Predigten Juni 2014 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Juni 2014

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Predigt über 5. Mose 6, 4-9; 1. Sonntag nach Trinitatis; 22.06.2014


Liebe Gemeinde, es gibt ja so bestimmte Zeichen, wenn man die sieht, dann weiß man sofort, was sie bedeuten. Wenn ich an der Autobahn ein Schild mit gekreuzten Messer und Gabel sehe, dann weiß ich: in der nächsten Raststätte gibt's was zu essen! Und wenn irgendwo ein Schild mit einer durchgestrichenen Zigarette ist, dann weiß man: rauchen ist hier verboten!  Es gibt aber auch Zeichen, Symbole, die noch einen tieferen Sinn haben als dass sie nur auf etwas hinweisen. Wenn einer seiner Freundin rote Rosen schenkt, dann will er damit sagen: Ich hab dich lieb! Und wenn bei einer Hochzeit die Ringe getauscht werden, dann ist dieser Ehering das äußere Zeichen für die Liebe, die einander verbindet.
Zeichen brauchen wir. Zeichen, die uns auf etwas hinweisen, und Zeichen, die uns an etwas erinnern, was uns wichtig ist.  In dem Predigttext, der für heute vorgesehen ist, da geht es auch um solche Zeichen. Im 5. Buch Mose lässt Gott seinem Volk sagen: "Du sollst diese Worte zum Denkzeichen auf deine Hand binden und sie als Merkzeichen auf der Stirn tragen und du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses schreiben ..., die Worte: Der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr und du sollst ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft!"

Soweit die Anweisungen, die Gott seinem Volk geben lässt. Bis heute sind sie sozusagen das Glaubensbekenntnis jüdischer Menschen. Schon als kleine Kinder umgeben diese Worte sie, dann begleiten sie sie das ganze Leben und unter diesen Worten werden sie dann irgendwann von dieser Welt verabschiedet. Und wenn wir heute Mittag in einer jüdischen Familie zu Gast wären, dann würden wir sehen, wie ernst diese Anweisungen bis auf den heutigen Tag genommen werden: an den Türpfosten sämtlicher Türen würden wir kleine lederne Kapseln entdecken. Wenn der Hausherr dann das Mittagsgebet spräche, dann hätte er am Arm und auf der Stirn an ledernen Bändern auch solche Kapseln. Und wenn wir ihn dann fragen würden, was denn da drin sei, dann würde er uns antworten: In jeder dieser Kapseln befindet sich ein Pergamentstreifen mit der Aufschrift: "Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr..."   Also genau die Bibelverse die wir gerade gehört haben. /

Vielleicht denken wir: was soll das? Was soll das bringen, das man einen Bibelvers mit sich herumträgt? Wenn ich einen Bibelvers in einer Kapsel bei mir trage, dann heißt das ja noch nicht, dass ich dieses Wort auch ernst nehme und befolge. Das ist richtig - aber darum geht es auch gar nicht, dass man sich die Worte Gottes sozusagen wie ein Schmuckstück umhängt und das war's dann. Sondern Gott sieht einen ganz anderen Sinn darin, wenn er das so anordnet. Er will, dass seine Leute sich klar machen: Herz, Kopf und Hände; Aufstehen und Zubettgehen und die Zeit dazwischen - all das soll begleitet sein von Gott und seinem Gebot. Und weil Gott weiß, was wir oft für ein kurzes Gedächtnis haben - darum gibt er dieses Zeichen: damit es immer vor Augen ist, dass Er der Herr sein möchte über unser ganzes Leben. Dass wir unser Leben in seinen Machtbereich stellen - mit allem, was wir tun oder lassen. Der ganze Mensch ist angesprochen - nicht nur der Verstand, nicht nur das Gefühl. Hier sagt Gott: Glaube ist nicht nur etwas, was man lernen kann. Nicht nur Sprüche, die ich vor fünfzig Jahren auswendig gelernt habe. Bibelworte und Liedertexte kann ich lernen - aber deshalb glaube ich noch nicht!  "Glaube" im biblischen Sinne ist eine persönlich gelebte Beziehung zu Gott. Und dass diese Verbindung wichtig ist, und dass sie gepflegt wird - dafür werden hier Hilfen gegeben. Gedächtnisstützen.

