Predigten März - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten März

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Predigt über Markus 10, 46-52; Oculi; 19.03.2017; Auftritt KALIBO
Papa! Mit dir geh‘ ich bald nicht mehr essen – das sieht ja richtig asig aus, wie du die Speisekarte liest. Die Leute denken ja, dass du gar nicht lesen kannst!“  Beim Chinesen in Wiesmoor war’s – ’n bisschen dunkler Raum, draußen war’s wolkig, und die Buchstaben auf der Speisekarte werden auch von mal zu mal kleiner, und überhaupt: man ist ja keine vierzig mehr!  Bernd, unser Großer, war empört: „Geh doch mal zum Augenarzt! So wie du da draufkuckst, meint man ja, dass du schon halb blind bist!“  Vor knapp zwei Jahren war das – und beim Augenarzt bin ich inzwischen noch nicht gewesen. Ich komm noch ganz gut so zurecht – und man kriegt ja auch so schlecht’n Termin...  Das ist so’ne Sache mit den Augen! Und das nicht nur, wenn sie schlechter werden und man eigentlich dringend mal was machen müsste! Das ist so’ne Sache mit den Augen! Man kann vielleicht so scharf kucken wie’n Adler – und trotzdem nichts sehen!  Manchmal ist man wie blind – obwohl die Augen völlig in Ordnung sind!
Als Ulrike und ich uns kennengelernt haben, damals in der Handelsschule – ich hab’s einfach nicht geblickt, dass sie mich wohl leiden mochte! Obwohl sie mich jeden Tag total freundlich anlächelte und fast jeden Tag die Mathe-Hausaufgaben für mich gemacht hat! Ich hab’s nicht geblickt, was sie mir eigentlich damit zeigen wollte!

Als „sie“  „ihm“ das Foto unter die Nase hielt, da konnte er nicht sehen, was drauf war. ‘Hä?!‘ Komisches Bild, grau in grau, bisschen verschwommen alles – was soll das?!  Sie musste ihn erst mit der Nase drauf stoßen, dass das ein Ultraschallbild war – und dass das „grau in grau“ nicht weniger war als ihr erstes Kind, das sie nun erwarteten! Er hat’s gesehen und konnte es nicht sehen!


Ich hab es vorhin nicht geblickt, wie Kalibo das mit den Tüchern hingekriegt hat – dass sich da’n Tuch verfärbt hat! Dabei hat er es lang und breit erklärt!   Und gerade mit den Karten, da haben uns wahrscheinlich auch unsere Augen ’nen Streich gespielt...
Thomas, der Jünger, hat einfach keinen Blick dafür gehabt, dass Jesus da ist! Das konnte doch gar nicht sein – er hatte doch mit eigenen Augen gesehen, wie man ihn ins Grab gelegt hatte! Er hat es nicht geblickt, dass Jesus lebt!

Kann das sein? Sind die Augen, denen wir ja eigentlich zutrauen, dass sie uns das zeigen, was wahr ist – sind diese Augen nicht in der Lage, uns von der Wirklichkeit Gottes zu über-
zeugen?   Anders gesagt: „Ich glaube nur das, was ich sehe!“ – das ist doch eine ganz starke Aussage: das, was ich sehen kann, das ist wirklich da!  Diese Erfahrung haben wir immer und immer wieder gemacht! Wie kann es dann sein, dass wir trotzdem manches nicht sehen und nicht erkennen können? Auch wenn die Augen völlig in Ordnung sind!



