Predigten August - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten August

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Diamantene Konfirmation 2016

Hier finden Sie Bilder von der Diamantenen Konfirmation
ZUR AUDIOPREDIGT

    
Predigt über Lukas 18, 9-14; 11. Sonntag nach Trinitatis; 07.08.2016

 
Liebe Gemeinde, Angelika hat uns den Predigttext für heute schon gelesen -  vom Pharisäer und dem Zöllner. Beide gehen in den Tempel, um zu beten. Der Pharisäer stellt sich vorne hin und dankt Gott dafür, dass er nicht so ist wie ‚die andern‘.   Und der Zöllner, der bleibt ganz hinten im Tempel und macht gar keine großen Worte, der sagt nur: ‚Gott, sei mir Sün-
der gnädig!‘  Zwei grundverschiedene Menschen und zwei grundverschiedene Gebete.   
Nun will ich mal fragen: wen von den beiden Männern findet ihr so auf Anhieb sympathischer?  Dazu machen wir jetzt mal ’ne kleine Abstimmung. Wer findet den Zöllner sympathischer?  Finger hoch...   Und nun: wer findet den Pharisäer sympathischer?   Finger... / Ergebnis: 1 für den Pharisäer, alle anderen (ca. 100) für den Zöllner.

 
Ich glaube, vielen geht es so. Sie denken: der Zöllner ist der ‚Gute‘, und der Pharisäer
mit seiner Heuchelei der ‚Böse‘. Immerhin hat er damit sogar Eingang in die Getränkekarten bekommen. Ein ‚Pharisäer‘ ist ja ein Kaffee mit’m ordentlichen Schuss Rum drin. Es wird erzählt, dass er von Frauen erfunden wurde, die sich gerne einen antickerten. Aber wenn der Pastor zu Besuch kam, sollte der das natürlich nicht merken, er sollte denken, dass nur Kaffee in der Tasse ist. Und in seiner Tasse war das auch so – aber die Frauen hatten einen echten Pharisäer: nach außen hin war es etwas anderes als in Wirklichkeit  Und darum über-
rascht es auch nicht, welches Urteil Jesus am Ende abgibt. Es ist klar, dass er sagt: ‚Der Zöllner ist von Gott angenommen, aber der Pharisäer, der ist nicht angenommen.‘  
Wir ahnen vielleicht schon: da ist bestimmt ein Haken bei! Das ist ja oft so, wenn Jesus etwas erzählt. Meistens kommt dabei was anderes raus, als man erstmal denkt. Eem kieken...

