07.04.2019 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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07.04.2019

Predigten > 2019 > April 2019
 
Markus 10, 35-45; Judika; 07.04.2019

 
Liebe Gemeinde, zuerst will ich uns den Predigttext lesen, für den ich mich heute entschieden habe:    Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, an Jesus heran und sagten: ‚Meister, wir wollen, dass du uns eine Bitte erfüllst.‘ ‚Was wollt ihr?‘, fragte er. ‚Was soll ich für euch tun?‘  Sie sagten: ‚Wir möchten, dass du uns in deinem Reich links und rechts neben dir sitzen lässt!‘  Aber Jesus erwiderte: ‚Ihr wisst nicht, was ihr da verlangt! Könnt ihr den Becher des Leides trinken, den ich trinken werde, und die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werden muss?‘ ‚Ja, das können wir‘, erklärten sie. Jesus antwortete: ‚Den Becher des Leides, den ich trinken muss, werdet ihr zwar auch trinken, und die Taufe, die mir bevorsteht, werdet ihr auch empfangen, aber ich kann nicht bestimmen, wer auf den Plätzen links und rechts von mir sitzen wird. Dort werden die sitzen, die Gott dafür vorgesehen hat.‘  Die anderen zehn hatten das Gespräch mit angehört und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: ‚Ihr wisst, wie die Herrscher sich als Herren aufspielen und die Großen ihre Macht missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein. Wer bei euch  groß sein will, soll euer Diener sein,  und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave von allen sein.  Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen  und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben.‘   

 
Was war ich immer froh, wenn ich ‘n Tickchen größer war als mein Vetter.  Manchmal hab ich mich auf die Zehenspitzen gestellt, wenn wir wieder mal rauskriegen wollten, wer von uns beiden größer ist. Ein bisschen größer zu sein – ein schönes Gefühl war das!  Ganz nach
oben kommen! Eine Spitzenposition im Beruf. Eine Spitzenplatzierung im Sport.  Die beste Klausur in der ganzen Klasse. Wenn man als Ehrengast bei einer Veranstaltung zu einem re-
servierten Platz geführt wird – da fühlt man sich wichtig.  Nach oben kommen, vorne mitmischen und was zu sagen haben – das steckt in uns Menschen so drin, dass wir danach streben. Weil: wer an der Spitze steht, hat Macht, Einfluss, Ansehen. Und das  haben zu wollen, das ist menschlich und darum steckte es auch in den Jüngern von Jesus drin.

 
Kucken wir nochmal auf das, was uns im Predigttext berichtet wird:  Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs.  Gerade hat Jesus mit ihnen darüber gesprochen, dass er bald verraten und gequält und unter höllischen Schmerzen umgebracht werden wird.  Sein ganzes Herz hat er ihnen ausgeschüttet. Und direkt danach kommen zwei von ihnen, Johannes und Jakobus, zu ihm und haben nichts anderes im Kopf als dies: ‚Wir wollen, dass du uns eine Bitte erfüllst.‘  Komisch, oder?!  Wollen, dass eine Bitte erfüllt wird – das beißt sich ja irgendwie. Auf jeden Fall leiden diese beiden Jünger nicht unter Minderwertigkeitskomplexen: ‚Wir wollen, dass du uns eine Bitte erfüllst.‘ Und Jesus geht darauf ein: ‚Was soll ich für euch tun?‘ Sie antworten: "Wir möchten, dass du uns in deinem Reich links und rechts neben dir sitzen lässt!"  Johannes und Jakobus wollen eine Spitzenstellung: wenn Jesus sein Reich aufrichten wird und seine ganze Macht und Herrlichkeit sichtbar werden – dann wollen sie links und rechts von ihm sitzen.  Rechts und links vom Herrscher, das sind nach ihm die einflussreichsten Menschen im Staat. So wie bei uns der Vizekanzler seinen Platz direkt neben der Kanzlerin hat. Und Johannes und Jakobus sind überzeugt, dass ihnen das wohl zusteht. Immerhin stehen sie Jesus besonders nahe und können besonders gut mit ihm. Da kann er ja wohl dafür sorgen, dass sie die besten Plätze kriegen und groß rauskommen.

