Predigten November 2014 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten November 2014

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Predigt über 2. Korinther 1, 3-7;  23.11.2014, Toten-/Ewigkeitssonntag


Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater voller Barmherzigkeit, der Gott, der uns in jeder Not tröstet!  In allen Schwierigkeiten ermutigt er uns und steht uns bei, so dass wir auch andere trösten können, die wegen ihres Glaubens leiden müssen. Wir trösten sie, wie Gott auch uns getröstet hat.

Liebe Gemeinde, diese Worte, die wir gerade gehört haben, mögen wohl zwei ganz gegen-
sätzliche Empfindungen in uns auslösen. „Gepriesen sei Gott...“  - das klingt danach, dass es auf Freude gestimmt ist und nach festem Glauben. Danach, Gott aufrichtig und von Herzen „Danke!“ zu sagen. Und wenn der Bibelabschnitt für heute so anfängt, dann passt er wahrscheinlich nicht zur Gemütslage von vielen unter uns heute an diesem Tag. Vorgestern habe ich zu jemandem gesagt: „Ich mag gar nicht an Sonntag denken! Dann kommen mir so viele Menschen wieder vor Augen, die ich im vergangenen Jahr mit zum Friedhof bringen musste. So viele Familien, die der Tod völlig verändert hat.“   So viel Leid und Elend, was mir heute wieder vor Augen steht – und wenn mir das schon so geht, wie dann erst euch, die ihr direkt betroffen seid?!  Und wenn man dieses Leid und Elend vor Augen hat, dann fällt es schwer, in diese Worte einzustimmen „Gepriesen sei Gott...!“  

Aber vielleicht haben wir auch noch im Ohr, wie es weitergeht: „Gepriesen sei Gott,  ...
der uns in jeder Not tröstet! In allen Schwierigkeiten ermutigt er uns und steht uns bei...“ Diese Worte verstehen wir besser – weil in ihnen das anklingt, was viele von euch in diesem Jahr durchgemacht haben: Not und Leiden und Trübsal und die vielen Schwierigkeiten, die damit verbunden waren und für manchen noch sind.  Die Phasen, in denen wir keinen Lichtblick mehr sehen und nicht wissen, wie es weitergehen soll. Und nicht nur aus meiner Arbeit weiß ich: viel mehr Menschen, als wir vielleicht vermuten, geht es so. Ich weiß von so manchem, der bis oben voll ist von Dingen, mit denen er nicht zurechtkommt, bis oben voll von Kummer.  Und viele von euch, die ihr heute hier seid, haben das ja gerade in den zurückliegenden Monaten hautnah erlebt. Als der Tod in eure Familie eine Lücke riss. Bei manchen war es eine Zeitlang vorher abzusehen – und bei anderen passierte das von gleich auf jetzt, völlig unvorbereitet. Manche starben in einem hohen Alter – und andere wurden aus der Mitte des Lebens gerissen, obwohl man noch so viel vor hatte.   Jemand aus unserer Gemeinde sagte mir: „Ich mag nicht mehr! Fünfmal musste ich in diesem Jahr zu einer Beerdigung – alles in der Familie und im engsten Freundeskreis!“

Leiden, Trauer und Kummer – darum geht es auch heute. Aber es geht auch um den Trost! Genauer - hier wird gesagt: unser Gott ist der Gott alles Trostes. Und das ist ganz wichtig –
wo immer die Bibel von Trost redet, da bringt sie ihn mit Gott zusammen. Gott und Trost – Trost und Gott - das gehört zusammen!

Menschen brauchen Trost. Weil es vieles gibt, was Kummer macht. Heute denken wir besonders an den Kummer, den der Tod hervorruft. Aber Kummer gibt es ja auch darüber hinaus.  Ich habe den Schüler vor Augen, der binnen weniger Monate in der Schule in fast allen Fächern um bis zu zwei Zensuren schlechter geworden ist – weil die Ehe der Eltern auseinandergegangen ist.  Ich denke an die Menschen, denen der Arzt sagt: Ihr Mann, Ihre Frau, Ihr Vater hat Alzheimer. Wird nach und nach abbauen. Sich möglicherweise in seinem Wesen verändern. Sie haben einen schweren Weg vor sich.
Nur wenige Beispiele sind das - aber sie zeigen überdeutlich, dass Menschen Kummer haben und Leiden erdulden müssen. Menschen, die nach Trost suchen. Trost im Leid. Und das ist etwas, was der Bibelabschnitt für heute zuerst anspricht: dass es das Leid in unserem Leben gibt.

