Predigten Juli 2014 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Juli 2014

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Predigt über 1. Johannes 4, 16b-21; 5. Sonntag nach Trinitatis; 20.07.2014

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.  Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Liebe Gemeinde, wir sind jetzt wieder mittendrin in der Hochzeitssaison. Ihr kriegt das ja immer mit durch die Abkündigungen. Und ich muss sagen: ich finde das ausgesprochen gut, dass a) junge Leute Mut zur Ehe haben und dass sie b) sich auch zur kirchlichen Trauung entschließen. Es ist doch noch mal was anderes, ob man ausschließlich zueinander und vor dem Gesetz „Ja" sagt, oder ob man Gottes Segen für das Miteinander erbittet. Und öfter als noch vor einigen Jahren erlebe ich es auch, dass Brautpaare sich vorher selbst Gedanken darüber machen, was sie für einen Trauspruch haben wollen. Das Internet bietet auch da gute Hilfestellung und erstaunlich Viele mache davon Gebrauch. Und oft sind es Bibelverse, in denen die Liebe vorkommt. Zum Beispiel aus dem 1. Korintherbrief: „Alles, was ihr tut, lasst in Liebe geschehen." Oder auch ein ganz beliebter: „So bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen."

In den Traugesprächen merke ich immer wieder: da ist ganz stark der Wunsch da, dass die Liebe ein Leben lang dauern soll. Und davon gehen die Brautpaare auch aus – obwohl sie natürlich auch wissen, welch hoher Prozentsatz der Ehen heute scheitert. Liebe wünschen sie sich für ihr Leben – weil sie alle erlebt haben, dass niemand ohne Liebe groß werden kann, und dass Liebe einen Menschen frei und furchtlos werden lässt  und ihn zum Strahlen bringt.
Nun gibt es Skeptiker, die sagen: ‚Ach, bei der Hochzeit ist das normal. Da ist eben alles romantisch und da spielt nun mal die Liebe die Hauptsache. Aber lass die mal zehn Jahre verheiratet sein, dann wissen die auch, wie’s wirklich ist.’ Manchmal höre ich das so und dann denke ich immer: Was hat derjenige, der das so sagt, wohl selber für komische Erfahrungen gemacht?! Aber auf der anderen Seite: wer schon etwas mehr Lebens- und Ehe-Erfahrung hat, der weiß, dass man nicht immer himmelhoch-jauchzende Gefühle haben kann und dass sich im Alltag alles etwas abkühlt. Aber deshalb muss die Liebe ja nicht weniger intensiv sein! Sie äußert sich nur anders. Ich staune oft, wenn ich mit Eheleuten rede, die schon viele Jahre auf dem Ehe-Tacho haben. Gut, aus den Schmetterlingen im Bauch sind vielleicht schon größere Tiere geworden. Aber viele haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Liebe zueinander letztlich immer größer wurde mit der Zeit. Das Vertrauen zueinander, und dass man weiß, dass man sich aufeinander verlassen kann. Und auch die Selbstverständlichkeit, mit der man füreinander da ist und miteinander lebt. Das haben oft altgediente Ehepaare den frisch Verheirateten voraus – und das ist auch ganz normal so.  Ihnen, den alten und den jungen Ehepaaren, gibt die Bibel recht – und nicht den Zweiflern und Pessimisten. Die Liebe
kommt nicht nur von Gott – Gott ist die Liebe, haben wir im Predigttext gehört.  Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott
und Gott in ihm.