 
Jesus weiß sofort, dass sie noch nicht viel kapiert haben. Darum gibt er ihnen eine Extralektion und sagt noch einmal, dass er einen schweren Weg gehen und entsetzlich leiden wird.  Und er fragt sie, ob sie das auch auf sich nehmen können – und ganz flockig antworten sie: „Ja klar – kein Problem!“  Sie begreifen gar nicht, was das eigentlich wirklich bedeutet: dass sie später verfolgt werden, weil sie sich zu Jesus bekennen. Jetzt haben sie nur im Kopf, dass sie rechts und links neben ihm zu sitzen kommen und eine absolute Spitzenstellung einnehmen.  Aber nicht nur diese beiden wollen an die Spitze – die andern zehn auch.  Denn sonst wären sie ja wohl nicht so sauer, als sie mitbekommen, was Jakobus und Johannes da unternommen haben. Die hätten auch alle gerne einen Spitzenplatz. Und wahrscheinlich kucken die nun auch alle belämmert, als Jesus ihnen klar macht, wie er das sieht: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein“, sagt er.   Damit spricht Jesus an, was nur wenige wollen, nämlich „Diener“ sein. Wer nach dem ersten Platz schielt, den schickt Jesus ans Ende der Schlange: „Wieder hinten anstellen!“  

 
Nun ist „dienen“ ja nicht allzu beliebt und das Wort ist aus der Mode gekommen. Bei der Bundeswehr, da dienen Soldatinnen und Soldaten unserem Land. Ansonsten kommt das Wort kaum noch vor und die Sache, die damit gemeint ist, ist auch nicht sonderlich beliebt – jedenfalls dann nicht, wenn man selber ‚dienen‘ soll.  Ich will das mal mit einem Vergleich deutlich machen: Ich bin sicher, dass die meisten von uns beeindruckt sind von Mutter Theresa, die selbstlos immer für andere da war. Aber von ihr beeindruckt sein und es ihr nachtun, das ist ja zweierlei. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nach Indien gehen soll, und dort im Dreck leben soll und tagtäglich mich um Menschen kümmern soll, die voll sind von Bakterien und Viren und Lehm und Dreck – nee, da bleibe ich doch lieber in meinem geliebten Spetz und lass mir auf Besuchen in der Gemeinde lecker Tee und Torte oder ‘n Schinkenbrot vorsetzen.   Dienen steht bei uns nicht besonders hoch im Kurs. Das zeigt sich auch daran, dass die, die z.B. hier bei uns als Krankenschwester oder Altenpfleger arbeiten und wirklich dienen – dass die gemessen an ihrer echt anstrengenden Arbeit miserabel bezahlt werden. Das ist eine Schande!

 
Dienen ist eine zwiespältige Sache: solange andere dienen und vielleicht sogar mir dienen, ist das OK. Aber wenn ich derjenige bin, der dienen soll, dann sieht das oft schon anders aus!  Nun meint Jesus allerdings auch nicht, dass wir alle in irgendwelche Slums gehen sollen, um dort den Ärmsten der Armen zu dienen.  Also da können wir schon mal durchatmen – Indien ist sicher für die meisten von uns gestrichen!  Aber: nicht zu früh freuen! Das, was Jesus meint, das kann sehr konkret werden. Unangenehm konkret!  Ihm geht es darum, dass wir da dienen, wo wir stehen. Jesus will, dass ich da diene, wo ich meinen Platz habe. Dienen konkret – nicht als Missionar in Timbuktu, sondern in der eigenen Familie: den Müll rausbringen oder mit dem Hund Gassi gehen, wenn Mama das sagt. Dann nicht stur
aufs Handy zu kucken, sondern in die Hufe kommen und mit Fiffi lostraben! / Einmal, da war ich ungefähr 12, da sollte ich konkret dienen – und hab’s nicht gemacht: Meine Oma war krank und musste das Bett hüten und dummerweise war meine Mutter gerade in diesem Moment nicht da, als Oma nach mir rief: Sie hatte sich übergeben und bat mich, ihr Gebiss sauber zu machen.  Das war für „konkret dienen“ zu viel und Omas Zähne sind nicht sauber geworden, bis meine Mutter dann wieder da war.   Dienen konkret - am Arbeitsplatz: ‚Kann ich dir was abnehmen, damit du auch pünktlich Feierabend machen kannst?‘  Dienen konkret – darauf achten: wo soll und kann ich etwas tun für andere? Und das geschieht eben nicht
immer nur an den Stellen, wo man von andern gesehen und bewundert wird.   Beispiel: Ulrike und ich durften vorgestern bei der Eröffnung der neuen Blumenhallen-Saison dabei sein – gestern war ja schon’n Foto in der OZ mit dem Königshaus und dem Schirmherrn – war alles richtig schön! Und die Blumenhalle sieht auch wirklich toll aus – kann ich euch nur empfehlen!  Aber damit das auch in 3 Wochen noch so schön ist, und in 4 Monaten und bis zum Ende der Saison – dafür müssen viele richtig  den Rücken  krumm und sich die Hände  schmutzig machen. Dann arbeiten, wenn andere schon lange Feierabend haben. Und die tauchen nicht in der Zeitung auf.  Und bei uns in der Kirche ist es oft nicht anders: wenn etwas besonders schön läuft, oder wenn eine besondere Veranstaltung ansteht – dann stehen einige im Vordergrund und das, was sie dazu beitragen, können alle sehen und sie bekommen viel Anerkennung – und nicht falsch verstehen: das ist auch in Ordnung!  Aber meistens sind auch noch andere daran beteiligt – und die machen oft die Drecksarbeit. Putzen die Klos – und glaubt mir: nicht alle treffen beim Pinkeln das Klobecken und nicht alle haben gelernt, wie man die Klospülung bedient...   Andere buckeln Bühnenteile, kriechen oben auf dem Dachboden rum und legen Leitungen, verbringen Stunden in der Kirche, um schön zu dekorieren, waschen ab und putzen Staub – meist ohne dass sie gesehen werden und Applaus bekommen und im Gemeindebrief erwähnt werden. Aber sie machen es – und damit dienen sie. Konkret!   Dienen konkret – dabei geht es immer um die Frage: was kann ich, was habe ich, womit ich für andere dasein kann?   

