Predigten April 2014 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten April 2014

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Predigt über Johannes 21, 1-14; Quasimodogeniti; 27.04.2014

Liebe Gemeinde, jetzt ist es schon eine Woche her, dass wir Ostern gefeiert haben.  
Wir haben gehört: „Jesus hat den Tod besiegt!“ - aber trotzdem sitzen heute wieder zwei Trauerfamilien unter uns – und auch darüber hinaus gibt es viele Menschen, die nicht froh sind. Und wenn wir zu denen gehören, die nicht wirklich froh sind, dann geht es uns genau so wie damals den Jüngern von Jesus. Dass Menschen nicht froh sind, das kann ganz verschiedene Gründe haben: weil es so schwer ist, mit dem Geld hinzukommen, oder weil die schwere Pflege von Oma oder Opa so anstrengend ist, oder weil die Kinder im Moment so viele Nerven kosten oder weil man nicht weiß, wie es mit dem Leben weitergeht.
So ging es den Jüngern auch: die Osterfreude war gar nicht so richtig da. Und dann lesen wir:  Einige von ihnen waren dort am See beisammen ... Simon Petrus sagte zu den anderen: »Ich gehe fischen!« »Wir kommen mit«, sagten sie. Gemeinsam gingen sie zum See und stiegen ins Boot; aber während der ganzen Nacht fingen sie nichts. Es wurde schon Morgen, da stand Jesus am Ufer. Die Jünger wussten aber nicht, dass es Jesus war. Er redete sie an: »Kinder, habt ihr nichts zu essen?«  »Nein!« antworteten sie. Er sagte zu ihnen: »Werft euer Netz an der rechten Bootsseite aus! Dort werdet ihr Fische finden.« Sie warfen das Netz aus und fingen so viele Fische, dass sie das Netz nicht ins Boot ziehen konnten. Der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte, sagte zu Petrus: »Es ist der Herr!«  Als Simon Petrus das hörte, warf er sich das Obergewand über, band es hoch und sprang ins Wasser. Die anderen Jünger ruderten das Boot an Land ... und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie ein Holzkohlenfeuer mit Fischen darauf, auch Brot lag dabei.  Jesus sagte zu ihnen: »Bringt ein paar von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt!«  Simon Petrus ging zum Boot und zog das Netz an Land. Es war voll von großen Fischen, genau 153. ... Jesus sagte zu ihnen: »Kommt her und esst!« Keiner von den Jüngern wagte zu fragen: »Wer bist du?«  Sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat zu ihnen, nahm das Brot und verteilte es unter sie, ebenso die Fische.“

Die Jünger von Jesus gewinnen wieder neuen Mut. Und auf dem Weg dorthin sind es drei, vier Beobachtungen, die ich gerne weitergeben will. Als erstes sehen wir, dass Jesus selber erstmal gar nicht vorkommt und erwähnt wird, sondern wir lesen: „Einige von den Jüngern waren ... zusammen.“ Sie waren also zusammen geblieben, nachdem Jesus gestorben war. Das erleben wir ja manchmal auch ganz anders: wenn Oma oder Opa gestorben und nicht mehr da sind, dann läuft die Familie oft auseinander. Oma, Opa war die verbindende Mitte. Und wenn die nicht mehr da ist, dann fällt die Familie oft auseinander und man sieht sich kaum noch.  Hier ist es umgekehrt: die Jünger von Jesus sind ja ein bunt zusammengewürfelter Haufen gewesen. Einige waren miteinander verwandt, aber im Großen und Ganzen hatten sie vorher nichts miteinander zu tun gehabt. Bis Jesus sie rief! Von da an haben sie drei sehr intensive Jahre miteinander gehabt. Aber nun war Jesus nicht mehr da - und da hätte man es ja verstehen können, wenn sie nun auch wieder auseinander gegangen wären. Aber: sie waren beieinander. Und jetzt zeigt sich: das haben sie gut gemacht! Hier und an allen anderen Stellen wird klar: der auferstandene Jesus hat sich seinen Jüngern immer nur offenbart, als sie zusammen waren! Den Frauen am Grab, die ihn einbalsamieren wollten; den beiden Männern, die zusammen auf dem Weg nach Emmaus waren; den Jüngern, die irgendwo in einem Haus beieinander waren und Trübsal geblasen haben und dann kommt Jesus plötzlich rein.  Nur wenn sie zusammen waren, zeigte Jesus sich ihnen. Das ist seitdem eine Erfahrung, die immer wieder Menschen gemacht haben: wenn es dir nicht gut geht, wenn du Probleme hast, oder wenn du im Moment Schwierigkeiten mit deinem Leben und vielleicht auch mit deinem Glauben hast, dann überwindet man am besten, wenn man mit anderen Christen zusammen bleibt.

Ein zweiter Punkt kommt dazu: Simon Petrus sagte zu den anderen: »Ich gehe fischen!« »Wir kommen mit«, sagten sie. Die Jünger nehmen also ihre normale Arbeit wieder auf - und das hilft schon mal, dass die Krise nicht weiter anwächst. Ich erlebe das oft, wenn Menschen
es seelisch verarbeiten müssen, dass jemand gestorben ist oder dass sie eine Trennung hinter sich haben, dass es ihnen gut tut, wenn sie sich aufraffen! Wenn sie ihrem Alltag wieder eine klare Struktur und feste Zeiten geben: 8 Uhr Frühstück, 10 Uhr Tee, 12 Uhr Mittag, 15 Uhr Tee, 18 Uhr Abendbrot. Und wie gut es ihnen tut, wenn sie die Zeit dazwischen wieder füllen: auch wenn es schwer fällt, die Wäsche zu bügeln, mit dem Auto in die Waschanlage zu fahren, die unaufgeräumte Küche in Angriff zu nehmen; den Flur zu wischen, den Rasen zu mähen.  An solchen Kleinigkeiten merken Menschen oft, dass sie
wieder Ordnung in ihr Leben kriegen. Dass es ihnen gut tut, wieder etwas sinnvolles zu tun. Nicht alles auf einmal, aber anfangen, und dann Schritt für Schritt. So wie die Jünger nun wieder anfangen mit ihrer normalen Arbeit. Sie schnappen sich ihre Boote und fahren auf den See hinaus um zu fischen.  

Aber die nächste Enttäuschung lässt nicht lange auf sich warten, wir lesen: „...aber während der ganzen Nacht fingen sie nichts.“ Was wäre das schön für sie gewesen, wenn sie ordentlich was gefangen hätten! Das hätte ihnen ja so richtig Auftrieb gegeben. „Aber während der ganzen Nacht fingen sie nichts.“ Was ist das für eine Enttäuschung! Da hast du dich aufgerafft und probiert, ob du deinen Alltag wieder in den Griff kriegst. Und du hast gemerkt: es kommt nichts dabei raus! Du hast versucht, wieder normal zu arbeiten - aber du hast gemerkt: meine Gedanken sind ganz woanders!  Das kann gut sein, dass die ersten Versuche, zur Normalität zurückzufinden, in die Hose gehen! Damit musst du rechnen!
Und wenn es so kommt, dann, bitte, lass den Kopf nicht hängen! Gib nicht gleich wieder auf! Hab Geduld - mit dir selber und mit Gott! Gib dir und ihm Zeit, dass die nötige Hilfe wachsen und stabil werden kann!

Und an diesem Bibelabschnitt sehen wir: als die Jünger noch von einer Enttäuschung in die andere fallen, da ist eine durchgreifende Besserung schon in Arbeit! Sie können es bloß noch nicht sehen. Wir lesen: Da „stand Jesus am Ufer. Die Jünger wussten aber nicht, dass es Jesus war.“ Sie haben eine frustrierende Nacht hinter sich und sind seelisch ganz unten - und an diesem Nullpunkt steht Jesus am Ufer und wartet auf sie. Warum ist er nicht eher ge-
kommen? Warum hat er ihnen nicht ein Erfolgserlebnis verschafft? - Ich weiß es nicht! Ich sehe nur, dass die Jünger nicht einmal ahnen, dass Jesus ganz nahe bei ihnen ist. Sie sehen wohl einen Menschen dort am Ufer stehen, aber sie erkennen nicht, dass Er es ist. Und ich glaube, das geht uns oft so: wir ahnen nicht, dass es uns helfen kann, zum „Männertreff“ oder in den Frauenkreis zu gehen. „Da sind doch auch nur welche wie ich. Die können mir auch nicht helfen!“ Und wir sehen in dem Moment nicht, dass Jesus da auch ist! Oder Viele können sich auch nicht vorstellen, dass es ihnen helfen würde, in einen Gottesdienst zu gehen: „In der Zeit kann ich besser ausschlafen.“ Und sie ahnen nicht, dass da nicht nur andere Menschen sind, sondern dass Jesus da auch ist! Sie können es nicht erkennen, und sie rechnen nicht damit. So wie die Jünger überhaupt nicht damit rechnen, dass Jesus ihnen gleich begegnet - sie erkennen ihn ja nicht einmal. Und als sie ihn sehen, sind sie noch sehr unsicher. Sie sind voll Zweifel. Und das ist für mich schon ein sehr tröstlicher Gedanke: Jesus ist jetzt nicht beleidigt, dass sie ihn nicht erwarten und erkennen! Er ist nicht sauer, wenn du gar nicht mehr mit ihm rechnest! Er zieht sich nicht beleidigt zurück, weil du ihn nicht erkennst - nicht im Chor, nicht im Frauenkreis, nicht im Gottesdienst, nicht in der Bibelstunde. Nein, er bleibt einfach da und wartet auf dich, wenn du nach einer enttäuschenden Erfahrung auf dem Nullpunkt bist. Und dann fragt er nach: „Sagt mal, habt ihr hier nichts zu essen?“ Das ist für mich eine der sympathischsten Sätze von Jesus! Nicht, weil es ums Essen geht - das auch! Aber vor allem darum: Jesus fängt hier jetzt kein theologisches Gespräch an. Er fragt nicht: Wie hältst du es denn mit Ostern? Kennst du die Gebote? Kennst du christliche Lieder auswendig? Nichts von alledem! Jesus fragt: Jungs, habt ihr hier nichts zu essen?! - Und das will uns doch zeigen: Er interessiert sich für unsere ganz persönlichen und alltäglichen Nöte! Weil die Jünger nichts gefangen hatten, hatten sie ein Problem: es gab an diesem Tag nichts zu essen! Und genau auf dieses Problem geht Jesus jetzt mit seiner Frage ein.

