachfrage, dann wird meistens gesagt: „Für mich waren das in dem Moment genau passende Worte, und die haben mir weitergeholfen!"  Wenn das so sein kann, freu ich mich da drüber – und ich ahne: bei aller Vorbereitung, die ich für einen Gottesdienst treffe: das meiste muss doch von Gott selber kommen! Dass Er diese Zeit nutzt, um Menschen anzusprechen. Und das tut er auch. Nicht nur hier, sondern auch woanders. Und so ist es nicht nur mit dem Gottesdienst im engeren Sinne. Überall, wo Menschen sich auf Gottes Wort einlassen, kann man immer mal wieder
die Erfahrung machen: das hilft mir zur Orientierung und dass ich meinen Weg finde.
Allein schon unsere Gemeinde bietet viele Möglichkeiten, mit Gottes Wort in Berührung zu kommen: ob es die Abschnitte der Bibellese sind, die im Gemeindebrief stehen, oder unser Bibelgesprächskreis oder „Horizonte", und nicht zu vergessen Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht und der ganz normale Sonntagsgottesdienst sowieso.

3. Wegweiser: Anbeten
Die Weisen betreten das Haus, zu dem der Stern sie geführt hat und finden Maria und das Kind. Kein äußerer Glanz, kein Reichtum umgibt dieses Kind. Und doch werfen sich die Weisen vor ihm auf die Knie und "huldigen" ihm, wie es etwas altertümlich heißt. Das griechische Wort, das an dieser Stelle steht, wird nur dort verwendet, wo Menschen sich Gott ergeben, ihn anerkennen als den, dem Ehre gebührt. Aber es ist keine ängstliche Ehrfurcht und Unterwerfung, sondern geschieht voll Dankbarkeit und Gewissheit, dass es gut ist, sich diesem Größeren zu ergeben.  Ich frage mich: wie ist das in meiner Beziehung zu Gott? Hat da neben Dank und Bitte auch die Anbetung Platz? Dass ich Gott die Ehre gebe?! Kann ich ihn preisen für seine Größe, für seine Güte, für seine Weisheit, auch wenn manches in meinem Leben mir unverständlich ist und Gottes Gegenwart in der Weltgeschichte oft verborgen zu sein scheint? Von mir selber weiß ich, dass es mir schwerer fällt, Gott um seiner selbst willen zu loben, als dass ich ihn in meinem Gebet um etwas bitte. Da fällt mir immer ganz viel ein – aber bei der Anbetung, also dass ich Gott einfach lobe, da tue ich mich schwerer. Umso wichtiger ist es, dass ich das immer wieder übe – nicht zuletzt mit euch zusammen hier im Gottesdienst.

4. Wegweiser: das Beste geben
Nun packen die Weisen ihre Geschenke aus. Sie sind überaus kostbar, eben königlich: Gold, Weihrauch und Myrrhe.   Die Weisen haben dem Kind das Kostbarste und Beste mitgebracht, was sie haben. Nicht, weil er das verlangen würde. Sondern einfach, weil sie sich freuen, dass er auf der Welt ist. Und ich bin sicher: jede und jeder von uns gibt auch etwas von dem, was ihm besonders kostbar ist!  Was das ist, wird sehr unterschiedlich sein. Für die Hirten wäre es völlig unmöglich gewesen, solch kostbare Geschenke mitzubringen wie die ‚Könige‘. Und darum ist es eine sehr individuelle Frage, was das Beste ist, das ich Gott geben kann in diesem Jahr, und es geht dabei ja nicht nur um materielle Dinge. Was wäre es gestern Vormittag angenehm gewesen, bei dem Schietwetter schön gemütlich zu Hause zu sitzen! Vielleicht schön auf dem Sofa, oder beim Basteln in der beheizten Werkstatt. Aber über dreißig Männer haben sich ihre Arbeitsklamotten angezogen und sind zum Papiersammeln gegangen! Sie haben einen guten Teil von ihrem Besten gegeben, nämlich von ihrer freien Zeit!  Das Beste geben -  bei manchen eben die Zeit, in der sie sich in der Gemeinde engagieren oder auch Zeit, die sie anderen Menschen schenken. Vielleicht sind es Begabungen, die ich Jesus schenke: meine Musikalität, mein handwerkliches Geschick, meine Fähigkeit, zuhören zu können. Vielleicht auch mein Geld.

