19.04.2019 - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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19.04.2019

Predigten > 2019 > April 2019
 
 
Johannes 19, 16-30; Karfreitag; 19.04.2019    

 
Liebe Gemeinde, ich war in einem Krankenhaus, um Besuche zu machen. Auf dem Flur lag ein alter Mann in einem Krankenbett. Wahrscheinlich hatte man ihn da abgestellt, weil er zu einer Untersuchung gebracht werden sollte. Er war mehr oder weniger nackt: das weiße Laken war zerknüllt, das OP-Hemd  runtergerutscht. Man sah seine nackten, dünnen Beine, die Armknochen, seine Rippen, die faltige Haut. Er lag da völlig hilflos, konnte sich selbst nicht zudecken. Er lag bloßgestellt auf dem Flur. Besucher gingen schwatzend in die umliegenden Zimmer und Ärzte und Schwestern eilten vorbei an dem alten Mann, der seine Blöße nicht bedecken konnte.
Wie kann man einen Menschen so abstellen? Ist das so, wenn man alt wird? Geht es dann  so würdelos zu? Ich möchte mir das nicht vorstellen, selbst mal nackt, hilflos und bloßgestellt auf irgendeinem Flur herumzuliegen.  Wenn ich über diesen Anblick von diesem Mann auf dem Krankenhausflur nachdenke, dann bin ich froh, dass ich meine Kleidung habe: Jacke und Hose, Socken und Hemd. Das ist eigentlich total banal – dass wir Kleider anhaben. Und trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken. Kleidung zu haben, das bedeutet doch: ich kann zeigen, was ich zeigen will und mehr nicht.  

 
Kleidung schützt! Nicht nur vor Kälte und Wind und Regen – Kleidung schützt uns auch vor neugierigen Blicken.   So wie bei mir: das Hemd ‘ne Nummer größer, damit der Bauch etwas kaschiert wird.  Und kurze Hosen zieh‘ ich nie an – dann würd‘ ich ja aussehen wie ein Schwarzstorch im Salatfeld – mit meinen schwarzen Gummistrümpfen.  Kleider anzuhaben, das ist nicht nur eine Frage von Mode,  sondern das ist auch eine Frage von Würde. Und nun heißt es in dem Bericht von der Kreuzigung: Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider ... und dazu auch das Gewand.    

 
Sie nehmen ihm alles, und  lassen  ihm nichts. Jesus kann nicht mehr entscheiden, wie ihn die Leute sehen sollen. Er kann nicht mehr entscheiden, was er von sich zeigen will. Er ist nackt, verwundet, hilflos. Er ist nicht nur entblößt, er ist auch bloßgestellt. Erschreckend deutlich sieht man: Er ist ‚wahrer Mensch‘ - Mensch durch und durch. Und gleichzeitig ist ja dort, wo Jesus ist, Gott selbst! Und wenn Jesus da jetzt nackt am Kreuz hängt, dann bedeutet das doch:  Gott selbst kann jetzt nicht mehr entscheiden, was und wie ihn die Menschen sehen sollen! Da hängt Jesus - ein nackter Gott!  Ein hilfloser Gott – entblößt und bloßgestellt. Das kann man gar nicht begreifen! Das wollen wir doch eigentlich gar nicht – einen nackten, hilflosen, bloßgestellten und schwachen Gott.  Eigentlich wollen wir doch lieber einen Gott, der unserer Schwäche neue Kraft gibt.  Der meiner Hilflosigkeit zur Hilfe kommt. Ich will einen Gott, der die Nackten kleidet und die Bloßgestellten schützt. Ein Gott, der selbst schwach und hilflos und nackt ist, passt gar nicht ins Konzept und ich will ihn lieber nicht.  Aber Gott  wollte es so. Er hat entschieden,  diesen Weg zu gehen. Es muss so sein, es ist nötig - das hat Jesus immer wieder von seinem Weg ans Kreuz gesagt.   Er wusste, was auf ihn zukommt. Auch, dass er nackt und bloßgestellt dort öffentlich für alle sichtbar hängen wird.  Und dass das so ist – das ist auf der einen Seite Mutwille von denen, die ihn da festgenagelt und ihm seine Kleider ausgezogen haben.  Aber gleichzeitig ist das auch  Gottes Wille!  Es ist nötig und es musste so geschehen!

 
Jesus und seine Kleider – oder besser gesagt: Jesus und die Kleider, die er nicht  anhat. Gleich am Anfang seines Lebens ist das ein Thema – jedes Jahr Weihnachten singen wir:  „Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein“ Und von seinem Ende auf Erden heißt es in einem Passionslied: ‚Um Sechs ward er nackt und bloß an das Kreuz geschlagen‘. Nackt und hilflos, wie das Kind in der Krippe, so ist er nun auch am Kreuz.

