Predigten Oktober - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Oktober

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Predigt vom 29.10.2017
  
1 Korinther 12, 4-7, 15.10.2017,  5 Jahre ‚Männersache!‘

 
Liebe Gemeinde, vorhin haben wir einen Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief gehört. Da geht‘s drum, dass die, die zur christlichen Gemeinde gehören, zusammengehören wie die verschiedenen Organe eines Körpers. Auch wir und unsere Gemeinde: der Leib, der Körper von Christus! Und jede und jeder von uns hat für diesen Körper eine besondere Aufgabe - so wie unsere einzelnen Körperteile ja auch eine bestimmte Aufgabe haben. Und solange alles gut aufeinander abgestimmt ist, sind wir gesund.  Aber wenn es irgendwo hapert, dann werden wir krank. Und jeder von uns weiß: man braucht nur eine Druckstelle am großen Zeh haben, dann nervt das schon tüchtig und man kann nicht mehr vernünftig auftreten und kommt nicht mehr so voran wie sonst. Jede, jeder hat eine bestimmte Aufgabe und alle sind aufeinander abgestimmt – so funktioniert nicht nur unser Körper, sondern so ist es auch mit
der Gemeinde, zu der wir gehören.  An 3 Versen aus der Lesung und an 3  Beispielen will ich das deutlich machen.

 
1.: „So verschieden die Gaben auch sind, die Gott uns gibt, sie stammen alle von ein und demselben Geist."    Ein Blinder und ein Lahmer wurden von einem Waldbrand überrascht. Die beiden gerieten in Angst. Der Blinde floh – aber weil er nicht sah, wohin er rannte, lief er direkt aufs Feuer zu.  Der Lahme sah das und rief: ‚Renn nicht dahin!‘  Der Blinde fragte: ‚Wohin soll ich denn gehen?‘ Der Lahme: ‚Ich könnte dir den Weg zeigen; weil ich aber lahm bin, musst du mich auf deine Schultern nehmen, damit ich dir sagen kann, wo du hinmusst, damit du hier rauskommst und dich in die Stadt retten kannst.‘   Der Blinde richtete sich nach dem, was der Lahme ihm sagte, und so kamen die beiden sicher in der Stadt an.

 
Jeder von uns hat seine Stärken und Schwächen, mit denen Gott uns geschaffen hat. Die Stärken bezeichnet die Bibel als Gaben. Wir ticken oft so, dass uns erstmal unsere Schwächen einfallen – die Dinge, die wir nicht können oder die Seiten, die uns an uns selber nicht gefallen, und das, wo wir immer wieder an unsere Grenzen kommen.  Klar – jeder hat auch seine Grenzen und etwas, was er nicht kann und was ihm überhaupt nicht liegt.
Aber das ist heute nicht das Thema – im Moment soll es um das gehen, was du als Begabung, als Gabe mitbekommen hast. Und soviel ist sicher: jede und jeder hat eine Gabe! Irgendwas, was ihm besonders liegt! Wo er’n Händchen für hat und was er gut kann. Und jetzt überleg‘ doch eem, was du für eine Stärke hast, wo deine Begabung liegt. Dafür wollen wir uns ungefähr ’ne Minute Zeit nehmen – und dann geht Sven mal rum und fragt, wer dazu kurz was sagen möchte.  - kurze Pause, dann freiwillige Abfrage von Sven -

