Predigten November - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten November

Predigten > 2016

Römer 8, 18-25; Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres; 13.11.2016

Liebe Gemeinde, um das Ende geht es in diesen Wochen im November, am Ende des Kirchenjahres. Wir sehen das schon an der Natur: die Blätter fallen von den Bäumen und die Äste sind kahl. Das zeigt uns: alles vergeht einmal. Nicht nur das Laub, auch wir. Noch deutlicher wird das, wenn wir auf den Friedhof gehen. Wenn wir die Gräber schmücken, werden wir dabei auch konfrontiert mit Abschied und Verlust. Auch in der Bibel werden Leid und Vergänglichkeit nicht ausgespart. Und auch für heute ist uns ein solcher Abschnitt gegeben – wir haben ihn vorhin als Lesung schon gehört – vielleicht habt ihr davon noch ein bisschen im Ohr. Paulus schreibt ja, dass die ganze Schöpfung stöhnt und weint, weil so viel Elend und Leid in der Welt ist.  Und dass wir darauf warten, dass wir von der Vergänglichkeit erlöst werden und dass Gott Sein Reich und Seine Herrlichkeit errichtet. Und dass demgegenüber alles, was wir bis jetzt noch erleiden müssen, gar nicht ins Gewicht fällt. Soweit seine Hauptgedanken und Paulus stellt damit beides nebeneinander: die Vergäng-
lichkeit und die Hoffnung,  das unsagbare Leid und die Erlösung.

Es ist so viel kaputt in dieser Welt. Manchmal mag ich keine Nachrichten mehr sehen und hören, weil fast alles nur Not und Elend ist. Damit hat Paulus Recht. Und auch damit, wenn er sagt: Ja, es ist so: die ganze Welt wartet auf Erlösung. Da muss doch irgendwann mal was passieren, dass das aufhört! Die ganze Not, das ganze Elend – das muss doch mal zu Ende sein!  Mit beidem hat Paulus Recht. Dass die ganze Schöpfung stöhnt und Schmerzen hat wie eine Frau, die in den Wehen liegt – und dass wir sehnsüchtig darauf warten, dass dieser Schmerz aufhört und es besser wird.  Aber die Art und Weise, wie er das anspricht, diese Art und Weise ist doch sehr provozierend.  Wie er das Leid gewichtet und bewertet. Das klingt doch wie purer Hohn, wenn er sagt: „Was wir jetzt noch leiden müssen, fällt überhaupt nicht ins Gewicht im Vergleich mit der Herrlichkeit, die Gott uns zugedacht hat.“

Paulus – komm doch nur einmal ein Jahr lang in unsere Gemeinde! Du wirst es kaum noch aushalten können, mit wieviel Leid und Elend du konfrontiert wirst! Menschen, die mit einer harten Diagnose zurechtkommen müssen, die keine Hoffnung mehr lässt. Andere, die von gleich aus jetzt tot umkippen.  Menschen, deren ganze Lebensentwürfe wie Seifenblasen.  
Fällt das alles nicht ins Gewicht? Paulus, meinst du das wirklich?  Und es ist ja damit noch nicht genug.  Das kennt doch jeder von uns, dass wir auch sozusagen in uns selbst seufzen. An uns selbst zweifeln. Wir haben es doch richtig machen wollen – aber es ist uns nicht gelungen! Was haben wir nicht für hochfliegende Pläne im Beruf gehabt. Und wie beglückend haben wir uns unsere Partnerschaft vorgestellt.   Und was für einen tollen Start ins Leben sollten unsere Kinder haben.  Wir haben es ernst und ehrlich gemeint – und dann steht man manchmal doch davor und muss damit zurechtkommen, dass nicht alles auch so gekommen ist. Weil wir immer wieder auch an unsere Grenzen gekommen sind.
Oder wenn wir damit fertig werden müssen, dass wir selber auch vergänglich sind. Bei dem einen lassen die Kräfte nach. Bei dem anderen haben Krankheiten deutliche Spuren hinter-
lassen. Andere sind bis aufs Äußerste gefordert, weil sie Vater oder Mutter pflegen und sie
schämen sich für die Momente, in denen sie heimlich denken: ‚Wenn es doch nur schon vorbei wäre!‘   Das alles ist etwas von dem, wovon Paulus sagt: „Wir sehnen uns nach der Erlösung unseres Leibes.“ Wir haben Sehnsucht danach, dass jemand uns befreit von Ohnmacht, von Hilflosigkeit und Selbstzweifel.  Und ich glaube nicht, dass Paulus arrogant davor die Augen zumacht. Er weiß, wie belastet und belastend das Leben oft ist. Und mit dem, was er dazu sagt, will er es nicht schönreden. Nicht kleinreden und verharmlosen.  
Aber in unserem Predigtabschnitt stellt er es in Gegensatz zu dem, was Gott an Möglichkeiten hat. Paulus ist überzeugt: Gott hat die Kraft und die Macht, dass er das alles, was uns das Leben schwer macht, dass er uns davon frei machen kann. Und das wird er auch tun! Das ist die Hoffnung, von der er hier spricht: Gott gab seinen Geschöpfen die Hoffnung, dass auch sie eines Tages von der Versklavung an die Vergänglichkeit befreit werden und teilhaben an der unvergänglichen Herrlichkeit, die Gott seinen Kindern schenkt.   