Unsere Augen sind eben nicht das Maß aller Dinge! Gerade in der heutigen Zeit merken wir das doch ständig: das, was wir sehen, muss in Wirklichkeit gar nicht so sein!  Da siehst du’n Foto von einer Frau, von der du genau weißt: die hat echt Krähenfüße im Gesicht!  Aber auf dem Foto hat sie ’ne Haut zart wie’n Pfirsich!  Du siehst glatte Haut – und es sind Krähenfüße da!   Aber einmal mit dem Bild durch’n spezielles Computerprogramm – und weg sind die Krähenfüße!  Damit würd‘ man sogar meinen Bauch wegzaubern  – das, was nicht mal Kalibo aufm Schiff geschafft hat!
Manchmal werden unsere Augen einfach getäuscht – etwas, was da ist, sehen wir nicht  oder umgekehrt: was wir sehen, ist in Wirklichkeit gar nicht so!  Kalibo macht das, um Menschen zum Staunen zu bringen – und sie drauf zu stoßen, dass es noch viel mehr gibt, als das, was wir sehen können!  Und dass wir uns nicht voreilig auf das verlassen sollen, was wir sehen – manchmal kann die Wirklichkeit völlig anders sein!

Aber nicht alle, die unsere Augen täuschen, verfolgen diese gute Absicht damit!  Manche wollen uns damit manipulieren und beeinflussen – damit wir nicht das sehen und tun, was richtig und gut ist, sondern etwas, was ihren Interessen nützt. Dass wir z.B. bei einer Wahl unser Kreuzchen hinter so’n verkappten Nazi-Kandidaten machen oder uns blenden lassen von irgendwelchen Halbwahrheiten und damit denen Oberwasser geben, die dem Frieden nicht dienlich sind.
Manchmal werden unsere Augen einfach getäuscht und wir fallen darauf rein – aber manch-
mal sehen wir auch nur das, was wir sehen wollen!  „Max – tu was für die Schule! Sonst seh‘ ich mit deiner Versetzung schwarz!“  Aber Max will das gar nicht sehen und er will sich nicht anstrengen müssen – und am Ende, vor den Sommerferien, macht er’n langes Gesicht!    „Geh doch mal zum Arzt! Das ist ja nicht normal, wie viel du ständig trinkst – jeden Tag vier, fünf Liter Wasser!“  „Hee, ich hab einfach Durst, ist ja auch so warmes Wetter!“  Und irgendwann kippt er um, weil der Zuckerspiegel auf 800 ist!    „Geht doch mal zu einer Beratung für Ehepaare! Ihr habt euch ja ständig in den Futten und man merkt gar nicht
mehr, dass euch irgendwas verbindet. Nehmt doch Hilfe in Anspruch!“  „Ach was, so’n Psychofuzzi brauchen wir nicht...!“  Und’n paar Monate später steht der Möbelwagen vor der Tür...