Wir hören das nicht gerne – und doch wissen: es ist so: Leiden gehört zum Leben dazu. Ob wir wollen oder nicht.  Udo Jürgens hat vor Jahren einen Titel für seine Tochter Jenny gesungen: „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden.“   Natürlich – das wünschen wir uns und das ist auch ganz normal so. Keiner wünscht sich, dass er leiden muss.  Aber wir wissen doch auch: es gibt keine Liebe ohne Leiden und es gibt kein Leben ohne Leiden. Und wir werden nicht danach gefragt, ob und wann und welches Leiden wir erdulden wollen.  Sogar Jesus ging das nicht anders! Wie hat er darunter gelitten, dass seine engsten Freunde in nicht verstanden, und am Ende ihn verraten und verleugnet haben!   Wie hat er in der Nacht vor seinem Tod gelitten - Blut und Wasser hat er geschwitzt vor Angst und Trübsal!  Und wie mag er gelitten haben, als er da am Kreuz hing!  "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" –  das sind nicht allein Worte von Menschen heute, sondern das sind Jesu eigene Worte! Jesus selbst leidet.

Paulus ist überzeugt: Wenn wir leiden, dann ist das keine Folge von mangelndem Glauben. Und Menschen leiden auch nicht darum, weil sie etwas "verbrochen" hätten und Gott ihnen darum solches Leiden auferlegt. Bei uns schleicht sich manchmal dieser Gedanke ein – wenn Leid auf uns zukommt, dass wir dann fragen: Was habe ich verbrochen?!  Und schon damals, zu Jesu Lebzeiten, hat man ihn immer wieder danach gefragt. Hat bei Menschen,
denen es schlecht ging, nach der Ursache danach gesucht. Und wenn wir auch keine letztgültige Antwort geben können: Jesus jedenfalls hat sich heftig dagegen verwahrt, das als Strafe Gottes anzusehen, was Menschen an Leid durchmachen. Vielleicht müssen wir uns damit zufrieden geben, dass wir sagen:  Menschen leiden, weil das Leiden ein Teil des Lebens ist.

Der Bibel ist es enorm wichtig zu sagen: wenn wir leiden, dann stellt Gott sich an unsere Seite.  Er betrachtet unser Leben und unser Leiden nicht vom hohen Himmel aus. Sondern in Jesus ist er unseren Weg mitgegangen. Wenn wir Jesus haben, dann gibt es keine Tiefe in unserem Leben, die wir allein überstehen müssten.  Dann gibt es keinen Schmerz, den wir allein aushalten müssten. ER kennt das alles aus eigener Erfahrung und ER ist bei uns, wenn wir keinen Ausweg wissen und verzweifeln. "Gott ist der Gott allen Trostes. Der tröstet uns in aller unserer Trübsal.“   Aber wie sieht das aus, wenn Gott uns tröstet? Wie macht er das konkret?  Ich kann diese Frage auch nicht so beantworten, dass es für alle gleichermaßen "passt". Das würde überhaupt nicht zu Gott passen. Er sieht uns ja nicht so wie wir vielleicht einen Ameisenhaufen im Wald. Die Millionen von Ameisen sehen für uns alle gleich aus - wir sehen da keinen Unterschied. Aber für Gott sind wir keine Ameise unter Millionen anderen.  Er kennt jeden einzelnen von uns - auch mit seinen ganz speziellen Eigenheiten. Er weiß von jedem von uns, was wir brauchen, was wir nötig haben. Und so weiß er auch von jedem einzelnen unter uns, auf welche Art und Weise er ihn besonders trö-
sten kann. In einem Lied heißt es: "Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir's nicht!"
Aber trotzdem lassen sich einige grundsätzliche Dinge dazu sagen:

Gott kann dadurch trösten, dass er uns in schlimmen Augenblicken einen Menschen über den Weg schickt, der uns echt eine Hilfe ist. Der vielleicht gar nicht viele Worte macht, der aber für uns da ist und uns einfach durch seine Gegenwart tröstet. Solche Menschen werden auch Engel genannt. Das können ganz normale Menschen sein, die Gott aber dazu gebraucht, um uns zu trösten. Und ich bin sicher: ihr, liebe Trauernden, ihr wisst, wovon ich rede – von manchen von euch weiß ich, dass sie solche Menschen hatten und haben, die einfach da sind und ihnen gut tun!