Ich weiß nicht, was für dich jetzt so ein drängendes Problem ist. Ich weiß nicht, was dir heute besonders auf der Seele liegt. Aber mit diesem Bibelabschnitt im Rücken will ich dir sagen: Ich weiß, dass Jesus dein Problem kennt! Er hat es im Blick! Er fragt dich: „Wie geht es dir heute? Was bedrückt dich?“ Jesus fragt nach dem Defizit unseres Lebens. Und wir können ihm das sagen, was uns fehlt!  Das, was uns fehlt, das lässt uns nachts nicht ruhig schlafen - aber Jesus weiß, wie er damit umgehen muss!  Den Jüngern sagt er: »Werft euer Netz an
der rechten Bootsseite aus! Dort werdet ihr Fische finden.«  Jesus lässt nicht zu, dass sich seine Jünger mit der Erfolglosigkeit abfinden. Er lässt nicht zu, dass sie sich daran gewöhnen, dass es nicht mehr weitergeht. Er reißt sie heraus! Er mutet ihnen zu, dass sie sich anstrengen. Und wenn er dir nun zumutet, auch den Weg durch die Trauer zu gehen, wird das sehr anstrengend sein. So wie es für die Jünger nach einer erfolglosen Arbeitsnacht anstrengend was, als es hieß: Noch mal rausfahren! Obwohl menschlich gesehen die Chancen schlecht sind, am Tag etwas zu fangen. Jesus gibt sich nicht damit zufrieden, dass wir denken: „Die Chancen sind schlecht!“ Er will es nicht zulassen, dass wir den Kopf in den Sand stecken und unser Leben aufgeben. Sondern er spornt uns an, dass wir es noch einmal probieren.

Und dann erweist er seine Kraft! Die Jünger fangen viel mehr als erwartet! Und sie merken daran: Seine Kraft ist größer als unsere Möglichkeiten. Und dann, erst dann, blickt es einer von den Jüngern: „Das ist Jesus!“ Plötzlich erkennen sie hinter dem überwältigenden Fang den Auferstandenen! Sie haben in ihrer Krise jetzt einen Lichtblick gesehen und verbinden diesen Lichtblick mit Jesus und sie merken: dass er auferstanden ist, das ist nicht nur dummes Gerede, sondern das ist real, und diese Realität kann man erfahren, erleben!  Vielleicht müssen wir viel länger warten als die Jünger. Vielleicht haben wir mehr als eine frustrierende Nacht auszuhalten. Vielleicht ist unser erster Erfolg auch nicht so überwältigend. Trotzdem will uns der Bibelabschnitt für heute Mut machen: Gib nicht auf! Bleib dran!  Jesus hat schon Einiges vorbereitet, um mit dem bisschen, was du hast, was anzufangen. Für die Jünger hat er schon Feuer gemacht und einige Fische gegrillt, und da legt er nun von denen welche dazu, die sie gefangen haben. Er lädt ein, er teilt aus, und die Jünger sind beschenkt und merken, wie gut ihnen das tut!  Jetzt fassen sie wieder Mut!   
Sogar Petrus erlebt das - ausgerechnet er, dessen Glaube ganz im Keller war. Und wenn Jesus ihn nun neuen Mut fassen lässt, warum sollte er das ausgerechnet bei Dir nicht tun?!  
Amen.


„In nur drei Tagen kann viel passieren!“  Ostersonntag 2014

„In nur drei Tagen kann viel passieren.“ So steht es oben auf dem Liederblatt.
„In nur drei Tagen kann viel passieren.“ Ja, das kann man wohl sagen! In drei Tagen kann das ganze Leben auf den Kopf gestellt werden – zum Guten, aber auch zum Bösen.

Da hat jemand Freitag auf’m letzten Drücker ein Bingo-Los gekauft – und Sonntag knackt er als einziger den 3fach-Bingo und räumt ’ne Million ab. Da könnte er sich im Prinzip locker zurücklehnen und am Montag seine Arbeitsstelle kündigen. Da hat jemand am Montag das x-te Bewerbungsgespräch – und Mittwoch kriegt er Bescheid: „Ja, wir nehmen Sie!“ Wunderbar – innerhalb von drei Tagen sind manche Sorgen gegenstandslos geworden. Man kann sich freuen – super!

„In nur drei Tagen kann viel passieren.“ Das kennen wir aber auch andersrum: da muss jemand zum Arzt, der macht ein sorgenvolles Gesicht, besorgt ihm schnell einen Termin zur weiteren Untersuchung – und binnen drei Tagen steht fest: du hast was Böses in dir!

Und manchmal braucht es nicht mal drei Tage – da sind es nur wenige Augenblicke, ein paar Sekunden, und das Leben ist völlig anders. So, wie wir es mit Erschrecken jetzt gerade in unserer Gemeinde erleben durch den Unfall, der Menschen aus unserer Mitte ereilt hat.
Wie sehr sich doch das Leben verändern kann - all das, wozu man ein ganzes Leben gebraucht hat um es aufzubauen, in kurzer Zeit hinfällig. Der Platz an der Seite ist leer.  

„In nur drei Tagen kann viel passieren.“ So war es auch damals – als Jesus tot war.
Gerade mal 33 war er geworden – und was waren das für Hoffnungen gewesen, die mit ihm verbunden waren! Menschen, die gemobbt wurden, hatte er aufgebaut!  Andere, die bisher bei guten Gelegenheiten immer zu spät gekommen waren, hat er auf die Sprünge geholfen.
Der Frau, über die andere längst den Stab gebrochen hatten, machte er einen neuen Anfang möglich. Und die Steine, die die Richter schon auf sie werfen wollten, fielen zu Boden.
Die zehn Männer, die von Krankheit gezeichnet waren und den sicheren Tod vor Augen hatte, machte er gesund. Sie gehörten wieder dazu! Ihr, die sie Durst nach Leben hatte und vor Sehnsucht fast verging, schenkte er lebendiges Wasser. Verständnis. Hoffnung. Eine neue Perspektive.

In allem, was Jesus tat, ließ er den Menschen die menschenfreundliche Art Gottes spüren. Mit Wort und Tat. Voller Leidenschaft und Freundlichkeit. Und als er nach Jerusalem kam, verehrten ihn die Massen wie einen König. Sie ließen Jesus hochleben! Gingen vor ihm auf die Knie! Jubelten ihm zu!

Und nur wenige Stunden später riefen die Massen: „Kreuzigt ihn!“  „Weg mit ihm!“  „Bringt ihn um!“  Und so schlugen sie ihn ans Kreuz. Brutal. Hasserfüllt. Hingen ihn in die sengende Sonne. Machten sich lustig über ihn. Schlitzten ihn mit einem Speer auf, so dass auch der letzte Rest an Leben aus ihm herausfloss.  Drückten ihm die spitzen Stacheln der Krone aus Dornen in die empfindliche Kopfhaut.  Ein Bild des Jammers!

Dunkel ist die Dornenkronen-Hälfte auf diesem Bild. Zu erkennen sind nur die spitzen Stacheln. Dunkel kommt uns das Leben manchmal vor. Als sei das Leben mit Dornen gespickt. Krebs. Unfall. Nicht genug Geld. Lücken im Auftragsbuch. Abgestorbene Liebe.
Unzufriedenheit mit sich selbst. Ungestillte Sehnsucht nach einem Gegenüber. Die Dornenstacheln, die uns quälen, haben viele Namen.

In dem Moment, als Jesus starb, da verfinsterte sich die Sonne – Dunkelheit überall. Die, die viel von Jesus hielten, verkrochen sich. Trauerten, jeder auf seine Weise. Versuchten, den Alltag wieder in den Griff zu kriegen.

„In nur drei Tagen kann viel passieren.“ Damals kam es unverhofft auf die Menschen zu. So, dass sie darüber erschrocken waren. Es nicht glauben konnten. Es mit der Angst zu tun bekamen. Und dann, nach und nach, wurde ihnen klar: Jesus lebt! Er ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!  Unglaublich – aber genauso real, wie vor wenigen Tagen sein Tod!

„In nur drei Tagen kann viel passieren.“ Aus der Dornenkrone wird die Königskrone.
Aus dem Dunkel   helles Licht! Aus dem mutlosen Haufen der Jünger eine dynamische Gruppe, die die gute Nachricht weitertrug. Erst waren es nur wenige, die sich darauf einließen. Dann immer mehr. Irgendwann gehörten Menschen in Spetz dazu, in Wiesmoor. Und weil diese gute Nachricht irgendwann jede und jeden von uns erreicht hat, sitzen wir heute hier! Staunen über die Auferstehung! Vielleicht hoffen wir mehr darauf als dass es uns gewiss ist, dass es stimmt: Jesus lebt!

