Predigten Juli - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Juli

Predigten > 2016
    

Römer 11, 25-32; 10. Sonntag nach Trinitatis; 31.07.2016

 
Sie macht sich echt Sorgen. Eigentlich passt alles mit ihrem Sohn. Er hat einen guten Beruf und eine liebe Partnerin. Er engagiert sich bei der Feuerwehr und im Tierschutzverein, geht korrekt mit anderen Menschen um, ist beliebt und wird von vielen geschätzt. Aber der Kirche und dem Glauben hat er den Rücken gekehrt. Früher war er dabei: Kindergottesdienst, Jung-
schar, Jugendkreis.  Aber das ist lange her und er hat schon lange keine Kirche mehr von in-
nen gesehen. So sehr hat sie sich gewünscht, dass ihr Sohn wieder einmal mit in den Gottesdienst geht.  „Das musst du schon mir überlassen!“ hat er sie zurückgewiesen; als sie ihn darauf angesprochen hat. Natürlich kann sie ihn nicht zwingen – aber sie fragt sich: warum findet er nicht zum Glauben? Wo ihr das doch so wichtig ist und so im Leben geholfen hat.

 
Liebe Gemeinde, so mag es wohl manchem gehen. Dass man selber im Glauben an Je-
sus Christus verwurzelt ist und genau weiß: dieser Glaube ist das, was mich trägt und hält! Und darum wünschen wir uns, dass unsere Kinder auch etwas davon mitkriegen. Aber sie haben damit nichts mehr am Hut, sie haben sich davon verabschiedet und es sieht auch nicht so aus, als würde sich daran noch mal was ändern. Wenn wir sowas erleben, dann tut uns das weh und wir leiden darunter – aber wir können sie ja nicht dazu zwingen.
Im Gegenteil: das würde sie sicher nur noch weiter von Gott wegtreiben.

 
Wenn es uns so geht, dann sind wir ganz nahe bei dem, um was es heute im Predigttext geht. Der Apostel Paulus fühlt sich so, wie wir uns dann fühlen, wenn wir an unsere Kinder und Enkel denken, wenn sie vom Glauben an Christus nichts wissen wollen. Paulus hat
wohl keine Kinder, aber ihm tut das in der Seele weh, dass seine jüdischen Geschwister Je-
sus Christus nicht erkennen. Paulus ist ihnen so nahe – er ist ja im jüdischen Volk großgeworden und mit den Traditionen aufgewachsen.  Er weiß: sie, seine jüdischen Mitmenschen, sind Gottes Augapfel! Die, auf die Gottes Liebe sich besonders richtet! Mit denen er einen Bund geschlossen hat – und das heißt ja: Gott hat sich an die, die zum jüdischen Volk gehören, gebunden! Das alles weiß Paulus – aber er weiß auch: am deutlichsten zeigt Gott sich in Jesus! Und genau an der Stelle geht es auseinander und zeigt sich das, was Paulus so wehtut: seine jüdischen Geschwister können in Jesus nicht den Messias erkennen, nicht den Heiland, den Retter, Gottes Sohn. Und darum ist Paulus so niedergeschlagen und hat so großen Kummer. Er fragt wie wir uns fragen: Wie kann das? Wie kann das, dass Menschen wie verschlossen scheinen gegenüber Jesus Christus? Und so wie wir das von Paulus kennen, macht er sich viele Gedanken dazu und einiges davon hören wir im Predigttext für heute; ich lese aus Römer 11, 25-32:

 
Damit ihr nicht auf die Juden herabseht, liebe Brüder und Schwestern, möchte ich euch ein Geheimnis anvertrauen: Ein Teil des jüdischen Volkes ist verhärtet und verschlossen für die rettende Botschaft. Aber das wird nur so lange dauern, bis die volle Zahl von Menschen aus den anderen Völkern den Weg zu Christus gefunden hat.  Danach wird ganz Israel gerettet, so wie es in der Heiligen Schrift heißt: "Aus Jerusalem wird der Retter kommen. Er wird die Nachkommen Jakobs von ihrem gottlosen Leben befreien. Und das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen schließe: Ich werde ihnen ihre Sünden vergeben."  Indem sie die rettende Botschaft ablehnen, sind viele Juden zu Feinden Gottes geworden. Aber gerade dadurch wurde für euch der Weg zu Christus frei. Doch Gott hält seine Zusagen, und weil er ihre Vorfahren erwählt hat, bleiben sie sein geliebtes Volk.  Denn Gott fordert weder seine
Gaben zurück, noch widerruft er die Zusage, dass er jemanden auserwählt hat. Früher habt ihr Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden Christus ablehnten, hat Gott euch seine Barmherzigkeit erfahren lassen. Jetzt wollen die Juden nicht glauben, dass Gott jedem Menschen durch Christus barmherzig ist, obwohl sie es doch an euch sehen. Aber auch sie sollen schließlich Gottes Barmherzigkeit erfahren.  Denn Gott hat alle Menschen ihrem Unglauben überlassen, weil er allen seine Barmherzigkeit schenken will.

 
Ich bin mir nicht sicher, ob wir nun im Moment so viel klüger geworden sind mit unserer Frage: Wie kann das, dass manche Menschen wie verschlossen scheinen Jesus gegenüber? Aber vielleicht kriegen wir etwas mehr Durchblick, wenn wir uns das, was Paulus anspricht, durch den Kopf gehen lassen. Drei Aspekte sind es in erster Linie – das Erste:  

 
Gott erwählt! Paulus hat sich sein Leben lang mit der Frage nach Gott beschäftigt und akribisch die Heiligen Schriften studiert. Und durch eine umwerfende Erfahrung ist ihm klar geworden: egal, wer es auch ist: aus eigener Kraft vor Gott bestehen zu wollen, das ist un-
möglich! Keiner kann sich Gottes Wohlwollen erarbeiten und verdienen! Keiner kann mit stolzgeschwellter Brust behaupten: ich bin genau so, wie Gott sich den Menschen gedacht hat. Fehlerfrei und vollkommen. Die Juden können sich Gottes Zuneigung nicht erarbeiten, weil sie immer wieder an den Geboten gescheitert sind und an den Gesetzen, die sich drumherum entwickelt haben; und weil sie Gott immer wieder die kalte Schulter gezeigt haben – und die Nichtjuden darum nicht, weil sie gar nicht erst nach Gott und seinem Willen fragen. Und trotzdem will Gott nichts anderes, als eine enge, gute Beziehung zu seinen Menschenkindern. Und darum geht Er den ersten Schritt – er bindet sich an sie, ohne dass sie das verdient haben.   Als erstes sehen wir das am Volk Israel. Und wenn ich jetzt „Israel“ sage, dann meine ich nicht den Staat Israel, wie er auf der Landkarte steht. Sondern mit „Israel“ sind jetzt die gemeint, die zu Gottes auserwähltem Volk gehören – Menschen jüdischen Glaubens, egal an welchem Fleck der Erde sie gerade wohnen.

