Predigten Oktober - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Oktober

Predigten > 2018
 

 
1. Timotheus 4, 4-5; Erntedankfest; 07.10.2018

 
Liebe Gemeinde, was war das immer schön, als wir die Geburtstage von Bernd, Imke und Frauke gefeiert haben! Ulrike hat mit der ganzen Rasselbande Topfschlagen und andere Sachen gespielt und es gab lecker Torte und Waffeln und Smarties. Und zum krönenden Abschluss haben wir entweder ein Hamburger-Wettessen veranstaltet oder es gab leckere Häppchen. Das war immer richtig schön! Aber die Eltern, die heute zum Kindergeburtstag einladen, die haben es nicht  leicht!  Nicht nur, dass sie überlegen: ‚Was machen wir? Gehen wir ins Kino mit den Gästen oder ins Schwimmbad  oder machen wir zu Hause was
Schönes?‘  Sie müssen auch überlegen:  ‚Was können wir mit den Kindern essen? Eine Torte mit Sahne und Schokobons zur Verzierung – geht nicht: viel zu viel Zucker!  Oder muss sich eines der Kinder glutenfrei ernähren? Oder verträgt es keine Nüsse? Soll man nicht lieber vorher bei allen Müttern und Vätern anrufen und fragen, was ihr Kind essen darf und was nicht? Und dann gibt es außer den gesundheitlichen Gründen auch noch ethische. Die Weltfirma mit dem süßen Getränk soll in manchen Gegenden den Bauern das Wasser abgraben, so dass ihre Felder vertrocknen – also Cola geht gar nicht!  Und wie steht es mit den ganzen Plastikverpackungen im Restaurant zum ‚goldenen M‘?  Also, ehrlich geseggt: Ulrike un ick sünnt blied, dat wie dormit döör sünnt!

 
Gegen falsche Enthaltsamkeit“ steht in der Lutherbibel als Überschrift über dem Abschnitt, aus dem das Predigtwort für heute stammt.  ‚Gegen falsche Enthaltsamkeit‘ – natürlich ist
das keine Patentlösung für das Problem, das die Essensfrage inzwischen ist. Und es ist auch kein Freibrief, sich darüber hinwegzusetzen, dass immer mehr Menschen unter Allergien und Unverträglichkeiten leiden. Dann einfach nur zu sagen ‚Gegen falsche Enthaltsamkeit‘, das wäre verantwortungslos und lieblos!  Und natürlich ist zu viel Zucker ungesund – gar keine Frage! Da kann man nicht einfach locker-flockig sagen: ‚Gegen falsche Enthaltsamkeit‘!  Aber trotzdem lohnt es sich, dass wir uns das, was dazu für heute in der Bibel steht, einmal im Zusammenhang ansehen und darüber nachdenken: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, für das wir Gott danken, denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

 
Nochmal: Das heißt nicht: es ist egal, was wir essen und wir brauchen nicht auf gesunde Ernährung achten. Hier geht es nicht um Zucker und Torte und Fleisch an sich – hier geht es
um den Geist, um die Einstellung, um die Haltung. Als der Apostel Paulus das damals geschrieben hat, da gab es mit dem Thema ‚Essen‘ auch Probleme – aber nicht wegen Allergien oder so. Dass das Essen zum Problem wurde, lag daran, dass einige Mitglieder der Gemeinde im jüdischen Glauben groß geworden sind, bevor sie Christen wurden.  Von Kind an haben sie gelernt: einige Speisen darf man nicht essen, sie sind ‚unrein‘   und wer mit ihnen in Berührung kommt, versündigt sich.  Andere in der Gemeinde damals sahen das anders: ‚Warum soll es vor Gott wichtig sein, ob ich ein saftiges Rindersteak esse oder lieber Grünkohl mit Pinkel?‘ Und in diesen Streit hinein schreibt Paulus dem Timotheus: ‚...alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, für das wir Gott danken; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“   Also: wenn wir Gott dafür danken, dann stellen wir auch unsere Nahrung, das Essen hinein in die Beziehung zu ihm,  und damit wird es rein und unproblematisch. Man kann sich ohne Skrupel daran freuen und es ohne schlechtes Gewissen genießen. Denn es ist Gottes Geschenk für uns.