„In nur drei Tagen kann viel passieren.“ Damals waren es drei finstere Tage, bis das Dunkel durch das Licht abgelöst wurde. Bis aus der Dornenkrone die Königskrone wurde. Bei uns wird es oft so sein, dass es länger dauert. Quälend lange vielleicht. So lange, dass wir vielleicht gar nicht mehr damit rechnen, dass es wirklich wahr ist, dass Jesus lebt. Weil die Stacheln unserer persönlichen Dornenkrone so weh tun. Und trotzdem: der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Und weil er lebt, wird er dafür sorgen, dass das Dunkle uns nicht auffrisst! „Ich lebe“, sagt er, und: „Ihr sollt auch leben!“ Wir sollen leben – auch angesichts des Todes! Schwer fällt das manchmal. Weil manches das Leben behindert, untergräbt. Und trotzdem: „Ihr soll leben!“, sagt Jesus! Einmal werden wir ihn sehen, wie er mit leuchtender Königskrone auf dem Thronsitzt. Wir an seiner Seite! Vom Dunkel ins Licht gehoben! Und bis es soweit ist – bis es soweit ist, sorgt Jesus dafür, dass der Tröster bei uns ist. Damit wir nicht verzagen, wenn es noch dunkel um uns ist. Und damit uns die Hoffnung nicht ausgeht.  In diesem Sinne – habt gesegnete Ostern. Und nicht vergessen: „In nur drei Tagen kann viel passieren.“ Amen.

        



Predigt über Jesaja 52,13 – 53,5; Karfreitag; 18.04.2014

Der Karfreitag ist der schwerste, der dunkelste Tag des Kirchenjahres. Wir machen uns das langsame und qualvolle Sterben Jesu bewusst. Wir versuchen zu begreifen, was das für uns be­deutet. Vier Menschen, vier Geschichten sollen uns heute dabei begleiten.

Ein junger Mann sitzt in seiner Schreibstube, vor sich eine noch wei­che Tonplatte, in der Hand hält er einen Griffel, mit dem er die heb­räischen Buchstaben in das Material drückt. Ein Öllämpchen gibt Licht. Es ist spät geworden, die Nacht bricht herein. In Babylon, der großen Metropole des Vorderen Orients, wird es still. Jesaja heißt der Mann. Er deutet die Zeichen. Und es sind gute Zeichen. Israel wird bald nach Hause dürfen. Gott hat sich seines Volkes erbarmt. Der Perserkönig Kyrus ist ein guter, vernünftiger Mann. Er gibt die Gefangenen Zions frei. Bald werden seine Leute heim dürfen, bald werden sie den Tempel wieder aufbauen können. Es wird alles gut. Jesaja freut sich, den Israeliten die herrlichen Got­tesworte sagen zu dürfen, die ihm zufliegen. Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln, spricht Gott durch ihn. Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.  Alles wird gut.
Wenn da nicht diese Träume wären. Diese Träume würde er am liebsten wegwischen. Sie machen ihm Angst. Aber sie sind so deutlich, so klar. Und sie kommen wieder – dies war jetzt der vierte dieser Art. Jesaja weiß, dass er diesen Traum aufschreiben muss. Er spürt, dass dieser Traum Gottes Wort ist, auch wenn er im Moment nicht versteht, was er bedeutet.Jesaja zögert. Was nutzt es, diese dunklen Worte aufzuschreiben? Verunsichert das nicht nur seine Leute? Er ringt mit sich. Aber dann drückt seine Hand die Buchstaben in den Ton. Und er schreibt sein viertes Lied vom Knecht Gottes.

So spricht der Herr: "Mein Bote wird seine Aufgabe erfüllen. Er wird eine überragende Stellung erlangen und hoch geehrt sein. Viele waren entsetzt, als sie ihn sahen. Denn in der Tat: Er war völlig entstellt und kaum mehr als Mensch zu erkennen. Dann aber werden viele Völker über ihn staunen, sprachlos werden die Könige dastehen. Gerade die sollen ihn sehen, denen er nicht angekündigt war, und die noch nichts von ihm gehört haben, werden ihn begreifen!" Doch wer glaubt schon unserer Botschaft? Wer erkennt, dass Gott es ist, der diese mächtigen Taten vollbringt?  Der Herr ließ seinen Boten emporwachsen wie einen jungen Trieb aus trockenem Boden. Er war weder stattlich noch schön. Nein, wir fanden ihn unansehnlich, er gefiel uns nicht!  Er wurde verachtet, von allen gemieden. Von Krankheit und Schmerzen war er gezeichnet. Man konnte seinen Anblick kaum ertragen. Wir wollten nichts von ihm wissen, ja, wir haben ihn sogar verachtet.   Dabei war es unsere Krankheit, die er auf sich nahm; er erlitt die Schmerzen, die wir hätten ertragen müssen. Wir aber dach-
ten, diese Leiden seien Gottes gerechte Strafe für ihn. Wir glaubten, dass Gott ihn schlug und leiden ließ, weil er es verdient hatte.   Doch er wurde blutig geschlagen, weil wir Gott die Treue gebrochen hatten; wegen unserer Sünden wurde er durchbohrt. Er wurde für uns bestraft - und wir? Wir haben nun Frieden mit Gott! Durch seine Wunden sind wir geheilt.


Herr K. liegt still in seinem Bett, das Gesicht zum Fenster gewandt. Das Sauerstoff-Gerät blubbert, geräuschlos tropft Morphium in seine Vene. Heute ist ein guter Tag. Er hat kaum Schmerzen, er macht sich wenig Gedanken. Bald ist es vorbei, er weiß es. Und etwas in ihm freut sich darauf. Zehn Jahre Krebs. Zehn Jahre Chemo. Zehn Jahre Operationen und Bestrahlungen. Zuletzt Metas­tasen im Gesicht und an der Halsschlagader. In der Wange hat er ein Loch. Die junge Hospiz-Schwester muss das Loch mit einem Tuch zuhalten, damit er durch einen Strohhalm trinken kann. Wie hieß sie noch gleich? Katja, ja, das ist ihr Name. Ein schmales, blondes Ding, viel zu zart für diesen Job. Als er beim Waschen vor Schmerzen aufstöhnt, entschuldigte sie sich mehr­fach. Alle Viertelstunde schaut sie bei ihm rein, ob auch alles in Ordnung ist, ob er etwas braucht, ob es ihm gut geht. Einmal, als sie ihm zu trinken gab, hat sie geweint. Er spürte ihre salzigen Tränen auf dem vernarbten Gesicht. Plötzlich reißt er die Augen auf. Eine neue Art von Schmerz durchzuckt seinen Körper. Er beginnt am Steißbein und reißt ihm den Rü­cken hoch. Es fühlt sich an, als ob sich eine Eisenzwinge um die unteren Wirbel legt. Das sind die Metastasen, er weiß es ja. Aber dass sie so plötzlich so wehtun können! Verzweifelt sucht Herr K. nach der Klingel. Endlich, endlich kommt jemand. Sieht sofort, was los ist. Ruft den Arzt, hält seine Hand. Legt ihm ein kühlendes Kissen dorthin, wo der Schmerz am schlimmsten ist. »Ganz ruhig. Atmen Sie, Herr K., gleich wird es besser«, sagt eine Stimme. Katja.   

Katja geht unruhig in ihrer Wohnung auf und ab. Sie kann wieder einmal nicht schlafen. Herr K. geht ihr durch den Kopf. Hat sie auch wirklich das Fenster geschlossen, bevor sie nach Hause ging? War sie heute Morgen zu grob mit ihm? Sein Leiden setzt ihr zu, es geht tat­sächlich fast über ihre Kräfte. Aber es ist nicht nur Herr K., der sie schlaflos macht – sie denkt auch an ihren kleinen Sohn, der das Wo­chenende bei Jens, seinem Vater, ist. Sie hat vergessen, ihm die Zahn­bürste einzupacken. Ob Jens daran denkt, eine neue zu kaufen? Und das Lieblingsvorlesebuch liegt auch noch an seinem Bettchen. Katja seufzt. Und kocht sich einen Tee. Heute Morgen hat sie mit ihrer Mut­ter telefoniert. »Wann kommst du denn mal wieder?!«, hatte die Mutter mit vorwurfsvollen Ton gefragt. »Mutter, ich weiß es nicht« – sie war genervt, sie war müde, sie ist immer müde, sie kann jetzt nicht den weiten Weg auf sich nehmen, sie schafft es einfach nicht. »Andere haben ihr Leben besser auf der Reihe«, denkt Katja. »Ich pack das irgendwie nicht.«

In der Mitte der Zeit leidet Jesus am Kreuz. Die Menschen gehen vor­bei. Soldaten spucken ihn an. Sein Gesicht ist blutüberströmt. Die Dornenkrone, die sie gemacht haben, um ihn zu verspot­ten, drückt sich in seine Stirn. Die Schmerzen an Händen und Füßen sind unerträglich. Halbnackt hängt er in der sen­genden Sonne Israels. Sie sind alle weg, die mit ihm gegangen waren. Nur seine Mutter ist da. Und Maria von Magdala. Er sieht, dass sie für ihn beten. »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen« – an ihren Lippen erkennt er den alten Psalm und spricht ihn mit. Er spürt: Es wird bald vorbei sein.