 
Mit ihnen, mit Israel, hat Gott einen Bund geschlossen. Hat sich bedingungslos an sie gebunden und hinter sie gestellt. Ihnen hat er die Freiheit geschenkt, als er sie aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat. Ihnen hat er die Gebote gegeben – als gute Leitlinien für’s Leben. Israel galten alle Verheißungen Gottes – all das, was Er versprochen hat! Dass er sie in ein eigenes Land führen will und sie zu einem großen Volk werden sollen! Dass sie auch elend lange Dürrezeiten durchstehen werden! Dass sie den Schalom empfangen sollen,
den umfassenden Frieden – äußerlich und innerlich. Dass sie Gottes Segen empfangen! All das hat Gott Israel zugesagt und Er hat sie dazu auserwählt.  Und wenn man mal genau hinkuckt, dann ist das echt ein Wunder!  Wenn man sagt: jemand ist auserwählt, dann denkt man doch: der ist was ganz Besonderes! Ausgewählte Ware ist besonders gute Ware – und ausgewählte, auserwählte Menschen sind dann sicher auch was ganz Besonderes – makellos, vollkommen, ohne Fehl und Tadel. Aber nun lasst uns mal kucken, was das für Leute waren, die zu Israel gehören und die Gott auserwählt hat: da ist ziemlich am Anfang der hinterlistige Jakob – und vorher ging es schon los mit der schwierigen Beziehung seiner Eltern Isaak und Rebekka. Jakob wuchs mit seinem Bruder Esau auf. Esau war der Lieblingssohn seines Vaters, Jakob der Sonnenschein seiner Mutter. Später dann hat Esau sein Erstgeburtsrecht für ’ne Linsensuppe an Jakob verkauft – und der hat dann seinen Vater getäuscht und seinen Bruder um den Segen betrogen. Erwählte Menschen – Josef gehört dazu. Arrogant und verzogen. Er bringt seine Brüder so zur Weißglut, dass sie ihn erstmal in
einen Brunnen werfen und dann später an arabische Händler verkaufen.  Erwählt – auch Mose. Jähzornig und feige erschlägt er einen Ägypter.  König David – auf der einen Seite ein tapferer Mann, aber auf der anderen Seite einer, der schamlos die Ehe bricht und dann den Mann seiner Geliebten in den sicheren Tod treibt.  Und, und, und – und sie alle gehören zu denen, die Gott auserwählt hat. Weil er sich einfach unsterblich in Israel verliebt hat!   
Manchmal erlebt man das ja, dass sich eine Frau in einen Mann verliebt und alle schütteln mit dem Kopf und sagen: „Wie konnte sie sich den nur aussuchen! Da hätte sie doch wohl je-
mand anders finden können!“ Ja – hätte sie, ist aber nicht! ‚Wo die Liebe hinfällt...!‘ Das kannst du nicht erklären, das ist einfach so! Und so ist das auch mit Gott und Israel – erklären und begründen kann man das nicht, dass für Gott  Israel sein Augenstern geworden ist – aber es ist so und es wird so bleiben! Nicht, was reich und edel aussieht und nicht die Vollkommenen und Makellosen hat Gott erwählt, sondern Menschen mit Ecken und Kanten, die ihre Macken haben und die immer wieder versagen. Das war das erste: Gott ist frei in seiner Erwählung! Nun das zweite:

 
Gott ist treu! Gott hat sich Israel erwählt – seine große Liebe! Aber es war doch immer wieder eine unglückliche Liebe – Israel hat ihm immer die kalte Schulter gezeigt. Hat ihn immer wieder enttäuscht und ist anderen Göttern nachgelaufen. Als Gott ihnen durch Mose die Gebote geben wollte – da ging es ihnen nicht schnell genug und sie machten sich aus ihrem Gold- und Silberschmuck einen anderen Gott! Als Gott sie auf ihrem langen Weg durch die Wüste jeden Tag mit Manna versorgte – da hatten sie nach einiger Zeit die Nase voll und wollten Fisch und Fleisch – Gyros mit Zaziki, ich habe vor zwei oder drei Wochen was dazu gesagt.  Egal wann und wie – immer wieder haben die, die von Gott erwählt waren, ihn links liegen lassen.  Ich will das mal so sagen: wenn ich das mit Ulrike gemacht hätte, dann hätte sie mich ziemlich schnell in den Wind geschossen! Das würde sich doch keiner gefallen lassen, dass man immer wieder abserviert wird – und wenn der andere in Not kommt, dann ist man wieder gut genug. Normalerweise lassen wir uns sowas nicht gefallen. Wenn uns je-
mand untreu ist, dann geben wir ihm irgendwann den Laufpass. Aber bei Gott ist das anders: Er ist dran geblieben! Er hat immer wieder Leute geschickt, die Israel gesagt haben, dass Gott sie für sich zurückgewinnen möchte. Das waren die Propheten, die das immer wieder gesagt haben. Und als alles nichts mehr half, in diesem Moment ist Gott selbst auf die Welt gekommen – als Jesus geboren wurde. Wo Jesus ist, da ist Gott selbst. Und Jesus hat seine jüdischen Geschwister zu Gott gerufen – mit ganz viel Liebe und Leidenschaft, bis dahin, dass er sein Leben dafür gegeben hat. Aber es waren nur wenige, die ihm nachfolgten. Die in ihm Gott selbst erkannten.  Warum das so ist? Es ist ein Geheimnis, sagt der Predigttext.