 
Probleme, die das Essen macht. Damals, weil einige Speisen als unrein galten – und heute
oft, weil wir bei manchen Sachen Bedenken haben, weil die Umwelt dadurch belastet wird
oder weil wir unserem Körper nichts Gutes damit tun.   Damals ließ man bestimmte Speisen
weg, um sich vor Gott nicht zu verunreinigen. Ob es sein kann, dass wir heute so ein Gedöns ums Essen machen, damit wir uns besser fühlen? Dass wir nicht so gedankenlos konsumieren wie die anderen, dass wir nicht das billigste Fleisch oder die billigste Milch kaufen, sondern gerne ‘n bisschen mehr zahlen, damit der Bauer einen gerechteren Preis erzielt und damit die Tiere würdiger gehalten werden. Damals lag das Problem darin, dass Menschen dachten: Wenn ich verzichte – dann belohnt Gott mich! Dann bin ich OK vor ihm!  
Kann es sein, dass wir heute denken: wenn wir uns nachhaltiger ernähren und bewusster kaufen, dann sind wir anständiger, vielleicht auch bei Gott angesehener!? Und dass man dann auf bestimmte Dinge verzichtet – ist das dann auch ‚falsche Enthaltsamkeit‘?  

 
Hier muss man zwei Dinge auseinanderhalten: auf der einen Seite steht es gerade uns Christen wohl an, dass wir bewusst mit der Schöpfung umgehen! Dass wir die Erde nicht noch mehr ausbeuten! Dass wir unsere Stimme dagegen erheben, dass immer noch männliche Küken einfach geschreddert werden und Mastschweine so eng gehalten werden, dass sie sich gegenseitig anfressen. Dass die Ozeane leergefischt werden. Dass die Luft
noch immer mehr verpestet wird und die Polkappen abschmelzen. Und das sind ja nur ein paar Beispiele. Und gerade aus der Verantwortung heraus, die Gott uns gegeben hat, dürfen wir darüber nicht hinwegsehen!   Luther würde sagen: wenn wir achtsam sind beim Konsum, dann sind das gute Werke!  Gute Werke, die dazu dienen, diese Erde nachhaltig zu bebauen und sie für kommende Generationen zu bewahren! Aber Luther würde auch sagen: auch diese guten Werke machen keinen besseren Menschen aus uns! Sie erheben uns nicht über andere! Und wenn wir noch so ökologisch handeln und bewusst kaufen und uns gesund ernähren: vor Gott macht uns das kein bisschen besser und wir dürfen uns deshalb auch nicht über andere erheben! Paulus sagt im Römerbrief: Wir sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhms, den wir bei Gott haben sollten. (Röm 3,23)  

 
Egal, aus welchem Grund das Essen zum Problem wird – ich glaube, dass da eine ganz tiefe
Angst dahintersteckt.  Manche kennen sicher das Lied „Haus am See“ von Peter Fox. Und an einer Stelle singt er: „Gott hat einen harten linken Haken“. ‚Gott hat einen harten linken Haken!‘ – ein Vergleich aus dem Boxen.  Und kann es sein, dass diese Angst ganz tief in uns drinsteckt?  Dass Gott zuschlägt, wenn unsere Träume in den Himmel wachsen und wenn das Glück zu viel wird?   Wir erleben das ja, wenn auch nicht so krass wie Hiob im Alten Testament, der glücklich war, angesehen und beliebt, reich und gesund; und der alles verlor, wirklich alles. Viele in unserer Gemeinde haben es erlebt: wenn es am schönsten ist, wenn alles blüht und gedeiht, dann kommt irgendwas und macht alles kaputt. Und unwillkürlich ist dann oft der Gedanke da, dass wir uns fragen: Ist das Gott, der damit verhindert, dass die Bäume in den Himmel wachsen? Und wenn Gott so ist – dann ist es doch besser, dass wir ihn nicht herausfordern, sondern dass wir uns am Riemen reißen und von vornherein kleine Brötchen backen. Und ich glaube, dass darum so mancher sich nicht wirklich in der Tiefe freuen kann, wenn er gerade was Schönes erlebt.  Gleichzeitig ist da immer die Angst, dass das wohl irgendwie zu schön sein könnte und dass Gott mit seinem harten linken Haken zuschlägt und es uns wieder nimmt.   
  