 
Die Geschichte von dem Blinden und dem Lahmen zeigt sehr schön, wie sich die verschiedenen Stärken und Schwächen ergänzen können. So erlebt ihr es ja auch in der ‚Männersache!‘ Ihr seid ein ziemlich bunt zusammengewürfelter Haufen. Aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ergänzt ihr euch so gut. Und miteinander stellt ihr etwas auf die Beine und lernt euch besser kennen. Ihr habt euch z.B. gegenseitig eure Arbeitsstellen gezeigt – mit Michael wart ihr auf dem Hubschrauberstützpunkt in Mariensiel oder mit Johann habt ihr ‚Traba‘ besucht und Marco hat euch kürzlich den Bauhof der Gemeinde Großefehn gezeigt. Und damit habt ihr euch untereinander auch besser kennengelernt.    Und obwohl ihr so verschieden seid, gestaltet ihr heute diesen Gottesdienst – und jeder trägt was dazu bei!
Aber auch sonst seid ihr aktiv. Das ist gut für unsere Gemeinde – aber das ist auch gut für euch selbst.  Denn in dem, was ihr miteinander macht und miteinander besprecht, da geht es oft auch um das, was einen im Leben trägt. Wo man neue Kraft tanken kann. Oder wie man sich mal Zeit für sich selber freischaufelt. Anders gesagt: ihr nehmt auch Dinge in den Blick, die über den Alltag hinausgehen. Die weiter gehen.  Und so ist es in unserer Gemeinde insgesamt! Viele ganz unterschiedliche Menschen gehören dazu und viele bringen sich mit ihrer ganz eigenen, besonderen Gabe ein. Und miteinander sind wir unterwegs auf dem Weg durch diese Zeit.  In der Geschichte von dem Blinden und dem Lahmen ging es ja darum, dass sie vor dem Feuer in die rettende Stadt kommen. Die ‚rettende Stadt‘ – das ist ein Bild für den Himmel! Für das Ziel, an das Gott uns gerne bringen möchte. Und auf dem Weg dorthin sollen wir uns ergänzen und gemeinsam in Richtung des Zieles von Gottes neuer Welt gehen. Mir fällt dabei Rudl Ottjes ein. Er hatte ja auch so ganz spezielle Gaben, und einige hat er auch in unsere Gemeinde eingebracht. Wie oft hat er mitgeholfen, wenn es praktische Dinge zu tun gab! Und du, liebe Heidi, tust das auf deine Art und Weise, mit deinen Gaben. Und miteinander sind wir auf dem Weg durch diese Zeit in die Ewigkeit. Und wir wollen darauf vertrauen, dass Rudl da jetzt angekommen ist!  Dass er das Ziel schon erreicht hat, zu dem wir noch unterwegs sind.  

 
2.: "Und so unterschiedlich auch die Aufgaben in der Gemeinde sind, sie kommen doch alle von dem einen Herrn."    Auch dazu eine kurze Geschichte – und zwar von einem Mann, der auch zu einer Kirchengemeinde gehörte und der an dem, was dort gemacht und unternommen wurde, oft was zu meckern hatte – und da muss man sich ja nichts vormachen: es gibt genug, worüber man meckern kann!  Dieser Mann träumte eines Nachts, er wäre gestorben und ein Engel trüge ihn in den Himmel hinauf. Oben angekommen war eine herrliche Kirche.  Der Mann bestaunte mit großen Augen dieses wunderbare Bauwerk.  Aber plötzlich entdeckte er oben im Gewölbe der Decke eine Lücke – da fehlte ein Stein. Sofort fing er wieder an zu meckern und sagte zu dem Engel: „Was ist denn das für eine hässliche Lücke? Wer hat denn da wieder nicht aufgepasst?!“  Der Engel antwortete: „Das ist die Lücke, die du gemacht hast. Gott hatte gerade dich bestimmt, diese kleine Stelle auszufüllen. Du hattest aber immer andere Dinge im Kopf, so dass du nie dazu gekommen bist, diese deine Aufgabe, die Gott dir zugedacht hat, zu erfüllen.“ Da wachte der Mann auf, und von da an ließ er das Meckern über all die Unzulänglichkeiten in der Gemeinde und arbeitete nun selber fröhlich mit. Er hatte was begriffen.