 
Und bevor Jesus dann nach seiner Auferstehung wieder zu seinem himmlischen Vater zurückkehrte, hat er dann das nächste Wunder getan, er hat seinen Jüngern gesagt: „Ihr sollt in die ganze Welt gehen, und sollt allen Menschen von mir Zeugnis geben, und ihr sollt sie taufen, damit sie wissen, dass sie auch dazu gehören!“ Durch Jesus gehören wir auch zu Gottes Kindern! Zu denen, die ER erwählt hat. Auch wir stehen unter Seinem Segen und Seine Verheißungen gelten uns auch! Und wenn Gott bei seinem Bund mit Israel die schrägen Vögel gebrauchen konnte, dann kann er uns sicher auch gebrauchen. Mit denen konnte er keinen Staat machen – und mit uns kann er auch keinen Staat machen. Aber trotzdem gehören wir zu denen, die er hütet wie seinen Augapfel. Und damit bin ich nun beim dritten Gedanken:

 
Gottes Erwählung kommt auch auf Umwegen zum Ziel.    Denken wir noch einmal an die, denen wir es auch von Herzen wünschen, dass sie ihr Herz für den Glauben öffnen. Da denken wir ja, dass da irgendwie Hopfen und Malz verloren ist. Dass da nie was draus wird.  Aber überlegen wir doch mal: wie war das eigentlich bei uns? Sind wir praktisch ganz nahtlos zum Glauben gekommen? Oder gab es auch Phasen in unserem Leben, wo wir weiter weg waren? Wo wir mit Gott nicht viel am Hut hatten, weil uns das alles zu eng war und weil wir selbst entscheiden wollten. Ich weiß es noch gut: eine Zeitlang schleppten meine Eltern mich mit in eine Bibelstunde bei uns im Ort – alles nette, alte Menschen, aber furchtbar altmodisch und verstaubt. Wenn man in den Raum reinkam, in dem sie sich trafen, da roch schon immer alles nach Mottenkugeln. Und das war die Phase, in der ich eine Zeitlang ziemlich distanziert wurde – nicht von Gott an sich, aber von seiner Gemeinde. Ich hab immer noch gebetet – aber „Kirche“ war nicht das richtige für mich. Aber Gott ist an mir dran geblieben. Hat mir Menschen über den Weg geschickt, die mich auf eine ganz andere Art und Weise zurückgeführt haben. So, dass ich einen anderen, neuen Zugang gefunden habe. Das hat fast zwei Jahre gedauert. Aber Gott hat das hingekriegt. Und das hat er nicht nur bei mir hingekriegt, da könnten etliche von euch sicher auch was zu sagen.  Und weil Gott treu ist und sich auch durch Umwege nicht abschrecken lässt, darum möchte ich darauf vertrauen, dass die, von denen wir denken: Der will damit nichts zu tun haben – dass Er die auch erreichen kann, für sich gewinnen kann!  Paulus jedenfalls macht uns Mut: da ist immer noch Hoffnung, von Gottes Seite aus ist immer noch Hoffnung! Die Bibel sagt es so: „Gott nimmt seine Berufung nicht zurück!“