Aber wie geht das: In der Liebe bleiben? Ist das nicht leichter gesagt als getan?!
Das ist ja eine ziemlich hohe Forderung! Wenn Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten" oder „Liebt eure Feinde" – das ist ein gewaltiger Anspruch, und man fragt sich ja unwillkürlich, ob man dem gerecht werden kann. Wer kann schon liebevolle – oder zumindest positive – Gefühle für jeden Menschen empfinden, sogar für die schwierigen Zeitgenossen? Gefühle kann man doch nicht einfordern und auch nicht steuern! Aber das verlangt auch niemand von uns, auch Gott nicht. Mit „Liebe" ist in der Bibel kein „Gefühl" gemeint, schon gar nicht ein „Gefühl auf Kommando". Und auch nicht das, was zu einer schönen romantischen Hochzeit dazugehört.  Wenn die Bibel im Predigtabschnitt von „Liebe" spricht, dann meint sie eher das, was die altgedienten Ehepaare schätzen: sich um den Anderen kümmern, für seinen Lebensunterhalt aufkommen, ihm etwas zu essen kochen; einander zuhören, merken, wenn dem anderen etwas fehlt, ihn pflegen, wenn er krank ist und es mit ihm auszuhalten. Und dann, so wie viele unter uns es ja auch tun, am Ende sein Grab zu pflegen.  Diese Art von Liebe ist in unserem Predigttext gemeint. Die Liebe, die dran bleibt. Auch dann, wenn’s nicht romantisch ist. Auch dann, wenn’s schwierig wird und wenn man sich die Hände schmutzig machen muss für den andern. Liebe heißt im Neuen Testament immer, etwas für den Anderen zu tun. Und hier ist jetzt nicht nur der Ehepartner gemeint, sondern der Predigttext greift weiter. Diese Art von Liebe meint auch unsere Freunde, Nachbarn. Die, die mit uns in der Gemeinde sind.

Die Liebe, die heute im Predigttext gemeint ist, bedeutet, die Nöte anderer Menschen zu sehen. Dass es mich etwas angeht, wenn neben mir – oder auch weiter weg – Mangel herrscht. Jemand nicht zurecht kommt. Und ich will es einmal so sagen, liebe Gemeinde: Viele von Euch leben diese Liebe ganz vorbildlich! Manche pflegen ihre kranken Angehörigen. Andere kümmern sich um ihre Nachbarn. Wieder andere setzen sich ganz enorm für ihre Enkelkinder ein. Oder unterstützen ihre Kinder.  Vor kurzem sprach ich mit jemanden, der einen künstlichen Darmausgang bekommen hat und selber nicht so gut damit zurecht kommt. Und diejenige erzählte mir, dass ihre Nachbarin das nun gelernt hat, wie das geht und zwei-, dreimal am Tag kuckt und hilft.  Ich weiß von jemandem, der einen besonde-ren Anlass hatte und viel Besuch erwartete und selber seine Stube nicht mehr so gut aufräumen konnte. Da ist jemand aus der Nachbarschaft gekommen und hat Hausputz gemacht. Oder eine Frau rief mich an und sagte: die und die ist aus dem Krankenhaus gekommen und braucht jetzt jemanden, der sie regelmäßig besucht. Könnt ihr da von der Kirche aus für sorgen? Klasse, dass da jemand mitdenkt und was tut! Oder bei der vorletzten Konfirmandenfreizeit. Da kam vorher jemand auf mich zu und fragte mich, ob wo welche dabei sind, die nicht mitfahren können, weil die Eltern das Geld nicht haben. Und derjenige hat dann angeboten, für zwei bis drei die Kosten zu übernehmen. Andere unter uns machen in Großefehn bei der Tafel mit.   Das ist eine wunderbare Sache, wenn wir mit dieser Art von Liebe Erfahrungen machen. In unserer Gesellschaft ist es an vielen Stellen kalt geworden. Aber wenn ich in unsere Gemeinde schaue, dann sehe ich auch viele kleine Feuer, die Menschen anzünden, und rund um diese Feuer wird es warm. „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." Diese Liebe ist heute zuerst gemeint – Liebe, die von Gott ausgeht und die weitergereicht wird. Und an mancher Stelle wird es dadurch spürbar wärmer. Gott sei Dank!
In der Liebe bleiben –  auf der einen Seite geben wir damit die Liebe weiter, die wir von Gott empfangen. Für die Jesus alles gegeben hat. Wenn in der Bibel steht, dass wir in der Liebe bleiben sollen, dann bedeutet das ja: durch diese kleinen Feuer, die wir mit unserer Liebe anzünden, dadurch sollen Menschen das Feuer spüren, das Gott für sie hat. Wenn wir uns um jemanden kümmern, dann ist es letztlich Gott, dessen Liebe wir damit weitergeben.