 
Nackt kommen wir zur Welt,   und nackt gehen wir irgendwann auch wieder einmal von der Welt. Und dazwischen haben wir meistens etwas an. Nur dann nicht, wenn wir duschen – und dann nicht, wenn wir lieben. Menschen, die einander lieben, die können auch nackt voreinander sein. Brauchen sich voreinander nicht schämen. Können einander so zeigen und begegnen, wie sie sind und „Ja“ zueinander sagen.
Bedeutet das, dass Jesus am Kreuz nackt ist, bedeutet das dann nicht: ‚Vor mir brauchst du dich nicht schämen! Wir beide – du, Mensch,  und ich, Jesus,  wir sind füreinander so  wie zwei,  die sich lieben! So vertraut!‘   Dass Jesus nackt am Kreuz hängt, darin zeigt sich ein ganz großes „Ja!“ zu uns Menschen! Auch dadurch sagt Gott: „Ihr müsst euch nicht schämen vor mir und müsst euch nicht mehr verstecken. Habt keine Angst vor mir. Habt keine Angst, wenn ihr verletzlich und verwundbar seid.  Ihr braucht vor mir nichts zu verbergen!  Nicht den Makel, den ihr vielleicht an euerm Körper habt – und auch nicht den Makel, den ihr vielleicht an eurer Seele habt, die ganzen äußeren und inneren Verletzungen, die das Leben euch zugefügt hat. Ihr braucht nichts mehr vor mir zu verbergen - denn seht mich an, ich bin auch nackt.“  Dass Jesus nackt am Kreuz hängt, damit sagt er eine ganz große Wahrheit von Gott. Von Seinem Verhältnis zu uns – und der Apostel Paulus meint genau das, wenn er schreibt: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, auch nicht Angst noch Blöße“. (Röm 8,35)

 
In der Paradiesgeschichte ganz am Anfang der Bibel heißt es, dass Adam und Eva nackt waren und sich nicht schämen mussten (Gen 2, 25). Dass sie nackt waren, das war das äußere Zeichen dafür, dass sie ganz nahe bei Gott waren. Erst, als sie das Vertrauen zu ihm verloren hatten, konnten sie die Nacktheit nicht mehr aushalten. Sie machten sich aus Feigenblättern Schurze und versteckten sich. Gott hat sich dann über sie erbarmt und ihnen aus Tierfellen Kleider gemacht – damit sie nicht ungeschützt leben müssen.   So lesen wir ganz am Anfang der Bibel.  Und ganz am Ende, in der Offenbarung, da steht, dass das Kreuz Jesu der neue  Paradiesbaum ist. Da, wo Menschen sich an ihn, an Jesus, halten, da kommen sie wieder ganz nahe mit Gott zusammen. Auch wenn sie in ihrem Leben bloßgestellt worden sein mögen. Und dann bekommen sie ein neues Kleid – die „Kleider des Heils“, nennt Paulus das. Und Jesus erzählt, wie der Vater seinem verlorengegangenen Sohn das Festkleid anzieht, als er wieder zu Hause ist.

 
Ja – wir mögen bloßgestellt sein und neugierigen Blicken ausgesetzt. Wir mögen bloß, nackt dastehen auch vor Gott. Entblößt durch das, was uns von Ihm trennt. Und doch: vor Jesus brauchen wir uns nicht schämen! ER gibt uns ein neues Kleid, mit dem wir vor Gott treten können.  Vor Jesus muss sich kein Mensch schämen, wenn er bloßgestellt wird. Wenn andere über ihn herziehen. Seine Würde nehmen. Vielleicht weil er nicht mithalten kann mit den anderen. 350 Euro für die Klassenfahrt und dann noch das Taschengeld –  wo soll ich das hernehmen?  Oder: Die Ehe der Kinder ist zerbrochen,  die Tochter, der Sohn sind vom Padd ab!  Oder: Mein sonst so sportlicher Körper ist ausgemergelt von den Strapazen von Chemo und Bestrahlung.  Nur wenige Beispiele für Menschen, die ‚nackt‘ sind – bloßgestellt, den neugierigen Blicken und Worten anderer preisgegeben. Und dass Jesus nackt am Kreuz hängt, das soll uns sagen: kein Mensch soll sich seiner Nacktheit schämen müssen vor dem nackten Gott. Gerade dadurch, dass Jesus dort elend und nackt und bloß am Kreuz hängt,
gerade dadurch kommt er denen zur Hilfe, die bloßgestellt sind.

 
Ich trage Jacke und Hose, Hemd und Socken. Wie gut, dass ich sie habe!  Denn in der Welt
brauchen wir noch Schutz.  In der Welt  müssen wir uns manchmal noch verkleiden und
mit unseren Klamotten schützen, nicht aber vor dem nackten Gott.  Und ich wünschte sehr, dass jener alte Mann, der da ‚elend, nackt und bloß auf dem Flur des Krankenhauses lag, dass dieser alte, entblößte Mann in seinem Herzen hat sprechen können: Nichts kann mich scheiden von der Liebe Gottes, auch nicht Angst und Blöße. Und ich wünsche es uns allen, wenn wir nackt und hilflos sind, dass wir dann in unserem Herzen sprechen können: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, auch nicht Angst und Blöße.  

 
Karfreitag – noch ist das Licht nicht zu sehen. Im Gegenteil: die Sonne verfinstert sich. Und dann kommt der schwärzeste Tag der Weltgeschichte – Jesus ist tot!   Aber er überwindet!
Schon bald wird es heißen: ‚Licht ist das Kleid, das du anhast!‘   Es mag sein, dass wir bloßgestellt werden im Leben. Es mag sein, dass wir uns vor den Blicken anderer nicht schützen können.  Es mag sein, dass wir auch eines Tages nackt auf einem Flur abgestellt werden. Aber wenn wir uns an Jesus halten, dann wird es auch von uns heißen: „Licht ist das Kleid, das wir anhaben werden!“ Sein Licht!

 
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