 
Bei uns kommen an dieser Stelle ganz schnell die kleinen “Ja, aber’s...”. Die Bibel sagt: Israel ist von Gott erwählt - ja, aber was die Juden heute in ihrem Staat...  Die Bibel sagt: Gott nimmt seine Berufung nicht zurück - ja, aber die Juden müssen doch auch Christen werden...  Was Deutsche an den Juden für Schuld auf sich geladen haben, ist schrecklich - ja, aber was die Juden mit den Palästinensern machen. Das sind unsere Gedanken. Paulus möchte uns korrigieren. Deshalb stellt er uns Gottes Ziel mit dieser Welt, mit Juden und Nichtjuden so eindringlich vor Augen: „Gott hat alle ohne Ausnahme dem Ungehorsam ausgeliefert, weil er sich über alle erbarmen will.“  Und niemand von uns soll auf Israel herabblicken, weil es in Jesus nicht den Messias erkennen kann – von uns aus können wir das auch nicht! Es ist allein Gottes Geschenk, wenn einem Menschen die Augen geöffnet werden! Und Seine Treue zu denen, die Er erwählt hat, bleibt bestehen. Das, was Er, Gott, gegeben hat und gibt, das bleibt!  Paulus schreibt: „Gott hat verfügt, dass ein Großteil des jüdischen Volkes sich gegen die Einladung zum Glauben verhärtet. Aber das gilt nur so lange, bis alle, die er aus den anderen Völkern erwählt hat, den Weg zum Heil gefunden haben.  Wenn das geschehen ist, dann wird das ganze Volk Israel gerettet werden, wie es in den Heiligen Schriften vor-hergesagt ist: ‚Vom Zionsberg wird der Retter kommen und alle Auflehnung gegen Gott von den Nachkommen Jakobs nehmen. Dann wer-de ich ihnen ihre Verfehlungen vergeben, sagt Gott; und so erfüllt sich der Bund, den ich mit ihnen geschlossen habe.’“ Anders gesagt: das, was die Juden von Gott empfangen haben, das bleibt! Und wird vollendet werden! Nicht weil sie so perfekt glauben und so vorbildlich leben – nein, weil Gott das so will! Und alles, was wir als Christen von Gott empfangen haben, das bleibt! Und wird vollendet werden! Nicht weil wir so perfekt glauben und so vorbildlich leben – nein, weil Gott das so will!
Was sollen wir tun, wenn unser Kind, unser Enkel von Gott nichts wissen will? Ich rate da-zu, zu beten.  Wenn wir für unsere Kinder beten, dann sind wir ihnen ganz nahe, aber wir bedrängen sie nicht. Und wir legen das, was wir nicht erzwingen und bewirken können, in Gottes Hand. Und bei Ihm ist das am besten aufgehoben. Karl Barth, der große Glaubensmann aus der Schweiz, sagt es so: Im Himmel, da werden wir uns dreimal wundern:  1.: dass wir selber da sind;   2.: wer alles da ist;   3.: wer alles nicht da ist.
In diesem Sinne lasst uns auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen. Amen.
    

Predigt über 1. Petrus 3, 8-15a; 24.07.2016

 
Seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn ‚wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nicht Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun.‘ (Psalm 34, 13-17)  
Wer ist's der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert ? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor dem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

 
Liebe Gemeinde, überall wo wir mit anderen zusammen sind, gibt es bestimmte Regeln. Wenn wir miteinander „Mensch-ärgere-dich-nicht“ spielen, müssen sich alle an die Regeln halten – sonst gibt es schnell Ärger. Wenn wir in einem Verein sind, müssen wir uns an die Regeln dieses Vereines halten. Und wer parteipolitisch aktiv ist, muss hinter dem Programm stehen, das die Partei vertritt.

