Predigten April - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten April

Predigten > 2016

Vorstellungsgottesdienst der diesjährigen Konfirmandinnen und Konfirmanden

Bis  zum letzten Platz gefüllt war die Christus-Kirche, als die  Konfirmandinnen und Konfirmanden zu Van Halen’s „Jump“ in die Kirche  kamen und sich auf der Bühne aufstellten – ein imposanter Moment. Und  beeindruckend ging es weiter: Menschen wurden in Anspielen und einem  selbstgedrehten Film gezeigt, die im Vergleich mit anderen immer  schlecht abschnitten und damit gar nicht gut zurechtkamen. Ein Gefühl,  dass die meisten Menschen kennen dürften. Eckard von Hirschhausen  brachte uns dann mit seinem „Pinguin-Prinzip“ auf die richtige Spur:  besser, als an seinen Schwächen herumzudoktern ist es, seine Stärken zu  stärken. In verschiedenen Predigtimpulsen wurde klar, dass Gott jedem  von uns verschiedene Stärken mitgegeben hat – und diese zu erkennen und  zu stärken, darauf kommt es an. Einigen biblischen Beispielen dazu  folgte ein berührendes Interview mit Sven Raabe, der als Bestatter  arbeitet und damit „sein Wasser“ gefunden hat.  Nachdem die  Konfirmandinnen und Konfirmanden einzeln vorgestellt worden waren,  bekamen sie noch einmal tosenden Applaus als Anerkennung für ihre Mühe –  ebenso wie das „weltbeste Mitarbeiterteam“, bei dem Pastor Reimer sich  herzlich bedankte.

    
Joh 21, 15-19; Misericordias Domini; 10.04.2016

Liebe Gemeinde, ich weiß es noch so gut als wäre es erst vor kurzem passiert – dabei liegt es schon fast 50 Jahre zurück: ich war mit Ma und Pa und Oma bei meiner Tante Auti und ihrer Familie. Es war Sonntagnachmittag. Damals ging man einfach so auf Besuch – da wurde nicht vorher angerufen und gefragt: „Seid ihr zu Hause?“ Das ging gar nicht – wir hatten damals noch gar kein Telefon und meine Tante und mein Onkel auch nicht. Also waren wir mit unserem kleinen Goggo einfach so hingefahren. Tante Auti hatte vorsichtshalber Apfelkuchen gebacken – kunn ja wall een komen...  Und kaum waren wir da, ging die Tür auf und noch anderer Besuch kam. Kein Problem!  Langsam wurde es Abend und Tant‘ Auti sagte: ‚Jie kunnen wall al eem toe’t Eeten bliem’n!‘ Auch kein Problem!   Sie holte Schwarzbrot und Graubrot auf den Tisch, Butter und Käse und Aufschnitt – das, was sie so im Haus hatte, besonders üppig war das nicht, aber es sollte wohl reichen. Beim Aufschnitt lag eine einzige Scheibe Schinken – heel wat leckers, dor harr seker jeder Sinn an.  Ich weiß nun nicht, ob meine Mutter das Unheil kommen sah, aber vorsichtshalber schmierte sie selber mir eine Scheibe Brot und wollte gerade Käse drauftun. Aber noch ehe sie soweit war, sagte ich laut: ‚Geev mie man dat Stück Schinken!‘ De lüttjerste grippt nao dat leckerste. Peinlich! Meine Mutter kuckte mich ganz böse an und zu Hause habe ich dann meinen Segen bekommen – aber das war ein anderer Segen als der in der Kirche...