Es dauert nicht mehr lange. Und wie aus einer anderen Zeit kommen die Worte des zweiten Jesaja zu ihm: Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Aus der Zukunft dringt das Bild des sterbenden Herrn K. auf ihn ein. Und nicht nur dieses: Leid, Tod, Geschrei und Gefahr, es ist, als ob das Elend der Welt sich bündelt in ihm, dem gekreuzigten Christus. Auch Katja sieht er, schlaflos. Wie sie mit sich ringt. Wie ihre Schuldgefühle sie quälen. Wie sie so verzweifelt den inneren Frieden sucht und ihn nicht findet. Jesus weiß, dass das alles jetzt auf ihm liegt.  

Der Pastor kommt. Herr K. hat um das Abendmahl gebeten. Katja ist auch da und noch jemand von der Station. Es wird nicht viel geredet. Der Pastor ist einfühlsam. Er betet mit kräftiger Stimme den 22. Psalm: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist fern. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch du ant­wortest nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Herr K. kann die Oblate nicht mehr schlucken, der Pastor führt sie behutsam an seine Lippen. »Christus für dich«, sagt er. Der Sterbende saugt daran und nickt dann dankend. Im Kelch ist verdünnter Traubensaft. Katja reicht Herrn K. den Strohhalm und hält ihm das Loch in der Wange zu. Herr K. sieht sie an, als wolle er etwas sagen. Jetzt hat er es fast geschafft. Nicht mehr lange. Er stirbt wenige Stunden später. Ganz ruhig geht er auf seine letzte große Reise. »Christus für dich« – Katja gehen die Worte nicht aus dem Sinn. Und der Psalm, als ob er für sie geschrieben wäre. »Des Nachts finde ich keine Ruhe.« Und der Zettel, der ihr aus der Bibel des Herrn K. entgegen gefallen war, als sie seine Sachen packte. Es sind die Worte des zweiten Jesaja. Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Sie sieht das Kruzifix im Flur. Sie denkt an Herrn K. und seinen Blick beim Abendmahl. Und einen Moment lang strömt tiefer Friede durch sie hindurch. »Durch seine Wunden sind wir geheilt«, flüstert sie. Und sagt dazu »Amen« – so möge es sein. Auch bei denen, die in unserer Gemeinde Wunden tragen. »Durch seine Wunden sind wir geheilt«. Amen.    


Predigt über Hebräer 2, 10-18 i.A.; Gründonnerstag; 17.04.2014

Liebe Gemeinde, von heute an bis Ostern hat jeder Tag seinen besonderen Schwerpunkt.
Am Gründonnerstag geht es hauptsächlich um die Gemeinschaft, die Jesus stiftet. Dazu lese ich uns den Predigttext, der für heute empfohlen ist, Hebr. 2, 10-18 in Auswahl:  

So ist es auch kein Widerspruch, dass Gott ... seinen Sohn durch das Leiden am Kreuz zur Vollendung gelangen ließ. Dadurch hat Jesus den Weg für viele Menschen gebahnt, die er als Gottes Kinder in sein herrliches Reich führt. / Jetzt haben sie alle den einen Vater.  ...  Darum schämt sich Jesus auch nicht, sie seine Brüder und Schwestern zu nennen, wenn er sagt: "Ich will meinen Brüdern deinen Namen bekannt machen, vor der ganzen Gemeinde will ich dich loben und ehren." ...  Christus ist nun auch ein Mensch geworden wie wir, um durch seinen Tod dem Teufel - als dem Herrscher über den Tod - die Macht zu entreißen.  So hat er alle befreit, die aus Furcht vor dem Tod ihr ganzes Leben hindurch Gefangene des Teufels waren. ... Deshalb musste er uns, seinen Brüdern und Schwestern, auch in allem gleich sein. Dadurch konnte er ein barmherziger und zuverlässiger Hoherpriester für uns werden und sich selbst als Sühneopfer für unsere Sünden Gott darbringen. Denn weil er selbst gelitten hat und denselben Versuchungen ausgesetzt war wie wir Menschen, kann er uns in allen Versuchungen helfen.

Das merken wir wohl, das es hier ganz stark darum geht, dass Jesus Christus seine Lebensaufgabe darin sieht, dass er Gott und uns Menschen wieder zusammenbringt.  Damit er uns von dem befreit, der seine Freude daran hat, dass unser Leben misslingt.  
Der Predigttext nennt es so: wir sind „Gefangene des Teufels“ – also gefangen von dem, der alles durcheinander macht, was Gott gut gedacht und gut gemacht hat. Und der auch uns und unser Leben so zerstören und vom richtigen Weg abbringen will, dass wir für Gott verloren sind.  

So oder so ähnlich haben die allermeisten von uns es schon oft gehört. Und wir ahnen auch wohl, was damit gemeint ist. Aber vielleicht ist es gut für uns, dass wir uns das einmal ganz bildlich vor Augen malen lassen. Dass wir das mit etwas anderem vergleichen. Und da will ich euch das Beispiel weitergeben, das mir dieser Tage in die Hände fiel. Wie jedes Beispiel hat es auch seine Grenzen, aber vielleicht hilft es uns trotzdem, das besser zu verstehen, was mit dem heutigen Bibelabschnitt gemeint ist. Es geht um einen amerikanischen Pastor, der in einer Kleinstadt in Neu-England lebte. An einem Gründonnerstag kam er mit einem rosti­gen, verbogenen, alten Vogelkäfig in die Kirche. Er ging nach vorn und stellte ihn auf den Altar. Viele Gottesdienstbesucher runzelten die Stirn und überlegten, was er damit wohl wollte. Sie mussten bis zur Predigt warten, da nahm er den Käfig vom Altar, trug ihn auf die Kanzel und der Pastor begann seinePredigt folgendermaßen:

Als ich gestern durch die Stadt ging, kam mir ein Junge mit diesem Vogelkäfig entgegen. Er schwenkte ihn hin und her. Auf dem Boden saßen drei kleine Wildvögel, die vor Angst und Kälte zitterten. Ich hielt den Jungen an und fragte: „Was hast du denn da?" „Nur ein paar alte Vögel", antwor­tete er.  „Und was willst du mit ihnen machen?" fragte ich.  „Ich nehme sie mit nach Hause und will Spaß mit ihnen haben", er­widerte er „Ich werde sie quälen, ihnen die Federn ausreißen und sie dazu bringen, dass sie miteinander kämpfen. Das wird lustig!"  „Aber irgendwann wird dir das doch sicher zu langweilig werden. Was machst du dann mit ih-
nen?"  „Oh, ich habe ein paar Katzen", antwortete der Junge. „Die mögen Vögel. Ich werde sie ihnen ge­ben."  Der Pastor schwieg einen Moment lang.  „Wie viel willst du für die Vögel haben?" „Häh? Wieso? Was wollen Sie mit diesen Tieren? Das sind doch ganz stinknormale Feldvögel. Sie singen nicht und sie sind noch nicht mal beson­ders hübsch!"  „Wie viel?" fragte der Pastor zum zweiten Mal. Der Junge sah ihn an, als ob er verrückt geworden wäre, und sagte: „Zehn Dollar!"  Der Pastor griff in seine Tasche, holte einen Zehn-Dollar-Schein heraus und drückte ihn dem Jungen in die Hand. Der verschwand damit, schnell wie der Blitz. Der Pastor hob den Käfig auf und trug ihn behutsam bis zum Ende der Straße, wo einige Bäume standen, und ein kleiner Rasen war.  Dort setzte er den Käfig ab, öffnete die Tür, klopfte sanft gegen die Gitterstäbe, um die Vögel zum Rausfliegen zu überreden – und ließ sie frei. Nun waren die Vögel weg – und darum konnte der Pastor auch bloß einen leeren Vogelkäfig mitbringen. Aber warum ließ er nicht zuhause, sondern stellte ihn auf Altar und
Kanzel? Der Pastor war offenbar  noch nicht fertig mit sei­ner Predigt. Er fügte eine weitere Geschichte hinzu:

Eines Tages hatten der Teufel und Jesus eine Unterredung miteinander. Hämisch grinsend rieb sich der Teufel die Hände und prahlte: „Haha, ich habe da unten gerade die ganze Welt voller Menschen gefangen. Hab' eine Falle gebaut, hab' einen Köder benutzt, dem sie nicht widerstehen konnten, hab' sie alle gekriegt!" „Und was hast du mit ihnen vor?" fragte Jesus.  Der Teufel erwiderte: „Oh, ich werde meinen Spaß mit ihnen haben! Ich mache sie stolz und zerstöre die Gemeinschaft unter ihnen. Ich wer­de ihnen beibringen, einander zu hassen und sich gegenseitig zu misstrauen. Ich werde sie lehren, wie man Gewehre und Bom­ben erfindet und sich gedankenlos gegenseitig um­bringt. Ich werde eine Menge Spaß ha­ben!"  „Und dann? Was wirst du tun, wenn du mit ihnen fertig bist?" fragte Jesus.  „Dann werde ich sie töten", strahlte der Teufel stolz.  "Wie viel willst du für sie haben?" fragte Jesus. „Oh nein, Du willst diese Leute doch nicht wirklich haben? Die taugen zu nichts. Wenn Du sie nimmst, wer­den sie Dir nicht etwa danken, son­dern Dich nur hassen. Sie werden Dich bespucken, Dich verfluchen und Dich töten. Nein, nein, Du willst diese Leute doch nicht wirklich haben!"  „Wie viel?" fragte der Sohn Gottes noch einmal. Der Teufel sah Jesus an, grinste höh­nisch und sagte: „Dein Blut, Deine Trä­nen und Dein Leben!" „Abgemacht!" sagte Jesus. Dann bezahlte Er den Preis.  Der Pastor nahm den Käfig in die Hand und verließ die Kanzel. Ich glaube, dass diese Predigt seinen Leuten im Gedächtnis bleiben wird, denn sie erläutert den Predigttext ganz genau: „Die Kinder aber sind wir, Menschen aus Fleisch und Blut. Christus ist nun auch ein Mensch geworden wie wir, um durch seinen Tod dem Teufel - als dem Herrscher über den Tod - die Macht zu entreißen.“

Jesus möchte wieder neu Gemeinschaft schenken, indem er uns zeigt, wie wir mit den Gemeinschaftskillern umgehen. Denn wir brauchen uns nichts vorzumachen: Christen haben genau dieselben Schwierigkeiten. Der Unterschied liegt darin, dass sie Jesus zur Seite haben, der ihnen helfen möchte, die Schwierigkeiten zu meistern.
Einige der Gemeinschaftskiller möchte ich nennen und dabei zeigen, wie Jesus uns hilft, diese zu überwinden:

Gemeinschaftskiller Nr. 1: Unversöhnlichkeit Es ist nicht das Problem, das wir uns streiten; das Problem liegt vielmehr darin, dass wir uns nach dem Streit nicht wieder vertragen. Hier liegt die Kunst von gelingenden Beziehungen. Die Kunst heißt nicht, den Streit zu vermeiden, sondern den Streit so führen, dass man den anderen nicht fertig macht und sich Dinge die schmerzen, immer wieder vergibt. Die Kunst einer gelingenden Beziehung liegt also darin, die Versöhnung zu leben, die Jesus auf seinem Weg von Gründonnerstag nach Ostern uns geschenkt hat.