 
Es gibt in der Welt, es gibt in der Gemeinde eine Aufgabe, die Gott für dich bestimmt hat. Wenn du sie nicht erfüllst, dann bleibt sie unerledigt.  Diese deine Stelle kann kein anderer ausfüllen. Überlege bitte mal kurz, welche Aufgabe in der Gemeinde das für dich sein könnte oder vielleicht schon lange ist. Wir wollen es wieder so machen wie vorhin – jeder überlegt so ungefähr ’ne Minute und dann geht Sven wieder rum.
- kurze Pause, dann freiwillige Abfrage von Sven -

 
Die Frage ist ja: Wie erkennst du die Aufgabe, die Gott dir zugedacht hat? Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten.  Ganz oft ist es so, dass man durch den Kontakt mit anderen Menschen drauf kommt, was man selber für Gaben hat. Dass vielleicht jemand sagt: ‚Was kannst du schön einen Raum dekorieren!‘ Oder: ‚Wenn du was erzählst, dann kann ich dir immer so gut zuhören!‘ Oder: ‚Dein Paprikasalat schmeckt mir immer so gut, den du machst, wenn in der Kirche was los ist!‘  Oder da kennt einer sich super aus mit Elektrik oder ein anderer kann super organisieren oder ein dritter hat’n Gefühl dafür, welche Menschen es gerade gut gebrauchen können, dass sie jemand anspricht.  So erlebe ich das immer wieder in der Gemeinde – dadurch, dass man mit anderen zusammen kommt und miteinander
redet oder was miteinander macht, dadurch merkt man, was man selber besonders gut kann. Und dadurch hat schon mancher seinen Weg gefunden – auch seinen Weg, was den Glauben angeht. Und das ist ja etwas, was ihr in der ‚Männersache!‘ auch schon oft erlebt habt – da muss man sich nicht großartig in der Bibel auskennen, da muss man keine bestimmten Worte benutzen oder christliche Lieder draufhaben – es genügt, einfach dabei zu sein.  Auch auf diese Art und Weise kannst du die Aufgabe herausbekommen, die Gott für dich und dein Leben zugedacht hat. Und wie wir in der ersten Geschichte gesehen haben, gibt es niemand, den Gott nicht gebrauchen kann.  Manches tritt erst in der Ergänzung mit anderen zu Tage. Wie so ein Gewölbe, das aus einzelnen Steinen gemauert ist. Ein einzelner Stein kann keine Decke bilden, erst wenn viele zusammenkommen, ergibt sich der Halt und die Festigkeit, die ein Gewölbe zu einer Decke macht. Darum ist es normalerweise auch einfacher, dass man seinen Glauben nicht als Einzelkämpfer lebt, sondern mit anderen zusammen – wie z.B. in einem Chor oder im Frauen- oder im Männerkreis oder wenn man miteinander eine Aufgabe erledigt. Wenn heute nach dem Kaffee-trinken und dem ‚Männergrillen‘ einer allein mit dem Abwasch stehen würde, wäre das ziemlich doof – aber wenn mehrere mitmachen, dann geht’s nicht nur schneller, sondern man hat meist sogar noch Spaß dabei. Und so ist das in der Gemeinde oft:  beim Glauben zu bleiben, das fällt mir leichter, wenn ich ihn mit anderen teile.  Aber davon mehr beim letzten Punkt.