Manchmal ist es schwer, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen – und darum entscheidet man sich: „Augen zu und durch!“  Das erscheint dann besser zu sein, als sich der Wirklichkeit zu stellen! Denn wenn wir uns der Wirklichkeit stellen, dann kann das bedeuten: ich muss etwas anders machen!  Ich kann nicht so weitermachen, wie ich’s immer gemacht habe!   Und Veränderung fällt grundsätzlich den meisten Menschen schwer – und uns Ostfriesen ganz besonders!
Von Jesus wird an vielen Stellen erzählt, dass er Menschen die Augen öffnet. Dass er Blinde heilt – so, dass sie wieder sehen können. Und oft wird dann dazu erzählt, dass sie nicht nur körperlich gesund werden, sondern dass sie einen anderen Blick für’s Leben kriegen. Dass sie erkennen, was wirklich wichtig ist. So wie an der Stelle aus Markus 10, die ich jetzt lesen will:  Als Jesus Jericho wieder verließ, ... saß da am Straßenrand ein Blinder und bettelte.
Es war Bartimäus, der Sohn von Timäus. Als er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, der da vorbeikam, fing er an, laut zu rufen: ‚Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!‘ Viele fuhren ihn an, er solle still sein; aber er schrie nur noch lauter: ‚Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!‘   Da blieb Jesus stehen und sagte: ‚Ruft ihn her!‘ Einige liefen zu dem Blinden hin und sagten zu ihm: ‚Fasse Mut, steh auf! Jesus ruft dich!‘ Da warf der Blinde seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus.  ‚Was willst du?‘, fragte Jesus. ‚Was soll ich für dich tun?‘ Der Blinde sagte: ‚Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!‘  Jesus antwortete: ‚Geh nur, dein Vertrauen hat dir geholfen!‘  Im gleichen Augenblick konnte er sehen und folgte Jesus auf seinem Weg.
Hier kommt beides zusammen: dass Bartimäus wieder kucken kann – er sieht Menschen und Bäume, Kamele und vielleicht die Cocktailbar unter den Palmen und all die anderen schönen Dinge. Und allein das ist ja schon wahnsinnig schön für ihn! Er ist seine Krankheit los – das heißt auch: er gehört wieder dazu! Wird nicht mehr gemieden! Keiner kann ihn mehr rumschubsen! Aber im gleichen Satz wird das noch gesteigert, wenn da steht: „... er konnte sehen und folgte Jesus auf seinem Weg.“  Jesus auf dem Weg folgen – das ist nach der Bibel das Höchste, was einem Menschen passieren kann.
Jesus folgen – das heißt: Ich kriege einen Blick dafür, wofür ich lebe und was das ganze Leben soll!    Jesus folgen – das bedeutet: nicht mehr nur schwarz-weiß sehen, sondern auch die Zwischentöne erkennen!   Jesus folgen – das heißt: ich kriege einen Blick für das, was wirklich zählt und was mich trägt. Auch dann, wenn ich durch ganz dunkle Phasen muss.  
Jesus folgen – das heißt oft auch: man kann nicht einfach so mit allem weitermachen wie bisher, man hat vielleicht in manchen Dingen einen neuen Standpunkt.  

Bartimäus hat’s echt gut getroffen, als Jesus ihn zu sich rufen ließ – er kann mit seinen Au-
gen sehen und er kann mit seinem Herzen sehen! Er gewinnt vertrauen zu Jesus – zu dem, in dem Gott für uns da ist! Gott hat dem Bartimäus die Augen geöffnet und dadurch ist alles anders geworden.
Dass Bartimäus das so erlebt hat, dafür hat er selber gar nicht so viel getan. Die Augen ge-
öffnet hat ihm Gott durch Jesus! Er selbst ist nur dorthin gegangen, wo er Jesus vermutet hat. Er hat gehört, dass Jesus ganz in seiner Nähe unterwegs ist. Und da ist er angefangen zu schreien: ‚Erbarme dich, hilf mir!‘  So wie bei uns Menschen danach rufen, dass sie Hilfe kriegen – damit sie’s Leben bewältigen können. Mancher ruft laut wie Bartimäus und fordert Hilfe ein – aber die meisten rufen glaub‘ ich leise in sich hinein. Oft hört man, oft versteht man gar nicht und kriegt das gar nicht so richtig mit, dass jemand danach ruft, dass er ‚sehen‘ kann, dass sein Leben heil wird. Darum sollen wir einen Blick füreinander haben. Manchmal klappt das ganz gut – aber auf jeden Fall ist da noch viel Luft nach oben!
Ihr habt das für euch ja schon gut hingekriegt – sonst würdet ihr ja nicht hier sein!
Und wenn ihr und ich, wenn wir nun bald in die neue Woche starten, dann kann es sein, dass Jesus uns die Augen öffnet. Dass wir manches sehen und erkennen, was wir bis jetzt noch nicht so sehen konnten. Vielleicht sehen wir etwas, das wie ein Wunder für uns ist.