Gemeinschaftskiller Nr.2:  Stolz
Es führt nicht zu Schwierigkeiten, wenn ich etwas gut kann, sondern es tötet dann die Gemeinschaft, wenn ich mir etwas darauf einbilde. Das Schöne an der Gemeinschaft ist, dass jeder etwas gut kann und in der Summe etwas entsteht, was einer allein nie geschafft hätte. Dinge ich besonders gut kann, machen mich nicht besser, sondern sollen zum Nutzen für alle sein und zur Gemeinschaft führen, die Jesus uns in seinem Abendmahl gegeben und uns zum Mitfeiern aufgerufen hat.

Gemeinschaftskiller Nr. 3: Gedankenlosigkeit Manchmal müssen wir gar nichts machen, und den anderen nur gedankenlos ignorieren, nach dem Motto „Wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht.“  Leider hat das Motto einen Fehler: es ist falsch. Erst wenn ich den anderen in den Blick bekomme, entsteht Gemeinschaft. Und das geschieht, wenn ich auf die anderen achte und  sie wert schätze. Jesus hat dich so wert geschätzt und geachtet, dass er für dich sein Leben in den Tod gegeben hat.

Lasst uns nachher das Abendmahl so miteinander feiern, dass es uns wieder zu neuer Gemeinschaft führt:

  • Gib deinen Mitmenschen eine Chance und versöhne dich mit ihnen.

  • Setze die Dinge, die du gut kannst, auch für andere ein.

  • Nimm dir vor, auf deine Mitmenschen zu achten und sie wert zu schätzen.

Amen.


        


Predigt über Hebräer 11, 39.40 . 12, 1-3; Palmarum; 13.04.2014

Schön, dass ihr hier seid, liebe Gemeinde! Und genauso schön ist es, dass sich in der Zeit seit letztem Sonntag so viele Menschen in unserer Gemeinde getroffen haben: Montag an die 60 Männer beim „Männertreff", abends der Gemischte Chor; Dienstag der Gitarrenchor und der Posaunenchor; Mittwoch „Voices"; Donnerstagnachmittag der „Frauenkreis I" und abends dann erstmal die ungefähr 15 Jungbläser im Gemeinschaftshaus, knapp 30 Leute hier in der Kirche bei der Passionsandacht, und dann anschließend der „Frauentreff" – über 20 Frauen im besten Alter, quicklebendig und fröhlich bei der Sache!  Dazu die, die sozusagen unsichtbar dafür gesorgt haben, dass hier alles blitzblank geputzt ist, dass Kaffee und Tee zubereitet und Räume dekoriert wurden. Dass in stundenlanger Arbeit vor dem Bildschirm eine neue Homepage für uns entsteht. Dass mit Harke und  Rasenmäher dem Frühling auf unserem Gelände freie Bahn gemacht wird. Dass nebenan im Kindergarten den Kindern vor Augen gemalt wird, was Jesus alles ausgehalten hat, weil er uns liebt!   

Dankbar bin ich für das, was an Leben in dieser Gemeinde blüht und dass ich mittendrin sein darf!  Aber selbstverständlich ist das nicht! Es ist nicht selbstverständlich, dass unsere Gemeinde bis heute so lebendig ist, und es ist nicht selbstverständlich, dass sie es auch bleibt! Der Bibelabschnitt, der heute für die Predigt vorgeschlagen ist, der nimmt uns mit hinein in eine Gemeinde, die auch so lebendig war. In der es Freude machte, ‚Gemeinde‘ zu sein und mitzumachen. Aber nun gibt genau diese Gemeinde Grund zur Sorge. Hören wir aus dem Hebräerbrief Kapitel 12 die Verse 1-3:  Da wir nun so viele Zeugen des Glaubens um uns haben, lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf behindert, den wir begonnen haben - auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will. Mit zäher Ausdauer wollen wir auch noch das letzte Stück bis zum Ziel durchhalten.  Dabei wollen wir nicht nach links oder rechts schauen, sondern allein auf Jesus. Er hat uns den Glauben geschenkt und wird ihn bewahren, bis wir am Ziel sind. ... ...Vergesst nicht, wie viel Hass und Anfeindung er ... ertragen musste, damit auch ihr in Zeiten der Verfolgung nicht den Mut verliert und aufgebt."

Nicht den Mut verlieren, nicht aufgeben. Diesen Zuspruch haben die Menschen nötig, denen diese Worte ursprünglich geschrieben wurden. Mit Begeisterung waren sie Christ geworden. Hatten erlebt, wie durch den Glauben an Jesus eine Freiheit in ihr Leben kam, die sie vorher nicht gehabt hatten. Sie hatten Selbstwertgefühl getankt und waren froh, dass sie in der Gemeinde miteinander glauben und leben konnten. Aber im Laufe der Zeit war es irgendwie anders geworden. Man hatte sich aneinander gewöhnt, manchmal gab es richtig Knatsch. Es war mühsam, mit den unterschiedlichen Meinungen zurechtzukommen – der eine wollte dies, die andere das.  Es war nicht mehr so harmonisch wie früher, und es war auch schwieriger geworden, sich öffentlich als Christ zu outen. Von anderen Menschen wurde man manchmal gar nicht für voll genommen, sie machten sich lustig über die „Himmelskomiker". Es fielen Sätze wie: „Wieso rennst du eigentlich jeden Sonntag zur Kirche?! Du hast es ja wohl nötig!"  Oder: „Was hast du denn davon? Du siehst doch selber, dass da nichts bei rauskommt. Wie lange hast du gebetet und dein Freund, dein Mann, deine Frau, dein Kind ist trotzdem gestorben!"   Und wenn wir uns das mal durch den Kopf gehen lassen – wundert uns das dann, dass die Menschen damals in ihrer Gemeinde müde wurden? Dass die Begeisterung für den Glauben nachließ und die Luft irgendwie raus war?!

Ich glaube, dass es uns heute genauso gehen kann, dass unser Glaube müde wird und unsere Begeisterung für das Leben mit Jesus Christus nachlässt. Gerade dann, wenn wir auch solche Erfahrungen machen wie die Christen damals: wir beten wie die Weltmeister für jemanden, und trotzdem breitet sich die tödliche Krankheit in ihm aus!  Oder unser Kindergottesdienst-Team reißt sich auf Deutsch gesagt den Hintern auf, um jeden Sonntag einen wirklich attraktiven Kindergottesdienst zu gestalten – aber viele Eltern kommen nicht in die Socken, ihre Kinder sonntagvormittags hierher zu bringen.  Oder unsere Chöre: da wird mit viel Leidenschaft und ganz viel Freude geübt und gelacht und gesungen und musiziert! Die, die dabei sind, haben erstmal selber Freude dran – und die, die dann später die Musik hören, dann auch wieder. Aber es ist so mühsam, die Leute bei der Stange zu halten und neue zu gewinnen! Gar nicht mal in erster Linie darum, weil keiner mehr Lust hat. Im Einzelfall sicher auch das – aber oft hängt es daran, dass kaum noch Zeit dafür ist! Weil sich die Arbeitszeiten so ausgeweitet und verschoben haben, gerade im Einzelhandel. Es ist viel schwerer geworden als vor 20, 25 Jahren, sich immer regelmäßig einen bestimmten Abend freizuhalten.  Oder da sind junge Leute begeistert auf einer Freizeit dabei: spannendes Programm, coole Jungs und hübsche Mädchen, angesagte Musiker, inspirierende Referenten, tolles Wetter – alles super!  Und dann ist die Sommerfreizeit vorbei und zu Hause in der Gemeinde ist das alles ’n paar Nummern bescheidener. Da treffen sich mal gerade 5, vielleicht 10 Leute zum Jugendtreff am Sonntag und man muss selber für die Andacht sorgen.  Da wäre es kein Wunder, wenn die blühende Gemeinde einginge wie eine schöne Blume, die kein Wasser mehr kriegt.  