Aber auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Gott tröstet auch dadurch, dass er dazu Mut macht, dass man wieder lernt, auf Menschen zuzugehen. Und das muss man oft wirklich wieder lernen. Einfach ist das nicht, aber wenn man es geschafft hat, merkt man: das tut mir gut! Und dazu gehört auch, dass man nach und nach wieder seinen Alltag in den Griff kriegt. Und trösten kann es auch, wenn man sich wieder in seine Arbeit kniet. Nicht als Zeitvertreib, sondern dass man merkt: ich werde gebraucht! Mein Leben hat noch einen Sinn – und es wäre verkehrt, es sozusagen innerlich abzuhaken oder wegzuwerfen.

Gott kann uns auch trösten durch bestimmte Zusagen in seinem Wort. Ich saß an einem Sterbebett. Es war ein Jammer mit anzukucken, wie hier ein Mensch litt und voller Unruhe war. Menschliche Worte konnten nichts mehr ausrichten, schon gar nicht trösten. Aber als ich die Worte der Bibel dieser Sterbenden zusagte: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir...denn   du    bist    bei    mir ..." - da ging ein Leuchten über dieses Gesicht und mit der letzten Kraft wiederholte die Frau dieses Versprechen Gottes - und wir konnten bis ins körperliche hinein deutlich spüren, wie sie dadurch getröstet wurde und wie die Unruhe von ihr abfiel. ...
"Dein Stecken und Stab trösten mich..." -  das sind keine frommen, leeren Worte, über die man lächeln könnte - sondern das ist etwas, was echten Trost geben kann! Und so schwer es ist, Menschen auf dem letzten Weg zu begleiten, so schön und so erhaben ist es auch, wenn man dabei sein darf, wenn Menschen durch Gottes Kraft berührt werden und Trost empfangen.

Aber solcher Trost kommt nicht "automatisch" - sondern im Normalfall brauchen wir dazu die Gemeinde. Und damit bin ich beim letzten Gedanken, den der Predigttext uns nahelegt: Gott tröstet uns, damit wir andere trösten können  Also: was Gott an uns tut, das soll auch anderen zugute kommen. Und wenn wir einmal in unserem Leben Trost empfangen haben, dann sollen wir diesen Trost auch weitergeben, wo es nötig ist und wo wir das können.
Wie oft stehen wir vor dem Leiden anderer Menschen und wissen gar nicht richtig, was wir dann sagen oder tun sollen. Dann müssen manchmal so bestimmte Redewendungen herhalten - alles gut gemeint, aber meistens ziemlich zwecklos: "Kopf hoch, es wird schon wieder!" "Geh an die frische Luft!" "Halt die Ohren steif!" und was man so sagt. Wir wollen damit Anteilnahme vermitteln und Hilfe geben - aber oft merken wir: das alles hilft nicht wirklich weiter.  Menschen, die selbst durch Tiefen gegangen sind, finden oft ganz andere Worte und Zeichen der Anteilnahme.  Eltern, die selbst ein  Kind verloren haben, können mitfühlen, wenn andere dasselbe trifft. Wer selber schon in einer Krankheit an der Grenze stand, der weiß, wie es einem geht, der vor einer schweren Operation steht.  Menschen, die selbst Leid erfahren haben, sind vorsichtig mit Ratschlägen und Rezepten. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie empfindlich Menschen oft in Zeiten der Not sind.  Sie wissen, dass jeder seinen eigenen Weg finden und im eigenen Tempo gehen muss, um wieder ins Leben zu finden.  Menschen, die selber Leid erfahren und Trost empfangen haben, die können den Schmerz und die Zweifel anderer von innen verstehen. Und das hilft ihnen, die richtigen Worte zur rechten Zeit zu finden. Oder – viel öfter: auch das Schweigen mit auszuhalten. Statt den Traurigen an die frische Luft zu schicken, gehen sie mit ihm. Statt Worte zu machen, kochen sie ihm eine Suppe oder backen einen Kuchen.   Wie auch immer: wer getröstet ist, kann trösten.

Wir können nicht auf alles eine Antwort geben. Nicht jedes Schicksal können wir deuten oder erklären. Aber als Christen können wir Menschen weitersagen, wo wir selber Trost und Hilfe erfahren haben. Gott helfe uns dabei. Amen.

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