Einer sieht vielleicht, wie er sich in einer bestimmten Sache entscheiden soll.
Eine andere bekommt einen Blick für das, womit sie ihrem Kind oder ihrem Enkel eine Freu-
de machen kann. Jemand anders sieht vielleicht ein Licht am Ende eines langen Tunnels – endlich sagt Mutter oder Vater „Ja“ zu einer Polin oder zum Umzug in eine Seniorenwohnung!  Und es kann auch sein, dass uns jemand anders in den Blick gerät, für den es gut wäre, Jesus zu begegnen – vielleicht bringst du ihn nächsten Sonntag mit!
Wirklich sehen, klar sehen, alle Perspektiven sehen, wahrhaftig sehen – das ist schwer und manchmal kann man sich echt täuschen – so, wie Kalibo uns das heute zeigt. Aber trotzdem – es lohnt sich, es wie Bartimäus zu wagen und alles auf die eine Karte zu setzen! Und dann ist es die Sache von Jesus, ob wir blind bleiben oder ob uns die Augen aufgehen und es von uns heißt: ‚Geh nur, dein Vertrauen hat dir geholfen!‘ Amen!

Eine schriftliche Version der heutigen Predigt liegt uns leider nicht vor - wir wünschen viel Spaß mit der Audioversion!

    
1 Mose 3, 1-24; Invocavit; 05.03.2017

 
Knapp daneben ist auch vorbei!  So könnte man das etwas salopp auf den Punkt bringen, um was es heute im Predigttext geht. Anders gesagt: es geht darum, warum der Mensch so ist wie er ist. Warum wir es oft so schwer mit uns selbst und mit anderen haben – und wa-
rum wir es oft so schwer mit Gott haben. Um uns das zu zeigen, führt uns der Predigttext heute ganz an den Anfang der Bibel. Die ersten Kapitel nennt man Urgeschichte. ‚Urgeschichte‘ – bei diesem Wort denken wir vielleicht an Neandertaler oder Dinosaurier. Aber das ist damit nicht gemeint. ‚Urgeschichte‘ bedeutet: das, was hier erzählt wird, das haben wir sozusagen von Anfang an in uns. So ist der Mensch von Anfang an.  Und bis heute spielt es sich tagtäglich in unserem Leben so ab. So, wie das in 1 Mose 3 schon erzählt wird – ich werde den Text nach und nach erzählen.

 
Knapp daneben ist auch vorbei! Anders gesagt: das Ziel ist nicht erreicht worden!  
Und das ist genau das, was ganz am Anfang der Bibel erzählt wird. Gott hatte die Erde er-
schaffen, hatte Leben hervorgebracht, hatte nach und nach alles gut hingekriegt. Aber eines fehlte ihm noch – ein Gegenüber! Gott wollte so gerne jemanden haben, mit dem er reden konnte. Dem er Gutes tun und den er glücklich machen konnte und an dem er seine Freude hatte! So wie viele Eheleute sich danach sehnen, ein Kind zu bekommen, damit sie all ihre Liebe und Zuwendung diesem Kind schenken können. So ging es Gott auch – und darum schuf er den Menschen. Nur wenig niedriger als Er selbst.   Die Bibel nennt sie Adam und Eva.  Das sind nun keine Namen in dem Sinne wie Rainer oder Elfriede oder Heike. Sondern diese Namen sind Programm:  ‚Adam‘ bedeutet ‚Mensch‘  und ‚Eva‘ hat gleich zwei Bedeutungen: einmal „Männin“ – das hängt damit zusammen, dass die Bibel erzählt, dass die Frau sozusagen im zweiten Durchgang geschaffen wurde, von der Rippe, die dem Mann entnommen wurde.  Manche bösen Zungen sagen, dass Gott, als er den Mann erschaffen hatte, nicht wirklich zufrieden war – der Adam hatte einfach noch zu viele Macken. Und da sagte Gott: „Das kann ich noch besser!“ Und da ist dann ‚Eva‘ bei rausgekommen – ‚Eva‘ als die, die vom Mann gemacht wurde, ‚Männin‘. Aber ‚Eva‘ bedeutet auch ‚Leben‘ – sie ist die, durch die bis heute alles Lebendige den Weg auf diese Welt findet, die Frau.  