Es gibt ja so Dinge die man sagt oder tut, die sind nicht wirklich gut – im Gegenteil: die sind peinlich und man kriegt sie Jahre später noch aufs Brot geschmiert. Ich jedenfalls konnte mir jahrelang noch anhören, wenn wir wieder bei meinen Verwandten gegessen haben: „Geev mie man dat Stück Schinken!“
Es sind nicht immer solche Sachen, die ja nicht wirklich schlimm sind, sondern irgendwie auch lustig. Da gibt es auch ganz andere Kaliber: Sätze, die wir sagen und am liebsten gleich darauf wieder zurücknehmen würden. Dinge, die wir tun – und es dauert gar nicht lange, da wird uns klar: das war Mist! Und dann geht es los: ‚Harst du dat man nich seggt un harst du dat man nich daon!‘ Aber gesagt ist gesagt  und getan ist getan und man kann es nicht ungeschehen machen. Solche Momente, in denen man an sich selbst scheitert, solche Momente sind nicht schön.  Wenn’s gut geht, sind es Kleinigkeiten: eine Diät, die wir nicht durchhalten, oder dass wir uns fest vornehmen, dass wir mehr mit’m Rad fahren wollen und dann doch wie-der mit’m Auto unterwegs sind.  Ärgerlich, aber ja nicht schlimm in dem Sinne. Da gibt es ganz andere Dinge: da haben wir uns vielleicht einmal fest vorgenommen: So wie mei-ne Eltern mit mir umgegangen sind, werde ich meine Kinder niemals erziehen! Und dann stellen wir enttäuscht und resigniert fest, dass wir die gleichen Sätze unseren Kindern mitgeben und uns oft auch über jede Kleinigkeit aufregen. Wir haben uns vorgenommen, unseren Partner zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Zeiten. Und trotzdem kommen uns tausend Dinge in den Sinn, in denen wir lieblos, achtlos, vorwurfsvoll, selbstgerecht und nachtragend mit ihm umgegangen sind.  Wir hatten uns Ziele für unser Leben gesetzt – und heute sehen wir zurück und merken, dass wir an diesen Zielen gescheitert sind.
Das Wort „scheitern“ kommt aus der Seemanns-Sprache. Wenn ein Schiff auf Grund lief und auseinander zu brechen drohte, drohte es zu scheitern, zurück in die Holzscheite zu zerfallen. Wenn der Schiffsrumpf in seine Bestandteile, in die einzelnen Planken zerbrach, das nannte man scheitern.
Scheitern empfinden wir oft als schlimm, und darum würden wir es am liebsten vermeiden. Keiner versagt gerne! Versagen, scheitern hat etwas Endgültiges – wie so ein Satz, den man gesagt hat und nicht mehr zurücknehmen kann.
Weil sie nicht scheitern möchten, entwickeln manche Menschen eine richtige Strategie, um das Scheitern zu vermeiden. Mir fällt dazu jemand ein, der immer Angst davor hat, dass er sich vor anderen Menschen blamieren könnte: weil die anderen schönere Klamotten anhaben, oder weil sie ganz locker über alle möglichen Themen reden können, von denen er selber keine Ahnung hat, oder weil sie gekonnt mit ihrem Handy umgehen und er selbst  hat nicht mal eins. Und weil er diese Angst hat, dumm dazustehen, geht er einfach gar nicht weg, geht fast nie unter Menschen. Seine Strategie ist: wenn ich kei-ne Gelegenheiten habe, mich zu blamieren, dann blamiere ich mich auch nicht. Das geht so nach dem Motto: „Wer viel arbeitet, macht viele Fehler. Wer weniger arbeitet, macht weniger Fehler. Es soll Leute geben, die gar keine Fehler machen.“   Aber ob sie dabei wirklich glücklich sind...?  Da steckt etwas drin: ‚Wer keine Fehler macht, der arbeitet auch nicht.‘ Das heißt doch: wer nie das Scheitern riskiert, wird auch nie vorankommen. Anders gesagt: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.

Ich finde es so schade, dass ausgerechnet wir Christen trotzdem so oft Schwierigkeiten haben, mit Scheitern oder auch mit vermeintlichem Scheitern umzugehen – Beispiele dafür gibt es viele: Ein Gemeindeleiter, der Alkoholiker war, wurde fallengelassen wie eine heiße Kartoffel, als es rauskam.  Die Eltern, deren Sohn sich als homosexuell geoutet hatte, fühlten sich ziemlich hilflos, als sie kurz danach das erste Mal wieder in ihre Gemeinde gingen, weil  –zig Augenpaare auf sie gerichtet waren und viele hinter vorgehaltener Hand tuschelten. Und die junge Frau aus dem Chor, deren Mann wegen seines schlimmen Burnouts schon monatelang nicht mehr arbeitete, wird immer mal wieder dumm von der Seite angemacht.