Der, der den Bibelabschnitt für heute geschrieben hat, sieht, dass seine ehemalige Mustergemeinde inzwischen ziemlich runtergekommen ist. Und weil er da nicht einfach bei zukucken will und weil er möchte, dass die Menschen dort wieder zu einer neuen Leidenschaft für den Glauben kommen, darum schreibt er ihnen diese Worte. Als erstes spricht er von denen, die lange vor ihnen gelebt und geglaubt haben. „Wolke der Zeugen" nennt er sie. Er zählt in einer langen Liste Menschen auf, die vor uns mit Gott gelebt haben. Sie haben ihm vertraut, sind ihm gefolgt, haben auf sein Wort gehört. Aber sie haben auch Nachteile für ihren Glauben in Kauf genommen.  Alles, um das Ziel zu erreichen, das Gott ihrem Leben gesteckt hat. Und darum hat Gott sie als Vorbilder für uns hingestellt. Weil sie an Gott und am Glauben drangeblieben sind, obwohl manches von dem, was Gott ihnen versprochen hatte, sich zu ihren Lebzeiten auch noch nicht erfüllte. Aber sie sind dabei geblieben! Haben zu ihrer Gemeinde gestanden! Haben durchgehalten, obwohl das Ziel noch nicht erreicht war!

Auch hier bei uns sind wir nicht die ersten, die an Jesus glauben und als Christen leben. Vor uns gab es schon eine lange Reihe von Menschen, die das getan haben. Die haben bewusst im Glauben gelebt und haben gezeigt: das macht Sinn! Donnerstagabend kam ein Ehepaar zur Passionsandacht, sie waren so ziemlich die ersten. Im Vorraum unterhielten wir uns ein bisschen und die Frau sagte: „Ma un Pa bünnt immer nao’t Passionsandacht hengaohn!" Und ich konnte heraushören: das war ihnen wichtig! Und das war damals kein Spaziergang: mitten in der Woche, abends nach einem harten Arbeitstag auf dem Land noch zur Kirche zu gehen, um sich mit dem schweren Thema vom Leiden und Sterben Jesu auseinanderzusetzen. Und das hätten sie nicht getan, wenn es ihnen nicht viel bedeutet und gegeben hätte! Und sie haben es weitergegeben an ihre Kinder! So dass die heute auch zur Passionsandacht und zur Kirche kommen!

Menschen, die vor uns hier als Christen gelebt haben. Ich muss an Andreas Kruse denken und Gerhard Behrends, an Hans Bruns. Treue Seelen und aufrichtige Menschen, denen es einfach wichtig war, Jesus den Menschen hier bekannt zu machen.  „Tante Betty" gehört dazu – Beate Schwing von den Methodisten. Eine Frau mit einer ganz besonderen Ausstrahlung und der Gabe, gerade jungen Menschen den Glauben kostbar zu machen. Wie hat Frank Buhr es im Interview für den Gemeindebrief gesagt, als er nach Menschen gefragt wurde, die ihn im Glauben geprägt haben: „Ich bin ja lange zu Tante Betty in die Kinderstunde gegangen. ..."  Eine derjenigen, die für Frank und andere einen ganz wesentlichen Grundstein gelegt haben. Weil sie so, wie sie waren, mit ihren Gaben und mit ihren Grenzen und Einschränkungen, den Glauben an Jesus gelebt haben. Detert Gerdes fällt mir ein, Leni Garrels, Frerich Bartels, Focke Trauernicht, Ernst Buyken.  So manche könnten wir nennen aus der frühen Zeit dieser Gemeinde, und die hatten auch wieder Vorgänger im Glauben, und die auch wieder.   Und der, der unseren Predigttext für heute geschrieben hat, der behauptet nun: diese ungezählten Christen vor uns umgeben uns wie eine Wolke.  Ein atemberaubender Gedanke: alle die, die vor uns im Glauben an Christus gelebt haben, sind um uns herum. Kucken auf uns. Wie in einem Stadion.  Sie haben ihren Lauf hinter sich und nun haben sie sich auf die Zuschauerplätze gesetzt und verfolgen gebannt, wie wir nun die Sache mit dem Glauben auf die Reihe kriegen.  Und sie warten darauf, dass wir auch dort ankommen, wo Gott uns hinhaben möchte. Wir und die, die nach uns kommen.  Und dann, wann Gott es will, wird es eine große Zielparty geben! Wenn alle den Lauf vollendet haben! Durchgehalten und nicht unterwegs schlappgemacht haben. Es ist so wie beim Ossiloop: die einen kommen eher, die anderen später ans Ziel. Weil die einen zu den ersten Gruppen und die anderen zu späteren Gruppen gehörten, die auf die Strecke geschickt wurden. Und wenn alle durch sind, dann wird gefeiert, dann können sich alle so richtig freuen!

Und die letzten, die beim Lauf des Glaubens die Ziellinie überqueren, diese letzten werden wir wahrscheinlich auch noch nicht sein. Auch nach uns wird es Christen geben, und nach denen auch wieder – bis dass Jesus wiederkommt und die Zielparty losgeht! Und so lange warten die, die schon gelaufen sind, und schauen den anderen zu und feuern uns an mit ihrem Beispiel. Und damit wir unseren Lauf auch schaffen und damit wir uns als Christen bewähren, werden heute einige Punkte angesprochen: „... Lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf behindert, den wir begonnen haben - auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will...."

Dass wir am Ziel ankommen, dass es dort eine wunderbare Feier geben wird, dass wir zusammen sein werden mit denen, die vor und die nach uns als Christ gelebt haben – eine schöne Erwartung!  Aber sie hat auch ihre Kehrseite. Im Predigttext wird ja nicht ohne Grund von einem Wettkampf gesprochen, so eine Art Ossiloop. Das klingt anstrengend. Und da ist auch was dran. Es gehört schon etwas dazu, als Christ, als Christin zu leben. Das geht nicht von selbst. Ich muss es wollen.  Christ-sein läuft nicht selbstverständlich ab. Und alles, was nicht von selbst läuft, erfordert bewusste Schritte, mitunter sogar An strengung. Wenn ich eine andere Sprache lernen will, dann muss ich Vokabeln lernen, Grammatik pauken und sprechen üben.  Oder wenn wir fit bleiben wollen und uns klar wird, dass wir uns mehr bewegen müssen. Und nun ist der spannende Punkt: im Kopf weiß man das meistens wohl. Aber das alleine hilft nicht! Damit es gut für mich wird, muss ich es auch wirklich tun! Und zwischen „wissen" und „es tun" liegt das Aufraffen. Dass ich mich aufraffe, mich zu bewegen; dass ich es wirklich tue!  Und das ist nicht nur bei unserer Gesundheit so, das ist im Glauben auch so! Wenn wir uns da nicht auch wirklich aufraffen, dann bekommt unser Glaube nicht das, was er braucht, um fit und lebendig zu bleiben. „Ich bete nur, wenn ich das Bedürfnis habe!" Das hört sich gut an. Aber vielleicht habe ich nur selten das Bedürfnis. Aber wenn ich beim beten sozusagen nicht in Übung bleibe, dann muss ich mich nicht wundern, wenn ich dann, wenn‘s wirklich drauf ankommt, kein einziges Gebet über die Lippen bekomme.   „Ich kann auch Christ sein, ohne dass ich in der Gemeinde mitmache!" Natürlich, da ist was dran. Aber nur sehr begrenzt! Das ist so ähnlich, wie ich das früher zu Hause oft gemacht habe. Ich war ja das einzige Kind und eine Zeitlang gab‘s auch kaum Nachbarkinder. Und wenn ich mal Lust hatte, Fußball zu spielen, habe ich mir den Ball geschnappt und hab immer auf die Schuppentür gedonnert. Alleine. Rumms! Rumms! Rumms!  Aber meistens dauerte das nicht lange, bis ich keinen Bock mehr hatte. Viel schöner war es, wenn mein Vetter da war – da waren wir schon zu zweit und es machte mehr Spaß.  Glauben ohne Gemeinde ist so ähnlich – man kommt sehr schnell an seine Grenzen. Vor allem dann, wenn man in schwieriges Fahrwasser kommt, geht der allein gelebte Glaube viel leichter ein, als wenn man ihn mit anderen teilt. Aber dazu muss man sich aufraffen!  Oder wenn wir beurteilen wollen, was in unserer Gesellschaft vor sich geht und was wir im Leben verantworten können und was nicht – um das zu beurteilen, müssen wir doch wissen, was Gott dazu sagt. Wie sich das mit Seinen guten Regeln für unser Leben und mit Seinem Willen verhält!  Ein Ehepaar bat mich um ein Gespräch. Sie wollten so gerne ein Kind – und immer wieder klappte es nicht. Sie hatten sich dann überlegt, ob es mit künstlicher Befruchtung was werden könnte. Aber sie waren sich nicht sicher: wieweit dürfen wir als Christen in das Geschehen von Schöpfung eingreifen? Und darum haben sie das Gespräch gesucht. Leicht war das für die beiden ganz bestimmt nicht, über dieses total intime Thema mit einem Außenstehenden zu sprechen - aber sie  haben sie aufgerafft und es hat ihnen gut getan!