Also: Es wird die Zeit kommen, in der du nicht mehr an deinen Grenzen und Begrenztheiten leiden wirst. Du wirst merken, dass dein Leben sich weitet.  Das ist ja gemeint mit dem, was uns für heute aus der Bibel gegeben ist. Das Leiden wird zu Ende gehen, es wird vergehen, es wird zu einem guten Ende kommen. Eines Tages werden wir bei Gott ganz geborgen sein und sehen und spüren, was wir jetzt „nur“ hoffen, und wir werden Trost und Heilung finden für immer.   Das ist der Zusammenhang, in dem Paulus unser Leben sieht. Und er ist über-
zeugt: dagegen ist das, was mir jetzt Mühe macht, nicht mehr allmächtig! So sieht er es – auch wenn es mir, wenn es uns schwer fallen mag, das auch so zu sehen.  Wie dem auch sei: auf jeden Fall kann sich das, was er da anspricht, ent-lastend auswirken. Dadurch, dass es offen an- und ausgesprochen wird: Ja, auch als Christen kennen wir die Erfahrung, den Belastungen des Lebens nicht mehr gewachsen zu sein. Das klingt so simpel, dass ich es bald nicht sagen mag. Aber ich erlebe immer wieder, dass gerade die Menschen, die ihr Leben bewusst als Christ leben, große Probleme kriegen, wenn etwas in ihrem Leben auftritt, was ihnen tüchtig zu schaffen macht. Weil da oft der Anspruch ist: wenn einer Christ ist, dann muss sein Leben mehr oder weniger perfekt sein. Manchmal sind das Erwartungen von außen. Von Menschen, die sich selber nicht zur Gemeinde halten. Aber sie achten mit Argusaugen auf die, die zur Kirche gehen oder zur Gemeinschaft. Und wenn bei denen dann irgendwas ist, dann wird mit Fingern auf sie gezeigt.  Aber manchmal kommt der Anspruch auch von  innen. Aus der Gemeinde selbst. Dass da so eine Atmosphäre herrscht, die Menschen die Luft nimmt, wenn sie etwas Schweres mit sich herumtragen. So, als dürfte es Schwierigkeiten im Leben von uns Christen gar nicht geben.  Und darum ist es dann für Menschen doppelt schwer. Da hat zum Beispiel ein erwachsenes Kind eine bestimmte Entscheidung für sein Leben getroffen. Die Eltern haben daran erstmal selber zu schlucken. Und wenn sie dann noch das Gefühl haben, dass andere über sie tuscheln, dann können sie das gar nicht gebrauchen. Und wenn das Getuschel dann noch aus der Gemeinde kommt,
von Mitchristen, dann tut das doppelt weh.  Oder da sind zwei, die mit Ernst Christen sind. Aber sie sind in ihrer Ehe nicht mehr auf einem Brett und beim besten Willen können sie nicht mehr miteinander.  Das ist schon schwer genug für sie, diese Last einer gescheiterten Ehe zu tragen. Und wenn ihnen dann noch das Gefühl gegeben wird, dass das unter Christen ja nun überhaupt nicht geht, dann kommen oft auch noch Schuldgefühle dazu. Und sie schleppen das mit sich herum und werden kaum mehr froh.  Oder da ist jemand, der sich schweren Herzens dazu durchringt, den pflegebedürftigen Vater, die Mutter in einem Heim versorgen zu lassen. Weil die eigene Kraft einfach nicht reicht und man an seine Grenzen gekommen ist. Und wenn da dann manche sind, die das schlecht machen und sagen: „De löppt ok ja immer nao’t Kark hen un nu sitt Vaoder in’t Heim! Wo kann de dat wall verantwoorden?“  Wenn das passiert, dann ist das eine große Last für denjenigen und es hilft ihm ganz bestimmt  nicht.  Wisst ihr, das ist dieser Zwiespalt, in dem wir manchmal stecken: dass wir uns gerade aus unserem Glauben heraus bemühen, dass alles möglichst gut sein soll. Und dann kriegen wir es nicht so ideal hin – und das tut dann furchtbar weh. Und wenn dann noch so getan wird, als dürfte es das unter Christen nicht geben, dann ist das doppelt schlimm. Wenn Mitchristen ihm zu verstehen geben: warum lässt du dich denn jetzt so hängen? Wenn du Christ bist, und wenn dein Glaube stark genug wäre, dann musst du das ja wohl aushalten können. Nun sei mal ’n  bisschen zuversichtlicher!