 
So – nun hat Gott endlich passende Gegenüber um sich, denen er die ganze Lebensfülle
schenken kan! Und er setzt Adam und Eva nun nicht wie ’n Goldhamster in einen Käfig,
damit er sie immer mal wieder bekucken und sich daran freuen kann.  Nein – Gott spendiert seinem Ebenbild ein Paradies, einen wunderschönen Garten.  Sinnbild der Lebensfreude – Weite, Sonne, Meer und Strand, faszinierende Pflanzen und Tiere, Vogelgezwitscher, köstlichste Früchte und saftige Steaks!  Wohin das Auge blickt: alles, was das Herz begehrt! „Ist das alles für uns?“ fragt Adam. „Ja“, sagt Gott, „es ist alles für euch. Bedient euch! Schöpft das Leben aus.“  „Schön ist es hier!“ schwärmt Eva. „So müsste es immer sein.“ „So kann’s auch immer sein“, sagt Gott. ‚Ich euer Gott, ihr meine Menschen.“  Das ist das, was Gott sich mit seinen Menschen vorgenommen hatte: dass unser Leben sich entfaltet, dass unser Leben aufblüht wie ein starker Baum, der nach drei Richtungen ungehindert wächst.  Gott wünscht sich, dass wir uns ihm öffnen wie einem guten Freund, dass wir ihn einbeziehen in unser Leben wie einen Menschen, der uns viel bedeutet. Gott möchte, dass wir die anderen Menschen nicht als Bedrohung und als Konkurrenz empfinden, sondern dass wir uns ihnen liebevoll und in Achtung zuwenden. Und Gott wünscht sich, dass wir uns selbst mögen; dass wir ein volles Ja zu uns selber sagen. Das ist Gottes Vision von unserem Leben. ER denkt groß von uns. Darum heißt es: „Er schuf den Menschen zu seinem Bild, zu
seinem Gegenüber.“  Gott, die anderen, ich. Dass das alles in einem guten Gleichgewicht zueinander ist – das ist Gottes Zielvorstellung für unser Leben. Und nun winkt Gott die beiden freundlich zu sich und sagt: „Eine große Bitte habe ich an euch.“ Er zeigt auf einen Baum mitten im Garten und sagt: ‚Geht nicht an die Früchte dieses Baumes. Wenn ihr da rangeht, dann werdet ihr wie ich! Und damit mutet ihr euch zu viel zu!  Achtet diese Grenze, dann geht es euch gut.‘  Gott macht das, was wir als Eltern normalerweise auch tun: er setzt seinen Kindern eine Grenze. Adam und Eva im Paradies: die ganze Fülle steht zu ihrer freien Verfügung! Aber eine Grenze gibt es!   Wir setzen unseren Kindern Grenzen, weil wir sie vor etwas bewahren wollen, was nicht gut für sie ist: ‚Hinterm Haus darfst du spielen – Rutsche, Sandkasten, Trampolin. Aber du darfst nicht auf die Straße!“  Das sagen wir ja, weil wir genau wissen: in ihrem Alter können sie die Gefahr noch nicht einschätzen! Allein auf der Straße spielen – das überfordert sie und das ist gefährlich für sie!   ‚Geht nicht an diesen einen Baum!‘, sagt Gott!  Weil er weiß: wenn sie das tun, dann übernehmen sie sich! Dann begeben sie sich in einen Bereich, dem sie nicht gewachsen sind!   Schon ganz am Anfang der Bibel lesen wir: Grenzen sind etwas zutiefst Nötiges für den Menschen! Und darum ist es ein fataler Fehler, wenn manche Eltern meinen, ihren Kindern keine Grenzen setzen zu müssen und sie mit allem gewähren lassen.  Klar, das ist erstmal bequem – die Kinder fangen nicht an zu quaken und man hat auch nicht so viel Stress mit ihnen. Aber aufs Ganze gesehen tut man ihnen keinen Gefallen damit!  Das Leben kann nur gelingen, wenn Grenzen gesetzt werden.