Als Christ zu leben, als Christin – das ist kein Selbstläufer, sondern das liegt auch an dem Menschen selbst, ob er das will. Den Ossiloop schafft man nicht von selbst – man muss es wollen. Und dann: „... Lasst uns alles ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt..." Da sind nun Dinge angesprochen, die einen hindern können beim Laufen. Keiner, der beim Ossiloop mitmacht, würde sich einen Rucksack mit dicken Steinen umhängen. Das wäre ja dumm, weil es unnötig Kraft kostet und ihn vielleicht sogar zu Fall bringt. Und noch dummer wäre es, wenn er sich die Beine mit einem Tau zusammenbinden würde. Dann würde er gleich beim ersten Schritt auf die Nase fallen. So dumm ist keiner! Was ihn unnötig beschwert und was ihn bindet, das legt er ab!   Für das Glaubensleben ist das ganz ähnlich. „Lasst uns alles ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt." Ein treffen des Bild: die Sünde, die uns ständig umstrickt. Wie der Strick um die Beine des Läufers, genau so wirkt die Sünde. Wobei Sünde vor allem eines ist: der Gedanke „Ich brauche Gott nicht! Ich komme ohne Jesus ganz gut aus. Was sollte Gott mit mir, mit meinem Leben zu tun ha ben?"  Das meint das Wort „Sünde" hier. „Sünde", damit sind hier nicht irgendwelche moralischen Fehltritte gemeint. „Sünde" bedeutet hier: sich bewusst von Jesus Christus abwenden!  Sich bewusst zu entscheiden, ohne ihn das Leben meistern zu wollen.  Menschen, die das für sich so tun, sind keine schlechteren Menschen! Jemand, der beim Ossiloop einen Rucksack auf dem Rücken hat, ist ja kein schlechterer Mensch. Aber er macht es sich schwerer, als es nötig wäre! Und wenn wir uns gegen Christus entscheiden, dann machen wir unser Leben auch schwerer, als es nötig wäre!

Und umgekehrt: wer sich entscheidet, mit Christus durch sein Leben zu gehen, der muss sich manchmal wieder neu dazu aufraffen. Sich manchmal eben nicht anzupassen und nicht immer das zu tun oder zu sagen, was „alle" tun oder sagen. Und da die Ausdauer zu behalten, das kann enorm schwierig werden. Die Gemeinde, an die der Predigttext sich ursprünglich richtet, stand kurz davor zu scheitern. Und darum müssen wir nun am Schluss noch fragen: was können wir tun, um unterwegs nicht schlapp zu machen?  Der Text sagt: „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens!"   Jesus ist der, der uns sozusagen in die Laufbahn gerufen hat. Und er möchte, dass wir unseren Lauf erfolgreich zu Ende bringen. Und er weiß, dass das sehr schwer werden kann.  Und darum heißt es von ihm, dass er nicht nur der Anfang unseres Glaubens ist, sondern auch der „Vollender". Ein Beispiel hat mir geholfen, das besser zu verstehen: An der Schule wird ein Sportkurs angeboten - Tischtennis. Das klingt ganz locker und wird gern gewählt. Der Lehrer allerdings ist der Mei nung, zum Tischtennis gehöre Kondition. Darum setzt er in einer Doppelstunde einen Lauf an: von der Schule zu einem See, einmal darum herum und wieder zurück. Alles in allem 10 km. Aus dem Stand. Und er lässt diese Strecke laufen, wirklich laufen. Für ihn selbst ist das ein Klacks. Aber für manche der Schüler geht diese Tour an die Grenze ihrer Ausdauer. Nun macht der Lehrer folgendes: er läuft nicht sein eigenes Tempo. Damit würde er vielen Schülern weit voraus sein und sie würden irgendwann frustriert abbrechen.  Nein - er passt sein Tempo an das des Langsamsten aus der Gruppe an. Den behält er fest im Auge. Mehr noch: er sucht ständig Kontakt zu ihm. So zieht er jeden über die toten Punkte hinweg. Jeden Schüler, der sich darauf einlässt. Der Lehrer hält sich zurück, um auch den Letzten mit sich zu ziehen und ans Ziel zu bringen, laufend, die ganze Strecke. Und es funktio niert.  Genau so macht es Jesus, der An fänger und Vollender des Glaubens! Einerseits läuft er vorweg. Er stößt den Glauben an. Aber damit ist es ihm nicht genug. Er will nicht bloß, dass wir loslaufen und ihm dann kaputt hinterherhecheln. Er legt Wert darauf, dass wir auch ankommen. Und darum sprintet er nicht einfach los und kommt als einziger an, sondern er lässt sich auf dein und mein Tempo ein und behält uns fest im Blick. Er sucht den ständigen Kontakt zu uns. Denn allein dadurch kann er uns ans Ziel bringen. Und das schafft er auch! Wenn wir unserseits den Kontakt zu ihm halten. So und nicht anders haben die ihren Weg als Christen bewältigt, die in früheren Zeiten den Glauben bezeugt haben. Und nun sitzen sie auf der Tribüne und verfolgen gespannt, wann und wie auch der letzte Glaubensläufer die Ziellinie überschreitet. Und dann gibt’s Jubel. Und die Party steigt. Mit uns! Amen.



Predigt über Hebräer 13,12-14; Judica; 06.04.2014


Liebe Gemeinde, ich lese aus Hebr 13, die Verse 12-14 – das ist der Text, der für heute zur Predigt empfohlen ist:  Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Drei Sätze, in denen kurz und knapp gesagt wird, was es damit auf sich hat, dass Jesus gelitten hat und gestorben ist, und was das für uns bedeutet. Fangen wir mit dem ersten Satz an: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut,  gelitten draußen vor dem Tor.“ In diesen paar Worten ist eigentlich die ganze Passionsgeschichte zusammengefasst. In den vier Evangelien wird uns ja mit vielen Einzelheiten der Leidensweg Jesu beschrieben: wie er zunächst umjubelt wurde, als er nach Jerusalem kam; wie er mit seinen Jüngern das Passahmahl feierte und dass er ihnen vorher die Füße gewaschen hat.

Er wusste, wer ihn verrät und wir erfahren auch, wie Judas das bewerkstelligt hat. Wir lesen von der durchwachten Nacht im Garten Gethsemane, wie Jesus dann gefangen genommen und verhört wird, wie seine Jünger ihn im Stich lassen und wie man dann Jesus verurteilt, foltert und zu Tode bringt und ins Grab legt. Heute geht es auch um diesen Leidensweg, den Jesus gehen musste – aber eben in einer sehr knappen, kurzen Form. Mehr braucht der, der das geschrieben hat nicht, als dass er sagt: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“

Wenn ich das so höre, dann muss ich als erstes an das Kreuz denken, das in meinem Amtszimmer hängt. Mit diesem Kreuz hat es eine besondere Bewandtnis. Eine von meinen Tanten wohnte früher in Papenburg, gleich neben einer katholischen Grundschule. Dort hing in einer Klasse dieses Kreuz. Eines Tages wurde die Schule abgerissen, und als meine Tante dann einfach mal’n bisschen da an der Abbruchstelle rumgekuckt hat, da hat sie in einem Schuttcontainer dieses Kreuz gefunden – genauer gesagt: das, was davon übergeblieben war. Das Kreuz war zerbrochen, vom Corpus waren Arme und Füße abgebrochen, der Leib hatte tiefe Risse, das Gesicht war über und über mit Dreck bedeckt.  Meine Tante konnte das nicht gut haben, und darum hat sie die Einzelteile aus dem Müllcontainer rausgesammelt und dann kam sie bei mir damit an. Ich habe es dann zu einem Maler gebracht und der hat es mühevoll wieder aufgearbeitet – und seit 25 Jahren hängt es in meinem Arbeitszimmer.

Das Kreuz auf der Müllkippe – darum geht es auch in diesem ersten Satz vom Predigttext. Nur dass es hier nicht um eine künstlerische Darstellung geht, sondern um Jesus selber. „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“ Das bedeutet: man hat Jesus ausgesondert, zum Müll gemacht.  Golgatha, dieser Hügel, war sozusagen die Müllkippe Jerusalems. Dort kamen die hin, die es nicht mehr wert waren, als Mensch angesehen und behandelt zu werden.  Golgatha – das ist die Stelle, wo die landen, die ganz runtergekommen sind. Tiefer geht’s nicht mehr. Und da bringt man Jesus hin, da spuckt man ihm ins Gesicht, da schlägt man dicke Nägel durch seine Hand- und Fußgelenke und hängt ihn ans Kreuz, da bricht man ihm die Beine und schlitzt ihn von der Seite her auf.  „...draußen vor dem Tor...“:

Jesus auf der Müllkippe. Warum landet er dort?  „...damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut...“, so lesen wir. Etwas heiligen, das bedeutet: etwas mit Gott in Verbindung bringen, etwas mit Gott zusammen bringen. Und wenn hier von Jesus steht, dass er darum auf dieser Müllkippe Golgatha gelandet ist, um das Volk durch sein Blut zu heiligen, dann ist gemeint: Jesus ist diesen bitteren Weg gegangen, damit Menschen, die von Gott getrennt waren, wieder zu Gott zurückfinden können. Man kann das besser verstehen, wenn man ein bisschen weiter ausholt: In der Bibel wird erzählt, dass am Anfang Gott und seine Menschen ganz nah beieinander waren.  Gott hatte die Menschen geschaffen und in diesen wunderschönen Garten gesetzt. Da mangelte es an nichts. Die Menschen hatten viel mehr, als sie zum Leben brauchten, sie kamen wunderbar miteinander aus und sie kamen auch wunderbar mit Gott aus.  Bis zu dem Moment, in dem das Misstrauen in ihnen wuchs. Als sie dachten: Gott enthält uns das Beste vor! Er hatte ja gesagt, dass sie alles nutzen und alles machen durften – aber an die Frucht von dem Baum der Erkenntnis, da sollten sie nicht rangehen. Sie tun es aber trotzdem – weil sie glauben, dass Gott das nur gesagt hat, weil er ihnen das Schönste und Beste nicht gönnt. Also greifen sie nach genau dieser Frucht - und seitdem ist da ein tiefer Riss des Misstrauens zwischen Gott und Menschen. Wie ein tiefer Graben. Und der Mensch leidet daran, dass zwischen Gott und ihm etwas Trennendes ist.  