 
Regeln begleiten uns auf Schritt und Tritt – und wäre das nicht so, dann hätte das manch-
mal böse Folgen. Und darum sind Regeln auch erstmal nichts Negatives, sondern sie ermög-
lichen erst den Zusammenhalt einer größerer Ansammlung von Menschen. So ist es auch in unseren Gemeinden, in den einzelnen Gruppen und Kreisen. (Anfang und Ende, wer GebTag hatte, bringt was mit, welche Wieke, welche Straße ist in diesem Monat beim Teesonntag dran mit ausschenken...) Petrus gibt uns auch solche Regeln an die Hand. Damit das Leben in der Gemeinde für alle gedeihlich sein kann:

 
1.: Mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig
Wenn du heute was erreichen willst, dann musst du knallhart und durchsetzungsfähig sein. So kann man es immer wieder hören und an vielen Stellen kann man sehen und erleben, dass Menschen so leben. Im Kindergarten fängt es schon an: da gibt es immer welche, die sind frech und aufsässig und reden andere in Grund und Boden – und wer’n bisschen stiller ist oder einfach nur besser erzogen, der gerät leicht ins Hintertreffen. Und das zieht sich oft das ganze Leben über durch – die mit der großen Klappe und dem Dickkopf, die setzen sich durch und andere bleiben auf der Strecke. Wehe, wenn du so einen Chef hast, der so hart und unnachgiebig seine Mitarbeiter führt. In manchen Betrieben ist das ja so – aber im Grunde genommen ist das ein Stil, der nicht auf der Höhe der Zeit ist. Nicht nur auf christlichen Führungskongressen wird empfohlen, anders zu führen und sich anders zu verhalten. Dass man nicht knallhart irgendein Ziel verfolgt und dabei mehr oder weniger rücksichtslos alles aus dem Weg räumt, sondern dass man verlässlich ist. Ehrlich mit seinem Geschäftspartner umgeht. Seinem Mitarbeiter zeigt, dass man ihn schätzt und dass er wichtig für einen ist. Und die meisten, die sich damit auskennen, sagen: bei denen, die knallhart sind, dauert der Erfolg meistens nicht langfristig an. Und Mitarbeiter, die Angst vor ihrem Vorgesetzten haben, die sind durch die Bank nicht so leistungsbereit wie die, die sich als Mensch wahrgenommen fühlen. Und öfter krank sind sie auch noch. Und Menschen, die im Privatleben mit Ellenbogen vorangehen und andere an die Seite drücken, die werden meist nicht sehr beliebt sein und irgendwann ziemlich einsam werden.

 
Das heißt nicht, dass man nicht konsequent sein muss, das ist ganz klar. Es geht nicht darum, ein Weichei zu sein, damit hat man keinen Erfolg. Aber wenn du langfristig etwas erreichen willst, dann musst du selber mit gutem Beispiel voran gehen. Verlässlich, pünktlich, ehrlich, fair  gegenüber denen, mit denen du zu tun hast. Und wenn du Respekt haben willst, dann musst du anderen selber auch Respekt entgegenbringen.  Und genau in diesem Sinne meint Petrus das, was er sagt. Damit wir als Christen das erreichen, was uns aufgegeben ist.   

 
Was ist das, was wollen wir als Christen eigentlich erreichen?  Ein Kollege von mir sagte es einmal so:  "Als Christen haben wir das Vor-recht, den Menschen in unserer Umgebung das Leben etwas erträglicher zu gestalten."  Und genau dazu benötigen wir solche Regeln , wie sie heute zur Sprache kommen: Mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig sein.
Das ist nichts für "Weicheier", sondern so zu leben, wie das hier gesagt wird, das ist ganz schön schwer. Und wenn wir das wollen, brauchen wir dazu Jesus im Rücken, sonst kriegen
wir das gar nicht hin.