 
3.: "Wie auch immer sich die Gaben des Heiligen Geistes bei jedem einzelnen von euch
zeigen, sie sind zum Nutzen der ganzen Gemeinde bestimmt."  Ein Vater hatte 7 Söhne, die oft miteinander uneins waren. Über dem Streiten und Zanken vernachlässigten sie die Arbeit.  Da ließ der Mann alle 7 Söhne zusammenkommen, legte ihnen sieben dünne Holzstäbe vor, die fest zusammengebunden waren, und sagte: „Dem von euch, der dieses Bündel Stäbe zerbricht, zahle ich 5.000 Euro.“ Einer nach dem andern strengte sich tüchtig an und keiner kriegte es hin und jeder von den Jungs sagte am Ende: „Alter, das geht gar nicht!“  „Doch!“, sagte der Vater, „nichts ist leichter!“ Und dann löste er den Faden, mit dem die einzelnen Stäbe zusammengebunden waren und zerbrach einen Stab nach dem andern – es ging ganz leicht!  „Eh!“ riefen die Söhne, „so ist es natürlich  leicht, so könnte es jedes Kind!“ Und der Vater sprach: „So wie es mit diesen Stäben ist, so ist es mit euch auch! Solange ihr fest zusammenhaltet, werdet ihr bestehen, und niemand wird euch überwältigen können. Wird aber das Band der Einigkeit, das euch verbinden soll, aufgelöst, dann geht es euch wie den Stäben, die hier zerbrochen auf dem Boden herumliegen.“  
So ist es auch mit unserer Gemeinde. Es ist wichtig, dass wir Christen zusammenhalten! Sicher - wir können in manchen Fragen verschiedene Ansichten und Meinungen haben. Ob Orgelmusik schöner ist oder wenn ’ne E-Gitarre spielt. Oder ob die Wand weiß gestrichen werden soll oder gelb. Oder ob es richtiger ist, schon Kinder zu taufen oder ob man sich als Erwachsener taufen lassen soll. Es gibt ja so theologische Spezialfragen, über die man sich wunderbar in die Haare kriegen kann – und wer Spaß dran hat: Bitteschön! Aber das ist nicht das, was wichtig ist! Das ist nicht die Aufgabe, die Gott uns gibt! Wir Christen erfahren so viel Gegenwind aus der Gesellschaft. Nicht, dass wir angefeindet werden. Nicht, dass uns der Glaube an Jesus verboten wird.  Ganz anders: es ist die große allgemeine Gleichgültigkeit, mit der man unserem Glauben begegnet. Oder wenn man uns zu verstehen gibt, dass wir ja wohl von gestern sind, weil wir uns zu Jesus und zu seiner Gemeinde bekennen. Und da ist es oft schwer, dabei zu bleiben, weil man doch nicht gerne als Außenseiter gelten möchte. Und in dieser Lage brauchen wir es doch, dass wir zusammen halten. Dass wir uns nicht vereinzeln, sondern unsere Gemeinschaft pflegen. Einander stützen und stärken. Und da
muss ich an das denken, was ihr, liebe Anni und lieber Jürgen Ottersberg, mir erzählt habt.
Dass euch das Kraft gegeben hat, dass ihr wusstet, dass außer euch noch andere Menschen da sind, die für Alfried beten. Und dass Ihr in den letzten Wochen, als es so schlecht um ihn stand, so viel Unterstützung bekommen habt – durch Hermann, und durch Gerda und Ludwig! Solches zusammenstehen, das macht stark! /

 
Jesus sagt, dass seine Kirche dann am überzeugendsten ist, wenn seine Leute einig unter-
einander sind!  Nicht in allem einer Meinung – aber dann   zusammenhalten, wenn’s drauf ankommt!   Und der Bibeltext heute fragt dich nach deinen Stärken,  nach deiner Aufgabe in unserer Gemeinde  und was du zur Einigkeit in unserer Gemeinde beitragen kannst und willst. Egal, wie die Antwort ausfällt: gemeint ist jeder!  /  Und: gebraucht wird jeder!  /  Amen.

 
Predigt vom 08. Oktober 2017

Eine schriftliche Version der heutigen Predigt liegt uns nicht vor - wir wünschen viel Spaß mit der Audioversion.