Aber umgekehrt wird auch ein Schuh draus. Wenn wir in der Liebe bleiben, dann beeinflusst das auch unsere Beziehung zu Gott. Wenn wir selbst in einer Atmosphäre der Liebe leben und handeln – dann können wir auch Gottes Liebe zu uns leichter zulassen. Dann begreifen wir eher und besser, dass Gott Liebe ist und uns in Liebe begegnet. Ich weiß nicht, welches Bild die einzelnen unter uns von Gott haben. Welche Seiten Gottes euch zuerst einfallen, wenn ihr an ihn denkt. Was dir an Gott am wichtigsten ist. Das ist sicher ganz unterschiedlich, je nachdem, wie jeder von uns den Glauben kennen gelernt und erlebt hat. Und je älter wir werden und je mehr Erfahrungen wir mit dem Glauben machen, desto mehr werden uns dann auch immer wieder andere Seiten an Gott wichtig. Glaube ist ja nie was Festes;  nichts, was ein- für allemal feststeht. Sondern Glaube an Jesus Christus ist etwas sehr lebendiges. Und alles was lebendig ist, das verändert sich auch. Und darum werden einem normalerweise im Laufe eines Lebens auch immer wieder andere, neue Seiten an Gott wichtig. Wenn ich so an meine Kinderjahre denke, dann hatte ich sozusagen ein gemischtes Bild von Gott:  auf der einen Seite hab ich mitgekriegt, dass meine Oma und auch meine Eltern gebetet haben. Dass sie Gott das gesagt haben, was anliegt. Dass sie ihm gedankt und dass sie ihn gebeten haben. Für sich selber und für andere. Und für diese Seite meines Glaubens bin ich sehr dankbar. Da hab ich viel von gehabt und ich wüsste gar nicht, wie ich ohnedem leben sollte.  Aber ich habe zur gleichen Zeit auch etwas anderes mitgekriegt: da muss ich so sechs, sieben Jahre alt gewesen sein, da hab ich bei uns im Schuppen ein abgeschnittenes Ende Schlauch gefunden. Und diesen Schlauch hab ich mal genommen und bin damit in den Garten gegangen. Und dann hab ich rausgekriegt, dass ich mit dem Schlauch supergut die Köpfe von Omas Tulpen abschlagen konnte – auf einen Schlag gleich eine ganze Reihe. Und als ich gerade wieder ausholen wollte, da riss Oma mir den Schlauch aus der Hand, fing an zu bölken und schrie mir entgegen: „Der liebe Gott hat das gesehen und wird dich dafür strafen!"  Natürlich hat Oma da nicht großartig drüber nachgedacht – aber durch diesen Satz wurde meine Einstellung zu Gott getrübt. Ich konnte nicht mehr so frei und offen mit ihm umgehen wie vorher. Immer wenn was Schlimmes in der Familie passierte, hab ich so das Gefühl im Nacken gehabt, das könnte ja wohl ’ne Strafe von Gott sein. Und es hat bis weit über mein 20. Lebensjahr gedauert, bis ich diese Angst überwunden hatte. Bis ich wieder so frei und offen glauben konnte wie vorher.  Und ich wünsche jedem von  uns, dass ihm solche negativen Erfahrungen erspart bleiben, und dass dort, wo es vielleicht schon passiert ist, das Verhältnis zu Gott wieder heil wird. Dass du die Angst verlierst.  Die Bibel wird ja nicht müde, uns Gott als den vor Augen zu malen, der sich uns in Liebe zuwendet. Der für uns da ist. Der tröstet. Mut macht. Kraft gibt. Und das ist letztlich auch die andere Seite, die in unserm Predigtabschnitt heute angeschlagen wird: dass wir nicht nur Gottes Liebe
weitergeben sollen, sondern dass wir uns ihr auch selber  aussetzen. Wer in der Atmosphäre von Gottes Liebe bleibt, der wird nach und nach erfahren, dass Gott ihn liebt und dass er das ganz unterschiedlich zeigt. So wie ich es damals ja auch wieder gemerkt habe, auch wenn es Jahre gedauert hat. Das ist gemeint, wenn es heißt: „Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts ... Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe."Damit soll uns geholfen werden, dass wir es Gott zutrauen oder wieder zutrauen, dass er uns bedingungslos liebt. Dass er nicht in erster Linie fordert und dass wir uns nicht erstmal bewähren müssen. Bei Gott müssen wir es uns nicht erst verdienen, dass wir geliebt werden!  „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus." Der, der das damals geschrieben hat, der hat eine genaue und wichtige Beobachtung gemacht: das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass. Das Gegenteil von Liebe ist Furcht.