 
Ich behaupte: in den meisten von uns steckt eine ordentliche Portion von diesem Pharisäer! Und das ist gut! Pharisäer sein, das ist erst mal gut! Pharisäer, das sind damals Menschen, die ihren Glauben wirklich ernst nehmen. Die nicht mit einem Wischi-Waschi-Glauben zufrieden sind. Und auch nicht mit einem Wischi-Waschi-Leben. Sie sehen zu, dass sie möglichst sauber durchs Leben kommen. Sie bleiben keinem etwas schuldig, und was sie zusagen, darauf kann man sich verlassen.  Und das ist doch gut! Und wenn ich euch jetzt ankucke, liebe Gemeinde, dann sehe ich Menschen, die das auch wollen. Die auch anständig leben. Auf die man sich verlassen kann. Die keinem etwas schuldig bleiben möchten. Die meisten von euch würden sich zu Tode schämen, wenn die Leute irgendwie mit dem Finger auf euch zeigen und schlecht von euch reden würden. Ihr gehört zu denen, von denen man gut spricht und die sich sehen lassen können. Genau wie die Pharisäer damals.  Und das gilt auch für den Glauben. Die Pharisäer leiden darunter, dass viele gar nicht mehr nach Gott fragen. Dass sie das, was für ihre Eltern und Großeltern wichtig war, kaum noch interessiert. Die Pharisäer sind überzeugt: das, was wir über Gott gelernt haben, das müssen wir bewahren. Und die Gebote, die müssen wir halten. Und das, was Gott durch sein Wort sagt, darauf müssen wir hören. Und wer das nicht tut und wer sich nicht an Gottes Gebote hält, ja, an dem kann Gott kein Gefallen haben! Wer Gott gefallen möchte, der muss untadelig sein. Und weil die Pharisäer Gott gefallen möchten, setzen sie sich für ihren Glauben ein. Gemütlich im Bett liegen bleiben zur Kirchzeit – das gibt es nicht! Und wenn im Tempelchor ein Probentermin angesetzt ist, dann zu sagen: ‚Heute ist so schönes Wetter, heute geh‘ ich nicht singen, heute setz‘ ich mich gemütlich auf die Terrasse!‘, das gibt’s auch nicht! Und wenn der Tempelvorstand sagt: ‚Wir bitten euch um eine Spende für unsere Gemeinde!‘, dann kommt es ihnen auf einen Hunderter mehr oder weniger nicht an. Und wenn ich euch jetzt noch mal ankucke, liebe Gemeinde, dann sehe ich Viele, bei denen das auch so ist! Die sich engagieren und ihren Glauben verbindlich leben möchten und die dafür manches auf sich nehmen.  Und es ist doch ein Segen, dass das so ist.  Ganz anders beim Zöllner. Ein Zöllner damals hat absolut nichts zu tun mit den korrekten Zollbeamten, die wir aus unserer Zeit kennen – wenn wir in den Urlaub fliegen und am Flughafen einchecken.  Zöllner hatten damals einen schlechten Ruf und wurden verachtet. Das lag daran, dass sie mit den Römern zusammenarbeiteten. Im Auftrag des verhassten römischen Kaisers trieben
sie die Steuern ein. Dafür gab es zwar vorgeschriebene Sätze – aber daran hielten sie sich nicht. Sie setzten selber die Höhe fest, und natürlich sahen sie zu, dass sie dabei einen guten Schnitt machen. Die Zöllner damals waren korrupt. Sie lebten mit Halbheiten und Halbwahrheiten und faulen Kompromissen. Darum waren sie erpressbar und vor Gericht nicht als Zeugen zugelassen. Wie war das vorhin bei der Abstimmung noch mal? Ist euch der Zöllner immer noch sympathischer? Möchtest du wirklich so einer sein? Auf den alle ordentlichen Leute mit Fingern zeigen? Möchtest du so einer sein? Wenn du in die Kirche gehst, dass die Leute anfangen zu tuscheln? „Wat will de hier dann?!“  

 
Vorhin habe ich gesagt: In den meisten von uns steckt eine gute Portion von dem Pharisäer – und wie ich das meine, habe ich erklärt. Jetzt behaupte ich: in den meisten von uns steckt auch eine gute Portion von dem Zöllner!  Wenn ich in den Spiegel kucke, dann sehe ich einen ‚Zöllner‘. Und wenn ich so um mich zukucke, dann sehe ich viele ‚Zöllner‘.  Oder sind hier wirklich nur Menschen, die noch nie einen andern verletzt haben? Mit unbedachten Worten zum Beispiel. Ich jedenfalls kann mich an so einige Stellen in meinem Leben erinnern, wo ich gedacht habe: ‚Hättest du das man nicht gesagt!‘  Oder: ‚Hättest du dich an der und der Stelle man besser im Griff gehabt!‘  Oder vielleicht fällt es jetzt jemandem ein, wie das vor’n paar Monaten mit dem Fernseher war. Der war kaputt gegangen, war ja auch schon nicht mehr das neueste Modell. Und dann hat es zwei, drei Tage später ’n bisschen geblitzt und gedonnert. Und dann kam der Gedanke: Ich zahl immer in die Versicherung ein, jetzt könnte ich doch auch mal wieder was rauskriegen... Und drei Tage später hatte man den Scheck in der Hand. Und wie ist das so, wenn man so schön gemütlich beieinander sitzt? Über was wird am meisten geredet? Wenn wir das Wetter durchhaben, dann wird ja meistens über andere Leute geredet. Und wir erzählen dann meist nicht das, was sie für gute Seiten haben und wie nett sie sind, sondern was sie sich nun wieder für ’ne Schweinerei erlaubt haben und dass sie den Garten auch ja nicht schön in Ordnung haben. Und wenn wir schon mit unseren Worten  Müll produzieren, was dann erst in unseren Gedanken?!
Liebe Gemeinde, bitte versteht mich nicht falsch: wir sind keine Kriminellen und keine bösen Menschen. Aber wir kommen oft genug in die Lage, dass wir uns die Hände schmutzig machen und die Zunge verbrennen. Dass wir faule Kompromisse eingehen und oft haben wir uns daran gewöhnt, mit Halbwahrheiten zu leben. Und so gesehen sind wir eben keine Pharisäer.