"...diese Worte...sollst du...deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt..."  Hier geht es um die Verantwortung, die wir als Eltern oder auch Großeltern tragen – dass wir unseren Kindern oder Enkeln etwas vom Glauben weitergeben. Dass sie an uns lernen können, was z.B. beten ist. Dadurch, dass man vor den Mahlzeiten betet etwa. Oder auch abends, beim zu Bett gehen.  Viele, die heute Konfirmanden sind, haben wenigstens noch Großeltern, die für sie beten. Oder sie haben zu Hause noch Gebete gelernt - ich freu mich im Konfirmandenunterricht immer darüber, wie viele von zu Hause her noch einzelne Gebete kennen!  Und darum möchte ich uns als Eltern und euch als Großeltern wirklich Mut machen: betet für eure Kinder und betet für eure Enkelkinder! Auch, wenn ihr manchmal denkt: „Das wollen die ja gar nicht", oder wenn ihr euch fragt: „Hat das überhaupt einen Sinn?"  Ja, dass wir für unsere Kinder und Enkelkinder beten – das hat Sinn! Darum: hört nicht auf damit!

Hier klappt das noch in etlichen Familien. Aber aufs Ganze gesehen sieht es in unserem Land an dieser Stelle eher trübe aus. Es klappt nicht mehr mit der Weitergabe der christlichen Werte. Die Tradition bricht ab. Und darum können wir sehr dankbar sein, wenn das von anderer Seite ergänzt wird. Dass es Menschen gibt, die sich dafür ins Zeug legen, dass junge Menschen mit dem Glauben in Berührung kommen. Und an dieser Stelle haben wir es hier bei uns gut, das will ich einmal ausdrücklich so sagen und anerkennen. Wir haben z.B. in den beiden Grundschulen, zu denen die meisten unserer Kinder gehen, ganz tolle Lehrerinnen und Lehrer. Nicht wenige sind dabei, denen der Glaube etwas bedeutet. Und im Rahmen der Möglichkeiten, die die Schule bietet, geben sie davon etwas weiter und leben den Glauben einfach vor. In der GS am Ottermeer und in der GS Spetzerfehn wird regelmäßig überlegt und da werden total kreative Dinge gemacht, wie man den Kindern auf die Spur Jesu helfen kann, so will ich das einmal sagen! Und darüber hinaus werden mehrmals jährlich Gottesdienste gefeiert! Und glaubt mir: das bleibt nicht ohne Auswirkungen! Davon geht direkt was in die kleinen Herzen und wenn Gott Gnade gibt,
bekommt die zarte Pflanze des Glaubens dadurch einen ordentlichen Wachstumsschub.
Und nicht nur in diesen beiden Schulen ist das so: wir haben ein gutes Dutzend Menschen, die dafür sorgen, dass hier bei uns Sonntag für Sonntag Kindergottesdienst gefeiert werden kann! Die bereiten sich darauf vor, treffen Absprachen, nehmen sich Zeit dafür – aber so ungefähr im letzten halben Jahr müssen sie feststellen, dass immer weniger Kinder auch da sind! Und ich bin überzeugt: das liegt nicht an den Kindern! Und das liegt auch nicht am Programm! Das sieht man daran, dass die Kinder, die dabei sind, meist regelmäßig kommen und immer wieder. Das würden sie ja nicht tun, wenn es nichts für sie wäre. Ich glaube vielmehr, dass viele Erwachsene es nicht mehr auf dem Schirm haben, dass sie ihren Kindern etwas wirklich Gutes tun, wenn sie sie zur Kinderkirche bringen! Etwas, das dazu beiträgt, dass sie zukunftsfähig werden! Und wer nicht in die Puschen kommt und seine Kinder regelmäßig zum KiGo bringt, der gibt eine wirklich gute Chance aus der Hand!
Und nicht vergessen will ich auch das, was bei uns im Kindergarten geleistet wird, um den Jüngsten in unserer Gemeinde fröhlich und ohne Druck Gott lieb zu machen! Hier und an so mancher anderen Stelle wird mit ganz viel Liebe und Phantasie vieles getan, damit Kinder und Jugendliche mit dem Wort Gottes und dem Glauben in Berührung kommen. Und damit geben wir unseren Kindern und Enkeln enorm viel mit für ihr Leben!

"Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein..." - diese Worte sollst du "binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tür."   Tür und Türpfosten sind hier angesprochen – und das ja die Teile meiner Wohnung oder meines Hauses, an denen ich jeden Tag viele Male vorbeikomme. Dort soll das stehen: "Der Herr, unser Gott ist der einzige Gott..."  Und auch, wenn wir das nicht wirklich an die Tür schreiben – gemeint ist es trotzdem so: jedesmal, wenn ich durch eine Tür gehe, erinnert es mich und mahnt es mich, damit ich es nur ja nicht vergesse: Du sollst Gott lieben von deinem ganzen Herzen...
An meinem Türpfosten soll das stehen, also nicht nur an der Kirchentür. Das bedeutet:
nicht nur einmal die Woche will Gott mich erreichen und mein Leben prägen und ausrichten - sondern täglich. Da, wo mein tägliches Leben spielt.  Wenn ich morgens die Tür zum Badezimmer öffne und da blockiert schon ein Kind das Klo oder das Waschbecken und ich will mich gerade aufregen - wenn dann an der Tür unsichtbar geschrieben stünde: 'Liebe deinen Gott, von ganzer Seele und aus allen deinen Kräften...' – ob ich dann auch wohl so rumknuttern würde, wie ich es oft tue?   Wenn an der Zimmertür oder an der Haustür diese Worte stehen würden - würde ich dann wohl noch im Zorn diese Tür hinter mir mit lautem Knall zuschmeißen, wenn wir uns böse gestritten haben?  Wenn ich die Tür zu meiner Arbeitsstelle öffne und wenn da diese Worte mich an meinen Glauben erinnern würden, wie würde sich das wohl auf meine tägliche Arbeit auswirken und auf meinen Umgang mit
den Kollegen oder mit meinen Mitarbeitern?  Wenn sie dieses Glaubensbekenntnis an mir entdeckten - könnten sie nicht von mir mehr Geduld erwarten, größere Freundlichkeit und ordentlichen Einsatz für meinen Betrieb? Vielleicht auch mehr Fairness gegenüber meinen Mitarbeitern? An allen meinen Türpfosten, dort wo mein Leben verläuft und dem Leben anderer begegnet, dort soll das stehen, damit ich es nie vergesse: Höre, Mensch, du hast einen Gott und sollst ihn von Herzen lieben! Und diese Liebe soll in meinen Alltag geschehen, dort wo ich wohne und arbeite, schlafe und meine Freizeit verbringe. Sie geschieht dort - oder sie geschieht überhaupt nicht. Denn es gibt in meinem Leben keinen Raum, in dem Gott nicht präsent sein möchte!  

Aus diesem Satz erklärt sich nun auch das andere wie von selbst: "Denkzeichen auf der Hand" und "Merkzeichen auf der Stirn".  Auf seinem Arm und zwischen den Augen trägt der fromme Jude die Kapseln mit dem Gebot: Du sollst deinen Gott lieben... Auf dem Arm soll es geschrieben sein - damit ich bei allem, was ich mit meinem Arm tue, daran erinnert werde.  Mit unseren Armen und den Händen daran tun wir ja unwahrscheinlich viel - wieviel, das merkt man meist erst, wenn man für eine Weile den Arm in Gips hat. Mit unserem Arm, mit der Hand begrüße ich Menschen. Ich packe meine tägliche Arbeit damit an.  Ich bediene damit die Fernbedienung vom Fernsehen. Ich betätige damit die Maus am Computer. Ich wähle damit die Seiten, die ich mir im Internet anschauen will. Und dieser Arm soll mich nun an Gott erinnern. Also: alles, was du mit deinem Arm schaffst und mit deinen Händen zustande bringst, soll unter dieser Weisung stehen: Liebe deinen Gott und liebe die Menschen, für die du mit deiner Hand, deinem Arm, deiner Kraft da sein sollst.