Furcht hindert uns daran, uns geliebt zu fühlen. „Das bin ich doch nicht wert!", denkt sich einer. Und das ist schlimm, schade, wenn du so schlecht von dir selbst denkst. Das tut weh und das schneidet vom Leben ab. Aber Jesus ist dafür in die Welt gekommen und er ist dafür gestorben, damit du es begreifst: Ich bin es wert! Ich
bin wer!  Ein anderer will nicht enttäuscht werden, deshalb lässt er die Liebe gar nicht erst zu. Das ist paradox, aber es ist häufig so: da sehnt sich jemand unendlich stark nach Liebe – aber weil er Angst hat, dass er wieder enttäuscht wird, lässt er es gar nicht zu, dass Liebe wachsen kann. Aber Jesus ist dafür in die Welt gekommen und er ist dafür gestorben, damit du wieder anfängst, Vertrauen zu fassen und Liebe zuzulassen. Oder: „Man bekommt im Leben nichts umsonst – jeder will eine Gegenleistung."  Aber bei Gott ist das eben genau nicht so: Er hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab. Damit wir die Furcht verlieren und das Misstrauen.

„Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." Gott wird in ihm Raum gewinnen und er wird nach und nach die Furcht vertreiben. Dass du frei und offen mit Gott umgehen und ihm vertrauen kannst. Und dadurch merkst, dass du wer bist! Und dass du dir das nicht erst verdienen musst, sondern dass dir das von Gott beigelegt ist!  Wer das begriffen hat, und wer sich daran freuen kann, der gibt dann wie von selbst diese Liebe an andere weiter.
Amen.



Familiengottesdienst

Eine Predigt gibt es vom heutigen Sonntag in schriftlicher Form nicht - Fotos gibt es in unserer Bildergalerie - klicken Sie hier!


Predigt über Lukas 15, 1-10; 3. Sonntag nach Trinitatis; 06.07.2014


Liebe Gemeinde, überlegt doch bitte jeder mal: wenn du Gott eine Freude machen wolltest – was würdest du dann tun? ...     Wenn du Gott eine Freude machen willst, was würdest du dann tun? Vielleicht würde jemand sagen: Dadurch, dass ich heute hier in der Kirche bin, mache ich Gott eine Freude! Oder: Ich mache ihm damit eine Freude, dass ich im Chor mitsinge! Oder: Dass ich versuche, nach den Geboten zu leben! In dem Bibelabschnitt, der für heute zur Predigt vorgeschlagen ist, lesen wir auch etwas von dem, worüber Gott sich freut. Er beginnt allerdings nicht mit Freude, sondern mit Ärger. Mit Ärger, den Jesus verursacht:  „Eines Tages waren wieder einmal alle Zolleinnehmer und all die anderen, die einen ebenso schlechten Ruf hatten, bei Jesus versammelt und wollten ihn hören. Die Pharisäer und die Gesetzeslehrer murrten und sagten: ‚Er lässt das Gesindel zu sich! Er isst sogar mit ihnen!’"   Dieses Gemeckere hat es damals oft gegeben. Immer wieder ärgern sich Pharisäer und die Schriftgelehrten darüber, mit wem Jesus Kontakt hat. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, das waren Leute, die es ernst mit Gott meinten. Sie wollten nicht nur fromme Worte machen, sondern sie wollten Gott eine Freude machen mit einem möglichst überzeugenden Leben. Dafür verzichteten sie auf einiges und sie haben sich manche Freude verkniffen. Und ganz klar war ihnen auch: wer es nicht so ernst meint wie wir, an dem kann Gott keine Freude haben! Wer nicht so vorbildlich lebte wie sie selbst, den hatten sie
abgeschrieben. Und darum ärgerten sie sich so darüber, dass dieser Jesus sich immer wieder genau mit solchen Leuten zusammensetzte. So wie jetzt. Und nicht nur, dass er ihnen von Gott erzählt – er isst und trinkt auch noch mit ihnen und lässt es sich gut gehen. Und darum sind die Gott-Profis so ärgerlich über Jesus: er pflegt ein genussvolles Leben mit den falschen Leuten!