 
Mitleidig: In Aurich am Polizeigebäude hängt ein großes Banner, so’n großes Plakat. Da steht drauf: „5 Minuten Hilfe ist mehr wert als 30 Minuten Mitleid!“  Und ich glaube, damit ist ziemlich gut auf den Punkt gebracht, was Petrus auch meint. Mitleidig sein, das heißt nicht, dass man eem sagt: „Och, de arm’ Menschke! Wat’n Elend is dat, wat de dörmaoken mutt...“  Ich weiß nicht, wie ich das nennen soll, aber Mitleid in dem Sinne ist das nicht. Mitleid in der Bibel heißt, mit dem anderen durch sein Leid zu gehen. Das hat nichts mit  "das wird schon wieder" zu tun. Den Leidensweg mit zu gehen bedeutet, auf alle möglichen Emotionen und Verhaltensweisen gefasst zu sein und schon im Vorfeld zu ahnen, was als nächstes folgen wird.  Wutausbrüche, Klagen, „es hat ja alles keinen Sinn mehr“, abweisend, klammernd...
Manchmal ist es eine echte körperliche und seelische Schwerstarbeit, in diesem Sinne Mit-leidig zu sein. Menschen zu begleiten, die es jetzt besonders schwer haben. Und wer das tut, der ist ganz bestimmt kein Weichei!

 
Brüderlich: Hier steht nicht "freundlich", sondern brüderlich. Dies ist ein gewaltiger Unterschied. Freundlichkeit ist uns allen möglich. Aber Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, schaffen wir das auch immer wieder? Brüderlichkeit heißt zunächst einmal, dass der andere für mich ein Bruder ist, er also zu derselben Familie gehört, zu der ich gehöre. Er hat genau so viele Rechte und Pflichten in der Familie, wie ich sie habe. Daraus ergibt sich die Frage: lassen wir uns in der Gemeinde einander gelten? Auch wenn der ‚Bruder‘ oder die ‚Schwester‘ in manchem eine andere Meinung hat? Andere Vorlieben (Liedgut, Themenauswahl in einer Gruppe...) Und: Kann ich damit leben, dass ich mich auch mal zurücknehmen muss?

 
Barmherzigkeit:  Barmherzigkeit ist eine schwere Gabe, die uns häufig alles abverlangt. Grob ausgedrückt ist Barmherzigkeit die Liebe aus unserem Herzen, die dem anderen entgegengebracht wird, obwohl er es gar nicht verdient hat. Oder: eigentlich wäre ich gar nicht verpflichtet dazu – weil derjenige, der meine Hilfe braucht, gar nicht zu mir gehört. „Sollen sich doch andere drum kümmern!“ Ein Vorbild finden wir in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. ... ...  Und in diesem Sinne ist Barmherzigkeit auch nichts für Weicheier!

 
Demut: Demut hat nichts mit Unterwürfigkeit im herkömmlichen Sinne zu tun. Demut heißt nicht, sich selber ständig klein zu machen und immer nur gering von sich zu denken.
Demütig sein, dass bedeutet: ich erkenne und akzeptiere, dass ich selber oft gar nicht mitleidig, brüderlich und barmherzig sein kann. Ich möchte es zwar gern, aber ich kann es
einfach nicht dauerhaft vollbringen. Sicher, manchmal kriege ist es ganz gut hin, aber auf Dauer ist das gewaltig schwer. Und wenn ich auf Dauer diese Werte leben will, die heute angesprochen werden, dann brauche ich jemanden, der mir immer wieder dabei hilft. Jesus Christus gibt uns immer wieder die notwendige Kraft und Stärke, um mitleidig, brüderlich und barmherzig sein zu können. Ohne IHN schaffen wir nichts, aber mit IHM wird es langsam aber sicher immer besser gelingen.

 
Damit das Zusammenleben in der Gemeinde besser klappt, nennt Petrus eine Sache aus-
drücklich beim Namen, nämlich die Zunge: Denn "wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge“. Petrus weiß und wir wissen es auch:  durch nichts entsteht so schnell Zwietracht und Streit als durch den Gebrauch dieses kleinen Organs. Nicht nur christliche Gemeinden kann es sprengen, die Zunge kann Familien entzweien, Ehen kaputt machen, das Klima in Betrieben und Schulen versauen und Nachbarschaften auseinander bringen. Und darum sollen wir unsere Zunge hüten. Vielleicht kennt ihr den Sinnspruch:
"Gott hat uns zwei Ohren, aber nur einen Mund gegeben, damit wir doppelt so viel zuhören, wie reden sollen."