5. Wegweiser: Umwege in Kauf nehmen
Nach ihrem Besuch bei Jesus machen sich die Weisen auf die Heimreise. Aber sie nehmen nicht mehr den Weg über Jerusalem, den sie kennen. Sie lassen sich von Gott auf einem anderen Weg zurückschicken. Noch liegt das neue Jahr wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns. Aber sicher ist der Terminkalender schon mehr oder weniger gut gefüllt, haben wir Pläne geschmiedet, uns Ziele gesetzt.   Es kann sein, dass ein gradliniges Jahr ohne große Überraschungen vor uns liegt. Aber vielleicht erwartet uns auch der eine oder andere Umweg. Das kann dann sehr anstrengend, mühsam, schmerzhaft sein.   Ich kenn das von mir: ich fühle mich immer besonders wohl, wenn alles so bleibt, wie es ist. Und doch weiß ich: solange wir leben, ist Veränderung angesagt! Auch wenn wir uns nicht danach reißen. Die Weisen haben sich ja auch nicht danach gerissen, dass sie nun einen weiten Umweg gehen müssen. Aber sie haben ihn auf Gottes Wort hin in Kauf genommen. Wir erfahren nicht, ob sie wohlbehalten wieder in ihrer Heimat angekommen sind. Doch immer wieder findet sich in der Bibel die Zusage: wer Gott vertraut, wer das, was mit ihm geschieht, aus Gottes Hand nimmt und annimmt, der wird im Letzten nicht fallen gelassen. Und selbst Umwege können zum Ziel führen.  In diesem Sinne wünsche ich Dir und mir ein gesegnetes neues Jahr unter einem guten Stern! Amen.


ZUR AUDIOVERSION

Predigt über Lukas 2, 41-52; 2. Sonntag nach Weihnachten; 04.01.2015

Liebe Gemeinde, der Bibelabschnitt für heute nimmt einen Abschnitt aus dem Leben von Jesus in den Blick, von dem wir sonst nichts erfahren. Mit den Hauptkonfirmanden bin ich gerade beim Thema „Jesus“ und da haben wir uns als erstes den Lebenslauf von Jesus angesehen, so wie er in den Evangelien weitergegeben wird. Dabei ist vielen Konfis aufgefallen: da wird zwar mehr oder weniger intensiv erzählt, wie Jesus auf die Welt gekommen ist – aber dann geht es erst weiter, als er schon erwachsen ist, schon über 25. Dabei wäre es vielleicht ganz interessant, mal zu erfahren: wie war Jesus eigentlich als Kind? Wie ist er aufgewachsen? Wie hat er sich mit seinen Geschwistern vertragen, gab es da auch den üblichen Zoff? Hat Jesus auch Mumps oder Windpocken gehabt?

Wir wissen das alles nicht, weil in der Bibel davon nichts aufgeschrieben ist. Aber dass das so ist, das sehe ich als Zeichen dafür, dass Jesus in seiner Kinderzeit ganz normal aufgewachsen ist. Sicher hat er eine für die damalige Zeit gewöhnliche Kindheit gehabt. Nicht irgendwie herausgehoben oder abgehoben. Sicher haben Maria und Josef ihn rangekriegt, dass er mithelfen musste. Vielleicht hat er seinem Vater die Zimmermannsaxt getragen oder er hat auf die Schafe und Ziegen aufgepasst. Es gibt nur eine einzige Stelle in der Bibel, die uns etwas von Jesus im Kindesalter erzählt – und zwar, als er 12 Jahre alt war. Ich lese uns das mal vor:  