Viel zu oft ist es gerade in der Gemeinde schwierig, Scheitern zuzugeben und damit umzugehen. Dabei ist die Bibel voll von Menschen, die gescheitert sind: Mose hat im Affekt einen Mord begangen und musste aus seiner Heimat fliehen. David hat schamlos Ehebruch begangen. Elia hatte ein Burnout. Jeremia war so verzweifelt, dass er daran dachte, sich das Leben zu nehmen.  Und Jona wurde jähzornig, weil Gott sich umstimmen ließ und die Stadt Ninive nicht zerstörte. Alles Menschen, die gescheitert sind! Aber mit genau diesen Menschen hat Gott Geschichte geschrieben. Trotz des Scheiterns.  Und heute will ich was dazu sagen, wie Jesus mit Scheitern umgeht und dazu lese ich zunächst aus Joh 21 die Verse 15-19:
Nachdem sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: ‚Simon ... liebst du mich mehr, als die hier mich lieben?‘ Petrus antwortete: ‚Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.‘ Jesus sagte zu ihm: ‚Sorge für meine Lämmer!‘ Ein zweites Mal sagte Jesus zu ihm: ‚Simon ... liebst du mich?‘  ‚Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe‘, antwortete er. Jesus sagte zu ihm: ‚Leite meine Schafe!‘ Ein drittes Mal fragte Jesus: ‚Simon... liebst du mich?‘   Petrus wurde traurig, weil er ihn ein drittes Mal fragte: ‚Liebst du mich?‘ Er sagte zu ihm: ‚Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe.‘ Jesus sagte zu ihm: ‚Sorge für meine Schafe! ... ...
Dann sagte Jesus zu ihm: »Komm, folge mir!‘

Petrus war der erste Jünger von Jesus. Er war es, der als Erster aussprach: „Du bist Christus, Sohn des lebendigen Gottes“. Er war es, der zum engsten Kreis um Jesus herum zählte. Er war dabei, als Jesus verherrlicht wurde und mit Mose und Elia auf dem Berg war.
Petrus war es, der auf dem Wasser ging, solange er seinen Blick auf Jesus richtete. Petrus war der Jünger Jesu. Vom Typ her war er ein Draufgänger, und scheitern kam für ihn nicht in Frage. Scheitern, Schwäche, Versagen – das passte nicht in sein Weltbild. Als Jesus angekün-digt hatte, dass er leiden würde, wollte Petrus ihn abhalten: „Das möge Gott verhüten, Herr; nie darf dir so etwas zustoßen!“ (Mt 16,22)  Petrus will nicht sehen, dass Jesus scheitert. Und er will immer für ihn da sein und, wenn es nötig ist, es verhindern, dass Jesus was passiert.
Jesus kannte seine Jünger durch und durch – besser, als sie sich selber kannten. Darum hatte er schon vorher gesagt, dass sie sich alle an ihm stoßen und ihn verlassen würden. Aber Petrus hatte vollmundig behauptet: „Selbst wenn alle anderen an dir irre werden - ich nicht.“ Und er setzte sogar noch einen drauf: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich werde ganz bestimmt zu dir halten!“ (Mk 14,29-31)   Und trotzdem war er gescheitert. Dreimal hat er beschworen, dass er Jesus gar nicht kennt! Und damit war Petrus ganz tief gefallen! Unbedingte Treue hatte er Jesus geschworen – und bei der erstbesten Gelegenheit hatte er sein Wort gebrochen. Versagt auf der ganzen Linie.
Wie mag es Petrus wohl gegangen sein in den Tagen danach? Was mag ihn das schlechte Gewissen wohl geplagt haben, als Jesus gestorben war. Und als er dann auferstanden war!  Am Ufer des See’s hatten Simon Petrus und ein paar andere Jünger ihn gesehen und erkannt. Jesus war ihnen erschienen, sie hatten mit ihm gegessen, er war wirklich auferstanden! Wie mag Petrus sich dabei wohl gefühlt haben? Er, den Jesus damals zum Menschenfischer berufen hatte. Er sollte seine Netze hinter sich lassen und Menschen das Reich Gottes verkünden. Und Jesus hatte ihm einen neuen Namen gegeben: Simon Petrus – der Fels!  Der Fels, das Fundament, auf dem Jesus seine Gemeinde bauen wollte!  Aber Petrus war jämmerlich gescheitert.  Nun war er wieder mit seinem Boot rausgefahren, um zu fischen – denn für Jesus war er ja wohl nicht mehr zu gebrauchen.  Was sollte Jesus wohl anderes zu seinem Scheitern sagen als: „Ich habe mich in dir getäuscht!“ Aber es kommt ganz anders! Nun steht Jesus ihm gegenüber und stellt ihm nur eine einzige Frage: „Liebst du mich?“