Wir mögen manchmal so empfinden – aber Paulus kämpft mit äußerster Härte gegen eine
solche Einstellung an! Und mit den Leuten, die sie vertreten, ist er nicht zimperlich und er
nennt sie Heuchler und Lügner.  Er wird darum so heftig, weil es ihm um Gott geht;  so wie
er ihn erkannt und erlebt hat, seitdem Jesus Christus ihm begegnet ist.  Er stellt der Angst zwei Gegenmittel entgegen.  Das eine ist der Dank: Nichts ist verwerflich, für das wir Gott danken!  Darum feiern wir Erntedankfest. Wir sagen Gott  Dank. Nicht nur für die Früchte auf dem Feld und im Garten, nicht nur für die Nahrungsmittel im engeren Sinne, sondern für alles, was wir zum Leben haben und brauchen. Und wenn wir ein bisschen mitdenken, dann werden wir uns bei manchem fragen: Kann ich Gott dafür danken? Kann ich ihm für Lebensmittel danken, die auf Kosten des Tierwohls produziert wurden?  Oder ist das eher ein Schlag ins Gesicht des Schöpfers? Kann ich ihm danken für die billigen Deko-Artikel, die ich für Weihnachten kaufe und ich ahne, dass die Verkäuferin in dem Schnäppchenmarkt mal gerade 3, vielleicht 4 Euro in der Stunde hat? Kann ich dafür danken?  Also das mit dem Danken, das kann so gesehen dann auch ziemlich anstrengend werden – wenn wir nämlich nicht gedanken-los danken, sondern mit Überlegung. Und wir können ja nicht die Augen davor zumachen, dass wir in einer Zeit leben, in der oft nur noch das zählt, was wirtschaftlich verwertbar ist. Das männliche Küken bringt nicht so viel ein wie ein weibliches – darum kommt es in den Schredder.  Die kleine Aufmerksamkeit, die Oma zum Geburtstag gebastelt hat, verschwindet in der Ecke – aber beim 50-Euro-Schein glänzen die Augen des Enkels.   Es müssen im Nebenjob bis in den Abend hinein noch so viele Sachen gemacht werden – da kann man nicht den ganzen Abend mit der Familie in der Stube hocken und die Zeit mit Spielen verplempern.   Weil es oft so läuft, ist es wichtig, dass wir Erntedankfest feiern – und uns dabei bewusst machen,  was  unseren Dank  nicht verdient – aber dass wir uns auch vor Augen halten, was für tolle Dinge uns umgeben, die wir oft gar nicht so richtig beachten: eine wunderschöne Musik, die uns morgens im Radiowecker wach macht; der phantastische Duft der Blumen, die auf dem Tisch stehen; das perfekt konstruierte Spinnennetz draußen an der Tür, das helle Lachen unserer Kinder oder Enkel.  