 
Nur hinterm Haus spielen und nicht auf die Straße gehen?! Hmmm...‘ Und fast wie von selbst kommt dann der Gedanke, dass es im Garten auf dem Trampolin doch irgendwie langweilig und dass es an der Straße doch bestimmt viel interessanter ist...  Das kennen wir: wo eine Grenze ist, da haben wir ganz oft den Drang, genau diese Grenze zu überschreiten! Man möchte mehr sein! Möchte teilhaben an der Schöpferkraft Gottes! Und auf der einen Seite ist das ja sowas wie der Motor der Entwicklung: wenn Menschen nicht immer wieder bestimmte Grenzen überwunden hätten, dann gäbe es bis heute keine Kernenergie – billige Energie für eine Welt, die Energie fast unbegrenzt verschluckt. Aber an diesem Beispiel sehen wir sofort, wohin das dann auch führen kann: dass wir uns nämlich etwas einhandeln, was wir letztlich nicht mehr im Griff haben! Ja – wir haben billige Energie! Aber wir haben auch haufenweise Probleme damit und kriegen das Zeugs nicht unschädlich aus der Welt!  Oder der Eingriff in die tiefsten Zell- und Erbstrukturen der Menschen. Vor wenigen Jahren war da noch gar nicht dran zu denken, aber heute ist man weit fortgeschritten. Und es kann sein, dass man dadurch Krebs und andere schlimmen Dinge in den Griff kriegen kann – aber gleichzeitig ist das Risiko ganz groß, dass der Mensch Gott spielt und das, was in seinen
Augen vielleicht mit Fehlern behaftet ist, zerstört und wegschmeißt.   Gott hat sich was dabei gedacht, gleich am Anfang diese eine Grenze zu ziehen – damit genau das nicht passiert: dass wir uns an Seine Stelle setzen. Wenn wir das tun, dann müssen wir es auch ausbaden!  

 
In Adam und Eva schlängelt sich nun plötzlich ein Gedanke hoch, darum das Bild der Schlange. Es ist ein teuflischer Gedanke. Sie denken mit einemmal: “Ob Gott es wohl wirklich gut mit uns meint? Sicher – er hat uns viel Schönes gegeben. Aber warum dürfen wir nicht an diesen einen Baum?! Doch bestimmt darum, weil seine Früchte noch schöner sind als alle anderen – und die will Gott für sich behalten, die gönnt er uns nicht!“ Plötzlich ist das Misstrauen gegenüber Gott in der Welt – und dieses Misstrauen ist das, was die Bibel in ihrer Sprache ‚Sünde‘ nennt.  ‚Sünde‘ ist das Misstrauen Gott gegenüber. Anders gesagt: der
Mensch hat das Ziel, das Gott ihm gesetzt hat, verfehlt!

