Predigten Juli - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Juli

Predigten > 2018
  

Predigt über Philipper 3, 7-11; 9. Sonntag nach Trinitatis; 29.07.2018

 
Liebe Gemeinde, es gibt so Tage, da ziehen wir Bilanz. Der runde Geburtstag ist so eine Gelegenheit oder auch ein besonderer Hochzeitstag. Da blickt man zurück und überlegt: wie waren die vergangenen Jahre? Was ist gelungen? Was ist nicht gelungen? Welche Ziele habe ich erreicht -  und welche noch nicht? Der Predigttext für heute führt uns auch in so eine Bilanz hinein - es ist die vorläufige Lebensbilanz des Apostels Paulus. Hören wir seine Worte:  „Alles, was mir früher als großer Vorzug erschien, habe ich durch Christus als Nachteil und Schaden erkannt. Ich betrachte überhaupt alles andere als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur
noch Christus besitzt für mich einen Wert. Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen. Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben. ...“  

 
Paulus zieht Bilanz. Und er findet harte Worte: „Dreck war mein Leben, Mist.“ Und Paulus stellt fest: das, worauf ich früher wahnsinnig stolz war, das ist mir jetzt überhaupt nicht mehr wichtig. Etwas anderes ist für mich viel wichtiger geworden! Und nun lasst uns mal kucken: was bringt ihn zu diesem harten Urteil über sein bisheriges Leben? Er hat ja im Grunde genommen ein Bilderbuch-Leben geführt und einen Lebenslauf vorzuweisen, der gar nicht solider sein könnte: Er kommt aus bester Familie und seine Eltern haben ihm eine exzellente Ausbildung ermöglicht - das Beste, was es damals gab. Paulus wusste, was sich gehört und er führte ein grundanständiges Leben. Er war aufgestiegen in eine der Schichten, die hohes Ansehen genoss. Er beeinflusste das gesellschaftliche Leben ganz entscheidend mit und er setzte sich mit ganzer Kraft für seine Aufgaben ein. Er machte es sich nicht leicht und verlangte nichts von anderen, was er nicht selber auch geben wollte - und darum nahm er es mit den religiösen Vorschriften und den Geboten mehr als genau. Seine Leistungsbereitschaft war vorbildlich. Er gönnte sich keine Ruhe und ließ sich selber nichts durchgehen.