Und schließlich soll dieses Gebot "Merkzeichen auf meiner Stirn" sein. Dort, wo jeder Plan entsteht, wo die Ideen geboren werden, wo böse oder gute Gedanken gebildet, wo mein Wollen, mein Begehren, meine Meinungen und Vorstellungen geformt werden, lese ich Gottes Gebot: Höre, dein Gott will, dass du ihn liebst in allen seinen Menschen!  Keinen Gedanken soll es also geben, der nur mir gehörte, den ich denken könnte, ohne auf Gott und meinen Mitmenschen zu blicken. Alles, was in meinem Kopf vorgeht, hat eine Beziehung zu Gott und den anderen, denn all mein Denken geschieht unter dem Anspruch: Liebe deinen Gott! Und Jesus macht es dann noch deutlicher, wenn er hinzufügt: „Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"   Lassen wir uns - auch wenn wir keine Juden sind - das heute sagen: Es gibt keinen Raum deines Hauses und deines Lebens, den Gott und dein Mitmensch nicht beanspruchen dürfte. Keine Tat, kein Werk, keine Arbeit, die du nicht vor Gott und deinen Nächsten verrichtest. Es gibt keinen Gedanken, keinen Plan, nicht die leiseste Regung deines Denkens, die nicht in Beziehung stünden zu deinem Gott und anderen Menschen.

Starke Worte sind das – und vielleicht regt sich in uns Widerstand. Dass wir denken: ist das nicht ein enormer Druck? Kann man das denn aushalten - immer vor Gottes Angesicht?  Und: will ich das überhaupt, dass Er mir so nahe kommt?  Bis in die intimsten Räume und Gedanken hinein?! Dazu will ich sagen: es geht hier nicht darum, dass Gott uns so nahe kommt, weil er uns damit belasten möchte. Oder uns unsere Freiheit nehmen möchte. Es geht darum, dass wir erst aus der Nähe zu Ihm heraus unser Leben wirklich so gestalten können, dass Er, wir selbst und andere Menschen ihre Freude daran haben. Gott will nicht zusätzlicher Ballast für unser Leben sein, sondern er möchte in allen Lebensräumen einfach so mitleben - er möchte unsere Umgebung, unser Milieu prägen und positiv verändern.

Wir alle wissen, wie die Umgebung, in der wir aufwachsen oder leben, uns prägt. Für die Entwicklung eines Menschen ist es ein Unterschied, ob er in einer Familie aufwachsen kann, in der das Miteinander im Großen und Ganzen klappt oder ob jemand in Verhältnissen aufwachsen muss, wo alle Beziehungen kaputt sind.  Und es ist ein Unterschied, ob ich von Kind auf über viel Geld verfügen und mir alles kaufen kann, oder ob ich es von klein auf lerne, mit Geld hauszuhalten und es nicht mit vollen Händen rauszuschmeißen. Und so gibt es viele Beispiele dafür, dass unser Milieu, dass die Umgebung, in der wir leben, großen Anteil daran hat, wie wir uns entwickeln. Wie wir zurechtkommen im Leben. Und das ist genau der Punkt: Gott möchte selbst zu unserer Umgebung werden! Damit unser Leben in Seinem Sinne verändert wird. Damit wir einen Halt haben und einen Maßstab, nach dem wir uns richten können. Und darum kann uns im Grunde genommen gar nichts Besseres passieren, als dass wir uns bewusst in den Machtbereich Gottes stellen. Dass wir uns bei den ganzen Alltäglichkeiten unseres Lebens daran erinnern lassen, dass wir von Ihm her leben und wertgeachtet sind. Seine Nähe hilft uns zum Leben - was wollen wir mehr? Amen.


Predigt über 2. Kor. 13, 11-13; Trinitatis; 15.06.2014


Liebe Gemeinde, ich lese uns zunächst den Abschnitt aus der Bibel, der für heute als Grundlage für die Predigt vorgeschlagen ist – 2. Kor. 13, 11-13. Da schreibt Paulus:
Zuletzt, liebe Brüder,  freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!


Mit diesen Worten endet der zweite Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth. Und man sollte meinen: Wenn er diesen Brief mit so schönen Worten schließt, dann ist das sicher eine ganz harmonische Gemeinde dort, eine Mustergemeinde, in der alles super läuft und Paulus hat einen Brief dorthin geschrieben, um sich für das gute Miteinander dort zu bedanken! Aber das Gegenteil ist der Fall! Paulus kennt keine Gemeinde, die ihm mehr Kummer macht! Da liegen sich die Christen so richtig in den Haaren! Es haben sich verschiedene Gruppen gebildet. Jede behauptet von sich: Wir haben den richtigen Glauben! Schwere Konflikte haben sich aufgebaut. Persönliche Auseinandersetzungen bringen die Gemeinde in eine echte Zerreißprobe. Neid, Zorn und üble Nachrede vergiften das Klima und Paulus selber bekommt schlimme Vorwürfe zu hören - und um da so Einiges klar zu stellen, schreibt er diesen Brief. Er ermahnt die Christen dort, sagt seine Meinung klar und deutlich - und trotzdem kann er am Ende schreiben: "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!"  
Mit diesen Worten segnet er die Gemeinde. Mit diesen Worten segnet er die, die total zer-
stritten sind. Mit diesen Worten segnet er die, die ihn persönlich beschimpfen und ihn am liebsten loswerden wollen. Mit diesen Worten ruft er ihnen dreierlei in Erinnerung:

1.:Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen.
Mit der Gnade Jesu Christi beginnt also dieser Segen. Aber "Gnade Jesu Christi" - was
heißt das, was bedeutet das?  Schauen wir in die Bibel hinein, dann sehen wir: mit dieser "Gnade Jesu Christi" ist die Tatsache gemeint, dass Gott sich uns Menschen zuwendet. Obwohl wir keinen Anspruch darauf haben.  "Gnade Jesu Christi" heißt: Gott kuckt uns mit Jesu Augen an - und er schaut dabei nicht in erster Linie auf das, was wir Gott schuldig bleiben, sondern er nimmt das in den Blick, was wir durch Jesus schon sind. Würde er auf das schauen, was wir Gott schuldig bleiben, dann würde er sich oft angewidert abwenden. Dann hätte er damals in Korinth sagen können: Mit euch will ich nichts mehr zu tun haben! Wenn ihr es nicht schafft, in Einigkeit zu leben und euch zu vertragen - dann will ich mit euch nichts mehr zu tun haben!  Und jetzt überlegt mal: wenn Gott in unser persönliches Leben und in unsere Gemeinde kuckt - was bekommt er da wohl alles zu sehen? Sind wir uns denn immer so einig, wie es wohl sein müsste? Läuft bei uns alles wie am Schnürchen? Leben wir unseren Glauben z.B. als Eltern so überzeugend, dass unsere Kinder wie von selbst Lust bekommen, auch Jesus nachzufolgen, sich in der Gemeinde zu engagieren? Und leben wir unseren Glauben so überzeugend, dass die Nicht-Christen in unserem Ort anerkennend sagen: Wenn das bei den Spetzer Christen so schön und harmonisch zugeht, dann will ich da auch zugehören?! Ich fürchte, da bleiben wir einiges schuldig. Ich will da jetzt keine einzelnen Beispiele aufzählen – nur so viel: bevor wir nun mit dem Finger auf andere zeigen und sagen: „Ja, so wie der oder der sich benimmt, das geht ja auch gar nicht!" – bevor wir das tun, sollten wir auf uns selber schauen! Ich bin überzeugt – und das sage ich durchaus selbstkritisch: jeder hat selber eine Tür, vor der er fegen kann! Ich jedenfalls kenne es von mir wohl, dass da auch Momente sind, in denen es mir nicht um Einigkeit geht, sondern wo ich einfach meinen Kopf durchsetzen will. Und ich denke, da lohnt es sich, dass jede und jeder für sich mal darüber nachdenkt, was Paulus wohl bei ihm, bei ihr ankreiden und kritisch zur Sprache bringen könnte.

Und würde Gott uns auf diese Dinge festlegen - dann hätte er sich vermutlich schon lange abgewendet und hätte gesagt: Nun seht man zu, wie ihr ohne mich klar kommt!  Aber er wendet sich nicht ab! In Jesus wendet er sich uns zu! Und das ist die "Gnade Jesu Christi".  Und dass diese Gnade uns zukommt, das hängt nicht daran, was wir tun oder was wir nicht tun - sondern das liegt einzig und allein daran, weil Gott es so will. Weil er an uns hängt und uns nicht aufgeben will.