Aber bevor wir nun vorschnell auf die Pharisäer runterschauen, sollten wir ruhig mal auf uns selbst kucken. Ich glaube, jeder von uns kennt Menschen, mit denen er lieber nicht zusammen ist. Mir passiert das ab und zu beim Einkaufen in Großefehn. Da krieg ich schon immer die Wut im Bauch, wenn ein bestimmter Mensch auf mich zukommt. Der schleicht
sich immer so an. Meistens rieche ich ihn schon ankommen – aber dann ist es zu spät,
zu flüchten. Dann labert er mich voll und ich bin jedesmal froh, wenn er sich dann wieder verkrümelt.  Und noch jemand anders fällt mir ein: ein sehr gebildeter Mensch, der außerdem auch noch viel Kohle und auch Einfluss hat. Aber er ist nicht nur gebildet, er ist vor allem eingebildet, und er hat nicht nur Kohle, sondern protzt damit auch ständig rum und auch damit, welche tollen Beziehungen er hat. Manchmal kann ich ihm nicht aus dem Weg gehen, aber freiwillig würd’ ich seine Nähe nicht suchen.   Und ich bin überzeugt: das geht nicht nur mir so, dass ich so Leute habe, mit denen ich am liebsten keinen engeren Kontakt habe, sondern das geht euch sicher auch so.  Bei Jesus ist das offenbar anders. Ihn treibt es oft zu denen, zu denen andere keinen Kontakt haben wollen. Warum tut er das? Was ist der Grund dafür, dass Jesus auf sie zugeht? Im Predigtabschnitt für heute erklärt Jesus das und er macht das mit einer Geschichte, die jeder damals gut verstehen kann: „Stellt euch vor, einer von euch hat 100 Schafe und eines davon verläuft sich. Lässt er dann nicht die 99 allein in der Steppe weitergrasen und sucht das verlorene so lange, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, dann freut er sich, nimmt es auf die Schultern und trägt es nach Hause. Dort ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: 'Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Schaf wiedergefunden!' Ich sage euch: genauso ist bei Gott im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der ein neues Leben anfängt, als über 99 andere, die das
nicht nötig haben. Oder stellt euch vor, eine Frau hat 10 Silberstücke und verliert eins da-
von. Zündet sie da nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht in allen Ecken, bis sie das Geldstück gefunden hat? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt zu ihnen: 'Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Silberstück wiedergefunden!'"  Zwei unterschiedliche Geschichten, die Jesus hier erzählt, aber in beiden Geschichten sind drei Aspekte identisch:

1.: Es ist etwas verloren  
Jesus sagt mit diesen beiden Beispielgeschichten: es gibt nicht nur verlorene Münzen, verlorengegangene Autoschlüssel, verlorengegangene Schafe - es gibt auch verlorene Menschen. Und wenn Jesus von verlorenen Menschen spricht, dann ist das kein moralisches Urteil, sondern eine Zustandsbeschreibung. Wenn damals ein Schaf oder ein Geldstück oder heute ein Schlüssel oder ein Portmonee verloren sind, heißt das: sie sind nicht an dem Platz, wo sie hin gehören. Es heißt nicht, dass das eine Schaf schlechter ist als die 99 anderen Schafe. Es ist höchstens gefährdeter. Weil es nicht mehr da ist, wo es hingehört. „Verloren sein", das bedeutet für Jesus: nicht da sein, wo es hingehört. Und das hängt damit zusammen, weil Jesus die Menschen aus der Sicht des Eigentümers sieht. Er, Gott, ist unser Schöpfer, wir gehören ihm. Und wir sind darauf angelegt, dass wir in Beziehung, in Kontakt mit ihm leben. Und wenn ein Mensch nicht bei Gott ist, dann ist er aus der Sicht Gottes verloren. Damit ist nicht gesagt, dass er ein schlechterer Mensch ist. Er kann trotzdem ein anständiger und sehr liebenswerter Mensch sein, aber er ist eben nicht an seinem Platz, bei Gott. Das heißt „verloren", nichts weiter!  Und Jesus geht auf die Menschen zu, die Gott verloren gegangen sind. Die nicht mehr in seiner Nähe sind. Das ist der zweite Punkt, der in beiden Beispielgeschichten gleich ist:


2.: Es wird etwas gesucht
Was machst du, wenn du deinen Haustürschlüssel verloren hast? Sagst du dann: Ach, das ist ja nicht so schlimm. Ich hab ja noch einen davon! Oder wenn du deine Brille verloren hast, sagst du vielleicht: Ach, da such’ ich nicht hinterher. Es steht ja sowieso nur Mist in der Zeitung, da kann ich auf die Brille auch wohl verzichten!  Sowas tut kein Mensch! Wenn du den Schlüssel oder die Brille verloren hast, dann geht die Sucherei los. Ich kenn das von mir: dann werd’ ich immer aufgeregter und ich kann mit dem Suchen nicht eher aufhören, als bis ich das dann gefunden habe, was verloren war. Ich kann nicht einfach sagen: Ach, das ist nicht so wild! Ich hab ja noch ’nen Ersatzschlüssel oder ’ne Ersatzbrille oder so. Ich suche so lange, bis ich das, was verloren war, wiedergefunden habe. Jesus sagt: So geht Gott das auch! Er findet da keine Ruhe drüber, wenn er einen Menschen verloren hat. Wenn einer, dem er das Leben geschenkt hat, nicht mehr bei ihm, in seiner Nähe, ist.  Gott sagt nicht: Mit Schwund muss man rechnen.
Ein Schaf weg, 99 noch da – das ist ein Prozent, das ist noch zu vertreten.  Der Aufwand, dieses eine Schaf zu suchen, ist viel zu groß. Das lohnt sich gar nicht.  Nein, sagt Jesus, Gott sieht das anders: diese 99, die noch bei mir sind, die sind wohl in der Lage, dass ich sie eine Zeitlang alleine lassen kann – und in dieser Zeit mach ich mich auf die Suche nach dem einen Schaf.  Und in der zweiten Geschichte vergleicht Jesus Gott mit einer Frau, die die ganze Bude auf den Kopf stellt, um die eine fehlende Münze zu finden.  

Warum machen die das? Diese Frau und der Schäfer? Ganz einfach: Weil etwas nicht da ist, wo es hingehört. Das Schaf gehört dem Hirten, deshalb sucht er es, wenn es weg ist. Die Münze gehört der Frau, deshalb sucht sie sie. Und jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes, und deshalb sucht er uns. Deshalb hat er Jesus, den guten Hirten, in die Welt geschickt –
um uns zu suchen, um uns wieder dort hin zu bringen, wo wir hingehören, zu Gott.  Und er ist ziemlich kreativ beim Suchen: Ich hatte eine Zufallsbegegnung mit einem jüngeren, beruflich ziemlich erfolgreichen Mann. Er sagte zu mir: „Ich bin richtig froh, wenn unsere Tochter nächstes Jahr zum Konfirmandenunterricht kommt. Dann hab ich auch wieder mehr Grund, Sonntags zur Kirche zu kommen. Im Moment bleibt es immer dabei, es ist immer so viel los."  Und dann erzählte er: als er selber konfirmiert war, da ist er in seiner Gemeinde anschließend einige Jahre Kindergottesdienst-Mitarbeiter gewesen, und zusätzlich hat er eine Jugendgruppe geleitet. Und er sagte: ‚Das war eine tolle Zeit! Da hab ich nicht nur was gegeben, ich hab da für mich auch’ne Menge rausgezogen. Aber jetzt hab ich so wenig Zeit, da bin ich froh, wenn ich Sonntags meine Ruhe hab!’  Aber er ließ keinen Zweifel daran – so richtig zufrieden ist er damit nicht. Weil es ihm fehlt. Jesus würde sagen: Er ist verloren – nicht mehr dort, wo er hingehört. In Gottes Nähe. Und nun ist die Konfi-Zeit seiner Tochter für die nicht bloß Unterricht, sondern das ist gleichzeitig auch die Such-Aktion Gottes nach ihrem Vater.    Ein Traugespräch mit einem jungen Paar. Beide nicht besonders kirchlich. Beide haben ihren Beruf, er trägt viel Verantwortung im wirtschaftlichen Bereich. Und im Trauge-
spräch sagt er mir: ‚Sagen Sie bei der Trauung bitte was dazu, wie wir im Leben einen
Maßstab kriegen, nach dem wir handeln können. Damit wir im Geschäft ehrlich bleiben können und dass wir unser Leben nicht am Business verlieren. Da haben Sie als Pastor ja wohl was zu sagen, denke ich. Ich brauch’ das und meine Kollegen sollen das auch hören.’  Da wird plötzlich ein Traugespräch und dann die Traupredigt zu der Suche, die Gott veranstaltet, damit Menschen wieder in seine Nähe kommen und merken: dort kriege ich etwas, was ich brauche für mein Leben.