Für uns Menschen ist es eine Katastrophe, dass wir von Gott getrennt sind – weil wir dann nämlich alleine mit unserem Leben klarkommen müssen. Weil wir auch mit den Dingen zurechtkommen müssen, die uns in Schuld verstricken. Es gibt ja solche Situationen, in denen wir schuldig werden – auch wenn wir das gar nicht wollen. Als Kind hab ich mal gesehen, wie eine Fliege sich in einem Spinnennetz verfangen hatte. Gut für die Spinne, schlecht für die Fliege. Weil ich Spinnen nicht mag, wollte ich die Fliege befreien und ich hab versucht, sie ganz vorsichtig aus dem Spinnennetz heraus zu lösen – aber dabei habe ich ihre Flügel abgerissen. Versteht ihr – ich wollte Gutes tun, und ich habe es ganz verdorben. Und so geht uns das oft im Leben. Und damit müssen wir fertig werden. Im Alten Testament lesen wir, wie die Menschen es probiert haben, ihre Schuld los zu werden: an bestimmten Tagen haben sie einen Schafbock genommen, und dem haben sie symbolisch alle ihre Schuldverstrickungen aufgehalst – und dann haben sie dieses Tier vor die Stadt gejagt. Sie haben diesen Sündenbock in die Wüste gejagt und dem sicheren Tod preisgegeben – und auf seinem Rücken trug es sinnbildlich all das, was die Menschen an Schuld auf sich geladen hatten – und so konnten sie wieder neu anfangen. Die Schuld war weg, die Schuld, die sie sich gegenseitig angetan hatten, aber die auch zwischen ihnen und Gott stand.

Wenn man sich das einmal klar macht, dann kann man vielleicht besser verstehen, warum Jesus auch nach draußen, vor die Stadt gejagt wurde, wie so ein Sündenbock. Gott selbst hat ihn zum Sündenbock gemacht: auf ihm liegt nun die ganze Last von all dem, was Menschen von Gott trennt. Und so sorgt Jesus mit seinem Kreuz dafür, dass nichts mehr zwischen Gott und uns steht.  Wie eine Brücke liegt das Kreuz Jesu über diesem tiefen Riss, der sich da zwischen Gott und uns aufgetan hat. Und wer diese Brücke für sich in Anspruch nimmt, für den gilt das, was Jesus sagt: Ich bin bei dir alle Tage, egal was kommt! Der Predigttext beschreibt es so: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“

Kommen wir zum zweiten Satz: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“ Hier geht es nun um uns. Um Menschen, die sich zu Jesus bekennen. Denen er wichtig ist. Und die darum manches auf sich nehmen, um in seiner Nähe zu sein. Ich weiß von jemandem, der oft hier im Gottesdienst ist. Derjenige hat die Woche über viel zu tun, es geht oft bis in die Nacht hinein. Samstags muss dann das aufgearbeitet werden, was in der Woche so angefallen ist. Sonntags wäre eine gute Gelegenheit zum Ausschlafen. Aber derjenige stellt sich den Wecker, weil er gerne den Gottesdienst mitfeiert.  Gemütlicher und einfacher hätte er es, wenn er einfach liegen bleiben würde – aber ihm ist das wichtig, hier dabei zu sein. Und dafür nimmt er es in Kauf, dass er nicht so lange schlafen kann und dass das Frühstück auch’n bisschen schneller geht. Das ist so ein Stück „hinausgehen aus dem Lager“, wie es im Predigttext heißt. Oder ich denke an eine Frau, die von jemandem auf einem Stück Holz ein Wort aus der Bibel geschenkt bekommen hatte. Da war so ein Bibelwort ins das Holz gebrannt. Diese Frau musste operiert werden, Krebs. Und sie wollte das Stückchen Holz mit in den OP nehmen. Und als ein Pfleger sie gefragt hat, warum, da hat sie gesagt: das hilft mir, dass ich daran denken kann, dass Jesus bei mir ist! Und ich muss sagen: das ist ein starkes Bekenntnis – auch so ein Stück „hinausgehen aus dem Lager“ und die Schmach Jesu teilen.  Und ich denke an den Geschäftsmann, der großes Ansehen hat. In dem ehrenwerten Club, in dem er Mitglied ist, sind etliche, die mit Kirche nicht so viel am Hut haben. Aber das macht ihm nichts aus – er betet trotzdem vor dem Essen, wenn sie abends zusammen sind. Und das ist seine Art, „hinaus zu gehen aus dem Lager“ und Jesu Schmach zu teilen.  In diesem Zusammenhang muss ich auch an denjenigen denken, der so ziemlich als einziger an seinem direkten Arbeitsplatz bei VW in Emden noch in der Kirche ist. Die meisten von seinen Kollegen sind ausgetreten und sie lästern oft rum, warum er denn so blöd ist und diesem Verein sein teures Geld in den Rachen schmeißt. Und dass er diesem Gelästere standhält – das ist seine Art, „hinaus zu gehen aus dem Lager“ und Jesu Schmach zu teilen.

Jesus ist sich nicht zu schade dafür gewesen, sich als Sündenbock wegjagen zu lassen – damit wir eine Brücke bekommen, die sich über diesen tiefen Riss zwischen Gott und uns legt. Und wenn wir uns zu diesem Jesus bekennen, dann wird das immer mal wieder vorkommen, dass andere uns nicht für voll nehmen. Und in manchen Teilen der Welt geht das bis dahin, dass Christen ganz radikal verfolgt werden. Dass ihr Leben bedroht ist. Dass sie ins Arbeitslager kommen. Dass ihnen Arbeit und ihren Kindern Ausbildung verwehrt wird. Von Anfang an hat das zum Christ-sein dazu gehört: dass Menschen, die sich zu Jesus halten, manches aufgeben. Aber von Anfang an haben sie auch gemerkt: Jesus wird dafür sorgen, dass wir trotz allem nicht zu kurz kommen!

Der dritte Satz des Predigtabschnittes heute: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“  Mit diesem Satz sollen wir davor bewahrt werden, dass wir im Vergangenen hängen bleiben. Ich höre das oft, dass Menschen erzählen, dass es früher alles besser war. Demnach muss vor 80, 90 Jahren das reinste Paradies hier auf dem Fehn geherrscht haben. Aber die gleichen Leute erzählen dann oft auch davon, dass sie schon als Kind schwerste körperliche Arbeit verrichten mussten. Oder dass sie gerne etwas lernen wollten, dazu aber gar keine Chance hatten. Oder dass Kinder ganz früh starben, weil der nächste Arzt zu weit weg war und nicht mal eben schnell kommen konnte. Also so schön, wie es klingt, ist es sicher nicht gewesen und nicht alles, was neues kam, hat sich schlecht ausgewirkt. Man muss unterscheiden, fragen und überlegen: ist etwas gut, bloß weil es immer schon so war – oder kann es auch sein, dass wir manches von dem, was früher war, auch hinter uns zurücklassen müssen, damit wir Besseres bekommen?

Und genau das mutet uns der christliche Glaube zu: dass wir immer nach vorne ausgerichtet sind. Dass wir uns nicht auf Dauer gemütlich einrichten, sondern fragen: wie kann es weitergehen? Wie können wir vorankommen? Da ist es in einer Gruppe in der Gemeinde so schön kuschelig. So zehn, elf Leute kommen regelmäßig zusammen. Sie singen, lachen, lesen Bibel miteinander. Einer kennt den andern, zum Teil seit –zig Jahren schon. Und da ist das Risiko da, dass ein solcher Kreis an sich selbst genug hat. Aber dann würden keine anderen, neuen Leute mehr dazu kommen. Und darum mutet Jesus uns zu: öffnet euch! Kuckt nach vorne und überlegt: was können wir tun, damit andere auch dazwischen kommen?! Mir ist es selber so gegangen – mit dem ältesten unserer Frauenkreise. Jahrelang habe ich dort die Bibelarbeiten auf plattdeutsch gemacht. Dat köön wie ja al un dat is ok so moij. Bis Tant Nati Südema mir einmal sagte: „Du musst jetzt hochdeutsch reden. Frau sowieso gehört doch jetzt auch zu uns und die kann kein Platt.“ Und das war genau richtig – und genau so meint das Bibelwort für heute das: dass wir nicht einfach bei dem stehen bleiben, was gestern war und was bis dahin auch gut war. Aber weil es gestern gut war, ist es nicht auch automatisch heute oder morgen gut. Wir müssen immer überlegen, was jetzt dran ist. Und diese Freiheit, die haben wir auch – weil unser letztes Ziel ja nicht in dieser Welt liegt. Unser letztes Ziel ist Gottes Stadt, sein ewiges Reich. Und unsere Hauptaufgabe als Gemeinde ist nicht, das war früher war, um jeden Preis lebendig zu erhalten – sondern unsere Hauptaufgabe als christliche Gemeinde ist: Menschen Mut zu machen, mit Jesus zu leben und mit ihm an der Seite nach vorne zu gehen. Damit sie in diese Stadt Gottes kommen. Christlicher Glaube ist immer viel mehr nach vorne ausgerichtet als nach hinten – weil Gott ein Gott ist, der immer noch etwas mit uns vor hat. Mit Jesus, bei Jesus haben wir eine lohnenswerte Zukunft vor uns. Darum können wir getrost das loslassen, was uns aus der Vergangenheit festhalten will.

Wir können mutig der Zukunft entgegen gehen. Da wartet Gott auf uns mit offenen Armen. Bei ihm dürfen wir dann bleiben bis in alle Ewigkeit. Amen.


        

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