 
Wenn ich mir diesen Paulus so vorstelle, dann muss ich an Menschen denken, die sich auch immer ganz viel Mühe machen. Sie sind immer zu Gange und nichts wird ihnen zu viel - auf der Arbeit oder im Haushalt, oft in beidem. Und wenn die eigentliche Arbeit vorbei ist, geht es in den Garten oder das Handarbeitszeug wird hervorgeholt oder die Fenster werden noch schön dekoriert. Vielleicht machen sie auch mit beim Arbeitseinsatz in ihrem Verein, ringen auf einer Parteiversammlung oder Ratssitzung um nötige Beschlüsse oder engagieren sich als Elternvertreter in der Schule.  Wenn andere mal halblang machen und ganz relaxt mit der Angel am Kanal sitzen - da legen sie noch mal so richtig los und gönnen sich keine Ruhe.
Und ich will es einmal ganz deutlich sagen: dass Einzelne sich so einsetzen, davon profitieren wir alle!  Wenn alle nur noch das machen würden, was sie unbedingt müssen - dann wären wir arm dran. Dann würde in mancher Familie wohl Essen und Trinken auf den Tisch kommen, aber es wäre nicht so schön gemütlich - weil das nämlich mit zusätzlicher Arbeit verbunden ist, das Haus, die einzelnen Räume liebevoll zu gestalten. Wenn einzelne Menschen sich nicht über das normale Maß einsetzen würden für ihren Verein, in ihrer Par-tei oder in der Feuerwehr - dann würden viele Dinge gar nicht möglich sein. Dann hätten wir auf Spetz kein Dorfgemeinschaftshaus und wir würden nicht Jahr für Jahr das Feuerwehrfest feiern und unsere Friedhöfe wären nicht in einem so guten, würdigen Zustand!
Und wenn wir hier in unserer Gemeinde nicht Menschen hätten, die nicht auf die Stunden kucken und die nicht danach fragen, ob sie bei der Arbeit in Schweiß kommen - dann müssten die Kirchenvorsteher Tische und Stühle selber schleppen, den Rasen selber mähen oder die Kirche zwei Mal die Woche selber putzen.  Keine Frage und kein Zweifel: wir alle profitieren davon, dass einzelne Menschen sich mehr als andere ein-setzen, sich tüchtig ins Zeug legen und auch dann noch etwas tun, wenn andere sich Ruhe gönnen.  Oft sind das Menschen, die von ihrem Typ her so veranlagt sind. Sie fühlen sich wohl, wenn sie etwas machen können. Sie haben ihre Freude daran und empfinden das dann gar nicht so richtig als Arbeit, die sie belastet. Viel mehr würde es sie belasten, wenn sie mit Gewalt einen Gang zurückschalten müssten. Und wenn solche Menschen, die sich am wohlsten fühlen, wenn sie auf vollen Touren laufen, wenn solche Menschen das dann noch für andere einsetzen, dann ist das oft ein echter Segen, für den wir nur dankbar sein können!  Und so hat auch Paulus in seinem bisherigen Leben viel getan, wovon andere profitiert haben, was ihr Leben bereichert hat und was das Miteinander vorangebracht hat. Und diese Dinge an sich sind auch nicht der Grund, dass er diese Seite seines Lebens jetzt so hart beurteilt: alles Mist gewesen!  Es ist etwas anderes - Paulus ist klar geworden: manchmal steckt hinter unserem ganzen Fleiß noch etwas anderes dahinter als nur, dass wir vom Typ her so sind oder dass wir unsere Freude daran haben. Manchmal steckt die Angst dahinter, dass wir sonst nicht anerkannt werden! Dass wir sonst nicht geliebt werden! Dass wir sonst nichts wert sind! Dass wir nicht geachtet werden, wenn wir nicht so viel tun.  Und manche haben genau das seit ihrer frühesten Kindheit vermittelt bekommen: nur wenn ich etwas Bestimmtes tue, bin ich ein liebes Kind! Nur wenn ich mich so verhalte, wie meine Eltern das wollen, bin ich „lieb“. Wenn man tüchtig mitgeholfen hat, dann wurde man gelobt und dann bekam man Anerkennung. Oder wenn es Zeugnisse gab: für die ‚1‘ in ‚Deutsch‘ bekam ich 5 Mark, obwohl ich für ‚Deutsch‘ nie was tun musste. Aber für die ‚4‘ in Mathe gab‘s nichts, obwohl ich mich dafür echt angestrengt hatte.  So hat mancher es immer und immer wieder erlebt und oft genug durchlitten: Anerkennung kriegst du nur, wenn du bestimmte Dinge tust oder besonders gut tust. Und diese Saat ist aufgegangen - und die Angst sitzt ganz tief: wenn ich etwas nicht tue, wenn ich etwas nicht schaffe, dann verliere ich die Anerkennung, dann werde ich nicht mehr so gemocht, dann verliere ich etwas von meinem Wert!  Ich habe das bei mir selber festgestellt: in meinem Kalender mache ich für jeden Besuch, den ich mache, einen kleinen Strich; und auch für jede Sitzung usw. Und einmal sprach mich jemand vom KV darauf an, dass jemand Bestimmtes schon lange auf meinen Besuch warten würde und sich schon beklagt hätte, dass ich gar nicht komme. Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen und ich merkte: ich habe Angst, dass dieser Mensch und der  Kirchenvorstand von mir enttäuscht ist und dass ich womöglich nicht mehr anerkannt werde. Und ohne darüber nachzudenken habe ich dann meinen Kalender genommen und dem KV stolz erzählt, wie viele Besuche ich in dem Jahr schon gemacht hatte.  Versteht ihr, liebe Gemeinde: da war die Angst, dass ich versage, dass ich etwas schuldig bleibe und darum An-erkennung verliere - und dann habe ich versucht, mit meiner Strichliste das auszugleichen und aufzuwiegen.