Predigt über Lukas 13, 6-9; Erntedankfest; 01.10.2017
    

 
Erntedankfest - wir haben es vor Augen, und es steigt uns als Duft in die Nase: wir haben reichlich! Daran will uns der Erntedankaltar erinnern – vielleicht auch neu darauf stoßen: wir haben unglaublich viel von dem, was wir zum Leben brauchen – und sogar noch weit dar-
über hinaus!  Und das, was wir hier sehen, ist bei aller Schönheit doch nur ein kleiner Teil davon! Ich bin überzeugt: es täte uns unwahrscheinlich gut, wenn wir dieses Erntedankfest zum Anlass nehmen, um einmal ganz bewusst das in den Blick nehmen, was unser Leben so reich und bunt und vielfältig macht!  Und wenn wir davon auch etwas auf den Erntedankaltar legen würden, dann würde vielleicht ein Paar Kinderschuhe hier liegen – als Zeichen dafür, dass es Eheleuten aus unserer Gemeinde vergönnt wurde, Mama und Papa zu werden – nach Jahren des Wartens.  Eine Bescheinigung einer Universität oder ein Lehrvertrag könnte auf dem Altar liegen – ein Zeichen dafür dass der Weg nach der Schule weitergeht!  Und bei anderen würde die erste Verdienstbescheinigung des Sohnes oder der Tochter hier liegen. Als Zeichen der Dankbarkeit dafür, dass das Kind nun schon so weit seinen eigenen Weg gehen konnte – und dass Mama und Papa nun vom Bezahlen ab sind und sich auch selber wieder etwas mehr gönnen können!   Eine Krücke, eine Geh-Hilfe würde mit auf den Altar gehören. Jemand hätte sie hierhergebracht, der sich endlich dazu durchgerungen hat, sich neue Hüften verpassen zu lassen – und es hat geklappt und es ist alles gut gegangen! Derjenige kann wieder schmerzfrei laufen – und die Krücken können in die Ecke, oder vielleicht doch erstmal auf den Erntedankaltar!

 
Ich glaube, unsere Kirche würde vor symbolischen Dankgaben platzen, wenn wir mal richtig intensiv darüber nachdenken würden, wie viel uns gegeben ist!  Und uns als Gemeinde geht es genauso! Für mich gehört zum Erntedankschmuck symbolisch der Stein vom neuen Pfarrhaus dazu, der hier vorne mit eingefügt ist.  Was ist das schön, dass wir im Frühjahr endlich anfangen konnten und dass bis jetzt alles wirklich gut geklappt hat!  Wenn ich an unsere Gemeinde denke, dann gehört für mich zum Dank unbedingt dazu, dass sich über 20 Menschen gemeldet haben, die im Catering-Team helfen wollen. Damit nicht immer dieselben anpacken müssen, wenn’s drum geht, dass wir miteinander essen und trinken.  Überhaupt: was für ein Segen ist das, dass so viele Menschen hier in der Gemeinde mitmachen: mit anpacken, mit bezahlen, und – als das Fundament von allem anderen: mitbeten!  Erntedankfest – ein Symbol, ein Bild dafür, dass unser Gott reichlich gibt! Und es ist gut, dass wir durch einen Tag wie heute darauf gestoßen und daran erinnert werden, dass wir viel Grund zum Danken haben.

 
Aber ich kann heute nicht dieses Erntedankfest feiern, ohne auch dieses zu sagen: Erntezeit ist nicht immer Erntedankzeit. Nicht nur die dicken, reifen Früchte fallen in den Blick.
Für manche auch in unserer Gemeinde ist es so, dass sie auf der einen Seite für etwas unwahrscheinlich dankbar sind – aber gleichzeitig ist auch anderes da, das wie ein dicker Stein auf der Seele liegt.  So hängen sie mit ihrem Gefühl zwischen Dankbarkeit und Sorge und mal ist das eine stärker und dann wieder das andere. Ja – da ist die Dankbarkeit so unendlich groß für’s geschenkte Kind – und trotzdem ist auch Sorge damit verbunden, weil
es erst noch richtig gesund werden muss. Und da ist das Geschäft, das richtig brummt – aber es fehlen die Leute, das Personal, womit man alles auch schaffen kann. Und wenn man so etwas erlebt, dann pendelt man sozusagen zwischen Dankbarkeit und Sorge immer wieder hin und her.