Paulus sagt es so gerade nicht! Sondern er will sagen: Ja, diese Grenzerfahrungen sind da! Scheitern. Versagen. Hinter dem, was man möchte, zurück bleiben. Auch bei Christen.  Aber:  Christen müssen sich nicht abhängig machen vom Erfolg ihrer eigenen Bemühungen!  Anders gesagt: wir brauchen das, was uns an unsere Grenzen bringt, wir brauchen das nicht schamhaft zu verschweigen oder schönzureden.   Aber wir brauchen uns davon auch nicht beherrschen zu lassen!  Beides stimmt – aber es ist wie eine Gratwanderung: auf der einen Seite wissen wir das wohl, dass wir uns von den Grenzen unseres Lebens nicht beherrschen lassen müssen – aber wenn’s drum geht, das auch zu leben, dann ist das nicht so leicht.  Dazu brauchen wir viel Kraft.  Paulus nennt diese Kraft „Hoffnung“.  Und diese Kraft, diese Hoffnung, die geht von Jesus Christus aus.

Kritiker des christlichen Glaubens sagen: dass ihr von der Hoffnung redet, das ist wie
eine Narkose. Damit vertröstet ihr euch und andere nur auf ein besseres Jenseits und flüchtet euch aus der Gegenwart. Unser Predigtabschnitt sieht es anders: Hoffnung vertröstet nicht auf ein Jenseits, sondern gibt Kraft und Inspiration für das Leben, das wir haben. Hoffnung ist die Triebfeder, die uns voran gehen lässt, obwohl wir selber denken: ich kann gar nicht mehr! Hoffnung ist die Kraft, mit der wir einen Schritt weiter gehen können, als wir es aus uns selbst heraus schaffen würden. Und so manche von euch, die ihr heute hier seid, so manche haben das ja erlebt im zurückliegenden Jahr: dass da ganz viele Fragen waren – aber dass da auch die Hoffnung war! Die Hoffnung, die Kraft gegeben hat – das, was so schwer war, anzunehmen und das Leben neu auszurichten und aufzubauen!
Hoffnung hilft uns, dass wir in eine Zukunft investieren, die wir noch nicht sehen können – aber die trotzdem schon da ist. Weil Jesus Christus da ist und weil er lebt und weil er uns mit hinein nimmt in seine Zukunft.

Paulus hat diese Worte geschrieben, um Mut zu machen. Denen, die am Verzweifeln sind. Über den Zustand der Welt und über ihre eigenen Grenzen. All das wird ein Ende haben, so ist er überzeugt.  Für ihn und seine Mitchristen damals war klar: dieses Ende, das steht kurz bevor. Dass Jesus diese Hoffnung einlöst, das steht kurz bevor. Er nimmt dazu diesen Vergleich mit der Geburt: wie bei einer Geburt liegt dieses Ende der vergänglichen Welt schon in den Wehen und es dauert nicht mehr lange. Heute schauen wir auf fast zweitausend Jahre Christentum zurück. Zeiten waren darunter mit kaum fassbarer Gewalt und grausamem Leiden. Und wir mögen zu Recht fragen: Paulus, wann endlich kommt dieses nahe Ende? Macht unser Warten und Hoffen noch Sinn?!  Ich glaube, er würde heute sagen:  Haltet den Schmerz wach! Werdet nicht stumpf dem Leid gegenüber. Und wo immer ihr könnt – geht dagegen an!  Und bleibt dem treu, der der Schöpfer und Erlöser eures Lebens ist. Lasst euch von ihm stark machen für euer Leben, wie schwer es auch sei. Gott, der Herr unseres Lebens, verheißt uns auch dann eine Zukunft, wenn wir keine mehr sehen.
Er hat durch Jesus schon eine Schneise geschlagen durch das Dickicht von Tod, Elend, Leiden und Ungerechtigkeit. Und er schließt uns das Land auf, das keine Grenzen mehr kennt. Und so mögen die alten Worte des Paulus unsere Herzen stärken und sie mit Geduld erfüllen und uns in Gottes großen Frieden führen. Amen.

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