Dass wir letztlich von der Gnade leben, das haben wir vielleicht schon oft gehört. Aber oft fällt es uns schwer, dass wir das auch annehmen und für uns gelten lassen. Und manchmal kommt es mir so vor, als würde gerade unter Christen mit harten Bandagen gekämpft. Dass man leicht mal mit dem Finger auf einen anderen zeigt. Dass es leicht passiert, dass da ein Klima herrscht, in dem man nicht befreit aufatmen kann, sondern in dem man irgendwie unter Druck kommt.  Besonders dann, wenn man auch Dinge im Leben hat, die schwierig sind. Und ich glaube, das liegt daran, dass wir unter einem hohen Anspruch stehen. Unter einem doppelten Anspruch: von außen und von innen. Von außen – das heißt: die Menschen, die mit dem Glauben nichts am Hut haben, die sind oft ganz groß darin, wenn sie uns Christen kritisieren können. „Der rennt jeden Sonntag zur Kirche und ist auch nicht besser als alle anderen" – so oder so ähnlich klingt das dann.  Und zusätzlich stehen wir unter dem Anspruch, den wir uns oft selber machen. So als müsste bei uns Christen immer alles glatt laufen, als dürften wir keine Fehler machen und als wären die Schrammen, die das Leben manchmal mit sich bringt, bösartige Makel, die uns unrein machen. Ich kenne so manche, die in die Seelsorge kamen und im Grunde genommen fix und fertig waren und sie litten darunter, dass sie auch unter Christen nicht sagen mochten, wie schlecht es ihnen geht. Weil manche ihnen dann gleich zu verstehen gaben: "Dann glaubst du eben nicht genug!"  

Auch Christen haben manchmal Schwierigkeiten mit ihren Kindern - und mögen es oft nicht sagen, damit sie in der Gemeinde nicht schief angekuckt werden! Was haben manche Christen für Probleme dadurch, dass sie ihren Alkohol- oder Tablettenkonsum nicht mehr im Griff haben - und sie trauen es sich lange Zeit nicht, das zuzugeben, weil dann Mitchristen die Nase rümpfen und hinter der Hand über sie reden, anstatt ihnen zu helfen.  Und das spüre ich doch auch bei mir selber: das, was ich tue, ist nicht immer gut und richtig. Ich werde den Anforderungen nicht immer gerecht. Auch meinen eigenen Überzeugungen gegenüber werde ich immer wieder untreu, handle anders als ich es eigentlich von mir und anderen wünsche. Und Paulus kennt das auch von sich! Er nennt es so: 'Das Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.' Und ob wir wollen oder nicht- da kommen wir manchmal einfach nicht raus. Schön ist das nicht, aber menschlich!


Und in solche schwierigen Situationen hinein hören wir nun: "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit dir!" Also: Da ist einer für mich und mit mir, der zuerst und vor allem gnädig ist! Bei dem muss ich mich nicht in einem guten Licht darstellen. Da geht's nicht darum, irgendwelche Fassaden aufrecht zu erhalten. Da habe ich meinen Platz auch mit den ganzen Schrammen, die es in meinem Leben vielleicht gibt. Da werden mir keine Vorwürfe gemacht, sondern Jesus fragt: "Was kann ich für dich tun? Was brauchst du, was hilft dir?"
Das ist Gnade! Und diese Gnade brauchen wir. Jede. Jeder.


Das zweite, was in unserm Segenswort heute steht, ist die Liebe Gottes. Im Grunde ge-
nommen war davon schon die ganze Zeit die Rede. Denn die Gnade hat ja ihren Grund da-
rin, dass  Gott uns liebt. Und doch wird sie extra benannt. Weil die Liebe Gottes vor allem anderen ist. Längst bevor es uns gab, war Gottes Liebe schon da! Längst bevor wir glauben konnten, galt seine Liebe schon uns! „Ich habe dich je und je geliebt...", so lesen wir es im Alten Testament.  Und schon auf den ersten Seiten der Bibel wird es uns erzählt: Gott wollte nicht mit sich alleine bleiben! Er wollte ein Gegenüber haben, mit dem er reden kann, mit dem er Gemeinschaft haben kann. Darum hat er den Menschen geschaffen. Aber schon bald musste er erfahren: seine Menschen haben ihm Kummer gemacht! Wollten sich von ihm nichts sagen lassen. Wollten ihr Leben in die eigene Hand nehmen. Und so zieht es sich durch die ganze Menschheitsgeschichte: immer wieder setzt der Mensch sich selbst an die Stelle, die nur Gott zusteht. Und das führt dann dazu, dass sie sich auseinandergelebt haben – die Menschen und Gott.