 
Die Zunge im Griff haben ist nicht einfach. Wie schnell sind wir doch versucht, das neueste Gerücht weiter zu erzählen.  Oder uns in den Vordergrund zu spielen und darum plaudern wir das aus, was wir aufgeschnappt haben, was aber noch keiner wissen soll.  Einer meiner Onkels hat meiner Tante mal zum Muttertag so’n Schild an der Wand geschenkt – und da stand drauf: „Vor Einschalten des Mundwerks erstmal Gehirn benutzten!“ Ich kenne meine Tante gut und kann erahnen, warum sie dieses Geschenk bekommen hat. ;-)
Aber nicht nur für sie passt das – ich glaube, die meisten Menschen haben da eine schwache Stelle und sind gefährdet. Darum spricht Petrus das an – dass wir auf der Hut sind bei dem, was wir sagen oder wie wir es sagen oder wem wir etwas sagen.

 
Bei allem, was wir über die Zunge verbreiten, sollen wir uns die philosophische Frage der Antike stellen, die sicher auch Petrus vertraut
war:   Ist es richtig, was ich weiter erzähle? Ist es wichtig, was ich weiter erzähle? Und: Nutzt es jemandem, wenn ich dies weiter- erzähle?  Bei einem einzigen Nein sollen wir ganz einfach unseren Mund halten. Probieren wir es doch einfach mal im täglichen Alltag. Wer sich darauf einlässt, wird sicher merken: Am Anfang ist das sehr schwer. Aber man kann das im Laufe der Zeit einüben. Wenn man sich das bewusst macht. Und ich glaube, dass sich dann nach und nach Besonnenheit einstellt und man nicht mehr so oft wie sonst über andere herzieht oder sich an irgendeinem Tratsch beteiligt.

 
Ein drittes, was Petrus anspricht: der Friede   "Wer ... gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge ... ... und suche Frieden...“ Wenn wir uns unsere Welt mit wachen Sinnen ankucken, dann stellen wir ernüchtert fest: vielleicht noch nie war der Friede so instabil wie jetzt! Überall auf der Welt hören wir von Unruhen, Bürgerkrieg und anderen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Und eine ganz klare Aufgabe für uns Christen ist es, dass wir im Gebet für den Frieden auf der Welt bitten – das ist eine ganz wichtige Aufgabe für uns
Christen! Aber im Predigttext bedeutet das Wort „Frieden“ etwas anderes als die Abwesenheit von Streit und Krieg. Es bedeutet zuerst ‚Frieden mit Gott‘. Frieden mit Gott - ER hat seinerseits alles getan, was diesen Frieden möglich macht. Das, was von Jesus ausging, das ist nichts anderes als das große Friedensangebot, das Gott uns macht.  
Wenn wir Gott um äußeren Frieden bitten, dann müssen wir uns gleichzeitig auf den Frieden einlassen, den ER uns schenkt. Damit wir verändert werden! Erst dort, wo Menschen von Gottes Frieden erfüllt sind, können sie friedlich mit sich und anderen umgehen! Frieden schaffen – das können wir nicht einfach so! Um Frieden zu schaffen – im Kleinen wie im Großen- brauchen wir Gottes Frieden in uns.  Und Menschen, die sich darauf einlassen, die werden nach und nach verändert werden. Nicht von heute auf morgen, es wird auch immer wieder Rückfälle geben, aber über kurz oder lang wird die Kraft in ihnen wachsen, dass sie mitleidig, brüderlich und barmherzig werden. Mit sich selbst und anderen. Darum lasst uns Gott bitten, wenn wir jetzt gemeinsam beten:

 
O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, da, wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

 
Herr, lass du mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern dass ich andere tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern dass ich andere verstehe;
nicht, dass ich geliebet werde,
sondern dass ich andere liebe.

 
Denn wer da hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.
Amen.

 

Predigt vom 17. Juli 2016
ZUR AUDIOPREDIGT

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