Die Eltern von Jesus gingen jedes Jahr zum Passafest nach Jerusalem. Als Jesus zwölf Jahre alt war, nahmen sie ihn mit.    Nach den Festtagen machten die Eltern sich wieder auf den Heimweg, während Jesus in Jerusalem blieb. Seine Eltern wussten aber nichts davon. Sie dachten, er sei irgendwo unter den Pilgern. Sie wanderten den ganzen Tag und suchten ihn dann abends unter ihren Verwandten und Bekannten.  Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie am folgenden Tag nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.  Endlich am dritten Tag entdeckten sie ihn im Tempel. Er saß mitten unter den Gesetzeslehrern, hörte ihnen zu und diskutierte mit ihnen. Alle, die dabei waren, staunten über sein Verständnis und seine Antworten. Seine Eltern waren ganz außer sich, als sie ihn hier fanden. Die Mutter sagte zu ihm: „Kind, warum machst du uns solchen Kummer? Dein Vater und ich haben dich überall
gesucht und große Angst um dich ausgestanden.“ Jesus antwortete: „Warum habt ihr mich denn gesucht? Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“  Aber sie verstanden nicht, was er damit meinte. Jesus kehrte mit seinen Eltern nach Nazaret zurück und gehorchte ihnen willig. Seine Mutter aber bewahrte das alles in ihrem Herzen. Jesus nahm weiter zu an Jahren wie an Verständnis, und Gott und die Menschen hatten ihre Freude an ihm.

Also ganz ehrlich: Ich wäre verrückt geworden an Maria und Josefs Stelle! Plötzlich ist ihr Kind weg! So ähnlich wie bei „Kevin allein zu Haus: Mama zählt ihre Kinder durch... Jesus fehlt...!  Drei Tage müssen sie ihn suchen, bis sie ihn endlich gefunden haben. Und dann müssen sie sich auch noch eine ziemlich freche Antwort anhören. Maria ist bestimmt der Angstschweiß ausgebrochen und Josef hat sicher die Wut im Bauch gehabt. Mir ging das jedenfalls einmal so – das war auf einer Familienfreizeit in Schleswig-Holstein. Ulrike und die Mädchen waren zu Hause geblieben, und ich war mit Bernd mitgefahren. Gleich am ersten Abend haben wir einen Strandspaziergang an der Ostsee gemacht – und plötzlich war Bernd weg.  Ich hab gerufen und gerufen – nichts.  Ich hab andere Leute gefragt, ob sie so’n kleinen Jungen gesehen haben – nichts. Die schlimmsten Gedanken gingen mir durch den Kopf: was ist, wenn er ins Wasser geraten ist? Oder ist er in den angrenzenden Wald gegangen und findet nicht wieder raus? Oder ist er zu den Eisenbahngleisen zurückgelaufen, die wir vorhin überquert haben und ist unter den Zug gekommen? Ich weiß gar nicht, was ich alles gedacht habe – und innerlich wurde ich immer aufgeregter, aber auch böser. Warum muss er auch alleine losgehen? Warum habe ich nicht besser aufgepasst?  Fast eine Stunde hat es gedauert, bis ich Bernd gesehen habe – er lief seelenruhig am Strand entlang und suchte nach Muscheln. Und als ich ihn endlich wiederhatte, war ich immer noch außer mir. Ich habe ihn gleichzeitig gedrückt, weil ich so froh war, und ihm ordentlich was aufn Hintern gegeben, weil ich so sauer war. Und ich muss sagen: ich kann Maria und Josef gut verstehen, wie sie sich auf der einen Seite Sorgen um Jesus machen und wie sie auf der anderen Seite stinksauer sind, weil er sich offensichtlich einfach so abgesetzt hat. Aber wenn wir diesen ganzen Schrecken einmal beiseitelassen, dann sind es drei Sachen, die wir daran erkennen können. Es gibt noch viel mehr, aber ich will mich heute auf diese drei Punkte beschränken:

1.: Maria und Josef helfen ihrem Sohn auf dem Weg zum Glauben.  
Jesus ist 12 Jahre alt – also im besten Konfirmandenalter. Im jüdischen Glauben ist es so, dass die Jungs von ihren Eltern in den jüdischen Glauben eingeführt werden. Die kriegten also sozusagen Konfirmandenunterricht zu Hause, von den Eltern und Großeltern. Und die Eltern von Jesus haben ihre Verantwortung offenbar sehr ernst genommen. Dazu gehörte auch, dass sie ihre Kinder mit den Traditionen ihres Volkes vertraut gemacht haben, auch mit den religiösen Traditionen. Sicher werden sie sie mit zur Synagoge genommen haben, und nun eben mit auf die Wallfahrt nach Jerusalem.  Josef und Maria haben also nicht nur in den äußeren Dingen für ihre Kinder gesorgt, mit Essen und Trinken und Klamotten und so. Sie haben sie auch geistig gefördert, indem sie mit ihnen gelernt haben.  Und sie haben sie auch geistlich gefördert, sie haben dafür gesorgt, dass ihre Kinder von Gott erfahren, mit ihm reden lernen und auf sein Wort hören. Und so nehmen sie ganz umfassend ihre Verantwortung für ihre Kinder wahr, auch im religiösen Bereich.  Und da bin ich wirklich froh drüber, dass der Anfang dazu hier bei uns noch von vielen Eltern gelegt wird. Bei vielen ist es so, dass sie oder auch Oma und Opa kurz bei mir anrufen, wenn ihr Kind auf die Welt gekommen ist. Nicht nur, dass ich Bescheid weiß – sondern vor allem darum, damit es in der Kirche weitergesagt wird und damit für sie und für ihr Kind gebetet wird.  Und das ist doch wunderbar, wenn schon ganz am Anfang des neuen Lebens für das Kind und seine Familie gebetet wird – in der Familie, aber eben auch hier, ganz öffentlich in der Kirche, so wie heute für Maila und Elias. Und dann dauert es meistens nicht lange, bis die Eltern dann bei mir anrufen: „Wir möchten unser Kind gerne taufen lassen!“ Und beim Taufgespräch merke ich oft: Mama und Papa und oft auch die Paten haben sich schon Gedanken gemacht! Welcher Vers aus der Bibel als Taufspruch ihr Kind begleiten soll. Vorige Woche rief mich eine junge Mutter an und fragte, ob man die Taufe nicht so und so gestalten könnte, damit nicht nur die Familie, sondern auch die Gemeinde einbezogen wird.  

Viel seltener erlebe ich es, dass mir Eltern sagen: „Wir wollen unser Kind nicht taufen lassen – es soll einmal selber entscheiden.“ Das hört sich erstmal gut an. Aber ich denke, dass das trotzdem nur eine relativ kurzsichtige Sichtweise ist.  Ob wir wollen oder nicht – wir treffen gerade in den ersten Jahren doch tausende von Entscheidungen für unsere Kinder. Wir fragen so’n kleinen Wurm doch nicht: möchtest du lieber Möhrchen oder Spinat oder möchtest du lieber gar nichts essen?   Oder wenn es ihm irgendwie nicht gut geht, dann fragen wir unsere süße Maus doch nicht, ob wir mit ihr zum Arzt gehen sollen. Und später fragen wir sie nicht nach ihrer Meinung, ob sie zum Kindergarten wollen oder nicht – wir entscheiden einfach für sie. So, wie wir es für richtig halten – und alles andere wäre doch Blödsinn! Und so ähnlich sehe ich das auch mit dem Blick auf den Glauben. Klar, das hört sich gut an: ‚Wir wollen unser Kind selbst entscheiden lassen!‘ Aber: damit unsere Kinder sich später einmal für oder gegen irgendetwas entscheiden können, müssen sie das ja kennen gelernt haben, wofür oder wogegen sie sich entscheiden können. Es genügt nicht, dass wir unseren Kindern alle Freiheiten geben, damit sie sich selbst entscheiden. Sie müssen auch sehen, erleben und erfahren können, wofür oder wogegen sie sich entscheiden. Und diese Möglichkeit geben Josef und Maria dem jungen Jesus.  