 
Dienen ist unbequem - bedient werden ist viel schöner. Und darum fällt uns das Dienen auch oft so schwer.  Wie gut, dass Jesus nie etwas verlangt, was er nicht selbst  tut.  Das, was er von anderen erwartet, das tut Jesus selbst auch. Dazu der letzte Gedankengang: nachdem Jesus seinen Jüngern erklärt hat, dass sie dienen sollen, wenn sie im Reich Gottes groß sein wollen,  redet er über sich selbst: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er  diene.“

 
Stellt euch mal vor, dass ihr morgen einen richtig stressigen Tag vor euch habt. Und schon ziemlich früh, so gegen halb acht, würd‘ Angela Merkel bei euch klingeln und sagen: „Ich hab gehört, Sie haben so viel zu tun! Zwei Kinder, ein Nebenjob und auch noch eine Mutter, die langsam dement wird. Ich wollte darum heute wohl eem den Frühjahrsputz für Sie machen und dann die Wäsche   und danach für Sie einkaufen gehen! Aber erst eem mache ich einen Tee für Sie, damit Sie erst eem durchatmen können!“   Wenn das wirklich so wäre – das wäre ja irgendwie verkehrte Welt. Dass einer, der Macht hat, zu uns kommt und uns etwas abnimmt, was uns Mühe macht.  Verkehrte Welt – oder?  Und jetzt sagt hier der Sohn Gottes, der Herr aller Herren, der König aller Könige: ‚Ich bin gekommen um euch zu dienen. Ich bin gekommen, um für euch  dazusein. Ich bin gekommen, weil Ihr meine Hilfe braucht!  Der alte Dreck muss raus aus Eurem Leben. Eure Kleider müssen gewaschen werden, damit Ihr rein dasteht!‘   Verkehrte Welt – oder? Jesus ist gekommen, um zu dienen. Aber so ist Gott! Er ist sich nicht zu schade, uns zu dienen. Gleich nach dem Sündenfall, als er allen Grund hat, böse zu sein auf Adam und Eva, macht Gott sich zu ihrem Diener. Er macht ihnen Röcke aus Fellen und zieht ihnen die an, damit sie sich nicht bloßstellen.  Oder Jesus: der bindet sich die Schürze des Hausdieners um  und kniet sich vor seine Jünger nieder und wäscht ihnen die Füße. Und auch heute: im Gottesdienst dient Gott uns! Will uns reich machen durch sein Wort. Uns stärken mit seinem Segen. Gottesdienst – das ist immer auch Gottes Dienst an uns.

 
Nun geht der Dienst, den Jesus tut, aber noch viel weiter: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“  Lösegeld. Das klingt nach einer Geiselnahme: einer ist gekidnappt worden und ein anderer muss Lösegeld für ihn zahlen. Und so in der Art ist das auch gemeint, wenn von Jesus gesagt wird, dass er gekommen ist, um sein Leben als Lösegeld für Viele zu geben.  Jesus sagt: „Ihr Menschen seid Geiseln der Sünde.“ Er meint damit: ihr seid ganz oft auf dem Weg  weg von Gott. Steht immer in der Gefahr, das zu tun, was nicht in Ordnung ist. Ihr wollt es gerne anders machen -  aber ihr schafft es nicht, von euch aus in Gottes Sinn zu leben!“  Diese Tatsache ist wie eine Geisel-haft: gefangen unter einer Macht, die uns in der Hand hat und die es nicht gut mit uns meint. Und aus dieser Geiselhaft kauft Jesus uns frei! Er bezahlt das Lösegeld: sein Leben.
Am Kreuz bezahlt Jesus das Lösegeld - damit keine  andere Macht mehr das Sagen über uns hat!  So dient Jesus uns – und macht uns frei, nach und nach immer besser anderen zu dienen.  Amen.

 

 

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