Warum eigentlich ausgerechnet diese Frage? Jesus könnte doch fragen: „Simon, bereust du, was du getan hast?“ Er könnte sagen: „Simon, wenn du dich jetzt wirklich anstrengst und mir beweist, dass du vertrauenswürdig bist, dann kannst du vielleicht wieder dabei sein.“ Oder: „Ich bin so enttäuscht von dir! Du hast mir alles Mögliche versprochen und nichts davon gehalten. Ich kann nichts mehr mit dir anfangen.“ Das sind Dinge, die wir vielleicht sagen würden. Aber Jesus ist ganz anders. Er ist anders als wir.  Jesus kann mit unserem Scheitern umgehen. Er geht damit so um, wie wir es nicht erwarten würden. Er stellt nicht das Scheitern in den Mittelpunkt, sondern etwas ganz anderes, er fragt: „Hast du mich lieb?“  
Und das verstehe ich so: Jesus will keine Ausreden und Entschuldigungen hören. Er will nicht, dass wir ihm beweisen, dass wir es das nächste Mal besser hinkriegen. Er will nicht, dass wir ihm versprechen, nie wieder zu scheitern; und er verlangt von uns keinen Nachweis, dass wir genügend bereut haben.  Jesus bringt unser Leben auf den wesentlichen Punkt, auf die eine Frage: „Hast du mich lieb?“  Petrus wird dreimal von Jesus gefragt: Hast du mich lieb? Und jedesmal antwortet er: „Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!“
Ich glaube, der Petrus, der hier antwortet, ist anders geworden als er noch vor ein paar Ta-gen war. Er ist nüchterner geworden. Er macht keine großen Versprechungen mehr, und
nimmt den Mund nicht mehr so voll. Ganz schlicht antwortet er: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“  Dreimal fragt Jesus ihn – so oft, wie Petrus ihn verleugnet hat. Dreimal antwortet Petrus: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!“ Und dann gibt Jesus ihm von neuem einen Auftrag: „Weide meine Lämmer!“  Jesus gibt Petrus den Auftrag, Hirte für seine Schafe zu sein, fortzuführen, was Jesus angefangen hat. Er stellt keine Bedingungen, keine Auflagen, keine Erinnerungen, keine Verwarnungen. Nur die Frage: „Hast du mich lieb? Jesus genügt das – damals bei Petrus und heute bei uns! Er fragt nicht danach, ob unsere Theologie bis ins letzte bisschen korrekt ist. Jesus fragt nicht danach, ob wir ein lupenreines Leben führen.   Jesus fragt, ob wir ihn lieb haben. Das reicht ihm, um uns in den Dienst zu nehmen. Es reicht ihm völlig aus, wenn wir ihn lieb haben. So wie du, wie ich. Nein, Glaubenshelden sind wir sicher nicht – ihr nicht, und ich auch nicht. Was scheitern bedeutet, das wissen wir – der eine mehr, der andere weniger. Und dass wir manchmal so tun, als würden wir Jesus gar nicht kennen, das kenne ich jedenfalls von mir selber auch. Und trotzdem reicht Jesus es, wenn wir ihm sagen, dass wir ihn lieb haben. Dann kann er was mit uns anfangen! Obwohl wir so sind, wie wir sind. Mit uns –mit euch und mit mir- baut er seine Gemeinde hier in unserer Gegend! Uns traut er zu, dass wir andere Menschen mit ihm in Kontakt bringen. Auf ganz unterschiedliche Art und Weise – jede und seiner mit seiner besonderen Begabung. Obwohl vielleicht manches in unserem Leben zerbrochen ist und obwohl wir genau wissen, woran wir gescheitert sind und obwohl wir sicher auch in Zukunft an manchem scheitern werden. Und wenn es für uns auch manchmal schwer ist, mit unserem Scheitern umzugehen – Jesus kann das! Dietrich Bonhoeffer hat es mit den folgenden Worten auf den Punkt gebracht: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Gut-taten. (...) In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ In diesem Sinne: habt eine gute neue Woche! Gott segne Euch – Amen!