 
Ja, die Pharisäer haben vorbildlich gelebt. Aber wisst ihr auch, warum? Warum sie das konnten?  Das Wort ‚Pharisäer‘ bedeutet ‚Abgesonderter‘. Sie sonderten sich ab von anderen Menschen und vom normalen Leben. Sie blieben unter sich und ließen möglichst nichts von dem an sich herankommen, was das Leben so mit sich bringt an Gefährdungen und Versuchungen.  Es mag ja wohl welche unter uns geben, die das auch hinkriegen. Ich nicht!  Manchmal liegt es schon an der Umgebung. Beispiel: Wenn wir mit der Familienfreizeit unterwegs waren in den letzten Jahren, dann haben wir vor dem Essen immer gebetet und oft auch miteinander ein Lied gesungen. In kirchlichen Häusern ist das ganz normal – da kuckt keiner irgendwie, warum man betet oder singt. Im Gegenteil, da würde man vielleicht komisch angekuckt, wenn man als eine Gruppe von der Kirche nicht betet. Aber als wir mal in einem ganz normalen kleinen Hotel waren, da hat der Wirt sich das’n paar Tage angekuckt – und dann hat er mich gefragt: ‚Sag mal, zu was für einer Sekte gehört ihr eigentlich?‘ Dass wir öffentlich gebetet haben, das kam ihm spanisch vor. Wir haben das trotzdem weitergemacht – aber ich habe gemerkt: da gehört schon was zu! Und in meinem ganz normalen Alltag kommt es oft genug vor, dass ich mich nicht absondern kann wie damals die Pharisäer. Und darum ist es gar nicht so einfach, immer den geraden Weg zu gehen.   Mein Weg ist öfter als mir lieb ist mehr so ein Zick-Zack-Weg, mal mehr, mal weniger.  So meine ich das, wenn ich sage: in jedem von uns steckt auch eine gute Portion ‚Zöllner‘. Wir sind bei-
des: Pharisäer und Zöllner. Wir haben von beidem etwas in uns, und mal kommt das eine
mehr durch und mal das andere. Genau das will Jesus uns zeigen.

 
Die Frage ist ja: wie kann es trotzdem so kommen, dass es auch von uns heißt: „Gott hat dich angenommen!“ Die Antwort finden wir, wenn wir uns ankucken, wie die beiden Männer vor Gott stehen und wie sie mit ihm reden. Der Pharisäer ist gut mit sich zufrieden. Er weiß, dass er Gott viel Gutes präsentieren kann. Und das tut er dann auch und er ist stolz auf das, was er ist und tut. Und im Grunde genommen wartet er darauf, dass Gott ihm auf die Schulter klopft und ihn bewundert und sagt: „Du bist wirklich super! Du bist mein bestes Pferd im Stall!“ Beim Zöllner ist das anders. Für ihn ist der Gang zum Tempel kein Triumphzug, sondern eher so ein Gang nach Canossa. Er weiß, dass er Gott so einiges schuldig bleibt und dass es Dinge gibt, die zwischen Gott und ihm stehen. Und darum stellt er sich auch ganz hinten hin und bittet Gott nur ganz schlicht und ergreifend um Gnade. Und gerade von ihm sagt Jesus: Er ging hinab als jemand, von dem Gott sagt: Ich nehme dich an, du gehört zu mir! Er, und nicht der Pharisäer! Den schließt Jesus vom Kontakt mit Gott aus. Woran liegt das?  Der Zöllner ist nicht darum der Gute, weil er unseriös ist. Sondern Jesus lobt ihn darum, weil er seine Lage vor Gott richtig einschätzt und offen ist für die Vergebung Gottes.   Und der Pharisäer ist nicht darum der Böse, weil er fromm ist und seinen Alltag mit Gott leben möchte. Sondern Jesus tadelt ihn, weil er so selbstgerecht ist. Er weiß nicht mehr, dass er die Gnade Gottes braucht. Er sieht sich nicht als Menschen, der mit leeren Händen vor Gott steht. Und er kuckt auf andere Menschen runter – so, als seien sie weniger wert.