 
Und es gibt auch die, denen es überhaupt schwer fällt, dankbar zu sein. Weil sie vor allem das vor Augen haben, wo nichts aufging; was nicht eingebracht werden konnte; was keine Frucht trug.  Und darum kann ich nicht Erntedankfest feiern, ohne dabei auch an die zu denken, bei denen der Mangel herrscht, im Kleinen wie im Großen:  die auf dieser Erde im-
mer noch verhungern und verdursten. Oder die hier bei uns auf die „Tafel“ angewiesen sind. Ich kann nicht Erntedankfest feiern, ohne an das zu denken, was in manchen Zucht- und Schlachtbetrieben Gottes guter Schöpfung angetan wird. Ich kann nicht Erntedankfest feiern, ohne an die zu denken, die plötzlich in einer schwierigen Lage sind, von der sie nicht ahnen, wie es ausgehen wird.  Ich kann nicht Erntedankfest feiern, ohne dabei auch an die Menschen zu denken, die mit Sorge auf ihre Kinder oder auf ihre Enkel blicken. Die sehen, dass da so viel schief läuft – und die doch nicht viel daran ändern und die Lage verbessern können. Ja, so mancher könnte seine Krücke, seine Gehhilfe auf den Altar legen als Zeichen dafür, dass ihm geholfen wurde und er jetzt wieder schmerzfrei laufen kann.  Und auf jeden Fall hätten die Kinderschuhe aus Dankbarkeit für’s neue Leben ihren Platz hier vorne! Aber wir können nicht einfach über die hinwegsehen, denen die Kunst der Ärzte nichts gebracht hat.

 
Ich kann nicht Erntedankfest feiern, ohne an die Menschen zu denken, die heute vielleicht darum nicht hierher zur Kirche gekommen sind, weil sie es einfach nicht aushalten können, dass Dank gesagt wird, während sie selber so viele Dinge sehen, die es ihnen unmöglich machen, in den Dank einzustimmen. Weil sie keine Frucht sehen; weil ihr Blick getrübt
ist von dem, was so bitter und grausam ist im Leben. Und wir als Gemeinde von Christen können nicht so tun, als würde es das gar nicht geben! Wir dürfen die Menschen nicht aus dem Blick verlieren, denen es in dieser Zeit nicht zum Danken zumute ist. Wir müssen mit ihnen diese Spannung aushalten: auf der einen Seite volles, gelingendes Leben, das zum Dank herausfordert - und auf der anderen Seite die dunkle Seite des Lebens, die uns den Dank im Hals ersticken lässt. Diese Spannung, dass man sich so bemüht hat, dass man so gebetet hat - und nichts ist besser geworden! Man hat Kraft, man hat Zeit, man hat Nerven eingesetzt und sein Bestes gegeben - und fragt nun: Wofür?    Es ist bitter, wenn man die Frucht vermissen muss!  Jesus erzählt von jemandem, dem es auch so geht:
Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt. Er kam und suchte Früchte an ihm und fand keine. Da sagte er zu seinem Weingärtner: 'Hör zu: Drei Jahre sind es nun schon, dass ich herkomme und an diesem Feigenbaum nach Früchten suche und keine finde. Also hau ihn um, was soll er für nichts und wieder nichts den Boden aussaugen!' Aber der Weingärtner sagte: 'Herr, lass ihn doch dieses Jahr noch stehen! Ich will den Boden rundherum gut auflockern und düngen.  Vielleicht trägt der Baum dann im nächsten Jahr Früchte. Wenn nicht, dann lass ihn umhauen!'“