 

 
          

 
    
Predigt über Johannes 20, 19-29; Quasimodogeniti; 03.04.2016

 
Liebe Gemeinde, wenn jemand aus dem engsten Freundes- oder Familienkreis stirbt, dann ist es oft so, dass man innerlich wie ausgebrannt ist. Oft ist man mit den Gedanken woanders – und manchmal kann man auch gar nichts denken. Dann wieder ist man in Gedanken bei den Dingen, die man zusammen erlebt hat – und im nächsten Moment fällt einem ein, dass man in Zukunft nichts mehr miteinander erleben wird. Die Zeit unmittelbar nach einer Beerdigung erleben viele Menschen als eine sehr belastende und quälende Zeit.  So ging das auch den Jüngern von Jesus damals. So viel hatten sie mit ihm erlebt – und nun war er tot! Und als wenn das noch nicht schlimm genug wäre – sogar sein Leichnam ist weg! Ein paar Frauen waren zu seinem Grab gegangen - aber es war leer. Die Frauen hatten dann was erzählt von Engeln, die ihnen gesagt hätten, Jesus wäre gar nicht mehr tot, sondern er sei auferstanden - aber das konnten die Jünger nicht so wirklich glauben – wahrscheinlich waren die Mädels einfach’n bisschen überdreht und hysterisch.  Nein - Jesus war tot! Und darum konnten sie alle ihre Hoffnungen begraben. So war es - und darum schlossen sich die Jünger ein. Licht aus, Türen zu, Fenster dicht. Da hocken sie nun hinter verschlossenen Türen - draußen ist das Leben - aber innen, bei ihnen, da ist der Tod. Sie haben keinen Mut mehr.  Da "kam Jesus und trat in ihre Mitte und sagte: 'Friede sei mit euch!' Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen." Mit so wenigen Worten erzählt die Bibel, wie sich das Blatt für die Jünger wendete. Sie hatten überhaupt nicht mehr mit Jesus gerechnet - und plötzlich kommt er zu ihnen und lässt sie erkennen: Ich lebe!

 
Einer der Jünger war an diesem Abend nicht dabei, Thomas. Der hatte ganz besonders an Jesus gehangen. Und darum war er von seinem Tod auch ganz besonders betroffen. Er war so richtig zusammengeklappt und wollte keinen mehr sehen, mit keinem mehr reden; er wollte alleine sein mit seinen Gedanken.  Ich kenne viele Menschen, denen es nicht viel anders geht als Thomas. Die in sich gar keine richtige Kraft mehr haben, damit sie ihr Leben anpacken. Weil sie ausgepowert sind. Weil ihnen irgendwelche Dinge die Kraft richtig aussaugen. Und die Frage ist ja: woher kriegen wir neue Kraft?  Woher kann Thomas neue Kraft und neuen Mut bekommen und woher bekommen wir sie, wenn wir drauf angewiesen sind? Im Bibelabschnitt für heute hören wir: wir kriegen sie durch den Glauben an den auferstandenen Jesus!