 
Unser Leben kann man mit einem Kochtopf vergleichen. Bei einem Topf gibt es zwei Möglichkeiten: entweder er ist mit einem Deckel verschlossen, oder er ist offen. Und wenn wir die beiden Töpfe den Personen zuordnen, dann ist der geschlossene Topf der Pharisäer und der offene Topf der Zöllner.  In jedem dieser beiden Töpfe sind verschiedene Gedanken und Sätze, die wir uns ankucken wollen: In dem geschlossenen Topf, dem des Pharisäers, finden wir:  Ich bin mir meiner Verdienste bewusst, denn ich gehe ja öfters in die Kirche. Ich bin mit mir selbst zufrieden, denn ich spende ja regelmäßig für die Kirche. Ich halte mich selbst für gerecht, denn ich tue recht und scheue niemand und lebe ordentlich und solide. Kurz gesagt: Ich bin in Ordnung! Das ist das Pharisäer-Denken. Wer so denkt, ist wie so ein verschlossener Topf. Nicht aufnahmebereit. Der Deckel ist zu.
In dem offenen Topf, dem des Zöllners, finden wir folgende Gedanken und Sätze:  Ich weiß wohl, dass ich zu bequem und zu träge war, am Sonntag zur Kirche zu gehen. Ich weiß wohl, dass ich dummes Zeug über andere weitererzählt habe. Ich muss gestehen, dass ich ganz schön ungerecht war. Kurz gesagt: Ich bin nicht in Ordnung!  Der Zöllner leidet unter dem, was er Gott schuldig geblieben ist. Und er öffnet sich für Gottes Zuwendung und Hilfe. Und er merkt: Gottes Herz steht für alle offen, die so zu ihm kommen. Die erkennen und anerkennen, dass sie mit leeren Händen vor ihm stehen und sich seinem Urteil unterstellen.

 
Wir sehen nun wohl, was für unterschiedliche Dinge in dem offenen und in dem geschlossenen Topf liegen. Aber den größten Unterschied habe ich noch gar nicht angesprochen: bei dem offenen Topf kann Gott die Dinge austauschen. Gott nimmt deine Schuld heraus und legt seine guten Gaben hinein. Das geht natürlich nur bei dem offenen Topf, bei dem geschlossenen Topf kann Gott keine Dinge austauschen. Er kann wohl dafür sorgen, dass aus einem verschlossenen ein offener Topf wird, aber das ist ein anderes Thema. Schauen wir uns jetzt mal an, was Gott in den offenen Topf hineinlegt.  Zuerst sagt er:  ‚Ich hab’ dich lieb! Obwohl manches bei dir nicht in Ordnung ist. Und wenn du in Verbindung mit mir lebst, dann wirst du dich nicht einfach mit dem abfinden, was nicht in Ordnung ist. Dann wirst du nach und nach anfangen, dass bestimmte Dinge besser werden.
Dann wirst du nicht mehr jeden Quatsch über andere weitererzählen und du wirst dir den neuen Fernseher nicht einfach von der Versicherung bezahlen lassen, wenn’s denn nicht wirklich ein Gewitterschaden ist. ‘  So oder so ähnlich wird Gott anfangen, böse, dunkle Dinge aus dem Topf rauszunehmen und durch bessere zu ersetzen. Dass wir Fehler zugeben und auch anderen vergeben können. Die Bibel und die christliche Tradition nennen diesen Vorgang Heiligung. Ich glaube, Gott hat da eine schwere Aufgabe vor sich, aber er kann das schaffen, wenn wir ihn dabei auch unterstützen.

 
Es ist nicht so, dass wir alle wie der Zöllner kräftig drauflos sündigen sollen. Und wir sollen uns auch nicht wie der Pharisäer von der Welt absondern – das können wir auch gar nicht. Es kann sein, dass ich schon morgen wieder in denselben Fehler verfalle, unter dem ich erst heute gelitten habe. Davor sind wir nicht sicher! Aber wenn dieser Zöllner ‚gerecht gemacht‘ wieder nach Hause gehen darf, dann habt Ihr und ich auch die Chance dazu! Darum: nimm deinen Deckel vom Topf und bringe deine Bedürftigkeit zu Gott, damit er deinen Topf des Lebens von Schuld leer machen und mit seiner Liebe, Gnade und Barmherzigkeit voll machen kann. Amen.

 

 

 
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