 
Erntezeit bedeutet auch: Suchen nach Frucht. Und wer keine Frucht findet, der kann leicht dahin kommen, dass er am liebsten aufgibt. Dass er sagt: Es hat ja doch keinen Sinn mehr!
Länger mache ich das nicht mehr mit! Es hat keinen Sinn mehr, mich darum zu bemühen, dass ich mit meiner Familie mein eigenes Leben leben kann – ohne dass die Eltern ständig reinreden und Druck machen. Es hat keinen Sinn mehr, meiner pubertierenden Tochter Tag und Tag die gleichen Dinge zu sagen – und sie tut’s doch nicht! Es hat keinen Sinn mehr, mich um meine neuen Nachbarn zu bemühen – man wird ja doch nicht mit ihnen warm! Und das, liebe Gemeinde, das hör’ ich oft in meinem Dienst an den Menschen: dass sie keine Lust mehr haben, keine Kraft mehr verspüren, noch weiter zu kämpfen. So wie Gott hier
sagt: Ich hab' keine Lust mehr! Es hat ja keinen Sinn mehr, nach Frucht zu suchen! Was habe ich mir für Mühe gegeben - und es hat nichts gebracht. Mach den Feigenbaum platt! Reiß ihn raus und verbrenne ihn!  Wohltuend empfinde ich es da, dass Jesus, der Gärtner, antwortet: ‚Lass ihn noch 1 Jahr! Lass ihn noch stehen. Ich will mir viel Mühe mit ihm geben. Vielleicht bringt er ja doch noch Frucht!"  Jesus gibt den fruchtlosen Baum noch nicht auf. Er möchte nichts unversucht lassen. Ihm ist keine Mühe zu groß, kein Opfer zu schwer, um dem Baum, wenn irgend möglich, zur Frucht zu verhelfen.  Jesus hält noch eine Änderung für möglich, eine Trendwende, auch nach Jahren. Unter Seiner Pflege könnte etwas wachsen, was nie dagewesen ist im Leben so mancher Pflanze. Er möchte den Baum um jeden Preis erhalten.  Deshalb bittet er um Aufschub, um dieses ‚eine Jahr‘.  Dieses Jahr könnte die Chance sein für den Baum, wenn er sich die Pflege des Gärtners angedeihen lässt.  In seiner Nähe würde er erfrischt und gestärkt werden, würde Blüten ansetzen und Frucht hervorbringen, vielleicht späte Frucht.

 
Jesus hat Hoffnung für uns. Auch wenn wir selber diese Hoffnung nicht oder zur Zeit nicht oder nicht mehr haben. Er verspricht keine schnelle Lösung; keine schnelle Heilung der seelischen Schmerzen, keine Antwort auf die Frage nach dem "Warum". Jesus verspricht nicht, dass du plötzlich den Durchblick hast und weißt, wie es weitergeht.  Aber eines verspricht Jesus hier in diesem Gleichnis: Ich will mich um diesen Baum kümmern! Ich will mein Bestes geben! Ich will tun, was möglich ist!

 
Ein merkwürdiger Bibelabschnitt zum Erntedankfest! Jesus spricht hier von der Frucht, die noch gar nicht in Sicht ist. Die nach menschlichem Ermessen vielleicht gar nicht erwartet werden kann. Aber dort, wo wir die Frucht vermissen - da sieht er noch Möglichkeiten. Und da will er uns Mut machen, dass wir noch Geduld haben. Die Flinte noch nicht ins Korn werfen. Es kann sein, dass die Mühe vergeblich ist. Dass das Warten keinen Erfolg sieht. Jesus schließt das nicht aus.  Aber jetzt bittet er noch um Geduld. Damit er arbeiten kann. Damit keine Chance verloren geht und ungenutzt bleibt.  

 
Erntedankfest 2017: dieser Tag will unseren Blick auf das lenken, wofür wir aus vollem Herzen danken können – und wer es kann, der soll danken, was das Zeug hält! Und zwar gleich für diejenigen mit, denen das im Moment schwer fällt!  Aber wer es in dieser Zeit besonders schwer hat, der möge sich vom Gärtner Jesus ermutigen und sich von Ihm Geduld und Hoffnung schenken lassen. Amen.



 
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