Nur wer viel leistet, wird auch geliebt, anerkannt. Und dieses ‚immer-mehr-machen-müssen‘ - das gibt es auch im Bereich des Glaubens, Gott gegenüber!  Dass Menschen für Gott und seine Gemeinde besonders viel tun und leisten, weil sie von Ihm anerkannt werden möchten; weil sie Seine Liebe nicht verlieren möchten; weil sie von Gott geachtet und geliebt werden wollen. Und manche haben auch das in ihrer Kindheit und Jugend eingetrichtert bekommen: um Gott zu gefallen, musst du dies oder das tun; diese oder jene Lieder singen;
du musst bestimmte Worte benutzen, wenn du betest, und du darfst nur eine bestimmte Frisur tragen und du darfst nicht tanzen gehen und dich nicht an fröhlicher Musik erfreuen und ‚Kino‘ geht auch nicht!  Nur dann lebst du so, dass Gott dich mag!  Und ich merke in der Seelsorge immer wieder, wie tief das bei manchen sitzt und wie Menschen ein ganzes Leben darunter leiden und seelisch kaputt gehen. Und das ist genau der Punkt, worum es bei Paulus jetzt geht! Er hat genau so gelebt! Er hat genau so geglaubt: nur wenn du dies oder das tust, nur wenn du optimale Leistung bringst - nur dann bekommst du Anerkennung von Gott und nur dann kannst du gewiss sein, dass Er dich lieb hat. Und danach hat Paulus sein ganzes Leben ausgerichtet; dafür hat er sich selber gequält, und dafür hat er dann später alle Menschen bis aufs Blut verfolgt, die sich anders verhielten. Weil sie von Jesus gehört hatten. Und er, Paulus, hatte ja wirklich eine wahnsinnig gute und beeindruckende Lebensbilanz vorzuweisen! Er war ja wer - und Gott konnte ja gar nicht anders, als ihm Anerkennung und Liebe zu geben! Anders gesagt: durch seine anständige und ehrliche und überzeugte Art zu leben und zu glauben hatte er doch genug Punkte vorzuweisen!  Und dann - dann trat Jesus selbst ihm in den Weg, als er unterwegs nach Damaskus war. Und Paulus merkt schlagartig: dadurch bricht das Kartenhaus seines ganzen bisherigen Lebens zusammen!  Die Begegnung mit Christus macht ihm klar: die ständige Suche nach Anerkennung, die Jagd nach Selbstbestätigung ist überflüssig! Gott sieht uns und erkennt uns als seine Kinder an - wir müssen es uns nicht immer selber beweisen, uns vergewissern, es anderen zeigen, was wir wert sind. Wir sind geliebt, sind anerkannt, gelten etwas bei Gott! Bisher war es für Paulus ganz klar: ich muss mir die Anerkennung bei Gott erarbeiten. Und Jesus macht ihm jetzt klar: Gott hat dich schon ganz lange im Blick! Er hat sich schon für dich entschieden, noch bevor du überhaupt nach ihm fragen konntest!  Und Gott liebt dich nicht, weil du besonders viel tust; er liebt dich nicht, weil du besonders viel arbeitest; er liebt dich nicht, weil du dich für seine Gemeinde besonders engagiert einsetzt! Nein - Gott liebt dich um deiner selbst willen! Nicht, weil du so viel tust - sondern weil Er so viel für dich getan hat! Durch Jesus. Und nichts und niemand hindert ihn daran, dass er sich zu dir hingezogen fühlt und dass er deine Nähe sucht! Du bist wer bei ihm, du bist gut angeschrieben bei Gott!  Und das möchte ich denen so gerne mitgeben heute, die das in sich spüren: ich arbeite nicht nur mehr als andere, weil es mir Freude macht, sondern auch darum, weil ich sonst um meine Anerkennung und um meinen Wert fürchte:  Du brauchst es dir nicht verdienen, dass du anerkannt bist!  Gott ist stolz darauf, dass er dich so gut hingekriegt hat! Gott ist begeistert von dir! Er hat seine Freude an dir!
In den letzten Tagen hab ich mich zwischendrin einfach mal auf unserer Terrasse gesetzt und hab die Sonne genossen. Und ich habe gemerkt: das tut mir gut! Die warme Sonne, ihr Glanz, ihre Kraft - sie haben mich angerührt und mir gut getan.  „Gott ist begeistert von dir!“ Ich wünschte, dass dir diese Worte nicht mehr aus dem Sinn gehen, und dass sie für dich wie so eine warme, glänzende Sonne werden. Und dass du dich darin sonnen kannst und frei wirst von dem Druck, nun gleich wieder etwas tun zu müssen! Paulus hat das kapiert - und diese Erkenntnis möchte er um nichts auf der Welt wieder eintauschen. Und darum sagt er: Jesus Christus, meinen Herrn, erkannt zu haben, das ist mir unendlich viel wichtiger als alles andere! Und nun hast du wieder eine neue Woche vor dir. Du darfst es dir erlauben, es zwischendrin auch ruhig angehen zu lassen! Denn du bist ja nicht darauf angewiesen, dass du dir die Achtung und Anerkennung von Gott verdienen musst - die hast du ja schon! Und wenn andere Menschen dir die Anerkennung versagen, dann erinnere dich bitte daran: Gott ist von dir begeistert! Und nun tausche diesen Gedanken nicht wieder gegen die alten Gedanken, die dich erbarmungslos antreiben und hetzen! Und wenn du in dieser neuen Woche wieder mehr arbeitest als andere und wenn du dich wieder voll reinhängst - dann wünsche ich dir, dass du deine Freude daran behältst und dass du nicht über deine Grenzen gehst! Und dass du dir rechtzeitig warme Sonnenstrahlen gönnst - wenn es vom Wetter her geht, im Liegestuhl, aber auf jeden Fall die warmen Sonenstrahlen, die Gott dir mit seinem Wort heute schenkt. Amen!

 
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