Ich muss dabei an die Menschen denken, die es genauso machen. Die von klein auf mit ihren Kindern beten. Oder biblische Geschichten lesen. Nach einem der letzten  Tauferinnerungsgottesdienste sagte mir eine Mutter: Danke noch mal für die tolle Kinderbibel – da muss ich jetzt jeden Abend draus vorlesen! Und das Schöne ist: sie tut es auch!   Oder ich denke an diejenigen, die es ihren Kindern möglich machen, zum Kindergottesdienst zu gehen – und da haben wir ja nach den Sommerferien ein richtiges Wunder erlebt, so will ich das ruhig mal nennen. Wir hatten große Sorge: jeden Sonntag kamen weniger Kinder – manchmal nur fünf oder sechs. Natürlich haben wir überlegt, woran das liegen kann und sind dabei auch auf einige Punkte gekommen, die wir selber auch beeinflussen können und das haben wir, so gut wir konnten, dann auch angepackt. Und jetzt stehen wir staunend vor
der Tatsache, dass fast jeden Sonntag zwischen 25 und 30 Kinder da sind. Und ich bin sehr dankbar für das Vertrauen, das die Eltern uns entgegenbringen und dass sie nun Sonntag für Sonntag ihre Kinder hierherbringen! Und das ist ja ein ganz wesentlicher Punkt: wenn die Eltern nicht mitziehen, dann wird da auch nichts draus. Und da erleben wir zur Zeit erfreulich viele Eltern, die es so machen wie damals Maria und Josef: dass sie es ihren Kindern möglich machen, von Gott zu hören, ihm zu begegnen. Und später beim Konfirmandenunterricht ist es ähnlich. Das ist wirklich schön, dass viele Eltern ihre Kinder dazu anmelden und ich bin dankbar für die Eltern, die ihre Kinder dann auch zum Gottesdienst begleiten! Und ich freue mich über jeden Konfirmanden, der zum Unterricht kommt, selbst wenn die Eltern vielleicht selber mit dem Glauben gar nicht so viel am Hut haben.  Ich weiß von einem Elternpaar, die sind ganz bewusst nicht Mitglied der Kirche. Weil sie für sich darin keinen Sinn sehen. Aber trotzdem haben sie es ihren Kindern möglich gemacht, sich über den christlichen Glauben zu informieren. Selbst was rauszukriegen von Jesus und vom Glauben an ihn. Und bei zwei von ihren Kindern ist da was passiert – sie sind ganz bewusst Christ geworden.  Und: die Eltern freuen sich darüber! Weil ihre Kinder ihren eigenen Weg gefunden haben – auch wenn das ein anderer Weg als der der Eltern ist.  Und ich will heute einmal ganz bewusst und ausdrücklich das loben und anerkennen, wo Eltern es ihren Kindern ermöglichen, mit Jesus Christus und seiner Gemeinde in Verbindung zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen!

Das Zweite, was ich in diesem Bibelabschnitt sehe, und es hängt mit dem ersten zusammen: Jesus muss auch lernen, was für den Glauben wichtig ist und was dazu gehört. Spätestens seit der Sesamstraße wissen wir: „Wer nicht fragt, bleibt dumm!“
Manchmal ist das ja echt anstrengend, wenn unsere Kinder uns fragen: Wo wohnt Gott? Isst Gott auch Spinat? Kriegt mein gestorbener Hamster im Himmel Flügel? Wo ist Oma, wenn sie gestorben ist? Wie kann das sein, dass Opa im Himmel ist – ich hab doch genau gesehen, dass sie auf dem Friedhof begraben wurde. Oder: Da wird in der Kirche immer gesagt, dass Gott gut zu uns ist – aber wieso hat Papa dann Krebs?
Fragen über Fragen – und oft genug stehen wir auf dem Schlauch. Maria und Josef ist das sicher nicht anders gegangen. Und offenbar konnten sie ihrem Jesus nicht alles so erklären, dass er damit zufrieden und sein Wissensdurst gestillt war. Darum ist er zu denen gegangen, die ihm noch mehr Auskunft und Antwort geben können. Für einen Jungen von 12 Jahren ist das sicher eher ungewöhnlich, dass er sich mit den angesehenen Theologen im Tempel
unterhält – aber auf der anderen Seite: ich er-lebe gerade im Konfirmandenunterricht manchmal sehr intelligente Fragen über den Glauben. So direkt, dass einem manchmal der Mund offen steht. Fragen, die mich selber herausfordern. Und an dieser Stelle will ich mich jetzt einmal besonders an diejenigen wenden, die auch gefragt werden: als Eltern oder Großeltern oder auch als Paten. Und ich will euch Mut machen: stellt euch den Fragen! Und sagt dann das, was ihr im Moment auch vertreten könnt. Redet nicht einfach irgendwas daher, was ihr vielleicht irgendwann und irgendwo einmal aufgeschnappt habt. Sondern seid ehrlich mit eurer Antwort.