„Wir haben uns auseinandergelebt..." Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört. Resigniert, müde, hilflos. Da sind zwei Menschen einmal mit ganz viel Liebe und vielen Zukunftsplänen miteinander an den Start gegangen. Sie haben es ernst gemeint! Und dann kam das Leben mit seinem Alltag. Vielleicht mit Herausforderungen, die schwer waren. Vielleicht aber auch mit einer Phase, die nicht besonders schwer war, wo eigentlich alles glatt lief und man sich nicht miteinander durchboxen musste. Das, was bisher prickelte, wenn man nahe beieinander war, das schlief irgendwie ein. Man hatte einander nicht mehr wirklich viel zu sagen, und im Bett stimmte es auch nicht mehr.  Es war keine Bosheit da, keiner betrog den anderen. Und trotzdem: „Wir haben uns auseinandergelebt." Bitter ist das – und keiner breche den Stab über die, die es so empfinden und durchmachen! Eiszeit – und am Ende steht dann meist die Trennung. Die auch weh tut. Narben zurücklässt. Und trotzdem manchmal besser auszuhalten ist als die Kälte und Distanz vorher.

Kälte und Distanz – so erlebt Gott es auch, wenn er auf seine Menschen kuckt! Aber weil er Gott ist und mehr und besser lieben kann als wir, findet er sich nicht damit ab. Weil er uns um keinen Preis verlieren möchte, geht er uns nach. Wirbt um uns. Zeigt uns auf tausend Arten, dass er sich freut, wenn wir in seine Nähe zurückfinden.  Am deutlichsten können wir das an Jesus sehen. An ihm sehen wir, dass Gott keine leeren Worte macht. Sondern er lässt sich seine Liebe etwas kosten. "Die Liebe Gottes" - von dieser Wirklichkeit Gottes sind wir umgeben. Weil Gott nicht ohne uns sein mag!

Das letzte, was in unserem Segensspruch angesprochen ist, das ist die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. In Korinth war es mit der Gemeinschaft untereinander nicht weit her und bei uns manchmal auch nicht. Auch unter Christen kann es vorkommen, dass zwei einen heftigen Streit miteinander haben, in dem sie nicht zur Versöhnung finden. Oder ich muss an die Frau denken, die mir sagte, sie würde ab sofort nicht mehr in die und die Gruppe unserer Gemeinde kommen, weil sie da mehrmals neben einer anderen Frau hätte sitzen müssen, die ihr nicht sympathisch sei. Aber jedesmal sei kein anderer Platz mehr frei gewesen und nun habe sie die Nase voll. Was ist das schade!  Versteht ihr - in der christlichen Gemeinde geht es nicht um Sympathie! Es sind einem doch nicht alle Menschen sympatisch! Das ist doch ganz normal! Aber wir sind doch nicht um unserer Sympathie willen Gemeinde, sondern um Jesu willen.  Und Er will uns alle in seiner Gemeinde haben - egal, ob wir einander sympathisch sind oder nicht.  Die Gemeinde Jesu ist kein Freundeskreis. Sie ist eher wie eine Familie. Freunde kann ich mir aussuchen – Geschwister finde ich vor. Aber gerade das macht es manchmal eben auch schwierig. Und darum kommt es immer wieder vor, dass einige nicht miteinander können. Und darum wartet Gott mit seinem Segen auch nicht damit, bis wir alle gut miteinander auskommen und uns alle gerne mögen. Er sieht schon die Gemeinschaft, die noch gar nicht da ist. Und er weiß: wollen wir überhaupt einen Schritt darauf zugehen, dann geht das nur durch Gottes Geist. Gottes Geist ist es, der uns hilft, dass wir es auch dann miteinander in der Gemeinde aushalten, wenn wir nicht alle gleich gerne mögen. Dass wir einander auch dann ertragen, wenn es mühsam wird. Und allein daran können wir schon sehen, dass Gottes Heiliger Geist wirksam ist: dass es seine Gemeinde gibt und dass sie höchst lebendig ist – obwohl es immer wieder vorkommt, dass Menschen nicht miteinander können und obwohl in manchen Situationen einer dem andern nichts gönnt – trotz allem stiftet der Heilige Geist eine Gemeinschaft, die über Sympathie weit hinausgeht. Das ist eigentlich ein reines Wunder! Und so lasst uns nicht so sehr auf das kucken, was das Miteinander manchmal belastet und mühsam macht – sondern lasst uns auf den schauen, der uns trotz allem zu Seiner lebendigen Gemeinde zusammenfügt und uns seinen Segen gibt – auch heute wieder. "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen." Amen.


Am heutigen Pfingstsonntag hat der Erzbischof aus dem Sudan die Predigt gehalten.

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