 
Sollte Gott uns das Beste nicht gönnen?  Noch einmal versucht Eva, diesen verführerischen Gedanken abzuwenden.  Aber die Schlange säuselt ihr ins Ohr, dass sie auf keinen Fall sterben wird, wenn sie sich über Gottes Grenze hinwegsetzt. Im Gegenteil: sie wird dann sein wie Gott selbst!  ‚Ja, so wird es sein‘, denkt Eva und sie möchte doch auch so klug sein wie Gott! Und darum kann sie es nicht mehr aushalten und Eva greift nach der verbotenen Frucht und beißt beherzt hinein! Und dann gibt sie auch gleich ihrem Mann davon und der beißt auch rein.  In der Bibel steht übrigens gar nicht, dass das ein Apfel war – das ist erst später dazugedichtet worden, aber das spielt eigentlich keine Rolle. Viel wichtiger ist das, was nun passiert: Sofort merken Adam und Eva, dass es nicht mehr so ist, wie es sein sollte und wie es am Anfang ja auch gewesen ist!  Sie spüren das daran, dass sie nackt sind. Und hier geht es nicht so sehr darum, dass sie keine Klamotten anhaben! Hier geht es darum, dass der Mensch bloßgestellt ist.  Er weiß, was er getan hat. Er hat seine Unbefangenheit verloren und das Böse ist nun in der Welt.  Dieser Abschnitt aus der Bibel malt uns vor Augen, dass wir genau wissen, was Böse ist – und es oft genug trotzdem tun!  Nie werd‘ ich es vergessen, wie es mir mit Tant‘ Lieschen ergangen ist. Unsere Nachbarin – bei ihr durfte ich immer fernsehen, als wir noch keinen Fernseher hatten. Bei ihr gab’s immer was Leckeres und bei „Flipper“, „Bonanza“ oder „Lassie“ verging die Zeit wie im Flug.
Tant‘ Lieschen hatte wunderbare Apfelbäume im Garten – und eines Tages stachen mir die roten Äpfel so richtig ins Auge. Ich hätte Tant‘ Lieschen nur fragen brauchen – sie hätte mir einen ganzen Sack voll gegeben. Aber das hab‘ ich nicht getan! Ich bin zu diesem Apfelbaum gegangen, hab um mich zugekuckt, ob mich auch einer sieht – und dann hab‘ ich mir den schönsten Apfel ausgesucht und hab den aufgefuttert. Vielmehr, ich wollte den auffuttern... Ich hatte nicht mitgekriegt, dass meine Mutter gerade in dem Moment aus dem Fenster gekuckt hatte, als ich nach dem Apfel griff – und sie hat mich dann gerufen und hat tüchtig mit mir geschimpft und dann kam das Schlimmste: sie hat mich an die Hand genommen und ist mit mir zu Tant‘ Lieschen gegangen und ich musste sie um Entschuldigung bitten. Ich wusste genau, was ich getan hatte! Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass stehlen was Böses ist, dann hätte ich mich ja nicht umgekuckt, ob mich auch einer sieht.  Und so ist das mit Evas und Adams und Hermanns Äpfeln bis heute hin: wir wissen genau, was gut und was böse ist – und tun trotzdem oft genug genau das, was nicht in Ordnung ist! Dass wir Grenzen überschreiten, dass gehört seit Adam und Eva dazu – und dass wir damit Schuld auf uns laden.  

 
Tant‘ Lieschen wusste sofort, was los war, als Ma und ich bei ihr in der Küche standen – ich noch mit dem angebissenen Apfel in der Hand. Und Adam wusste auch sofort, was los war, als Gott nach ihm rief: „Adam, Mensch, wo bist du?“  Und weil es ihm peinlich war, dass er Mist gebaut hatte, hat Adam dann nach einem Busch gesucht, um sich vor Gott zu verstecken. So wie ich damals am liebsten in Tant‘ Lieschens Küche im Erdboden versunken wäre, weil ich mich so geschämt habe. Aber es gab kein Loch im Erdboden – und Adam hilft auch kein Busch.  Vor Gott können wir uns nicht verstecken. „Adam, wo bist du?“ - das ist die Frage nach der ganz persönlichen Verantwortung in unserem Leben. Gott verlangt Antwort von uns. Für das, was wir getan haben – und auch für das, was wir gelassen haben!