Und wenn ihr keine Antwort habt? Dann schadet es nichts, das auch zuzugeben.
Das ist immer noch besser, als zu den Kindern zu sagen: „Das ist noch nichts für dich, das verstehst du sowieso noch nicht!“ Wenn man das sagt, hat man ein hohes Risiko, dass die Kinder irgendwann aufhören zu fragen. Das allerdings wäre die schlechteste Lösung. Seid man nicht Bange davor, euch den Fragen eurer Kinder oder Enkelkinder zu stellen – ihr könnt mehr, als ihr denkt!  Und wenn ihr doch an eure Grenzen kommt, dann habt ihr immer noch die Möglichkeit, euch selber zu informieren. Es gibt gute Literatur, die einem da weiterhilft. Und im Zweifelsfall ist es immer gut, das Gespräch mit jemandem zu suchen, der auch schon mal in dieser Situation gewesen ist oder von dem ihr denkt, dass er sich auskennt. Hier bei uns haben wir die großartige Situation, dass wir zwei Grundschulen mit Schulleiterinnen und Lehrerinnen und Lehrern haben, denen im Glauben verwurzelt sind. Ich nehm jetzt mal dich, liebe Manuela, als Beispiel. Ich bin sicher: wenn jemand mit den Fragen seiner Kinder oder Enkelkinder auf dem Schlauch steht, dann wirst Du und Dein Team nichts unversucht lassen, da weiterzuhelfen. Danke dafür!  Sich Rat bei anderen zu holen, ist nicht peinlich! Wichtig ist, dass unsere Kinder mit ihren Fragen nicht allein gelassen werden, sondern eine Chance bekommen, Antworten zu finden, die ihnen für ihren eigenen persönlichen Glauben weiter helfen.

Der 12jährige Jesus im Tempel – er macht Mut, dass wir so gut wir können unsere Kinder mit dem Glauben an den menschenfreundlichen Gott bekannt machen. Damit sie eine Chance bekommen, Gott lieb zu gewinnen. Ihm zu vertrauen. So wie das dann ja auch bei Jesus gewesen ist. Und das ist der dritte Punkt: Jesus weiß, dass er bei Gott an der richtigen Adresse ist!

Dass der 12jährige Jesus plötzlich weg ist und seine Eltern sich tagelang Sorgen um ihn machen – das ist die eine Seite. Die andere Seite ist ja, wo er ist und was er dann dazu sagt. Als seine Mutter ihn zur Rede stellt, da sagt er: „Warum habt ihr mich denn gesucht? Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“ Und ich verstehe das so, dass Jesus sagen will: ‚Es ist schon richtig, dass ich hier bin! Im Tempel! Dort, wo Gott wohnt. Hier bin ich bei meinem Vater!‘ Und damit meinte er nun nicht den, der ihn sozusagen adoptiert hat, er meint nicht Josef. Sondern er meint seinen himmlischen Vater, Gott. Diese ganz enge Beziehung zu ihm – so eng wie eine Vater-Sohn-Beziehung. Und diese enge Verbindung zwischen Jesus und seinem himmlischen Vater, die war es ja auch, die ihn dann später auch getragen hat: als er verfolgt und missverstanden, als er verraten und gequält und zuletzt elendig zu Tode gebracht wurde. Und das gilt für uns genauso! Damit unser Gott uns im Leben helfen und uns tragen kann, brauchen wir es, dass wir in Kontakt mit ihm kommen und Vertrauen zu ihm gewinnen. Und darum hat Jesus dann als Erwachsener so viel dafür getan, dass Menschen in diese enge Verbindung zu Gott kommen. Und überall dort, wo wir es mit Jesus zu tun haben, geschieht das! Und darum ist das eine unserer vornehmsten und wichtigsten Aufgaben in unserer Gemeinde, dass wir auch im neuen Jahr so gut wir können dazu beitragen, dass schon die Kleinsten in unserer Gemeinde in Seine Nähe kommen, von Ihm hören und Ihn kennenlernen! Allen, die dazu beitragen, von Herzen „Danke!“ Und wenn wir das in unsere Kinder investieren, oder auch in unsere Enkel- oder Patenkinder, dann ist das eine wirklich gute Investition. Amen.


Eine schriftliche Version der heutigen Andacht liegt uns leider nicht vor.

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