 
Nichts ist verwerflich, für das wir Gott danken!“  Das, wofür wir Gott von Herzen danken können, das sind gute Dinge! An denen sollen wir uns freuen und die dürfen wir in Anspruch nehmen.  Und ich bin sicher: jeder von uns hat -zig Gründe dafür, Gott zu danken! Wir wollen heute nicht von hier weggehen, ohne diesen Dank gesagt zu haben. Darum singen wir heute auch die Danklieder. Obwohl es vieles gibt, wofür wir nicht mit gutem Gewissen danken können und obwohl Menschen unter uns sind, deren erstes Gefühl jetzt sicher nicht der Dank ist. Weil sie mit schlimmen Dingen zurechtkommen müssen.  Es gibt so manchen unter uns, der mindestens mit einem gemischten Gefühl   hier ist – weil er den Dank nicht ungebrochen empfinden kann. Weil sich andere, belastende Dinge wie ein dunkler Schatten darüber legen.  Trotzdem oder gerade darum wollen wir heute den Schwerpunkt bewusst auf den Dank legen.  Nicht, weil wir das andere ausblenden wollen. Sondern weil der Dank dazu hilft, dass wir trotz der belastenden Dinge nicht untergehen in dem, was uns nach unten ziehen will.  Dieser Erntedankgottesdienst will uns dazu helfen, dass wir auch das wieder in den Blick kriegen, was unser Leben kostbar und wertvoll macht. Und dass es vielleicht sogar da, wo es dunkel ist, Lichtblicke gibt.  Mir erzählte eine Frau, dass ihre Tochter gleich am Anfang vom neuen Schuljahr massive Schwierigkeiten mit ‚Mathe‘ hatte und deshalb schon gar nicht mehr zur Schule mochte. Und dann sagte sie: „Was bin ich dankbar, dass ich jetzt ein junges Mädchen gefunden habe, das ihr Nachhilfe gibt.“  Versteht ihr, liebe Gemeinde: das ist kein  erzwungener Dank. Sondern hier spürt jemand mitten in einer belastenden Situation, dass es trotz allem noch etwas gibt, was gut tut und weiterhilft.  Und dafür ist er dankbar. Und vielleicht ist dieser Dank ansteckend auf andere, die das noch nicht so sehen können. Und
darum wollen wir heute unseren Dank zum Hauptthema machen, obwohl wir wissen, dass es auch die andere Seite im Leben gibt.  Und darum kann Paulus auch schreiben: ‚Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, für das wir Gott danken!‘   
Am Erntedankfest – und hoffentlich nicht nur heute – sagen wir Gott Dank als unserem Gönner: ER gönnt uns die Fülle des Lebens!  Und wir brauchen keine Angst zu haben, dass er uns seine Gunst entzieht, wenn es uns zu gut geht!  Und damit bin ich beim zweiten Punkt, warum wir uns nicht von der Angst bestimmen lassen sollen, dass Gott mit seiner ‚harten Linken‘ nur darauf wartet, dass er uns einen reinwürgen kann, wenn es uns zu gut geht:  ER freut sich mit uns, wenn es uns gut geht! Und ER selber gibt so unendlich viel dazu – immer und immer wieder! Obwohl wir Menschen uns so viel Mühe geben, diese Erde kaputt zu machen, geht noch immer die Sonne zuverlässig auf und unter und bringt so viel hervor, dass alle satt werden könnten! Auch nach 4 Monaten ohne Regen braucht keiner von uns hungern – sogar Grünkohl gibt es reichlich, stand Freitag in der Zeitung, wat dann vör Not!  Egal, ob Menschen nach Gott fragen oder ob sie ihn einen guten Mann sein lassen: es gibt auf dieser Welt mehr Güter, als nötig wären, damit alle satt werden! Und dass nicht alle satt werden, sondern dass immer noch  Millionen von Menschen an Hunger sterben – das können wir nicht Gott in die Schuhe schieben! Da versagen wir selber – gerade wir in den Nationen, in denen die Banken wie Kathedralen aussehen, und in denen der Profit der eigentliche Gott ist!  Gott leidet darunter – aber er lässt nicht von uns ab!  Bis in diesen Gottesdienst hinein geht er seinen Menschen nach und zeigt ihnen, was er alles auf die Beine stellt, damit sie dankbar und mit Respekt das genießen, was Er ihnen gibt!  

 
Heute hören wir es von neuem: was von Gott geschaffen ist, das ist gut! Aber wenn wir vergessen, dass die Welt  Gottes Geschenk an uns ist, dann fangen die Probleme an. Und weil in unserer Gesellschaft oft die Welt nicht mehr als Gottes Geschenk an uns gesehen wird, haben wir auch so viele Probleme mit den Lebensmitteln.  Das hängt zusammen: wer Gott verloren hat, der verliert über kurz und lang den Respekt vor Tieren und Pflanzen als seinen Mitgeschöpfen und behandelt sie als leblose Güter, mit denen er tun und lassen
kann, was er will.  Gott hat sich das anders gedacht! Und der christliche Glaube sagt voller Respekt: Lecker! Gut! Geschenk! Danke! Und das ist ein grundsätzliches Merkmal unseres Glaubens: dass wir Christen die Welt, in der wir leben, bejahen!  Dass wir zuversichtlich aufs Leben zugehen und darauf vertrauen, dass Gott uns keine Fallen stellt. Und dass Er seine Freude daran hat, wenn wir auch unser Essen genießen.  Als etwas, das uns zu einem guten Leben hilft. Und dass wird es darum schätzen und wertachten. Mögen wir heute innehalten und sagen: „Genau, Gott, es ist von dir, es ist ein Zeichen deiner Liebe; danke, wir haben verstanden, und jetzt guten Appetit!“ Amen.
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