 
Damit das etwas deutlicher wird, will ich jetzt die Geschichte von Thomas weitererzählen. Thomas hat sich also zurückgezogen. Nun ist das einige Tage her und dann rafft er sich auf und denkt: Sieh man eben zu, kannst wohl eben bei den anderen Jüngern reinkucken! Und dann geht er hin - und kann überhaupt nicht verstehen, warum die plötzlich so völlig aus dem Häuschen sind. Kaum tritt Thomas in die gute Stube, reden sie durcheinander auf ihn ein: "Mann, du hast was verpasst! Wir haben Besuch gehabt - du kannst nicht raten, von wem! Jesus ist hier gewesen. Hörst du, Thomas, Jesus lebt! Genau da, wo du jetzt stehst, da hat er gestanden. Hier - in diesem Zimmer - wir haben ihn gesehen und gehört - mit unseren eigenen Augen und Ohren!"  Thomas winkt nur ab: "Ihr spinnt! Ihr seid überkandidelt! Ich lass mich nicht von euch verrückt machen. Ich glaube nur das, was ich sehe. Für mich zählen nur Tatsachen. Und Tatsache ist: Jesus ist tot - das habe ich gesehen!" Und dann, nach einem kurzen Moment, sagt Thomas: "Das wäre was anderes, wenn ich Jesus selber sehen könnte; wenn ich ihn mit meiner eigenen Hand anfassen könnte. Solange das nicht ist, kann ich nicht glauben, was ihr mir da erzählen wollt!"
Thomas will Klarheit haben. Er will wissen: stimmt das nun mit Jesus oder stimmt das nicht? Gerade weil Jesus für ihn der Lebensinhalt war, will er jetzt genau wissen: Ist das wahr, dass Jesus lebt - oder ist das nicht wahr? Aber blind glauben, das kann Thomas nicht! Und kein Mensch verlangt von ihm und auch nicht von uns, dass wir blind glauben müssen, dass Jesus lebt!  Aber wenn es dich ehrlich interessiert, dann musst du  -genauso wie Thomas-  die Sache testen! Und zwar so, wie jeder vernünftige Mensch einen Test macht, wenn er rauskriegen will, ob etwas stimmt oder nicht. Das ist wie mit Käse! Wenn in der Zeitung Werbung gemacht wird für eine neue Käsesorte – nur 3% Fett, aber mit vollem Geschmack-  dann glaube ich das doch nicht einfach, nur weil das in der Zeitung steht.  Die können viel schreiben – und Käse mit 3% Fett, das schmeckt normalerweise wie’n Pappkarton. Aber um mich zu überzeugen, werde ich an die Käsetheke gehen und mir’n Stück abschneiden lassen und es probieren. Erst dann weiß ich wirklich, ob der Käse mir schmeckt oder nicht. Und wenn nun einer sagt: "Jesus lebt!" – und da will jemand wissen, ob das denn auch wirklich stimmt, dann muss er dahin gehen, wo Jesus ist! In die Gemeinde, in die Kirche. Dorthin, wo man Jesu Wort hört. Denn er hat selbst gesagt: "Wo zwei oder drei zusammen sind in meinem Namen, da bin ich!“