Ich könnte von etlichen solchen Begegnungen erzählen. Oft waren es Menschen, die mir sonst im Rahmen unserer Gemeinde nie aufgefallen sind. Die singen nicht in einem Chor, die kommen nicht in die Kirche, und ich hab die noch nie bei einer Veranstaltung hier gesehen. Aber plötzlich zeigt es sich an einer bestimmten Stelle: Gott ist auf der Suche nach ihnen! Und wenn er jemanden gefunden hat, dann hält er ihm keinen Vortrag und dann macht er ihm keine Vorwürfe. Fragt nicht: Wo warst du eigentlich die ganzen Jahre? Wieso bist du nicht mal Heiligabend zur Kirche gekommen? Wir machen das ja manchmal so. Wenigstens in Gedanken. Dass wir fragen: Was will der denn hier? Der war doch seit Lichtjahren nicht mehr in der Kirche! Und manchmal werde ich darauf angesprochen: „Wieso macht ihr in unserer Kirche immer so’n Tünnef – Tauf-Erinnerung und Familiengottesdienste und so. Da kommen doch nur die, die eigentlich gar nichts vom Glauben wissen wollen. Die haben uns gerade noch gefehlt! Und uns gehen dafür ‚normale’ Sonntage flöten."

"Der hat mir gerade noch gefehlt!" – das denken oder sagen wir meistens dann, wenn jemand uns nicht passt. Wenn wir ihn jetzt lieber nicht haben würden. Weil er Unruhe bringt. Weil‘s einen „normalen Sonntag" weniger gibt. Und dass wir so denken, das ist manchmal einfach so. Aber das will ich ganz deutlich sagen: ein Recht dazu haben wir nicht! Weil es nicht das ist, was Gott sich von uns wünscht!  Er sagt auch: ‚Du hast mir gerade noch gefehlt!’ Aber Er sagt es mit einer anderen Betonung: Nach dir war ich auf der Suche. Du hast mir wirklich gefehlt! Gott ist auf der Suche. Nach denen, die ihm fehlen. Und wenn es dir so vorkommt, dass du damit gemeint sein könntest, dann freu dich! Lauf bloß nicht wieder weg, ohne Gott dafür gedankt zu haben, dass er dich gefunden hat. Nachher, wenn der Gottesdienst zu Ende geht, dann haben wir beim Beten so eine Phase der Stille. Das ist eine gute Gelegenheit, zu beten: Gott, ich danke dir, dass du mich heute hier gefunden hast! Jetzt zeig mir auch, wie ich damit umgehen soll!  Und dann werden wir auch das Dritte erleben:

3.: Es herrscht Freude
Der Hirte ist froh, dass er sein Schaf wieder hat, und die Frau ist froh, dass sie das Geld-

stück wieder hat. Und Jesus sagt: "Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen einzigen, der verloren war und der nun ein neues Leben anfängt."  Wenn du wirklich schon mal etwas ganz intensiv gesucht und dann tatsächlich gefunden hast, dann weißt du auch, welche Freude Jesus meint. Totale Erleichterung. Freude pur. Verloren und gefunden! Und Jesus sagt: So eine pure Freude hat Gott, wenn er einen Menschen wiedergefunden hat. Das macht Gott Freude: Wenn einer, der verloren war, an seinen Platz zurückfindet. Wenn einer, der nicht mehr bei Gott war, zu ihm zurückfindet. Und heute möchte Jesus uns einfach mit dieser himmlischen Freude anstecken. Damit wir in unserer Gemeinde das tun, was wir können, damit wir Ihm beim Suchen helfen. Und uns dann so richtig freuen, wenn jemand gefunden wird. Amen.

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