 
Und es ist so typisch, wie es jetzt weitergeht: Adam versucht sich rauszureden: ‚Ich hab ge-
merkt, dass ich nackt bin und da wollte ich mich verstecken!‘  Aber Gott lässt nicht locker:
Wer hat dir denn gesagt, dass du nackt bist? Das hat dich doch sonst nicht gestört? Bist du etwa an diesem Baum gewesen...?!‘  Und aus Adam platzt es heraus: „Die Frau, die du mir gegeben hast, die hat mir von der Frucht gegeben!“  Wie im Kindergarten – im wahrsten
Sinne des Wortes, da ist das nämlich auch schon so und es reißt das ganze Leben nicht ab: ‚Ich hab keine Schuld! Der und der hat mich gehau’n und darum hab ich ihm ein’s mit der Schippe drübergegeben!“  Der und der hat das und das getan und darum ist das und das dann so passiert – da konnt‘ ich gar nichts dran machen!‘   Und nun fragt Gott  Eva: „Hast du das getan?“ Und Eva schiebt die Schuld auf die Schlange, ‚sie war es, die mich betrogen hat,
so dass ich von der Frucht aß.‘
   
Wir kennen es alle, das Verschiebespiel der Schuld, und wir haben es alle gut drauf, der eine mehr, der andere weniger. Und weil das so ist, ist diese Geschichte am Anfang der Bibel so wichtig für uns: wir können unserer Schuld nicht entfliehen! Gott durchschaut das Verschiebespielchen! Und Er ruft zur Verantwortung! ‚Adam, wo bist du?!‘ Weder Adam, noch Eva,  noch die Schlange können sich herausreden. Sie alle werden auf ihr Handeln und ihre Schuld angesprochen und müssen die Folgen tragen. Ob sie wollen oder nicht. ‚Adam, wo bist du?!‘ - diese Frage wird jedem von uns gestellt! Wir sind für das, was wir tun oder lassen, verantwortlich und wir müssen auch die Folgen tragen. Aber das heißt nicht, dass der Mensch verdammt wird! Und das ist in diesem ganz frühen Stück der Bibel schon das Evangelium: Gott vernichtet den Menschen nicht!

 
Die Folgen von dem, was sie auf sich geladen haben, sind da – das Leben ist an vielen Stellen mühselig geworden und nicht mehr so schön, wie es ganz am Anfang war.  Die Bibel sagt: dass uns die Arbeit manchmal so schwer fällt, und dass wir auch mit den Menschen, die wir am liebsten haben, manchmal total den Stress haben,  und dass wir uns an vielen Dingen nicht ungeteilt freuen können – das hängt damit zusammen, dass der Mensch sich damals schon über die Grenze hinweggesetzt hat, die Gott ihm gegeben hatte. Seitdem ist das Leben nicht mehr nur schön! Aber trotzdem ist es Leben – auch mit vielen schönen Seiten! Dafür hat Gott selbst gesorgt – schon bei Adam und Eva. Da steht, dass Gott ihnen Kleider gemacht hat – also: er gibt ihnen etwas, damit sie nicht mehr bloßgestellt sind.
Gott vertreibt sie wohl aus dem Paradies –  aber trotzdem gibt er ihnen einen Schutzraum, in dem sie leben und aus ihrem Leben was machen können! Das ist schon ein Stück vom Evangelium – von der guten Nachricht, dass Gott es nochmal mit uns probiert! Unter diesen neuen Bedingungen – und zu diesen neuen Bedingungen gehört dazu, dass wir schuldig werden. An Gott. An anderen – und auch an uns selbst. Wir müssen mit der Schuld leben, und auch mit ihren Folgen. Und wir können es auch – weil Jesus in unser Leben getreten ist. Der uns nicht auf unsere Schuld festnagelt. Sondern der sich selbst auf unsere Schuld festnageln ließ. Und Er hilft uns, dass wir im Leben klarkommen – auch mit dem, was müh-
selig ist. ‚Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!‘  Und Er, Christus, heilt das Misstrauen, das zwischen Gott und uns ist – und viele haben es erfahren, dass Er es möglich gemacht hat, dass sie wieder ins Reine kamen: mit Gott, mit anderen Menschen, mit sich selbst!  Und einmal wird es heißen: „Heut‘ schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür – Gott sei Lob, Ehr und Preis!“  Amen.

 
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