 
Um zu testen, ob an der Auferstehung Jesu was dran ist, hilft es also nicht, z.B. am Sonn-tagvormittag im Wald spazieren zu gehen, so nach dem Motto: Ich habe meinen Gottesdienst in der Natur! Natürlich, ein Spaziergang im Wald kann etwas Erhebendes haben. Genauso wie der Blick bei klarer Sicht in den Sternenhimmel oder wenn man am Strand die Wellen hört. Das kann wunderschön sein. Und das ist ganz sicher auch ein Hinweis auf den Schöpfer. Ein Hinweis auf seine Größe und darauf, wie genial er seine Schöpfung hingekriegt hat. Aber trotzdem: ein Spaziergang im Wald, der Blick ins Firmament, das Rauschen der Wellen am Strand – das ist nicht der Ort, an dem Jesus sich offenbart, sich zeigt. Denn Jesus hat nicht gesagt: Ich bin im Wald oder im Sternenhimmel oder am Strand, sondern: Wo zwei oder drei in meinem Namen sind, da bin ich!   Die anderen Jünger waren beieinander, und Jesus war ihnen erschienen. Aber Thomas war nicht bei ihnen. Er hatte sich zurückgezogen. Aber dann besinnt er sich doch noch! Er will den Jesus-Test machen. Und dazu kehrt er noch einmal in den Kreis der Jünger zurück. Trotz seiner Zweifel, und mit seinen Zweifeln. ...Mal sehn, mal testen...!  Erst geschieht überhaupt nichts. So wie bei uns oft auch. Da kommen Leute vielleicht öfter zur Kirche, weil jemand ihnen gesagt hat: vielleicht hilft dir das bei deinen Problemen! Und sie kommen tatsächlich - vier Sonntage hintereinander, fünf Sonntage. Und nichts passiert! Und dann bleiben sie vielleicht wieder weg. Sie denken: "Es kommt doch sowieso nichts bei raus, ob ich da nun hingehe oder nicht!"  Thomas denkt vielleicht auch so - aber trotzdem geht er noch mal wieder zu den andern, einen Sonntag später. Wieder sitzen sie nun bei geschlossenen Türen beieinander. Und dann lesen wir:  "Da kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: 'Friede sei mit euch!' Danach spricht er zu Thomas: 'Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!'  Wie überrascht muss Thomas wohl sein, als
der Auferstandene sich ihm ganz persönlich zuwendet. Er spricht Thomas auf seine Zweifel an, bevor der überhaupt zu Wort gekommen ist. Zwei Dinge finde ich hieran ganz wichtig:  Erstens: Thomas hat nicht aufgegeben! Er ist weiterhin in die Gemeinde gekommen. Und da erlebt er die Wende seines Lebens.  Zweitens: Jesus verurteilt Thomas nicht wegen seines Unglaubens! Er sagt nicht: „Thomas, was hast du aber auch einen schwachen Glauben!“, oder: „Wo warst du denn letzten Sonntag?“ Kein Wort davon! Mehr noch: Jesus kennt den Zweifel schon, bevor Thomas überhaupt den Mund aufmacht! Und er hält sie aus! Er kann das aushalten, wenn wir zweifeln. Er wird nicht gleich nervös, wenn wir mal einen Zweifel äu
ßern. Und er beantragt nicht gleich ein himmlisches Disziplinarverfahren wegen Unglaubens.
Und wenn hier heute Vormittag vielleicht jemand voller Zweifel unter uns sitzt, dann möchte in Jesu Auftrag demjenigen als erstes sagen: Du brauchst dich wegen deines Zweifels nicht zu schämen! Wenn du zweifelst  -so wie Thomas-  dann bist du der Wahrheit schon ganz nahe! Zweifel sind normal! Martin Luther hat es so gesagt: Wo kein Zweifel ist – da ist kein Glaube!  

 
Da steht nun Thomas – und Jesus ihm gegenüber. Und er sagt zu Thomas: Komm ruhig näher. Du darfst mich erfahren, mich anfassen. Überzeuge dich! Es steht hier nicht, ob Thomas ihn dann wirklich angefasst hat - da steht nur, dass Thomas antwortet: "Mein Herr und mein Gott!" Und damit, in diesem Augenblick, ist aus dem zweifelnden Thomas ein Thomas geworden, der wieder auf Jesus vertrauen kann. Nicht, weil Thomas plötzlich so viel Glaubenskraft hatte – sondern weil Jesus ihn angesprochen hat. Und das passiert bis heute hin. Dass Menschen von einem Wort Gottes getroffen und berührt werden. Dass sie im Gottesdienst sitzen und mit einem Mal merken: Jetzt bin ich gemeint. Jetzt geht es genau um mein Lebensthema. Thomas erlebt so einen Moment: dass Jesus in sein Innerstes schaut und dass es dem Thomas dann klar wird: Jesus lebt! Und so wird aus dem zweifelnden Thomas nun jemand, der Jesus vertraut. Jesus vertrauen, das ist ‚glauben‘. Solcher Glaube wächst in der Gemeinde  -und nur dort-, denn da ist Jesus. Da ist der Auferstandene! Da will er sich uns zu erkennen geben. Darum: bleibe in der Gemeinde, bleibe bei den Jüngern, bleibe oder komme zurück - auch wenn du zweifelst! Solche Menschen sind Jesus besonders wichtig! Amen.
          

 
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